Archiv für Dezember 2009

Frohe Weihnachten!

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Frohe Weihnachten!

Ich wünsch euch, ihr Leserinnen und Leser meines Blogs, frohe Weihnachten. Vielen Dank, dass ihr hier lest und euch einbringt. Ich freue mich sehr auf diese Weise mit euch verbunden zu sein und eine Menge Gedankenanstösse durch eure Kommentare zu bekommen.

An diesem Weihnachten möchte ich darauf achten in den Augen meiner Mitmenschen die Spuren Gottes wahrzunehmen. Er kam auf diese Welt, daran denken manche von uns in diesen Tagen. Dieses Kommen Gottes hat für mich auch darum eine wichtige Bedeutung, da es zutiefst die Hinwendung Gottes an seine Schöpfung und uns Menschen zeigt. Er lädt uns ein in seine Gemeinschaft zu kommen und gemeinsam mit ihm hier und jetzt zu leben. Und irgendwie, auf geheimnisvolle Weise ist er auch hier. Einige weise Denker sprechen davon, dass wir in der Begegnung untereinander dieser geheimnisvollen Gemeinschaft begegnen. Und genau darauf möchte ich achten und lade euch ein dies auch zu tun.

In diesem Sinne wünsche ich euch schöne Festtage und gute Begegnungen.

Weihnachten

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Es ist wieder soweit, Weihnachtszeit. Und wie in jedem Jahr, so stelle ich auch dieses Jahr fest, dass ich ein gespaltenes Verhältnis zu diesem Fest habe. Auf der einen Seite handelt es sich bei Weihnachten ja um eines der wichtigen Feste der Christenheit. Wir gedenken der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus – die auch in meiner Theologie eine sehr wichtige Rolle spielt. Auf der anderen Seite stört mich der ganze Kitsch, die Krippen, Geschenke, der Rummel – gleichzeitig aber auch all diejenigen die immer nach dem tiefen Sinn der Festtage fragen und gerne ein puristisches Gedenkfest begehen würden. In all die wirren Gefühle, die sich, dank des Alltags der in der Adventszeit selten langsamer wird, im Hintergrund aufhalten, wecken meine Kinder auch diese Faszination »Weihnacht« in mir. Jeden Morgen gespannt zu sein was sich im Adventskalender finden wird, und es kaum erwarten zu können bis endlich Weihnachten ist, ein Weihnachtsbaum im Wohnzimmer steht und die Geschenke darunter bereit liegen. Und so sitze ich nun am Abend vor dem 24. hier und denke nach und tippe diese spontanen Gedanken hier in mein Blog.

Ja, Weihnachten ist eine kommerzielle Veranstaltung. Mit Damien Rice’ »We’ll call it Christmas when the adverts begin« könnten wir den Anfang der Saison an den ersten Weihnachtsmännern Ende August erahnen. Das Anbrechen der letzten Stunden bis zum Fest, machen wir dann an den Angeboten »wir liefern garantiert bis Weihnachten« fest. Ich finde – mittlerweile – das Schenken nicht mehr schlimm, sicher habe ich manche Vorbehalte, aber hier haben mir die Kinder das Staunen gelehrt, über schöne Geschenke freut sich wohl jeder.

Viel schlimmer finde ich die Krippen überall. Diese Romantisierung der Geburt. Als wäre Jesus in irgendeinem Stall auf die Welt gekommen. Ist es nicht viel wahrscheinlicher dass Maria und Joseph nicht von Herberge zu Herberge tingelten, in denen keine Zimmer frei waren. Wie viele Herbergen oder Hotels soll es damals in einem Dorf denn gegeben haben? Und hatten sie überhaupt danach gesucht? Dank der Volkszählung waren sie ja zu ihrer Verwandtschaft unterwegs. Wenn Zimmer belegt waren, dann waren es eher die Gästezimmer, die guten Stuben der Verwandten, in denen schon andere Familien übergangsweise wohnten. Schließlich kamen Maria und Jospeh in der Wohnung eines Verwandten unter. In der Wohnung, nicht im Stall. Natürlich wohnten hier auch die Tiere, deswegen gab es eine Futterstelle. In Ermangelung eines Babybettchens wurde Jesus vielleicht in eine solche Futterstelle für die Tiere gelegt. Achso, und dieser Jesus über den ich hier schreibe war sicher weder Westeuropäer noch Amerikaner, er hatte wohl auch keine blonden Locken – und so schlimm es klingen mag – auch keinen Heiligenschein. Sicher, er war ein süßes Baby, wie jedes Baby auf seine Weise süß ist, aber er hat wohl auch geschrien, die Windeln gefüllt, und musste sich an dieses Menschenleben gewöhnen, wie jeder das am Anfang seines Lebens tut. Deswegen meine Bitte, rangiert die Krippen aus. Und das »Christkind« gleich mit. Verwendet das Stroh für die Osternester und überlegt wie es denkbar wäre, dass dieser Jesus in einer – für damalige Zeit – normalen Wohnung auf die Welt kam. Einer Hausgeburt in der Wohnung von Verwandten wird das wohl am ähnlichsten gesehen haben. Als Wohnküchen noch üblich waren, hätte man sich Jesus auf einem Kissen im Spülbecken vorstellen können, dies würde den selben Zweck erfüllen wie eine Krippe damals. Wo würden wir ihn heute hinlegen? Vielleicht auf ein Sofa, umgeben von einer Decke, so dass er nicht auf den Boden fällt?

