Archiv für August 2008

Dr. Alemán

Dienstag, 26. August 2008

Als kürzlich in einer gern gesehenen Kultursendung der Film Dr. Alemán von Tom Schreiber vorgestellt wurde, war mir klar, dass ich diesen Film sehen wollte. Heute hier zu sitzen und den Film bereits gesehen zu haben ist jedoch in meinem Leben nicht gerade alltäglich. Da wir das letzte Wochenende bei meinen Eltern verbrachten, bekamen wir die Chance sehr einfach und entspannt einen Abend in der Stadt zu verbringen und dabei nicht an unsere Kinder und die Handys denken zu müssen…

Dr. AlemánAugust Diehl spielt einen jungen Medizinstudent, der mit jeder Menge Idealismus auszieht um die Welt zu retten. Vieles von dem was Marc, wie der deutsche Doktor in Cali heißt, an Idealen mitbringt sind mir nicht fern. Er sehnt sich danach einen Unterschied zu machen, möchte nicht wie seine Mutter und sein Bruder im noblen Frankfurt Doktor von Menschen sein, die in einem Land leben in dem Sonntags nicht mehr gemäht wird da es verboten ist und sich sonst die Nachbarn gestört fühlen würden. Auch seine Kollegen hält er für zu bequem. Zumindest das Privatleben des einen wird gestreift, Héctor bewahrt Koks in einer Kiste auf in der ich Zigarren vermutet hätte und lebt in einem beschaulichen Haus. Mit seinem SUV durchquert er die arme Hüttensiedlung Siloé die zwischen seinem Wohnort und dem Krankenhaus liegt. Er ist es jedoch, der Marc mehrmals aus der Patsche hilft.

Marc möchte sich für eine gerechte Welt einsetzen und keine Unterschiede machen. Aus diesem Grund verärgert er seinen direkten Vorgesetzten Dr. Méndez. Mit westlichem Stolz (oder sollte ich „deutschem“ schreiben?) geht er davon aus, dass er weiß was es in diesem Zusammenhang bedeutet gerecht zu sein. Während es bei Geschehnissen des Weltgeschehens wie die militärischen Interventionen in Irak oder Afghanistan einfach ist zu sagen, dass der westliche Weg nicht der Beste für die Welt sein muss, scheint mir dieser Film diese Lüge im Kleinen aufzudecken. In einer Stadt die vom Drogenhandel und Gewalt unter verfeindeten Banden, extremer Armut und daneben ausgestelltem Reichtum geprägt ist, scheint Gerechtigkeit anders buchstabiert zu werden und Wege zu einer gerechteren Welt anders verlaufen.

Gegen Ende des Films werden einige Lügen deutlich, die Marc die ganze Zeit verborgen geblieben waren – blinde Flecken könnte man sagen, die er durch seine eigene kulturelle Prägung nicht wahrgenommen hatte.

Sehr interessanter Film den ich empfehle. Intensives Kinoerlebnis das zum nachdenken und eigenen Hinterfragen einlädt.

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Webseite des Films: dr-aleman.de

Rammstedt: Wir bleiben in der Nähe

Donnerstag, 14. August 2008

Erst kürzlich wurde Tilman Rammstedt für einen Ausschnitt aus seinem Roman ›Der Kaiser von China‹ (Hier ein Link zum Text als PDF) mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Da dieser am 18. September erscheint bin ich gerade noch rechtzeitig um den Roman ›Wir bleiben in der Nähe‹ zu lesen und darüber sagen zu können, dass es sein aktuelles Werk ist. Ein sehr gelungener Roman, wie ich finde. Ich hatte bereits sein Debüt gelesen und bin auch von diesem, seinem zweiten Roman sehr angetan. Bereits auf der ersten Seite gewinnt er mich durch die Art und Weise die Wirklichkeit und Gedankengänge zu beschreiben:

Auch das Meer ist nicht gut in Entscheidungen. Ständig ändert es seine Grenzen, fließt vor und zurück, lässt Dinge liegen und nimmt sie beim nächsten Mal dann doch wieder mit, das macht es ganz und gar unmöglich, beim Meer einen klaren Anfang auszumachen. Das Ende hingegen ist deutlich, das Ende ist eine gerade Linie, der Horizont, und auch wenn man natürlich weiß, daß der Horizont nichts beendet, höchstens die eigene Wahrnehmung, auch wenn man weiß, dass sich das Meer am Horizont nicht so leicht aufhalten lässt, dass es den Horizont nicht einmal wahrnimmt, so ist das letztlich gleichgültig, denn wie bei allen großen Dingen bedeutet Ende auch beim Meer: so weit das Auge reicht.

