Europa braucht jetzt uns

»Richtig, die Ausländerfeinde haben an Zulauf und vor allem an Aufmerksamkeit gewonnen. Aber noch viel mehr sind diejenigen geworden, die nicht mehr ertragen, dass Tag für Tag Flüchtlinge ertrinken, verdursten oder verbluten, interniert, geschlagen oder beleidigt werden, nur weil sie von ihrem Menschenrecht auf ein würdiges Leben Gebrauch gemacht haben. Ja, inzwischen glaube ich, dass die Politiker nicht mehr recht haben und eine Mehrheit der Bevölkerung durchaus bereit wäre, auf etwas Wohlstand zu verzichten – sagen wir: auf einen Solidaritätsbeitrag, den wir für die deutsche Einheit gern geleistet haben! –, um die Flüchtlinge und mit ihnen die europäische Idee zu retten. Aber wir müssten dann auch auf die Straße kommen, wenn Pegida wieder marschiert, und den Zehntausenden eine Million entgegenstellen. Die Flüchtlinge brauchen Europa, und Europa braucht jetzt uns.«

Navid Kermani, Flüchtlingspolitik: Warum Europa uns jetzt braucht – FAZ.net

Homosexualität und Christsein (12)

Viel zu lange veröffentlichte ich keinen neuen Eintrag in dieser Reihe. Und dennoch ist die Frage von Vereinbarkeit von Homosexualität und Christsein immer noch eine sehr wichtige.

Heute breche ich mein Schweigen im Blog mit einem Hinweis darauf, dass ich das Ende von Reparativtherapie als dringend notwendig erachte. Reparativtherapie? Genau, damit werden die umstrittenen Methoden bezeichnet, die Homosexuellen dabei helfen sollen „ihre sexuelle Orientierung zu ändern“.

Anlässlich einer geplanten Konferenz in London wurde Vicky Beeching kürzlich im BBC-Radio zu Reparativtherapie interviewt. Und wie so oft begeistert mich, mit welcher Klarheit Vicky Beeching über die Ursachen des „Wunsches“ von Homosexualität „geheilt“ zu werden spricht.

Sie sieht eine Hauptursache in einem falschen Verständnis einzelner biblischer Aussagen, und einer Kultur in christlichen Kreisen, die Homosexualität als defizitär bezeichnet.

In einem Artikel auf independent.co.uk, der am selben Tag erschien, bezieht sie ebenfalls deutlich Stellung:

»My strongest, overarching concern is why anyone seeks therapy to change their orientation in the first place. Within a church context, the primary reason people feel they need such a ‘cure’ is rooted in incorrect Bible teaching that make them feel they cannot be both gay and Christian. If such ideas were not taught in the first place, the desire for conversion therapy would no doubt disappear along with it.

I long to see the day when the church teaches a positive, inclusive message – that you do not have to choose between your faith and your sexuality. I am currently working with the United Nations to help spread that message to people of faith around the globe. Christianity is gradually moving in an LGBT-inclusive direction and that is heartening to watch. In twenty years time I hope that both ‘gay cure therapy’ and the damaging teachings that render it necessary in the first place, will both have faded away.«

Vicky Beeching, I tried to ‘pray the gay away’, and ended up in a hospital bed, independent.co.uk

Wie wichtig es mir ist, diese beiden Aspekte zu verändern, wird den Leser_innen dieses Blogs nicht entgangen sein. Und wer jetzt mit Meinungs- und Willensfreiheit argumentieren möchte, der/m möchte ich nahelegen, zunächst die Willens- und Meinungsfreiheit unserer queeren Mitmenschen zu achten, und ihnen ein Leben in einer Kultur der liebevollen Annahme zu ermöglichen.

Und dann, so hoffe ich, werden wir nicht erst in zwanzig Jahren eine inklusive und sex-positive Christenheit erleben, sondern schon viel früher, die positiven befreienden Aspekte Christi in einer pluralen Gesellschaft leben, gemeinsam mit unseren queeren Mitmenschen.

Alle Artikel in dieser Serie:

  1. Homosexualität und Christsein (1)
  2. Homosexualität und Christsein (2)
  3. Homosexualität und Christsein (3)
  4. Homosexualität und Christsein (4)
  5. Homosexualität und Christsein (5)
  6. Homosexualität und Christsein (6)
  7. Homosexualität und Christsein (7)
  8. Homosexualität und Christsein (8)
  9. Homosexualität und Christsein (9)
  10. Homosexualität und Christsein (10)
  11. Homosexualität und Christsein (11)
  12. Homosexualität und Christsein (12)

Hasenscharte

Hasenscharte von Louis Bélanger – arte.tv

Den Kurzfilm Hasenscharte von Louis Bélanger sah ich mir gestern Abend auf Arte+7 an.