Und so ist Weihnachten, und zwar genauso, wie es tatsächlich als Familienfest gefeiert wird, eventuell recht nah an der Situation in der Maria und Joseph damals waren. Viele in meinem Umfeld reisen über Weihnachten zu ihren Eltern und Verwandten, wie Maria und Joseph. Man trifft sich, hat sich einiges zu erzählen, freut sich aneinander, entdeckt die alten Macken wieder und umschifft die ein oder andere Spannung mehr oder weniger erfolgreich. Und hat auch einiges zu erledigen. Familie eben. Begegnungen finden statt. Normale Menschen sitzen um Tische, unterhalten sich, spielen miteinander, essen. Und ja, da war noch etwas. Die Geschenke. Einige wollen anderen eine Freude machen, haben etwas besorgt, gebastelt. Weihnachten, die ganz normalen menschlichen Festtage mit gutem Essen liegen vor uns. Und vielleicht ist dieses weltliche Weihnachtsfest, ein Fest der Begegnung, in all dem Trubel und ohne den religiösen Kitsch, eine gute Gelegenheit zwischendurch an die Geburt dieses einen Menschen zu denken. Und dann, dann wenden wir uns wieder unseren Familien, Verwandten und Freunden zu und feiern.

FROH! Die Winterausgabe

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Cover der FROH! StillDie Winterausgabe der FROH! mit dem Titel »Still« kam schon vor einer ganzen Weile bei mir an. Bereits beim ersten durchsehen war ich wieder sehr angetan vom Satz der Zeitschrift, der Liebe zum Detail und der Schlichtheit ihrer Gestaltung. Da ich nicht ohne zu lesen etwas schreiben wollte musste dieser Eintrag bis heute warten, aber das Warten hat sich gelohnt.

Im Editorial bringen die Herausgeber die Wirkung des Magazins meiner Ansicht nach sehr gut auf den Punkt, weshalb ich einen Absatz daraus zitieren möchte:

Eigentlich kann man ein Magazin nur lesen und betrachten. Man kann darin blättern und sich daran satt sehen. Aber wenn man ganz leise ist, und sein Ohr auf das Papier legt, hört man Stimmen, die Geschichten erzählen, und Orte, die in der Ferne rauschen. Man hört den Nachhall eines Satzes, der die Weißräume zum Schwingen bringt, und das leise Tropfen von Erinnerungen, die noch nicht ganz getrocknet sind.

Unsere Winterausgabe ist ein sehr stilles Heft geworden, eines für das der Leser selbst still werden muss, um nichts zu überhören. Im Arbeitsprozess haben wir alle Regler auf null gedreht: Wir haben über weite Strecken auf Farben verzichtet und dem Heft zusätzliche 16 Seiten spendiert. Um mehr Platz für leere Räume zu haben.

Die Aufforderung still zu werden, die hier im Editorial formuliert wurde ist meiner Ansicht nach jedoch nichts, dass die Leserin oder der Leser vor Beginn der Lektüre tun muss. Durch die Weißräume, das besondere Papier und die sorgfältig geschriebenen und Ausgewählten Artikel stellt sich die Stille, zumindest in meinem Fall, von alleine ein. Letzten Samstag saß ich nach einem langen Arbeitstag im Zug. Neben mir ein Kaffee und in den Händen die FROH! Ich freute mich an dem Papier, dem Druck und der Gestaltung. Mit jedem Artikel den ich las kehrte etwas mehr Stille ein. In diesem Sinne war die stille FROH! das Beste was mir auf meinem Nachhauseweg passieren konnte.