Das Meer muss aber auch gar nichts entscheiden, ich muss etwas entscheiden, und dabei ist das Meer keine große Hilfe. Es ist zu laut, es lässt zu viel Platz für den Wind, und dennoch bleibe ich, dennoch glaube ich, wenn überhaupt, dann hier auf die Antwort zu stoßen, plötzlich vor ihr zu stehen, beinah über sie zu stolpern, weil es sich jetzt nur noch um einen Geistesblitz handeln kann, einen Glückstreffer, eine Flaschenpost, denn in vier Stunden muss ich etwas entschieden haben…

[Tilman Rammstedt, Wir bleiben in der Nähe, 5.]

Mit diesen Sätzen eröffnet Rammstedt den Roman und wird am Ende zu eben dieser Situation zurück kehren um abschließend einen kleinen Augenblick weiter zu gehen. Die Hauptdarsteller des Romans sind Konrad, Katharina und Felix. Felix erzählt uns eine Geschichte, eine Geschichte in der die Entscheidung die sich in der Eröffnungsszene andeutet den meisten Raum einnimmt, begleitet von einer Reihe weitere Entscheidungen die getroffen wurden, getroffen werden sollten oder nie getroffen wurden und sich teilweise selbst trafen. Konrad, Katharina und Felix waren gute Freunde die viel Zeit ihres Lebens zusammen verbrachten. Immer wenn sie zu dritt sind ist die Welt in Ordnung, Drei ist gut. Die Ordnung gerät mit Katharinaundkonrad aus dem Gleichgewicht und ändert sich durch Konrads Seminare in Frankfurt nochmals ungemein an den Donnerstagen.

Die Freundschaft entwickelt sich auseinander und führt zu drei Jahren der absoluten Stille. Erst als die Hochzeitseinladung von Katharina bei Felix landet wird das Schweigen gebrochen. Die Geschichte der Drei werden uns in den Gedanken erzählt, die Felix in dieser Nacht der Entscheidung am Meer durch den Kopf gehen. Auf diese Weise machen wir eine Reise in die Vergangenheit um schließlich wieder in der Gegenwart anzukommen.

Wir bleiben in der Nähe ist das unterschwellige Thema des gesamten Romans. Nur an einer Stelle fällt er explizit, in einer nächtlichen Unterhaltung an einer Autobahnraststätte während Felix und Konrad einen Kaffee trinken gehen und Katharina schlafend im Auto zurück lassen.

Ich genieße den Schreibstil von Rammstedt ungemein. Er schafft es das Alltägliche auf eine Weise zu erzählen, dass man Teil des Geschehens wird. Er steigert das Tempo an Stellen an denen sich Gedanken beginnen zu drehen oder Emotionen ausbrechen, unweigerlich erhöht sich die Lesegeschwindigkeit. Dann wieder verlangsamt sich das Erzähltempo, wird nachdenklich, unsicher, schlaflos und doch voll Schwere. Eine andere liebenswerte Besonderheit besteht darin, dass er exakt die selben Formulierungen in unterschiedlichen Kontexten aufgreift und dadurch einen Zusammenhang herstellt und Erinnerungen hervorruft. Erinnerungen an ein Leben, in das man nur mittels dieses Romans eingetaucht ist.

Eine sehr kurzweilige Lektüre, die ich nur empfehlen kann: Tilman Rammstedt, Wir bleiben in der Nähe.

Körpergebet: hartes Herz

Dienstag, 12. August 2008

In unserem täglichen Leben treten immer wieder Situationen auf, die unser Herz dazu bringen können sich zu verhärten. Wir werden verletzt, enttäuscht, regen uns über unsere Mitmenschen auf, sind gestresst. Viele Faktoren die sowohl von aussen auf uns einströmen, die jedoch auch „hausgemacht“ sein können und durch unsere Verfassung noch verstärkt werden – z.B. bin ich viel schneller reizbar wenn ich unausgeschlafen bin.

Ein hartes Herz hindert uns jedoch daran sensibel mit unseren Mitmenschen umzugehen, es schränkt uns ein und nimmt uns die Freiheit liebevoll und offen zu leben. Die harte Schale des Herzens hindert die Liebe daran aus der Tiefe zu kommen und sich in unserem Umfeld zu verströmen.

Um in Harmonie mit Gott und der Schöpfung zu leben ist es sehr wichtig immer wieder um ein weiches Herz zu beten. Dieses Körpergebet ist genau dies, eine Meditation der Verhärtungen und der Möglichkeit wieder neu weich zu werden.