Die Handlung des Films ist schnell erzählt, Alice und Philippe lernen sich kennen, als sie beide auf einer Party sind. Sie stellen schnell fest, dass zwischen ihnen die Chemie stimmt, und so machen sie sich gemeinsam auf den Heimweg. Unterwegs lernen sie sich ein wenig kennen.

Die Gedanken und Gefühle zu denen der Film einlädt, sind nicht so schnell erzählt. Und das sollte ich auch besser nicht tun, schließlich wünsche ich Dir auch mit Alice und Philippe fühlen zu können. Den Ausgang des Films hätte ich mir anders gewünscht, auch wenn er in gewisser Weise offen bleibt …

Arte zeigte den Film im Rahmen von Kurzschluss, einem Magazin für die neusten Kurzfilme aus aller Welt. Ein sehr gutes Format, wie ich finde.

Die Erde ist unsere Mutter

Jürgen Moltmann wurde in einem Interview von Holger Gohla gefragt, was seiner Ansicht nach heute für die Theologie zu tun ist, um die Welt mitzugestalten. Er antwortet darauf mit dem Verweis auf eine ökologische Reform der Theologie:

Ein ganzer Lebensstil der westlichen Welt muss verwandelt werden, zu einem ökologisch verträglichen Lebensstil. Wenn die Erde überleben soll, und wir auf der Erde überleben sollen. Und das heißt ein Wertewandel schließt das ein, und nicht nur Energie zu bezahlbaren Preisen.

Da ist es dringend, dass eine ökologische Reform der Theologie einsetzt, denn die Theologie war verantwortlich für das Menschenbild und die Naturbeherrschung seit dem Beginn der Moderne – »Ihr seid Gottes Ebenbilder, macht euch die Erde Untertan« – das sind die meistzitierten Bibelzitate der modernen Welt gewesen.

Wenn wir aber Teil der Erde sind, und die Erde unsere Mutter ist, dann können wir die Erde nicht zu Untertan machen, und zerstören oder verkaufen.

Damit wird Theolgie wieder öffentlich.

Das Interview, das sich lohnt in Gänze angehört zu werden, findest Du hier auf der Seite des SWR.

Und wenn es alle so machen?

Welche Auswirkungen hätte es, wenn alle Menschen so leben würden, wie ich es tue? Wenn ich herausfinden möchte, ob ein Lebensstil sinnvoll ist, hilft mir diese Frage dabei eine Entscheidung zu treffen.

Das Leben ist heute nicht mehr vorgezeichnet. Die Entscheidung welche Wege wir gehen, und wie wir uns fortbewegen, ist nicht länger eine Vorgabe, sondern eine Aufgabe. Es ist Aufgabe einer/s jeden zu entscheiden wie sich das Leben entwickelt. Diese Aufgabe vereint Chance und Herausforderung. Chance, da nicht einfach blind gewissen Vorgaben gefolgt werden muss, sondern die Möglichkeit besteht andere, eigene Wege zu gehen. Zugleich aber auch Herausforderung, da immer auch entschieden werden muss welchen Fakten ich vertraue, welchen Vorbildern ich folge.

Die Aufgabe ein eigenes Leben zu entwickeln, stärkt das Gefühl alleine für das eigene Leben verantwortlich zu sein. Das ist eine wichtige Erkenntnis, dennoch schiebt sie sich nicht selten vor die Wahrnehmung der Auswirkungen der Entscheidungen auf das Leben anderer. Die Dimension der Weltgemeinschaft, Menschen, Tiere und Erde, gerät aus dem Blick. Wir leben jedoch nicht für uns alleine. Jede Handlung hat Auswirkungen, sowohl auf das direkte Umfeld als auch weit darüber hinaus.

Die Entscheidungen, die getroffen werden müssen – welche Gesellschaft wünsche ich mir, welche Weltanschauung erscheint mir sinnvoll, wie verhalte ich mich anderen/fremden gegenüber, was bedeutet mir Freundschaft, wie lebe ich meine Beziehungen, wie gehe ich mit meinen Eltern und Kindern um, wie halte ich es mit dem Impfen, wie ernähre ich mich, welches Konsumverhalten erscheint mir richtig – kann ich demnach nicht nur mit mir selbst im Blick entscheiden, sondern immer auch mit der Frage verbunden, wie es wäre, wenn alle das so machen würden wie ich?