Auch dieses Mal möchte ich etwas davon erwähnen was mir an diesem Magazin besonders gefallen hat. Die ersten Seiten, von denen ich eine auch hier fotografiert habe, eröffnen die Ausgabe perfekt. Das Zweite was mir aufgefallen ist, sind die Portraits der Personen die zu Beginn des Heftes vorgestellt werden. Diese schlichten Portraits haben meiner Ansicht nach eine sehr starke Aussagekraft, vielleicht gerade durch die Reduktion der Farben und der weichen Linien. Und dann möchte ich noch die Bilder von Donata Wenders erwähnen. Mit extra Weißraum und gekonnt angeordnet entfalten sie ihre ganze Wirkung. Mir gefällt auch wie Donata ihre Art zu fotografieren mit einem Dialog vergleicht und dass ihre Bilder eine Atmosphäre der Vertrautheit ausstrahlen.

Bevor ich euch den Kauf des Magazins empfehlen werde, möchte ich nach dem Klick noch auf das Schweigefuchs-Origami hinweisen. (weiterlesen…)

Ortstermin SüdWest

Montag, 21. Dezember 2009

Ortstermin Sued West / Emergent Deutschland

Ich freue mich heute hier auch noch auf den ersten Ortstermin der Initiative SüdWest innerhalb des Netzwerkes Emergent Deutschland hinweisen zu können. Wir laden am 30.01.2010 von 10 – 18 Uhr ins Haus Bethanien in Karlsruhe-Durlach zu unserem ersten Ortstermin.

Dort werden wir uns dem Thema »Synergie von Theorie und Praxis« widmen und einander etwas näher kennenlernen.

Der Tag soll Raum für lockere Begegnen der Anwesenden, Austausch über das was jede und jeder vor Ort lebt und erlebt und angeregte Gespräche über interessante Vorträge beinhalten. Das Thema wird durch kurze Vorträge angedacht und im gemeinsamen Austausch vertieft werden.

Des Weiteren wollen wir an diesem Tag die weiteren Aktivitäten und Vernetzungsmöglichkeiten unserer Initiative besprechen.

Hier jetzt noch einmal ein Link zur Infoseite des Ortstermins, auf der es auch die Möglichkeit gibt sich anzumelden. Ich würde mich sehr freuen wenn Du Dich anmeldest, denn das gibt uns die Möglichkeit den Rahmen gut zu planen.

William Fitzsimmons

Freitag, 18. Dezember 2009

William Fitzsimmons by Stylespion auf flickr

Mit William Fitzsimmons stelle ich den bisher ruhigsten Musiker, der in meiner iTunes Bibliothek wohnt und dessen Musik mich regelmäßig umgibt, hier vor. Er belegte den ersten Platz in meiner persönlichen Hörercharts der letzten Woche, weshalb ich sehr gerne einen kurzen Artikel zu ihm schreiben wollte. Als ich dann heute Vormittag die wunderschön schlichten Bilder von ihm bei Kai Müller/Stylespion sah war der Moment gekommen. Dank der freundlichen Genehmigung von Kai darf ich sogar das Bild hier zeigen und habe damit einen schönen Aufhänger für diesen Eintrag.

Die Musik von William gefällt mir sehr gut, da sie so zart und zerbrechlich wirkt und gleichzeitig eine ganz eigene Energie versprüht. Auf der last.fm Seite über ihn las ich, dass er als Sohn blinder Eltern aufwuchs, die seine Musikalität förderten. Er selbst studierte Psychotherapie und begann seine Karriere als Musiker nach erworbenem Masterabschluss. Sehr wahrscheinlich trägt genau diese Kombination zu seiner ausdrucksstarken Musik bei, gibt seinen Liedern Tiefe und neben der angesprochenen Zerbrechlichkeit ihre eigene Energie. Ich freue mich, dass er mich in meinem Alltag auf so vielfältige Weise begleitet, und bin einmal mehr dankbar für das Geschenk der Musik.

_

Die Rechte des Bildes liegen bei Kai Müller / Stylespion. Dank seiner freundlichen Genehmigung könnt ihr es hier sehen. Danke.

