Archiv für Oktober 2009

Wie in alten Zeiten?

Freitag, 30. Oktober 2009

Auf Zeit-Online las ich eben einen Artikel mit dem Titel ›Angela Bush‹, was sich dahinter verbirgt wird in folgenden Abschnitten deutlich:

[Die] ideologische Heimat von schwarz-gelb [ist] eindeutig zu bestimmen: Es ist der rechte Keynesianismus, wie ihn vor allem George W. Bush in den USA praktizierte.

Bemerkenswert an der Haushaltspolitik sind nicht nur die vielen neuen Schulden. Bemerkenswert ist vor allem die Begründung: Der neue Finanzminister Wolfgang Schäuble warnt vor einer Sparpolitik à la Brüning, die Kanzlerin spricht von der Notwendigkeit, die Wirtschaft als dynamisches System zu begreifen. John Maynard Keynes hätte es nicht besser formulieren können. Ganz klassisch soll hier in der Krise die gesamtwirtschaftliche Nachfrage angekurbelt werden, um die Wirtschaft zu stützen. Das hat man hierzulande seit den siebziger Jahren nicht mehr gehört.

Doch während Keynes das Geld lieber den Armen geben wollte (nicht weil er so sozial war, sondern weil die es auch ausgeben), gibt es die neue Koalition lieber den Reichen (nicht weil das ökonomisch sonderlich sinnvoll ist, sondern weil die FDP darauf beharrte).

Mark Schieritz schreibt weiter, dass Bush es damals nach dem Platzen der so genannten Internetblase ebenso gemacht hat. Wie heute durch zahlreiche Studien belegt werde sei sein Plan jedoch nicht aufgegangen und es sei zu kurzsichtig gewesen vor allem oberen Einkommensschichten über die Maßen zu entlasten.

Weltpolitisch gesehen sind die meisten Menschen froh dass die Ära Bush vorbei ist und dennoch scheint Deutschland sich mit der letzten Wahl (zumindest wirtschaftspolitisch) das Denken dieser Ära ins Land geholt zu haben. Hoffen wir, dass sich diese Annahmen nicht bewahrheiten…

Quelle: Zeit-Online – Angela Bush

Ortstermin SüdWest

Montag, 26. Oktober 2009

Seit einiger Zeit denke ich mehr oder weniger konkret über einen Ortstermin von Freundinnen und Freunden der emergenten Bewegung im SüdWesten nach. Heute nun fasste ich den Entschluss das Nachdenken zu konkretisieren.

In meinen Gedanken besteht ein solcher Ortstermin aus der Verbindung von Begegnung und Austausch. Daher sollte ein solcher Tag Raum der lockeren Begegnen der Anwesenden, Austausch über das was jede und jeder so vor Ort lebt und erlebt und angeregte Gespräche über interessante Vorträge beinhalten. Diese Gedanken führten zu Gesprächen mit DoSi und Mark und daraus folgt nun ein Vorschlag:

Ortstermin SüdWest
30. Januar 2010 in Karlsruhe

Thema: Synergie von Theorie und Praxis

Vom Zeitrahmen her kann ich mir gut 10 – 18 Uhr vorstellen – wobei es auch die Möglichkeit gäbe den Abend gemeinsam zu verbringen. Zwischen 10 und 18 Uhr hätte ich gerne Zeit zum angesprochenen Austausch und für ein paar interessante Vorträge in denen das angerissene Thema aus verschiedenen Blickwinkeln oder auf unterschiedliche Fragestellungen angedacht werden könnte.

Meine konkreten Fragen an euch, Leserinnen und Leser des Blogs, sind:

- Hast du Interesse an diesem Ortstermin und auch Zeit zu kommen?
- Kannst du dir vorstellen einen Vortrag zu dem angerissenen Thema beizutragen?

Über eure Antworten – sowohl in den Kommentaren als auch per Mail – würde ich mich bis zum 02. November 2009 freuen. Dann könnte ich mich konkreter um den Veranstaltungsort kümmern und wir könnten uns über weitere Details einigen.