Körpergebet: hartes HerzFühre deine Fäuste vor der Mitte deines Brustkorbes zusammen. Spüre die Härte deiner Knochen und Muskeln. Spanne die Muskeln an und meditiere Verhärtungen deines Herzens. Entspanne die Muskeln wieder, nimm die Veränderung war und meditiere die Möglichkeiten wieder weich zu werden. Achte auf deine Muskeln in den Armen und im Brustbereich während du den Wechsel des harten und weichen Herzens meditierst.

Nimm dir Zeit diesen Wechsel ausgiebig zu meditieren. Vielleicht erinnerst du dich dadurch an Situationen die dein Herz dazu gebracht haben hart zu werden. Meditiere diese Situationen. Was ist vorgefallen? Ist es dir möglich los zu lassen und zu vergeben? Bitte um die Lösung der verhärteten Stellen. Bitte um ein weiches Herz.

Eine einfache Geste, die uns dabei unterstützt in unserem Alltag unser emotionales Befinden zu meditieren. Meiner Ansicht nach ist dies ein wichtiger Aspekt für unser Zusammenleben. Aus diesem Grund habe ich dieses Körpergebet in meinen täglichen Rhythmus aufgenommen. Ich hoffe, dass es auch dir eine Hilfe sein kann und freue mich über Feedback und dein Erfahrungen damit…

Zitate zum Körpergebet

Montag, 11. August 2008

Bei meiner Beschäftigung mit Möglichkeiten des Betens mit dem ganzen Körper bin ich heute über zwei Zitate gestolpert, die ich hier ohne weitere Kommentare meinerseits mit euch teilen möchte:

„Im Gebet sollte der ganze Mensch mit Gott in Beziehung treten. Seele und Leib sollten am Gebet beteiligt sein. Die Gebetsgebärde verkörpert dieses ganzheitliche, seelisch-geistige Geschehen in einfachster Form.

Wenn wir das Beten als Ausdruck unseres spirituellen Weges betrachten, muss das Gebet verschiedene Formen und Aspekte beinhalten wie der Weg selbst. Es muss den Menschen auch in seiner körperlichen Dimension ergreifen.

Wir machen in unserem Denken immer den Unterscheid zwischen Geist, Seele und Körper. Wir haben vergessen, dass wir nicht nur einen Körper haben, sondern dass wir Körper sind. Wir haben auch unsere Mitte vergessen. Wir machen nicht mehr Gott zu unserer Mitte, sondern unser Ich. Wir haben auch unsere körperliche Mitte vergessen. Die meisten von uns sind verkopft.“

Beatrice Grimm, Der Himmel in dir: Einübung ins Körpergebet, 52f.

Und das zweite Zitat aus dem Buch ›Gebetsgebärden‹ von Anselm Grün und Michael Reepen:

„Die Gebetsgebärden und die Gebärden, die die Bibel uns anbietet, entfalten eine heilende Wirkung. Sie bringen uns in die rechte Haltung vor Gott, zugleich aber auch in eine heilsame seelische Verfassung.

Wenn wir uns in den Gebetsgebärden Gott gegenüber öffnen, dann tun sich auch in unserem Leib und in unserer Seele Räume auf, die sonst verschlossen bleiben. Und so können wir uns neu erfahren, als Menschen, die nicht von der Erde sind und an ihr haften, die vielmehr ihren Ursprung in Gott haben und als Söhne und Töchter Gottes eine innere Weite und Freiheit atmen, wie wir sie in unseren alltäglichen Rollen kaum einmal verspüren können.“

Anselm Grün und Michael Reepen, Gebetsgebärden, 12f.

BodyPrayer

Mittwoch, 06. August 2008

Wie hier schon ab und an deutlich wurde ist es für meine Spiritualität enorm bereichernd wenn ich meinen ganzen Körper einbeziehe. Bisher verwende ich in Anlehnung an Doug Pagitt für das Beten mit dem ganzen Körper immer den Begriff BodyPrayer - vgl. dazu auch Dougs gleichnamiges Buch.

Da ich im Moment mit Freunden wieder an einem Projekt zu diesem Thema arbeite und ich es leid bin immer wieder auf Anglizismen zurückgreifen zu müssen, habe ich die Suche nach einem angemessenen deutschen Begriff wieder aufgenommen.