_

Noch eine kurze Ergänzung: ich finde ja, dass eine gemeinsame Tour von William Fitzsimmons und September Leaves sehr schön wäre. Vielleicht 2010?

Herausforderungen: emerging Church

Dienstag, 15. Dezember 2009

Auf die Antwort des letzten Eintrags folgte eine Frage nach den Schwächen, die ich momentan in der Bewegung sehe. Hier meine Antwort. Was denkt ihr?

Frage: Wie sieht es denn mit den Schwächen der emerging church aus?

Antwort: Ich finde es immer etwas schwierig über „Schwächen“ zu reden. meiner Ansicht nach sind wir schon ausreichend „Problemorientiert“ geprägt. Das sage ich nicht, um zu sagen es gäbe keine Schwächen oder Herausforderungen, wie ich diese Bereiche lieber nenne. Nun werde ich kurz ein paar solcher Herausforderungen skizzieren, und würde mich dann gerne wieder den Möglichkeiten und dem Potential zuwenden:

- wie bereits erwähnt sehe ich eine Herausforderung in der Tatsache, dass die emerging Church Bewegung von Manchen im Sinne eines Modells wahrgenommen wird. Das hat sicher damit zu tun, dass wir mit „neuen Formen“ experimentieren und manches anders aussieht – bzw. manche Bücher in diese Richtung verstanden werden können. Mir sind in der Bewegung der Dialog und das Experimentieren in Verbindung von Praxis und Theorie wichtig und ich verstehe sie keinesfalls als Modell.

- eine andere Herausforderung sehe ich in der kognitiven Auseinandersetzung mit bestimmten Fragestellungen. Eigentlich handelt es sich dabei um eine doppelte Herausforderung. Auf der einen Seite erfordert eine kognitive Auseinandersetzung, die mit dem Anspruch betrieben wird intellektuell Redlich zu sein, eine gewisse denkerische Fähigkeit und einiges an Vorwissen bzw. den Willen sich der eigenen blinden Flecken zu stellen und weitere Informationen und Perspektiven heranzuziehen. Dies verdeutlicht die tatsächlich vorliegende Komplexität der Wirklichkeit bzw. der Fragestellung. Auf der einen Seite schließt dieses Vorgehen manche Menschen aus, die es als intellektuelle Spielerei wahrnehmen oder von den verwendeten Begriffen ausgegrenzt fühlen, auf der anderen Seite führt das zu einer gewissen Sprachlosigkeit, da manch gewohnte Formulierung oder Glaubenspraxis der Komplexität nicht ausreichend Rechnung trägt. Es wird daher weiter die Herausforderung sein, diese Auseinandersetzung integrativ zu betreiben, dabei den Anspruch nicht zu vernachlässigen, und gleichzeitig weiter darum ringen eine angemessene Sprache (wobei ich diesen Begriff hier sehr weit fasse) zu finden.

- die dritte Herausforderung auf die ich eingehen möchte sehe ich in einem Punkt, der eben schon anklang – eine gewisse Sprachlosigkeit. Durch eine dekonstruktivistische Praxis geben manche Beteiligten grundlegende Standpunkte auf, da sie feststellen dass bei all dem was gerade in den Standpunkten nicht formuliert wird eine große Lücke klafft. Dies führt zu einer Sprachlosigkeit die bisweilen sogar zu einer gewissen „Glaubenslosigkeit“ gehen kann. Ich halte dies zunächst gar nicht für ein großes Problem und denke auch, dass gerade in einem solchen Leerraum ein großes Potential steckt. Allerdings stelle ich fest, dass es über diese Situation viel Kommunikationsbedarf braucht um nicht in alte Muster zurück zu fallen oder in diesem Leerraum das Suchen, Fragen, Experimentieren aufzugeben.

- eine Sache, die ich bereits leicht gestreift habe ist auch die Verengung der emerging Church Bewegung auf Kirche bzw. Gemeinde. Darin sehe ich eine starke Herausforderung. Meiner Ansicht nach geht es um das ganze Leben, mit all den unterschiedlichen Bereichen. Dieses ganze Leben möchte ich im Einklang mit Gott, Menschen und Natur leben. Und so sehe ich hier auch keine Trennung, sondern gerade die Chance diese unterschiedliche Bereiche miteinander in einen Dialog zu führen und die Synergien zu beobachten und zu fördern. Darüber hinaus handelt es sich sicher um eine Bewegung von Christen, soll jedoch meiner Ansicht nach nicht mit starren Grenzen versehen werden und sich immer des Dialogs bewusst sein, den ich auch in der anderen Antwort versucht habe zu verdeutlichen.