Workshop auf dem Forum

Samstag, 24. Oktober 2009

Unter dem Titel »Uns Selbst von den Beziehungen her denken« werden Tobias Künkler und ich einen Workshop auf dem Emergent Forum 2009 in Erlangen anbieten. Ich freue mich schon sehr darauf und deute hier mit folgendem Text auf den Inhalt und die Methode des Workshops hin:

In diesem Workshop wollen wir uns und Euch in ein Gespräch darüber verwickeln, was es bedeutet und welche Konsequenzen es hat, wenn wir uns von unseren Beziehungen her denken. Dazu geben wir einen kurzen Einblick in ein ‚relationales’ Verständnis des Menschen und der Trinität, die dabei helfen können eine Alternative zu den Problemen des Individualismus und Kollektivismus zu finden.

Der Schwerpunkt des Workshops soll jedoch im offenen Austausch liegen. Platz finden sollen hier: Kritische Rückfragen und Verständnisschwierigkeiten, vertiefende Aspekte, Konsequenzen für Selbstverständnis, Glaubens- und Gemeindepraxis. Wer grundsätzliche Überlegungen sowie ein offenes ‚Setting’ nicht scheut, ist herzlich eingeladen…

Die Workshops finden am Samstag Nachmittag auf dem Forum statt. Weitere Infos zum Forum und Anmeldemöglichkeit findet ihr auf der Emergent-Forum-Seite.

Schöpfer der Kreativität

Montag, 19. Oktober 2009

Eine Begegnung von Emergenztheorie und Theologie deckt blinde Flecken auf und ermöglicht neue Denkwege. Ich bin immer wieder faszibiert davon welche Möglichkeiten sich für das Denken ergeben wenn man über den eigenen Tellerrand hinausschaut und am interdisziplinären Dialog teilnimmt. So bekamen bisher meist unausgesprochene Gedanken mit folgendem Abschnitt Worte und konkretisieren sich dadurch:

»The sciences that study the emergence of complexity in living organisms have also thematized the importance of the future for understanding causality. …

Theologian Niels Henrik Gregersen has explored the implications of theories of autopoiesis (self-organization) in natural systems for the doctrines of creation and providence.

He proposes a model in which autopoietic processes are sustained by the “structuring causality” of God – divine providence involves the reconfiguration of the possibility spaces of self-productive systems. God‘s creative work is a creation of creativity, a “structuring” cause that graciously gives creation its own fecundity.

For Gregersen, the autopoiesis that can be observed throughout the systems of nature render problematic the idea of God’s planning things deterministically from the past.«

Quelle: LeRon Shults, Reforming the doctrine of God, 86.

Diese Verbindung der Gedanken aus Theorien über Emergenz und Komplexität und der Möglichkeit Gott von der Zukunft her zu denken sind meiner Ansicht nach äußerst wertvoll.

Sie ermöglichen eine Befreiung aus deterministischem Denken welches uns suggeriert, dass die Welt und alles Leben darauf vor Urzeiten von einem „Pantokrator“ vorgedacht wurden und man heute nur noch das Wiederholen kann was bereits vorangelegt ist. Ein Schöpfer der zur Kreativitöt schafft und „einen weiten Raum“ ermöglicht, nötigt uns nicht in vorgefertigten Bahnen zu laufen sondern gibt uns Freiheit selbst zu schaffen, frei zu improvisieren und damit an seinem Handeln zu partizipieren. In diesem Sinne sind wir nicht dazu verdammt den einen richtigen Weg zu finden der vorbereitet ist und auf dem wir blind gehen müssen, sondern nehmen teil an einer freien Improvisation der Idee Gottes, die nicht 100% konkret zu fassen ist und stärker von einer ermöglichenden Funktion her zu denken ist als von erhobenen Zeigefingern.

Aber auch auf der Seite wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit Schöpfung und Evolution ermöglicht uns ein solches Denken andere Schlüsse. Schöpfung und Evolution stehen sich nicht mehr – wie im Kreationismus propagiert – diametral entgegen, sondern können begründet als Aspekte eines Prozesses verstanden werden.

