Die Erde ist unsere Mutter

Jürgen Moltmann wurde in einem Interview von Holger Gohla gefragt, was seiner Ansicht nach heute für die Theologie zu tun ist, um die Welt mitzugestalten. Er antwortet darauf mit dem Verweis auf eine ökologische Reform der Theologie:

Ein ganzer Lebensstil der westlichen Welt muss verwandelt werden, zu einem ökologisch verträglichen Lebensstil. Wenn die Erde überleben soll, und wir auf der Erde überleben sollen. Und das heißt ein Wertewandel schließt das ein, und nicht nur Energie zu bezahlbaren Preisen.

Da ist es dringend, dass eine ökologische Reform der Theologie einsetzt, denn die Theologie war verantwortlich für das Menschenbild und die Naturbeherrschung seit dem Beginn der Moderne – »Ihr seid Gottes Ebenbilder, macht euch die Erde Untertan« – das sind die meistzitierten Bibelzitate der modernen Welt gewesen.

Wenn wir aber Teil der Erde sind, und die Erde unsere Mutter ist, dann können wir die Erde nicht zu Untertan machen, und zerstören oder verkaufen.

Damit wird Theolgie wieder öffentlich.

Das Interview, das sich lohnt in Gänze angehört zu werden, findest Du hier auf der Seite des SWR.

Und wenn es alle so machen?

Welche Auswirkungen hätte es, wenn alle Menschen so leben würden, wie ich es tue? Wenn ich herausfinden möchte, ob ein Lebensstil sinnvoll ist, hilft mir diese Frage dabei eine Entscheidung zu treffen.

Das Leben ist heute nicht mehr vorgezeichnet. Die Entscheidung welche Wege wir gehen, und wie wir uns fortbewegen, ist nicht länger eine Vorgabe, sondern eine Aufgabe. Es ist Aufgabe einer/s jeden zu entscheiden wie sich das Leben entwickelt. Diese Aufgabe vereint Chance und Herausforderung. Chance, da nicht einfach blind gewissen Vorgaben gefolgt werden muss, sondern die Möglichkeit besteht andere, eigene Wege zu gehen. Zugleich aber auch Herausforderung, da immer auch entschieden werden muss welchen Fakten ich vertraue, welchen Vorbildern ich folge.

Die Aufgabe ein eigenes Leben zu entwickeln, stärkt das Gefühl alleine für das eigene Leben verantwortlich zu sein. Das ist eine wichtige Erkenntnis, dennoch schiebt sie sich nicht selten vor die Wahrnehmung der Auswirkungen der Entscheidungen auf das Leben anderer. Die Dimension der Weltgemeinschaft, Menschen, Tiere und Erde, gerät aus dem Blick. Wir leben jedoch nicht für uns alleine. Jede Handlung hat Auswirkungen, sowohl auf das direkte Umfeld als auch weit darüber hinaus.

Die Entscheidungen, die getroffen werden müssen – welche Gesellschaft wünsche ich mir, welche Weltanschauung erscheint mir sinnvoll, wie verhalte ich mich anderen/fremden gegenüber, was bedeutet mir Freundschaft, wie lebe ich meine Beziehungen, wie gehe ich mit meinen Eltern und Kindern um, wie halte ich es mit dem Impfen, wie ernähre ich mich, welches Konsumverhalten erscheint mir richtig – kann ich demnach nicht nur mit mir selbst im Blick entscheiden, sondern immer auch mit der Frage verbunden, wie es wäre, wenn alle das so machen würden wie ich?

Charts Februar 2015

Die Musik der folgenden Musiker_innen begleitete mich im Februar:

  1. David Bazan (138)
  2. The Notwist (101)
  3. Takuya Kuroda (50)
  4. Ambrose Akinmusire (48)
  5. Young Fathers (47)
  6. Beastie Boys (46)
  7. Kate Tempest (45)
  8. Neonschwarz (32)
  9. Lambert und Antilopen Gang (je 21)
  10. Bad Religion (16)

Das Schaffen von David Bazan verfolge ich schon eine ganze Weile. Whole, die erste EP seiner Band Pedro The Lion ist das erste Werk von ihm, an das ich mich aktiv erinnere. Alle weiteren Alben hörte ich in unregelmäßigen Abständen, bis ich bei einer Reise durch die Staaten 2006 erfuhr, dass sich Pedro The Lion aufgelöst hatten. ›Fewer Moving Parts‹, die erste EP, die David Bazan unter seinem eigenen Namen veröffentlichte, brachte ich als Erinnerung mit nach Hause.