Charts Februar 2015

Die Musik der folgenden Musiker_innen begleitete mich im Februar:

  1. David Bazan (138)
  2. The Notwist (101)
  3. Takuya Kuroda (50)
  4. Ambrose Akinmusire (48)
  5. Young Fathers (47)
  6. Beastie Boys (46)
  7. Kate Tempest (45)
  8. Neonschwarz (32)
  9. Lambert und Antilopen Gang (je 21)
  10. Bad Religion (16)

Das Schaffen von David Bazan verfolge ich schon eine ganze Weile. Whole, die erste EP seiner Band Pedro The Lion ist das erste Werk von ihm, an das ich mich aktiv erinnere. Alle weiteren Alben hörte ich in unregelmäßigen Abständen, bis ich bei einer Reise durch die Staaten 2006 erfuhr, dass sich Pedro The Lion aufgelöst hatten. ›Fewer Moving Parts‹, die erste EP, die David Bazan unter seinem eigenen Namen veröffentlichte, brachte ich als Erinnerung mit nach Hause.

Letztes Jahr erschien sein erstes Album, das er als monatliches Abo veröffentlichte. Und ich staunte nicht schlecht, als ich Anfang des Jahres feststellte, dass er schon wieder an einem neuen Album arbeitet. Da Bazan bewusst auf Spotify verzichtet, finde ich es super zu sehen, welche Wege er stattdessen geht.

Im eben erwähnten Abo-Modell veröffentlicht er monatlich zwei neue Lieder, die man sich entweder digital oder auf Vinyl bestellen kann. Ich entschied mich für die digitale Variante, und freue mich darüber, dass er die Lieder auch immer direkt über SoundCloud veröffentlicht. Du findest die beiden Alben komplett hier:

Mich faszinieren bei David Bazan, neben seiner Musik, die Geschichten, die erzählt. An anstrengenden Tagen sind seine Lieder die Sonnenstrahlen, die durch die grauen Wolken ihren Weg zu meiner Seele finden.

Selektion

Harald Welzer sieht die Externalisierung von Gedächtnisinhalten als zur kulturellen Evolution gehörig, und betont die Bedeutung der Selektion von Information.

»Wie jeder externe Gedächtnisspeicher funktioniert auch das Internet nur so gut oder schlecht, wie die Selektionsmechanismen des Abrufs arbeiten: Einem muss klar sein, was er warum wissen will, ansonsten interferieren die Informationen und Daten lediglich und bilden beliebige Muster«

Harald Welzer, Selbst Denken, 241.

Zustimmung ist der Schlüssel

Vor knapp vier Jahren rätselte Emma Holten wie ihr Passwort noch gleich war. Als es ihr schließlich einfiel, warteten hunderte von Nachrichten auf sie. Nachrichten die Bilder von ihr enthielten.

Irgendjemand hatte ihr E-Mail- und Facebook-Konto gehackt und Bilder, die sie im Schlafzimmer ihres Ex-Freundes aufgenommen hatte, geklaut. Bilder, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Nun war sie für alle Welt nackt zu sehen, und viel zu viele Männer nahmen diese Bilder zum Anlass sie zu beschimpfen, zu beleidigen und zu bedrohen.

Am 21. Januar sah ich ihr großartiges Video »Someone stole naked pictures of me. This is what I did about it« in der Rubrik ›Comment is free‹ des Guardian und war bewegt vom Mut und der Klarheit von Emma Holten:

Emma Holten / Guardian, Comment is free
Emma Holten, The Guardian – Comment is Free. (YouTube)

Auf der Suche nach den Fotos stellte sie schnell fest, dass es bei der Veröffentlichung von Nacktfotos gegen den Willen der fotografierten Person nicht so sehr um die Person selbst, sondern vielmehr um die Objektivizierung von Frauen geht. Zu wissen, dass die Fotos gegen den Willen der Frauen veröffentlicht werden, gehört zur Faszination. Das machte Emma Holten wütend. Und sie entschied, nicht zu schweigen, sondern etwas zu tun.

Sie traf sich mit der Fotografin Cecilie Bødker, und die beiden nahmen eine Serie von Bildern auf, in denen Emma Holten das Subjekt ist. Mit dieser Serie wollen die beiden ein Zeichen setzen. Ein Zeichen für die Wichtigkeit von Zustimmung:

»Es war mir wichtig, mich nicht von meinem Körper zu distanzieren, mich nicht dafür zu beschuldigen diese Demütigung verursacht zu haben, und mich nicht davon gefangen nehmen zu lassen meine Sexualität zu verleugnen. Ich verstehe warum Menschen denken, dass diese Aktion gegen die Intuition ist, aber ich sehe es anders. Zustimmung ist der Schlüssel. Ich habe das gemacht. Genauso wie Vergewaltigung nichts mit Sex zu tun hat, sind Bilder die mit oder ohne Zustimmung der Person veröffentlicht werden komplett verschieden.«

Ich wünsche Emma Holten, dass ihr diese Bilder gut tun. Und danke ihr, für ihren Mut und ihre Klarheit. Zustimmung ist der Schlüssel.