Ein Multipler Roman

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Über das Fontblog wurde ich heute Vormittag auf einen sehr interessanten Roman von Nanni Balestrini aufmerksam. Balestrini experimentierte 1961 mit einem Computer und schuf dabei ein Gedicht dessen einzelne Teile durch einen Algorithmus in unterschiedlicher Reihenfolge angeordnet werden konnten, waren und immer wieder werden sollten. Aus dieser Erfahrung ging er mit dem Wunsch heraus einen Liebesroman zu schreiben, der ebenfalls nicht an eine starre Abfolge gebunden ist.

Durch diese Operation wird das Dogma der einmaligen und definitiven Originalversion eines literarischen Werks, die sich aus dem strengen Determinismus der Gutenbergschen Druckmaschine ergibt, die stets identische Exemplare produziert, in Frage gestellt. Die Überwindung der mechanischen Buchproduktion durch die digitale Methode gemahnt an die unendliche Vielfalt der Formen der Natur, wo ebenfalls jedes Ding, vom Blatt am Baum bis zum menschlichen Wesen, eine stets abgewandelte Variante eines idealen Prototyps ist. In analoger Weise unterscheidet sich die mündliche Erzählung mehr oder weniger, wenn sie unterschiedlichen Zuhörern erzählt oder zu unterschiedlichen Zeiten wiederholt wird. Genauso kann man ein literarisches Werk, einen Roman zum Beispiel, verwandeln. Dank der neuen Techniken ist es möglich, statt wie früher ein unveränderliches Buch, eine Vielzahl von Varianten zu drucken, die alle von gleicher Qualität sind – und jeder Leser erhält sein persönliches und einzigartiges Exemplar.

Nanni Balestrini im Vorwort auf Seite XIV seines multiplen Romans »Tristano«

Tristano erscheint zunächst mit einer Auflage von 2000 Stück im deutschsprachigen Raum. Jedes Einzelne der Exemplare wird ein Unikat sein, es wird also keine zwei Exemplare geben bei denen der Erzählstrang genau der selbe sein wird. Balestrini versteht dieses Experiment als einen Schritt in Richtung der Neukonzeption von Literatur und sieht darin auch die Chance einer neuen Form der Kommunikation mit den Lesern.

Ich finde diese Art der Neukonzeption von Literatur sehr spannend und hätte große Lust mit ein paar Interessierten gemeinsam diesen Roman zu lesen und im Gespräch zu entdecken welche unterschiedlichen Erzählstränge sich auf dieser Weise entwickeln und auf welch unterschiedliche Art dieser multiple Roman auf die Leser wirkt.

Der Roman kann beispielsweise über Amazon bezogen werden, eine Leseprobe findet sich hier bei Suhrkamp.

über Macht

Freitag, 09. Oktober 2009

Zur Zeit findet quer durch Deutschland ein interessantes Filmprojekt unter dem Titel »über Macht« von dieGesellschafter.de statt. Im Rahmen dieses Projekts werden eine ganze Reihe interessanter Filme gezeigt. Das Projekt gastiert vom 15.10. bis zum 03.12. auch in Karlsruhe, natürlich in der Schauburg.

Diesen Eintrag schreibe ich vor allem weil ich auf die Vorführung des Films »Monsanto, mit Gift und Genen« aufmerksam gemacht wurde. Der Film wird am Donnerstag 15.10.2009 um 19 Uhr in der Schauburg gezeigt und bildet damit den Auftakt des Projekts in unserer Stadt. Über den Film steht auf der Schauburgseite folgendes:

Genetisch veränderte Lebensmittel sind sicher. Das sagen die Hersteller-Firmen. Marie-Monique Robins brillante Recherche über den Biotechnologie-Konzern Monsanto untersucht, wie die »wissenschaftlichen Beweise« für diese Behauptung zu Stande kommen. Sie findet heraus, dass Gen-Manipulierer auch Forschungsergebnisse manipulieren. Gegenstimmen bringt Monsanto systematisch zum Verstummen. Robins Film enthüllt die Einflussnahme des Konzerns auf Politik und Kontrollbehörden bei seinem weltumspannenden Griff nach der Macht über unser Essen.