Letztes Jahr erschien sein erstes Album, das er als monatliches Abo veröffentlichte. Und ich staunte nicht schlecht, als ich Anfang des Jahres feststellte, dass er schon wieder an einem neuen Album arbeitet. Da Bazan bewusst auf Spotify verzichtet, finde ich es super zu sehen, welche Wege er stattdessen geht.

Im eben erwähnten Abo-Modell veröffentlicht er monatlich zwei neue Lieder, die man sich entweder digital oder auf Vinyl bestellen kann. Ich entschied mich für die digitale Variante, und freue mich darüber, dass er die Lieder auch immer direkt über SoundCloud veröffentlicht. Du findest die beiden Alben komplett hier:

Mich faszinieren bei David Bazan, neben seiner Musik, die Geschichten, die erzählt. An anstrengenden Tagen sind seine Lieder die Sonnenstrahlen, die durch die grauen Wolken ihren Weg zu meiner Seele finden.

Selektion

Harald Welzer sieht die Externalisierung von Gedächtnisinhalten als zur kulturellen Evolution gehörig, und betont die Bedeutung der Selektion von Information.

»Wie jeder externe Gedächtnisspeicher funktioniert auch das Internet nur so gut oder schlecht, wie die Selektionsmechanismen des Abrufs arbeiten: Einem muss klar sein, was er warum wissen will, ansonsten interferieren die Informationen und Daten lediglich und bilden beliebige Muster«

Harald Welzer, Selbst Denken, 241.

Zustimmung ist der Schlüssel

Vor knapp vier Jahren rätselte Emma Holten wie ihr Passwort noch gleich war. Als es ihr schließlich einfiel, warteten hunderte von Nachrichten auf sie. Nachrichten die Bilder von ihr enthielten.

Irgendjemand hatte ihr E-Mail- und Facebook-Konto gehackt und Bilder, die sie im Schlafzimmer ihres Ex-Freundes aufgenommen hatte, geklaut. Bilder, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Nun war sie für alle Welt nackt zu sehen, und viel zu viele Männer nahmen diese Bilder zum Anlass sie zu beschimpfen, zu beleidigen und zu bedrohen.

Am 21. Januar sah ich ihr großartiges Video »Someone stole naked pictures of me. This is what I did about it« in der Rubrik ›Comment is free‹ des Guardian und war bewegt vom Mut und der Klarheit von Emma Holten:

Emma Holten / Guardian, Comment is free
Emma Holten, The Guardian – Comment is Free. (YouTube)

Auf der Suche nach den Fotos stellte sie schnell fest, dass es bei der Veröffentlichung von Nacktfotos gegen den Willen der fotografierten Person nicht so sehr um die Person selbst, sondern vielmehr um die Objektivizierung von Frauen geht. Zu wissen, dass die Fotos gegen den Willen der Frauen veröffentlicht werden, gehört zur Faszination. Das machte Emma Holten wütend. Und sie entschied, nicht zu schweigen, sondern etwas zu tun.

Sie traf sich mit der Fotografin Cecilie Bødker, und die beiden nahmen eine Serie von Bildern auf, in denen Emma Holten das Subjekt ist. Mit dieser Serie wollen die beiden ein Zeichen setzen. Ein Zeichen für die Wichtigkeit von Zustimmung:

»Es war mir wichtig, mich nicht von meinem Körper zu distanzieren, mich nicht dafür zu beschuldigen diese Demütigung verursacht zu haben, und mich nicht davon gefangen nehmen zu lassen meine Sexualität zu verleugnen. Ich verstehe warum Menschen denken, dass diese Aktion gegen die Intuition ist, aber ich sehe es anders. Zustimmung ist der Schlüssel. Ich habe das gemacht. Genauso wie Vergewaltigung nichts mit Sex zu tun hat, sind Bilder die mit oder ohne Zustimmung der Person veröffentlicht werden komplett verschieden.«

Ich wünsche Emma Holten, dass ihr diese Bilder gut tun. Und danke ihr, für ihren Mut und ihre Klarheit. Zustimmung ist der Schlüssel.