- eine letzte Herausforderung, auf die ich eingehen möchte, sehe ich in der Verengung der emergenten Bewegung auf das evangelikale Spektrum. Einige der einflussreichen Stimmen der emergenten Bewegung entstammen dem evangelikalen Spektrum und wirken teilweise noch in ihm (dies ist auch weltweit zu beobachten), dennoch halte ich die Bewegung für eine ökumenische Bewegung und freue mich gerade daran, dass dies auch in der Öffentlichkeit stärker so wahrgenommen wird.

_

Soweit meine Gedanken dazu. Wie seht ihr das? Wo seht ihr Herausfoderungen, aber auch Chancen darin?

emerging Church, Frage und Antworten

Montag, 14. Dezember 2009

Letzte Woche habe ich mich bei einem Dienst angemeldet, bei dem es nur darum geht, dass Fragen gestellt werden und die gefragte Person Antworten darauf gibt. Zunächst war es einfach nur Neugier darüber welche Möglichkeiten dieser Dienst bietet, doch während so die ersten Fragen eintrafen merkte ich wie gut es für die Eine oder den Anderen sein kann eine Frage anonym zu stellen. Ein paar Fragen bezogen sich dabei auch auf die emerging Church Bewegung und mein Engagement darin. Heute möchte ich eine dieser Fragen hier aufgreifen, ein paar antwortende Gedanken dazu formulieren und euch Leserinnen und Leser bitten eure Antwortgedanken dazu in den Kommentaren hinzuzufügen.

Frage: Wenn man die emerging church jetzt beurteilen müsste, für was steht sie? Was sind ihre Stärken und Schwächen?

Antwort: Meiner Ansicht nach ist es recht schwer von „der“ emerging Church im Allgemeinen zu sprechen, da es sich bei ihr um eine recht heterogene Bewegung handelt. Dennoch möchte ich mich an einigen Gedanken dazu versuchen:

Eine Besonderheit dieser Bewegung ist das Zusammenkommen der unterschiedlichen Strömungen/Traditionen der weltweiten Christenheit. Es treffen sich Menschen mit großkirchlicher Prägung, aus freikirchlichen Kreisen und Menschen die sich keiner dieser Traditionen zugehörig fühlen. Konservativere und innovativer Persönlichkeiten begegnen einander und suchen ohne Denkverbote und Fraktionszwänge nach Möglichkeiten für Nachfolge, Spiritualität und Kirche in unserer Zeit und Gesellschaft. Ich verstehe die Bewegung als eine ökumenische Bewegung, die die unterschiedlichen Traditionen miteinander ins Gespräch bringt und auf unterschiedlichste Weise Eingang in die Gestaltung der jeweiligen Gegenwart und Zukunft findet.

Den Begriff „Church“ des gebräuchlichen Namens der Bewegung verstehe ich als Kirche weit gefasst. Ich verbinde ihn daher mit der weltweiten Christenheit. Also nicht einer bestehenden Kirche und schon gar keiner konkreten Kirchengemeinde. Diese Spezifizierung meinerseits weist auch auf eine Schwäche hin, manche verbinden mit „emerging Church“ ein bestimmte Gemeinde, oder gar ein Modell, eine bestimmte Art Gottesdienst zu feiern… Für mich stehen die Fragen nach Nachfolge und Spiritualität vor den Fragen der Organisation. Auf diese Weise sehe ich die Bewegung genauso in traditionellen Kirchen wie in kleinen innovativen Gemeinschaften entstehen bzw. konkrete Formen annehmen. Meiner Ansicht nach bezeichnet der Begriff eine Bewegung die sich des konkreten Lebens annimmt und diese so genannten praktischen Aspekte mit so genannter theoretischer Reflexion verbindet.