Quelle: schauburg.de

Im Anschluss an den Film wird ein Filmgespräch stattfinden. In diesem Sinne empfehle ich den Besuch des Films und natürlich eine Ernährung die ohne genetisch veränderte Lebensmittel auskommt. Das gesamte Projekt ist meiner Ansicht nach vielversprechend und könnte zu weiterem gesellschaftlichen Engagement anregen.

_

Eine Übersicht über das Filmprogramm in Karlsruhe findet sich bei dieGesellschafter.de

Dort gibt es auch eine Übersichtsseite über das deutschlandweite Programm.

FROH!

Donnerstag, 08. Oktober 2009

Cover der Nummer 1 von FROH!Die FROH! ist ein Gesellschaftsmagazin das – auch uns Webciety-Bewohnern – zeigt, dass Print noch lange nicht tot ist. Ein Magazin dass durch feines Layout, Liebe zum Detail und hochwertigem nachhaltigem Druck all das schöne eines Magazins vereint an dem man sich freut wenn man sie in der Hand hält. Wer also ein sehr schönes Magazin in Händen halten möchte das zu allen anderen Vorzügen auch noch gut riecht sollte sich eine FROH! besorgen.

Nun weiß ich auch, dass die Wenigsten sich ein Magazin nur des Geruchs, des Layouts oder des Drucks wegen kaufen – dennoch sind das Eigenschaften die meiner Ansicht nach dieses Magazin auszeichnen. Dass sie komplett ohne Werbung auskommt spricht ebenfalls für sie.

Der Inhalt muss sich jedoch hinter der schönen Erscheinung keinesfalls verstecken. Mit der Konzentration auf ein Themenfeld ist die Konzeption dieser Zeitschrift ebenfalls einzigartig. Die aktuelle Ausgabe nähert sich dem Thema WENDEN von unterschiedlichen Seiten an. Das Zwanzigjährige Jubiläum des Mauerfalls, der Wiedervereinigung und damit der Wende nimmt sich dieses Magazin zum Anlass Wenden in unterschiedlichen Bereichen unserer Gesellschaft und unseres Lebens zu betrachten. Eine ganze Reihe von Artikeln beschäftigen sich mit DER Wende. Einige Fragen des Miteinanders von Ost und West werden thematisiert und visualisiert. Darüber hinaus finden jedoch auch Wenden im Leben von „ganz normalen Menschen wie du und ich“ einen Platz in diesem Magazin.

Neben vielen inspirierenden Artikeln haben mich besonders zwei angesprochen und zum nachdenken gebracht. Zunächst war das der Artikel von Norbert Roth in dem er sich auf sehr feinfühlige und reflektierte Art der Person Judas annähert und dabei auf das achtet was über ihn in den biblischen Erzählungen überliefert wurde und gleichzeitig einen weiten Bogen spannt wie er heute verstanden werden könnte. Das Faksimile der letzten Predigt des Pfarrers Christian Führer aus Leipzig hat ähnlich tiefen Wiederhall in mir gefunden. Die Art wie er über die damalige Situation und unterschiedliche Aspekte von Angst und deren Auswirkungen spricht haben mich tief bewegt. Die Tatsache dass das Manuskript sehr originalgetreu wiedergegeben wird trug sein übriges dazu bei mich in die damalige Zeit zu versetzen.

Abschließend möchte ich dir ausdrücklich den Kauf der FROH! empfehlen da hier Geschichten erzählt werden die uns sowohl unsere Gesellschaft als auch unser alltägliches Leben besser verstehen lassen. Dies alles geschieht in einer offenen dialogischen Form die zum Mitdenken und Mitfühlen einlädt und umrahmt von Schönheit.