Für diejenigen, die gerne weiterlesen wollen, empfehle ich den Artikel, den Emma Holten für das Magazin ›Hysteria‹ geschrieben hat, der sich gemeinsam mit der Bilderserie auf der Webseite von Cecilie Bødker findet.

Charts Januar 2015

Seit dem 3. Dezember 2012 veröffentlichte ich regelmäßig meine Wochencharts in diesem Blog. Zwei Jahre später bemerkte ich wie die Lust an den wöchentlichen Blicken auf meine Hörgewohnheiten ihren Tiefpunkt unterschritten hatten. Ich hatte schlicht keine Lust mehr. Ob ich jedoch ganz damit aufhören wollte einen Blick auf meine Hörgewohnheiten zu werfen, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht entschieden. Nun, mit ein paar Wochen Abstand, gefällt mir die Idee, noch einmal im Monat last.fm zu öffnen und zu sehen, was sich in der Zwischenzeit dort angesammelt hat.

Der Blick auf die Musik des Januar ist wenig überraschend:

  1. The Notwist (161)
  2. Björk (59)
  3. Rue Royale (49)
  4. Neonschwarz (44)
  5. mewithoutYou (36)
  6. Antilopen Gang und GoGo Penguin (je 34)
  7. Kiasmos (25)
  8. Lambert und alt-J (je 21)
  9. Mos Def (20)
  10. Nils Frahm, I Am Oak und Alien Ensemble (je 18)

Die sympathischen Herren von The Notwist komponieren fleißig Musik für Theaterstücke, Radiobeiträge und Filme. Das Album ›Messier Objects‹, voll solcher Stücke, erschien nun im Januar auch digital, und da ich keinen Schallplattenspieler besitze, musste ich warten. Aber das Warten hat sich gelohnt!

Auf das neue Album von Björk musste ich nicht warten. Als ich erfuhr, dass es wegen eines Leaks schon zwei Monate früher veröffentlicht wurde, war es bereits im iTunes Store und die Zeitungen waren voll des Lobes. Vulnicura, ist zwar noch nicht auf Spotify, aber ich bereue nicht, das Album direkt gekauft zu haben.

Während diese beiden Alben mich wunderbar dabei unterstützen konzentrierten Arbeiten nachzugehen, flammt in letzter Zeit meine Liebe zu HipHop wieder auf. Danke an Gerd für den Neonschwarz-Tipp. 2014 ist ein eindrückliches Stück der Hamburger_innen, das einiges davon zur Sprache bringt was mich zur Zeit umtreibt:

Neonschwarz, 2014Neonschwarz, 2014 (YouTube)

Neben diesem und anderen politischen Stücken, findet sich auf dem Album ›Fliegende Fische‹ auch einiges das gute Laune verbreitet.

Als Abschluss der ersten Ausgabe meiner Monatscharts empfehle ich Euch meinen Titelcharts für Januar 2015 auf Spotify ein Ohr zu leihen … viel Spaß damit.

We Should All Be Feminists

Feminismus geht alle an. Frauen und Männer. Geschlechterrollen sind problematisch, und es sollten sich alle daran beteiligen dies zu ändern. Dafür plädiert Chimamanda Ngozi Adichie in ›We Should All Be Feminists‹.

Gender as it functions today is a grave injustice. I am angry. We should all be angry. Anger has a long history of bringing about positive change. But I am also hopeful, because I believe deeply in the ability of human beings to remake themselves for the better. (20f)

Gender matters everywhere in the world. And I would like today to ask that we should begin to dream about and plan for a different world. A fairer world. A world of happier men and happier women who are truer to themselves. And this is how to start: we must raise our daughters differently. We must also raise our sons differently. (24f)

The problem with gender is that it prescribes how we should be rather than recognizing how we are. Imagine how much happier we would be, how much freer to be our true individual selves, if we didn’t have the weight of gender expectations.
Boys and girls are undeniably different biologically, but socialization exaggerates the differences, and then starts a self- fulfilling process. (34)

What if, in raising children, we focus on ability instead of gender? What if we focus on interest instead of gender? (36)

And when, all those years ago, I looked the word up in the dictionary, it said: Feminist: a person who believes in the social, political and economic equality of the sexes. […]
My own definition of a feminist is a man or a woman who says, ‘Yes, there’s a problem with gender as it is today and we must fix it, we must do better.’ (47)