Ein wichtiger Wert der Bewegung ist meiner Ansicht nach der Dialog. In diesem Sinne stehen unterschiedliche Personen und damit auch Positionen im Dialog miteinander. Dieser Dialog beschränkt sich weder auf die „Gemeindepraxis“, die „Theologie“ oder gar auf den „Kreis der Christen“, sondern geht bewusst weit darüber hinaus. Unterschiedliche Disziplinen werden gehört und sowohl ihr Vorgehen als auch ihre Ergebnisse werden reflektiert. Und auch in persönlichen Begegnungen steht der Wert des Dialogs im Zentrum. Im Bewusstsein der Notwenigkeit lebenslang zu lernen finden Begegnungen und Austausch statt. Eine Position oder Erkenntnis wird nicht als letztgültig angenommen, sondern als Prozess verstanden auf den unterschiedliche Faktoren Einfluss haben und der immer nur vorläufig bleiben wird. Überall wird nach den Spuren Gottes Ausschau gehalten. In jeder Situation und in jeder Begegnung mit einer Person wird die Möglichkeit angenommen dass Gott kommuniziert. Dies führt natürlich auch zu einem grundsätzlich anderen Verständnis von Mission. So wird diese allgemein gesprochen als Partizipation am Handeln Gottes verstanden. Es geht nicht (vielleicht muss ich der Vollständigkeit halber, da ich nicht nur für mich reden möchte, hinzufügen „nur“) darum zu erleben, dass jemand den Weg der Nachfolge einschlägt, sondern allgemein um die Partizipation am Handeln Gottes in den unterschiedlichsten Bereichen (hier seien gerade auch Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit genannt).

Meiner Ansicht nach handelt es sich um eine Bewegung, der es darum geht ganzheitlich zu leben. Die unterschiedlichen Lebensbereiche werden bewusst verbunden, ein möglicher Dualismus, der sich beispielsweise an der unterschiedlichen Gewichtung von Geist und Materie zeigt, wird stark in Frage gestellt und zum Teil durch das Aufzeigen seiner Wurzeln entkräftet.

Ein Dialog mit der Gesellschaft als solcher wird praktiziert, und zwar ohne Hintergedanken, sondern um des Dialogs und der Teilnahme an gesellschaftlichen Vollzügen wegen. So wird beispielsweise Kultur um der Kultur willen gefördert.

Mir scheint als könnte ich hier noch sehr lange weiter schreiben, will es aber hiermit zunächst bewenden lassen und freue mich auf die Kommentare und evtl. weitere Nachfragen.

…also bin ich.

Freitag, 11. Dezember 2009

Auf der Suche nach einem stimmigen relationalen Ansatz stolperte ich gestern beim Lesen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte auf einen Gedanken, der mich zu einer Dekonstruktion des bekannten Satzes von René Descartes führte.

Descartes war im Angesicht aller Aporien zur Aussage „Ich denke, also bin ich!“ gekommen. Diese stellte er als unerschütterliche Grundlage fest. Auch wenn alles andere ungewiss sei, so sei dennoch er es der zweifle, und da er in diesem Zweifeln sich erkannte, so stehe zumindest fest, dass er existiere. Auf der Basis dieser Erkenntnis rekonstruierte er schließlich die Erkenntnisfähigkeit.

Auch wenn, wie immer die Möglichkeit besteht dass ich mich irre, so schließe ich dass dieser Aussage und der Erkenntnis die Annahme der Definition einer Person nach Boëthius steht. Boëthius hatte die Person ja als unteilbare („individuelle“) Substanz rationaler (vernünftiger) Natur bezeichnet. Das denken oder zweifeln im Sinne von Descartes fände demnach innerhalb des Individuums statt, möglicherweise sogar unabhängig seines Umfeldes.

Die klassische Definition einer Person nach Boëthius gilt in Kreisen die sich mit relationalen Ansätzen beschäftigen als abgelöst. Person wird vielmehr von den Beziehungen her gedacht. Es wird von den Vielen zum Einzelnen gedacht. Die Beziehungen spielen dabei eine besondere Rolle. Es geht mehr um die Interaktion, den Prozess als um eine Substanz. Das autonome Selbst von dem Boëthius spricht wird lediglich als Illusion wahrgenommen.

Die Person ereignet sich in der Begegnung. Erst in der Begegnung mit einem Anderen entsteht die Person. Ohne Du gäbe es demnach kein Ich. Auf das Plakat unseres Workshops im Rahmen des Emergent Forums schrieb ich auf anraten von Tobias Künkler »Wer bin Ich ohne Dich?« – diese Frage gemäß eines relationalen Denkens zu beantworten führte zu der Antwort: »Ohne Dich wäre Ich nicht.«

Wollte man einen ähnlichen Satz wie Descartes formulieren, könnte man sagen »Du begegnest mir, also bin ich!« Dazu sollte noch gesagt werden: »Ich begegne dir, also bist du!« Mit diesen Aussagen deutet sich die Interdependenz an, die Person wird von der Begegnung, von den Beziehungen her gedacht. Einander zu begegnen wird als konstitutives Ereignis der Person verstanden. Dennoch geht das Individuum nicht im Wir auf, sondern steht in Beziehung zum Du.