Auf der FROH!-Webseite hast du auch die Möglichkeit einen ersten Blick in das Magazin zu werfen. Und danach einfach bestellen oder jemanden in deiner Umgebung ansprechen von dem du eine FROH! bekommen könntest…

Kapitalismuskritik

Montag, 05. Oktober 2009

Aus dem Sammelband Metamorphosen des Kapitalismus und seiner Kritik der von Rolf Eickelpasch, Claudia Rademacher und Philipp Ramos Lobato herausgegeben wurde habe ich mich mit dem äußerst interessanten Kapitel »Produktivkraft Kritik. Die Subsumtion der Subversion im neuen Kapitalismus« von Tobias Künkler beschäftigt. Tobias setzt sich darin mit der Tatsache auseinander, dass die herkömmliche Kapitalismuskritik in das System des neuen Kapitalismus integriert wurde und sich darin sogar zu einer Triebkraft für das System entwickelte welches es zunächst kritisierte. Von dieser Feststellung aus betrachtet er mögliche Ansätze einer erneuten und erneuerten Kritik.

Die vier Diagnosen des aktuellen Standes der Kapitalismuskritik die Tobias in diesem Kapitel beschreibt fasse ich hier in zwei Bereichen zusammen.

a) Einverleibung der Kritik

Den ersten Bereich bildet die Lähmung der Kritik durch deren Verinnerlichung. Der Kapitalismus ist nach Beobachtung von Boltanski und Chiapello nicht deswegen so stark weil er eine hohe Kritikresistenz aufweisen würde, sondern weil er dazu in der Lage ist Kritik auf äußerst gute Weise zu verinnerlichen und sie so als Teil des Systems kraftlos zu machen.

Zwei Arten der Kapitalismuskritik werden von Boltanski und Chiapello charakterisiert. Auf der einen Seite existiert die Sozialkritik, die „sich einerseits an Armut und Ungleichheit sowie andererseits an Opportunismus und Egoismus entzündet” (Künkler, 31.). Auf der anderen Seite die Künstlerkritik, die „sich aus der Empörung über Sinnverlust, der Zerstörung von Authentizität und Kreativität in der bürokratischen Massengesellschaft sowie der Unterdrückung speist“ (Künkler, 31.). Diese beiden Arten der Kritik finden sich im gesamten Verlauf des Kapitels, weshalb sie hier kurz angeführt werden.

Die Gouvernementalitätsstudien thematisieren vor allem den Rückzug des Staates und die damit verbundene Dominanz des Marktes, der folgenden Werten folgt:

„Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Kritik sind im Rahmen neoliberaler Gouvernementalität zur entscheidenden Triebkraft des Systems geworden. Subjektivität ist damit nicht mehr letzter Rückzugs- oder Widerstandspunkt, sondern längst in die stets wachsende Optimierungszwänge des kapitalistischen Gesamtsystems eingespannt.“ (Künkler, 33.)

Auf diese Weise wird schnell der Aspekt der Individualisierung deutlich, durch die die Künstlerkritik und mit ihr der Ruf nach Authentizität und Selbstverwirklichung zur Triebkraft wider Willen des Kapitalismus wurde:

b) Individualisierung der Arbeitsleistung

Die Künstlerkritik wurde durch die Einverleibung der Individualisierung ad absurdum geführt. Tobias skizziert diese Entwicklung treffend anhand des folgenden Abschnittes:

„Sein Vorbild findet das unternehmerische Selbst im Genius des Künstlers. Zu den Paradoxien neoliberaler Gouvernementalität zählt dabei, dass gerade in Zeiten, in denen Ersetzbarkeit und Überflüssigkeit des Einzelnen offenkundig sind, ein Persönlichkeitsideal mit einem höchstmaß an kreativer Individualität und unternehmerischer Initiative propagiert und beschworen wird. Selbstdisziplinierung und Selbstenthusiasmierung laufen im Leitbild des Arbeitskraftunternehmers parallel.“ (Künkler, 35.)