Das kurze Buch, aus dem die Zitate stammen, ist das überarbeitete Manuskript des Vortrags, den Chimamanda Ngozi Adichie bei TEDxEuston hielt. Wer also eher sehen und hören möchte, kann dies hier tun:

We should all be feminists | Chimamanda Ngozi Adichie | TEDxEustonChimamanda Ngozi Adichie, We should all be feminists – TEDxEuston (YouTube)

Vielfalt willkommen heißen

Wir wollen ein vielfältiges, weltoffenes und solidarisches Karlsruhe, das Menschen unterschiedlicher Herkunft ein Zuhause bietet. Das friedliche Zusammenleben wird bedroht von Gruppierungen, die rassistische Hetze betreiben, auf unbegründete Ängste bauen und sie schüren.

Wir wenden uns gegen diejenigen, die sich für “das Volk” halten und Menschen unter anderem aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Glaubens das Lebensrecht in Karlsruhe und diesem Land absprechen. Zeigen wir gemeinsam Flagge gegen jede Art der Gewalt, des Rassismus und der Verletzung der Menschenwürde. Lassen Sie uns ein deutliches Zeichen setzen!

Am Montag 26. Januar findet um 17 Uhr unter diesem Motto eine Kundgebung auf dem Stephanplatz, hinter der Postgalerie in Karlsruhe, statt.

Weitere Infos und die Möglichkeit den oben zitierten Aufruf zu unterzeichnen findest Du auf nokargida.de.

Never look down on anybody

Stop! There beside you is another person. Meet him. Look at the Other’s face as he offers it to you. Through this face he shows you yourself.

Kester Brewin published a great article in the aftermath of the brutal attacks in Paris. In ›Satire Should Never Look Down: Thoughts on Engaging ‘The Other’ Post Charlie Hebdo‹ he is exploring what Emmanuel Levinas is saying about engaging the other and contrasts this with some spotlights from Slavoj Žižek.

What this means in practice is that engagement with those who are ‘other’ is a complex iterative process. Beginning with Levinas, we must take time to look into their eyes… but if we look deep enough, what we will see is not them, but what we look like to them… all in the hope that they are similarly engaged in this process of self-reflection too.

As we do this, we must learn to accept some ground rules. Firstly, this engagement is not about changing them. We do not come as colonists or patrons, not Pygmalion aristocrats trying to socialise others into our norms. Our first thought must be this: how do I look to this person? Do I look empathetic, loving or welcoming? Or do I look privileged, powerful and judgemental?

Secondly though, we do not come to this meeting of eyes with any illusion that either side is complete or coherent. Not only will others not understand me perfectly, they won’t even understand themselves perfectly—and this is equally true for me. I won’t be able to understand them perfectly, because neither do I completely understand myself.

This is perhaps why we cannot truly say ‘Je suis Charlie’: we neither know him, or ourselves, well enough.

Please do read the whole article here.

You will learn about four lessons Brewin takes away from mulling over engaging the other after this brutal attack, and find out what he is thinking about the role satire plays in these contexts.

The question he closes his article with, is a strong one, that sums up the challenge of engaging the other, and being able to live in harmony with others. Miroslav Volf poses it in Exclusion and Embrace:

What kind of selves do we need to be in order to live in harmony with others?

Refuse to Sign Up for the Clash of Civilizations

»We must refuse to sign up for the clash of civilizations that both the Islamist terrorists and the Western far right have in mind, and cling to our principles: liberty, equality, brother-and-sisterhood, dignity, and universal human rights.«

@ElhamManea shared a thought provoking article by Karima Bennoune, written one week after the horrible attacks in Paris. In this article she states the urge to refuse to sign up for the clash of civilizations and stand together to fight for civilization. She shares six ideas how that could be made possible.

»To honor those who have stood up to fundamentalism, and those who have fallen to it – from Algiers to Paris and beyond – defenders of human rights and humanism have to carefully consider our strategy in the days ahead. Here are six ideas we must remember.«

  1. Denounce communitarian analysis
  2. Defend secularism
  3. Reject victim-blaming
  4. Pursue a comprehensive anti-terror strategy
  5. Fight real discrimination but do not thwart essential critical debate
  6. Stand together to face this truly grave threat

»No one can win a clash of civilizations. But we can all win if we stand together to fight for civilization.«

Read the whole article here: Karima Bennoune, One Week After the Charlie Hebdo Attack: Refuse to Sign Up for the Clash of Civilizations, Huffington Post.