Und weshalb schreibe ich nun darüber? Mich würden deine Gedanken zu einem möglichen deutschen Begriff für ein Gebetsleben das den ganze Körper mit einbezieht und sich vor allem in bestimmten Gesten ausdrückt interessieren. Daher bitte ich dich um deinen Kommentar…

Batseba

Sonntag, 03. August 2008

Was passiert eigentlich wenn man eine altbekannten Geschichte aus dekonstruktivistischer Sicht liest? Diese Frage stellte ich mir gestern während der Vorbereitungen für den heutigen Gottesdienst. Im Predigttext des heutigen Sonntages wird eine Begebenheit erzählt in der der Prophet Natan bei König David auftaucht und ihn bezüglich seiner Beziehung zu Batseba und seines Umgangs mit Batsebas Ehemann Urija zur Rede stellt (2. Samuel 12,1-15). Ich weiß dass es eine ganze Reihe von Aspekten gibt die für diese Geschichte enorm wichtig sind, ich möchte mich hier auf einen beschränken.

Batseba.

Sie ist die Frau eine Mannes mit Namen Urija, der in den Krieg ziehen musste und deshalb seine geliebte Frau alleine in er Stadt zurücklässt. Zu einer bestimmten Zeit im Monat begibt sie sich in ihren Garten zum Brunnen um die rituelle monatliche Waschung zu vollziehen. Während sie sich wäscht wird sie von einer Dachterasse des Königspalastes beobachtet.

König David, der entgegen der Tradition nicht mit seinem Heer in den Kampf gezogen ist, steht dort oben und betrachtet sie, eine schöne Frau, aus der Ferne. In ihm wächst das Verlangen diese Frau zu treffen und mit ihr zu schlafen und schickt Boten zu ihr.

Es klopft an ihrer Tür, die Boten des Königs bitten sie darum den König zu besuchen und ermutigen sie dazu sich besonders hübsch zu machen. Der König möchte mit ihr schlafen. Der König. Welche Wahl hatte sie? Keine! Der mächtigste Mann des Landes sehnt sich danach mit ihr Sex zu haben, und er bekommt ihn.

Einige Zeit später stellt sie fest, dass dieses Treffen mit dem König weitere Folgen haben wird, in ihr wächst ein neuer Mensch heran. Davon berichtet sie dem König, der seinerseits einen Boten zu seinem Heerführer schickt von ihm einen Lagebericht zu erbitten, der ausdrücklich von Urija überbracht werden soll. Urija hat keine Wahl und muss den Anordnungen des Machthabers Folge leisten und reist zum König. Dort angekommen gibt er seinen Bericht weiter und wird dann vom König nach Hause geschickt um die Nacht mit seiner Frau zu verbringen.

Der Plan Davids die Affäre mit Batseba zu vertuschen geht gründlich schief. Urija kann sich beim besten Willen nicht vorstellen während seine Kameraden in Zelten schlafen zu Hause mit seiner Frau die Nacht zu verbringen und schläft bei den Wächtern am Stadttor. Durch diesen Akt der Loyalität seiner Kameraden gegenüber zieht er das Todesurteil des Königs auf sich. Er wird der Bote des Befehls seiner eigenen „Hinrichtung“. David weist Joab an Urija direkt an die Front zu stellen und macht ihn somit zum „Kanonenfutter“.

Batseba, die sehnsüchtig auf ihren Mann wartet bekommt in ihrer verzweifelten Lage keinen Brief ihres Mannes auf den sie so lange gewartet hat zugestellt, sondern eine Mitteilung seines Todes überbracht. Sie, die eben noch glücklich verheiratet war, erwartet ein Kind vom König und verliert in dieser ausweglosen Situation ihren Mann. Wie fühlt sie sich, als der König erneut zu ihr kommt und sie zu sich in den Palast holt?

Einige Wochen vergehen und sie bringt einen Sohn zur Welt. Ein gesundes Kind. Welch Freude. Doch ihre Freude dauert nicht lange. Das Kind wird krank, sehr krank. Es leidet, wird schwächer und schwächer, bis es letztlich stirbt.

Wie fühlt sie sich?
Was geht in ihr vor?

David besucht sie. Er kümmert sich um sie und bringt ihr Trost.
Und wieder schläft er mit ihr.

Sie wird schwanger.
Ein Sohn kommt zur Welt: Salomo.

Sie wird die Mutter des Thronfolgers. Ihr Leben an der Seite Davids ist hart. Sie erleben eine Vergewaltigung in der Familie, müssen die Nachricht verkraften dass der eine Sohn den anderen umgebracht hat, sie müssen fliehen weil einer der Söhne die Macht an sich reissen möchte und verarbeiten zusammen den Schmerz über dessen Tod. Und selbst die Inthronisation ihres Sohnes ist begleitet von widerlichen Rivalitäten.