Das unternehmerische Selbst zeichnet sich durch die Selbstdiziplinierung und Selbstmotivation aus. Der Mensch wird zu seinem eigenen Chef und treibt sich selbst zu Höchstleistungen an. Verbunden mit den Gedanken des Projektarbeiters dessen höchstes Gut Aktivität und Mobilität sind und der sich dem Ungebundeheitsimperativ unterwirft, wird die Tendenz zur Entwurzelung des Individuums aus seinem Umfeld deutlich. Der Druck unter dem die jeweilige Person steht, die mancherorts auch als Humankapital bezeichnet wird, erfolgt nicht von aussen, sondern kommt von innen, aus dem Selbst.

Auf die Schilderung der unterschiedlichen Ebenen auf denen Kapitalismuskritik in das System integriert wurde und somit ihre Zähne verlor bzw. einfach ad absurdum geführt wurde folgt die Frage danach wie gemäß der beiden beschriebenen Ansätze eine wirkungsvolle Kritik aussehen könnte. Hier zeigt er die beiden Lösungsansätze der unterschiedlichen Theorien auf:

1. Die Gouvernementalitätsstudien sagen: ’Anders anders sein’

Gerade dann, wenn der Markt die Unterschiedlichkeit und Individualität stark betont und fordert, ist nach Ansicht der Governementalitätsstudien eine Kritik nur im Sinne der erneuerten Künsterkritik in der Kunst des anders-anders-Seins vorstellbar:

„Eine solche Kunst sucht nach Bröckling der Falle zwischen Einverleibung und Aussonderung durch kontinuierliche Absetzbewegung, den Mut zur Zerstörung, Beweglichkeit, geschicktes Ausnutzen von Chancen zu entkommen. Subversivität und Widerstand können aufgrund der Unentrinnbarkeit des unternehmerischen Kraftfeldes nicht mit Hilfe globaler Strategien, sondern nur in punktuellen, lokalen Taktiken erfolgen. Die Künstler des ‚Anders-anders-Seins‘ setzen “dem Distinktionszwang ihre Indifferenz entgegen, dem Imperativ der Nutzenmaximierung die Spiele der Nutzlosigkeit” (ebd.).“ (Künkler, 38.)

Diese Kunst ist jedoch nur von einer relativ kleinen Personengruppe lebbar, und gerade bei dieser Personengruppe stellt sich Tobias die Frage weshalb sie den Weg der Kritik einschlagen sollte.

2. Erneuerung von Künstler- und Sozialkritik schlagen Boltanski und Chiapello vor.

Der alte Kampfbegriff der Ausbeutung ist nach Boltanski und Chiapello wieder zu beleben. Im Laufe der Entwicklungen des kapitalistischen Systems hin zum Netzwerkkapitalismus wurde der Ausbeutungsbegriff durch den Ausgrenzungsbegriff ersetzt. Letzterer ist jedoch nicht als Kampfbegriff zu gebrauchen, da er eher zu Mitgefühl als zu kämpferischer Kritik führt. Die Kritik habe demnach zu zeigen, dass die heutigen Formen des sozialen Elends mit sozialer Ungerechtigkeit und nicht mit persönlichem Versagen zusammenhängt:

„Sie hätte deutlich zu machen, dass ein Zusammenhang besteht zwischen dem Reichtum der einen und der Armut der anderen, dem Glück der Starken und dem Unglück der Schwachen. So könnte die Empörung über Egoismus und Ungerechtigkeit – neben der Entrüstung über Armut und Not seit je eine mächtige Quelle der Sozialkritik – neu entfacht und zum Motor antikapitalistischen Protests werden.“ (Künkler, 40.)

Zur Begründung ihres Ausbeutungskonzeptes weisen Boltanski und Chiapello auf die Differenz der Mobilität unterschiedlicher Personengruppen hin. Die mobile Personengruppe kann nur deshalb aus ihrer Mobilität Profit schlagen da es auch eine Personengruppe gibt die weniger mobil ist. Diejenigen die mobil sind werden im Netzwerkkapitalismus als stark betrachtet und gehören daher zu den Gewinnern, die weniger mobilen dagegen gehören zu den Verlierern. Mit dem Vorschlag nach Korrekturen auf Ebene der Sozialpolitik – beispielsweise in der Leistungserfassung – soll die systembedingte Ungerechtigkeit angegangen werden.