Für diejenigen, die gerne weiterlesen wollen, empfehle ich den Artikel, den Emma Holten für das Magazin ›Hysteria‹ geschrieben hat, der sich gemeinsam mit der Bilderserie auf der Webseite von Cecilie Bødker findet.

Charts Januar 2015

Seit dem 3. Dezember 2012 veröffentlichte ich regelmäßig meine Wochencharts in diesem Blog. Zwei Jahre später bemerkte ich wie die Lust an den wöchentlichen Blicken auf meine Hörgewohnheiten ihren Tiefpunkt unterschritten hatten. Ich hatte schlicht keine Lust mehr. Ob ich jedoch ganz damit aufhören wollte einen Blick auf meine Hörgewohnheiten zu werfen, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht entschieden. Nun, mit ein paar Wochen Abstand, gefällt mir die Idee, noch einmal im Monat last.fm zu öffnen und zu sehen, was sich in der Zwischenzeit dort angesammelt hat.

Der Blick auf die Musik des Januar ist wenig überraschend:

  1. The Notwist (161)
  2. Björk (59)
  3. Rue Royale (49)
  4. Neonschwarz (44)
  5. mewithoutYou (36)
  6. Antilopen Gang und GoGo Penguin (je 34)
  7. Kiasmos (25)
  8. Lambert und alt-J (je 21)
  9. Mos Def (20)
  10. Nils Frahm, I Am Oak und Alien Ensemble (je 18)

Die sympathischen Herren von The Notwist komponieren fleißig Musik für Theaterstücke, Radiobeiträge und Filme. Das Album ›Messier Objects‹, voll solcher Stücke, erschien nun im Januar auch digital, und da ich keinen Schallplattenspieler besitze, musste ich warten. Aber das Warten hat sich gelohnt!

Auf das neue Album von Björk musste ich nicht warten. Als ich erfuhr, dass es wegen eines Leaks schon zwei Monate früher veröffentlicht wurde, war es bereits im iTunes Store und die Zeitungen waren voll des Lobes. Vulnicura, ist zwar noch nicht auf Spotify, aber ich bereue nicht, das Album direkt gekauft zu haben.

Während diese beiden Alben mich wunderbar dabei unterstützen konzentrierten Arbeiten nachzugehen, flammt in letzter Zeit meine Liebe zu HipHop wieder auf. Danke an Gerd für den Neonschwarz-Tipp. 2014 ist ein eindrückliches Stück der Hamburger_innen, das einiges davon zur Sprache bringt was mich zur Zeit umtreibt:

Neonschwarz, 2014Neonschwarz, 2014 (YouTube)

Neben diesem und anderen politischen Stücken, findet sich auf dem Album ›Fliegende Fische‹ auch einiges das gute Laune verbreitet.

Als Abschluss der ersten Ausgabe meiner Monatscharts empfehle ich Euch meinen Titelcharts für Januar 2015 auf Spotify ein Ohr zu leihen … viel Spaß damit.

We Should All Be Feminists

Feminismus geht alle an. Frauen und Männer. Geschlechterrollen sind problematisch, und es sollten sich alle daran beteiligen dies zu ändern. Dafür plädiert Chimamanda Ngozi Adichie in ›We Should All Be Feminists‹.

Gender as it functions today is a grave injustice. I am angry. We should all be angry. Anger has a long history of bringing about positive change. But I am also hopeful, because I believe deeply in the ability of human beings to remake themselves for the better. (20f)

Gender matters everywhere in the world. And I would like today to ask that we should begin to dream about and plan for a different world. A fairer world. A world of happier men and happier women who are truer to themselves. And this is how to start: we must raise our daughters differently. We must also raise our sons differently. (24f)

The problem with gender is that it prescribes how we should be rather than recognizing how we are. Imagine how much happier we would be, how much freer to be our true individual selves, if we didn’t have the weight of gender expectations.
Boys and girls are undeniably different biologically, but socialization exaggerates the differences, and then starts a self- fulfilling process. (34)

What if, in raising children, we focus on ability instead of gender? What if we focus on interest instead of gender? (36)

And when, all those years ago, I looked the word up in the dictionary, it said: Feminist: a person who believes in the social, political and economic equality of the sexes. […]
My own definition of a feminist is a man or a woman who says, ‘Yes, there’s a problem with gender as it is today and we must fix it, we must do better.’ (47)

Das kurze Buch, aus dem die Zitate stammen, ist das überarbeitete Manuskript des Vortrags, den Chimamanda Ngozi Adichie bei TEDxEuston hielt. Wer also eher sehen und hören möchte, kann dies hier tun:

We should all be feminists | Chimamanda Ngozi Adichie | TEDxEustonChimamanda Ngozi Adichie, We should all be feminists – TEDxEuston (YouTube)