Immer wieder bin ich mehr als fasziniert davon wie nahe liegend es ist Erkenntnisse aus der Missiologie auf das ganz normale Leben in der Nachfolge, hier und jetzt, zu reflektieren. Hans-Werner Gensichen hat 1984 etwas gesagt, das man heute ähnlich auch aus meinem Munde hören könnte:
»Demgegenüber hat die Wendung von der Indigenisierung zur Kontextualität und Kontextualisierung einen wirklichen Fortschritt gebracht, zunächst insofern, als es dabei nicht um Anpassung an statische Gegebenheiten geht, um die Übertragung fertig vorliegender Inhalte in vorgegebene Formen, sondern um einen dynamischen, geschichtlichen Vorgang.
Der Kontext, in dem sich der Mensch jeweils vorfindet, ist dem Wandel, der Veränderung unterworfen. »Kontextuell« wäre also eine Interpretation der christlichen Identität, bei der die Verantwortung für das christliche Glaubenszeugnis in seiner Gesamtheit ständig zum Kulturwandel in Beziehung steht.
Die Einstellung zur Kultur in der Perspektive des christlichen Glaubens muß demnach eine dialektische sein: einerseits Partizipation und sogar Identifikation, weil der biblische Text auf die Antwort des lebendigen Christusglaubens wartet, die ihrerseits nur als kontext-bezogene Antwort authentisch sein kann; andererseits aber auch Distanz und vielleicht sogar Separation, wenn nämlich der kulturelle Kontext den Text, das biblische Zeugnis, völlig zu relativieren droht. Verzichten müsste man hier jedenfalls auf jeden kulturellen Absolutheitsanspruch…«
[Hans-Werner Gensichen: Kontextualität und Universalität: Das Christentum im Dialog mit den Kulturen. Zitiert aus Mission und Kultur: Gesammelte Aufsätze, 159f.]