Auf der anderen Seite plädieren sie auch für eine Erneuerung der Künstlerkritik, diese bestehe im Netzwerkkapitalismus vor allem in einer Strategie der Entschleunigung. Das Band das bislang Emanzipation und Mobilität verband sei zu durchtrennen. Immobilität, Dauer und Beständigkeit würden damit zu Emanzipationsfaktoren der Künstlerkritik. In diesem Zuge werden auch haltgebende Kollektivformen wie Nation, Klasse und Familie rehabilitiert. Diese dienen den Künstlern im Kampf gegen die Entwurzelung.

Alle Kritikansätze seien nach Boltanski und Chiapello ständig neu zu überdenken da sie einverleibt würden und daher immer neue Formen einnehmen müssen. In der Einverleibung der Kritik sehen sie gleichzeitig auch die Chance der langsamen aber beständigen Veränderung des Kapitalismus hin zum Besseren.

Resümee

Aus dem Resümee von Tobias Künkler möchte ich zunächst einen Abschnitte zitieren, der meiner Ansicht nach wesentliche Aspekte seines Resümees im Sinne einer kritischen Würdigung der beiden beschriebenen Ansätze zum Ausdruck bringt:

„Wähernd die Gouvernmentalitätsstudien den Widerstand gegen die ehernen Zwänge des neuen Kapitalismus der Sisyphusarbeit der Einzelnen zu überlassen scheinen, setzen Boltanski und Chiapello eher auf kollektive Protestformen und das Reformpotenzial des Staates. Sie plädieren für das klassische Modell einer sozialen Marktwirtschaft und suchen auf politischer Ebene die Implementierung gesetzlicher Vorschriften zu forcieren, die die negativen Effekte des kapitalistischen Systems wenn nicht ausmerzen, so doch lindern sollen.“ (Künkler, 44f.)

Tobias weist auf die überraschend ähnlichen Diagnosen hin, zu denen die beiden unterschiedlichen Ansätze führen. Entscheidende Unterschiede sind jedoch in den Vorschlägen zur Erneuerung der Kritik zu entdecken: die Gouvernementalitätstudien konzentrieren sich auf die Kunst des ‚anders-anders-Seins‘ der Individuen. Dieser Ansatz beschränkt sich jedoch auf eine eingeschränkte Personengruppe die im Umfeld der Bohemien zu finden ist. Es sind daher nur relativ wenige Personen tatsächlich in der Lage diese Art der Kritik zu leben und bei ihnen stellt sich darüber hinaus noch die Frage aus welchem Grund sie Willens sein sollten sich gegen das System zu stellen. Auf der anderen Seite steht, das eher am Kollektiv ausgerichtete Modell von Boltanski und Chiapello, in der Gefahr, durch den eigenen Reformansatz nur minimale Auswirkungen auf das System zu haben.

Abschließend plädiert Tobias für die Verbindung von Künstlerkritik mit der Logik der Sozialkritik und damit für den Anschluss an die Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit – auf diese Weise könnte eine aussichtsreiche Kapitalismuskritik entstehen.

Emergent Forum 2009

Donnerstag, 01. Oktober 2009

Emergent Forum 2009

Seit heute sind die aktuellen Infos zum Emergent Forum 2009 online. Du kannst dir einen groben Überblick über den Inhalt der Tage machen, erfährst genaueres zum Ort und den Zeiten und hast die Möglichkeit dich anzumelden. Ich werde in diesem Jahr auf jeden Fall mit dabei sein und ich würde mich freuen wenn du dort mit uns danach Ausschau hältst was es in Deutschland an „emergentem Leben“ gibt.

Von daher lautet meine Empfehlung: lies dir die Infos durch, checke deine Zeitplanung, melde dich an und erzähl deinen Freundinnen und Freunden davon.