Ausgehend von der Lektüre eines Aufsatzes von Stuart Hall mit dem Titel ›Kulturelle Identität und Globalisierung‹ habe ich eben wieder einmal über den Begriff Authentizität nachgedacht. Um diesen Gedankengang jedoch etwas verständlicher zu machen, verweise ich zunächst auf einen Gedanken von Hall bevor ich etwas zu Authentizität schreiben werde.
Hall schreibt am Anfang des Aufsatzes, dass er mit der Behauptung sympathisiert, „daß moderne Identitäten ›dezentriert‹, ›zerstreut‹ und fragmentiert sind.“ (Hall in Widerspenstige Kulturen, 393) Dieser Behauptung nähert er sich mit einer Darstellung von drei unterschiedlichen Konzepten der Identität an. Er beginnt mit dem so genannten ›Subjekt der Aufklärung‹ das als vollkommen zentriert und vereinheitlicht verstanden wurde. In gewisser Hinsicht handelt es sich dabei um ein statisches Konzept der Identität. Im weiteren Verlauf stellt er das so genannte ›soziologische Subjekt‹ dar, in dem bereits die gesellschaftliche Konstruktion der Identität eine große Rolle spielt, das jedoch weiterhin gewisse feste Strukturen aufweist. Aus diesem Subjekt leitet sich seiner Ansicht nach das postmoderne Subjekt ab, das als „bewegliches Fest“ verstanden werden kann, und nicht als feste anhaltende Identität zu bezeichnen ist. Vielmehr passt sich das Subjekt ständig seinem Umfeld an und bleibt dadurch in Bewegung. Hierzu zitiere ich zwei kurze Aussagen Halls:
»Dieses Subjekt ist historisch, nicht biologisch definiert. Es nimmt zu verschiedenen Zeiten verschiedene Identitäten an, die nicht um ein kohärentes ›Ich‹ herum vereinheitlicht worden sind. …
Die völlig vereinheitlichte, vervollkommnete, sichere und kohärente Identität ist eine Illusion. In dem Maße, in dem sich die Systeme der Bedeutung und der kulturellen Repräsentation vervielfältigen, werden wir mit einer verwirrenden, fließenden Vielfalt möglicher Identitäten konfrontiert, von denen wir uns zumindest zeitweilig mit jeder identifizieren könnten.« (396)
Diese Aussagen zu Identität stehen in krassem Gegensatz zu dem was wir oft von unserem Gegenüber erwarten. In manchen Festlegungen unserer Gegenüber auf einige wenige Merkmale ihres Verhaltens (gegenüber uns) reduzieren wir die Identität der Person auf einen statischen Kern. Ähnlich erscheint mir der Gebrauch des Wortes Authentizität zu sein. Im Wikipedia-Artikel steht zu Authentizität von Personen folgendes:
»Angewendet auf Personen bedeutet Authentizität, dass das Handeln einer Person nicht durch externe Einflüsse bestimmt wird, sondern aus der Person selbst stammt (…). Gruppenzwang und Manipulation beispielsweise unterwandern persönliche Authentizität.«
Meiner Ansicht nach liegt einer solchen Konzeption von Authentizität die Konzeption des Subjekts der Aufklärung zu Grunde. Dieses haben wir – folgen wir den Darstellungen Halls – bereits (weit) hinter uns gelassen. Wenn wir also von Authentizität sprechen, sollten wir uns der unterschiedlichen Rollen bewusst sein, die wir täglich in den unterschiedlichsten Situationen „spielen“ und sollten somit eher von einer situativen Authentizität sprechen. Dabei stellt sich dann jedoch die Frage nach dem Gebrauch des Begriffs. Brauchen wir diesen Begriff noch? Oder wäre es besser von »Stimmigkeit« zu reden. Stimmig wäre in diesem Fall ein Verhalten das zur gegebenen Situation passt während authentisches Verhalten von einer Art „Personkern“ ausgeht und in vielen Situationen äußerst unpassend erscheint.