Im Rahmen meiner Master-Arbeit setze ich mich mit gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander, da es für mich von ernormer Bedeutung ist zu verstehen wie wir als Gesellschaft “funktionieren”. In der Auseinandersetzung mit Gemeinde, theologischer Ausbildung und der Art wie z.B. Leitung in Gemeinden gelebt werden kann spielt das Verständnis und die Realität von Familien eine wichtige Rolle.
Die Eine oder der Andere haben wahrscheinlich bei der Lektüre meines Lebens oder dieses Blogs schon festgestellt, dass ich mir eine Reihe von Gedanken dazu mache, wie wir heute Familie leben können. Welche Rollen es gibt und wer welche Rolle einnimmt?
Beobachten wir die gesellschaftlichen Entwicklungen stellen wir fest, dass wir uns in einem Veränderungsprozess befinden. Das allgemeine Familienbild geht immer mehr von dem patriarchalischen Familienverständnis weg. Die Ehe ist immer seltener der Rahmen einer Familie und die dominante Rolle des Mannes darin, als Versorger oder Entscheider [härter formuliert: Herrscher], löst sich auf. Dieser Prozess hat natürlich nicht erst in den letzten Tagen begonnen, meiner Ansicht nach, bemerken wir ihn jedoch immer stärker, da auch das staatliche System die Sprache und den Umgang mit Familien den Gegebenheiten anpasst.
Manchmal scheint uns noch ein Rollenverständnis der Partner als angemessen zu erscheinen, das auf einer ungleichen Verteilung der Lebensgestaltung basiert. Rolf Eickelpasch schreibt dazu:
»Im bürgerlichen Ehe– und Familienmodell werden die Prinzipien der Moderne halbiert. Ein “moderner”, selbstentworfener Lebenslauf (der des Mannes) wird mit einem “vormodernen”, fremdentworfenen Lebenslauf (dem der Frau) verkoppelt.«
[Rolf Eickelpasch, Grundwissen Soziologie, 61.]
Eickelpasch spricht weiter vom ›Abschied von der bürgerlichen Familie‹ während Castells etwas schärfer vom ›Ende des Patriarchalismus‹ schreibt. Bleiben wir zunächst bei den Aussagen Eickelpaschs zur Biographie der Frau und den Auswirkungen dessen auf das Familienmodell:
»An die Stelle der weiblichen “Normalbiographie” (Liebe – Ehe – Mutterschaft) tritt eine “Wahlbiographie”. Die Lebensform Ehe hat im Zuge dieser Entwicklung deutlich an Bedeutung verloren; gleichzeitig ist, wie Untersuchungen zeigen, der Berufswunsch für junge Frauen immer wichtiger geworden.
Bei der Auflösung der weiblichen Normalbiographie und der zunehmenden Erwerbsbeteiligung der Frau wächst in der Familie das Konfliktpotential. Die Frage liegt auf der Hand: Kann man zwei “selbstentworfene Biographien” überhaupt noch miteinander verbinden, oder wird damit so viel Sand ins Getriebe der ’Normalfamilie‘ geschüttet, dass das Stottern von vornherein programmiert ist?«
[Rolf Eickelpasch, Grundwissen Soziologie, 62-63.]
Diese Entwicklungen fordern uns dazu heraus unsere gängigen Rollenmuster zu überdenken. Tun wir dies nicht, führt es zu einer weiteren Unterdrückung der Frau, was wiederum ›Gegenwehr‹ hervorruft und zu einer weitern ›Zersplitterung‹ der Familien beiträgt. Nach Catsells würde eine solche Zersplitterung zu einem ›selbstgenügsamen frauenzentrierten Modell‹ führen, da einerseits Frauen gut darin sind soziale Netzwerke zu knüpfen und andererseits weiter diejenigen sein werden, die Kinder zur Welt bringen und diese erziehen.
Für die Männer gibt es in diesen herausfordernden Veränderungen mehrere Optionen, von denen nach Castells die patriarchalische Familie nicht mehr zur Wahl steht:
»Für die meisten Männer besteht jedoch die akzeptabelste, stabilste und langfristigste Lösung darin, den heterosexuellen Familienvertrag neu auszuhandeln.
Dazu gehört Teilung der Hausarbeit, wirtschaftliche Partnerschaft, sexuelle Partnerschaft und vor allem die volle Teilung der Elternschaft.
Diese letzte Bedingung ist für Männer entscheidend, weil sich nur so der “Chodorow Effekt” verändern kann und es möglich wird, dass Frauen nicht nur als Mütter, sondern als Männer begehrende Frauen produziert werden und Männer nicht einfach als Frauenliebhaber erzogen werden, sondern als Väter von Kindern.
[Manuel Castells, Die Macht der Identität: Das Informationszeitalter II, 249-250.]
Die dargestellten Beobachtungen haben neben den direkten Auswirkungen auf die Familien auch weitreichende Folgen im Bezug auf Gemeinde, theologische Ausbildung inklusive der Berufsbilder und Leitung der Gemeinde, auf die ich hier noch nicht näher eingehen kann [ist so schon ein langer Eintrag geworden], über die wir aber weiter nachdenken sollten und über die natürlich auch weiter gepostet werden wird.
Ein Gedanke dazu könnte die Frage nach ›Teilzeit‹ sein, darauf habe ich vor kurzem auf meinem globalen Blog hingewiesen.