Wie liest sich dein Satz zu dieser Thematik?

Konstruktion der Wirklichkeit

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Gestern Abend habe ich mich mit einer Freundin über den multiplen Roman von Nanni Balestrini unterhalten. Balestrini komponierte diesen Roman und dekonstruiert damit gekonnt die Gattung Roman. Wie macht er das?

Zunächst ist zu sagen, dass Balestrinis Roman »Tristano« eine Komposition von Zitaten aus unterschiedlichen Werken ist. Er führt hier „normale“ Romane, Groschenromane, Reiseführer und Sachbücher zusammen. Der Roman hat zehn Kapitel und jedes Kapitel besteht aus derselben Anzahl von Abschnitten. Diese Abschnitte sind so konzipiert, dass sie in beliebiger Form wiedergegeben werden können. Genau das macht die digitale Drucktechnik nun möglich, weshalb keines der 2000 deutschsprachigen Exemplare die selbe Reihenfolge besitzt. Innerhalb des Romans taucht jeder Satz an zwei unterschiedlichen Stellen auf. Alle Namen, seien sie von Personen oder Orten wurden durch ein einfaches C ersetzt.

Aus dieser kurzen Beschreibung wird schon deutlich, dass dem Roman wichtige Elemente „fehlen“. Er besitzt keinen Erzählstrang. Die Ereignisse folgen nicht einer bestimmten Reihenfolge, daher existiert weder ein Höhepunkt noch sonstige Spannungsbogen. Es ist keine klare Identifikation mit Personen oder Orten möglich. Da es sich lediglich um Zitate aus unterschiedlichen Büchern handelt finden sich ganz unterschiedliche Personen und Orte in dem Buch, so dass es nicht einmal möglich ist an bestimmten Charakteren zu orientieren. Wie bereits gesagt dekonstruiert Balestrini damit den Roman.

Interessant ist bei der Lektüre jedoch, dass in den Gedanken der Leserin oder des Lesers ein Bild entsteht. Eine Geschichte beginnt sich zu formen. Bilder der Szenen bilden sich vor dem inneren Auge ab und man findet sich in der Geschichte wieder. Meiner Ansicht nach ist Balestrini mit diesem Roman ein Geniestreich gelungen. Er führt uns damit vor Augen, dass vieles von dem was wir in Texten lesen „in uns“ bzw. in der Interaktion mit dem Text, unseren Erfahrungen und den Menschen in unserem Umfeld entsteht.

Damit will ich nicht sagen, dass es durch eine bestimmte Komposition nicht möglich ist die Leserin oder den Leser mit in ein Thema zu nehmen oder bestimmte Erlebnisse anzuregen. Ein eindeutiges: hier steht es schwarz auf weiß jedoch, ist angesichts solcher Erkenntnisse schwerlich zu vertreten.

Relationalität von Kindern lernen

Dienstag, 08. Dezember 2009

Durch das aufmerksame Beobachten von Kindern lässt sich sehr viel darüber lernen, was Kultur ist. Als Beispiel sei hier die Erkenntnis angeführt, dass Sprache nur eine Übereinkunft bestimmter Symbole ist. In Anlehnung an den letzten Eintrag möchte ich heute aus dieser Sicht etwas zum Werden des Ich am Du schreiben.

Menschen kommen als biologische Mängelwesen zur Welt. Sie sind mit zu wenigen Instinkten ausgestattet um sich alleine auf dieser Welt zurecht zu finden. So lernen sie zuerst durch Beobachtung und später durch Nachahmung ihrer Bezugspersonen wie in ihrem Umfeld gelebt wird. Ab einem bestimmten Alter folgen sie der Bezugsperson an jeden Ort und ahmen die Handlung dieser genau nach. Diese wohlbekannten Beispiele deuten bisher noch hauptsächlich auf das Handeln des Menschen hin.

Deutlicher wird das Werden des Ich am Du jedoch bezüglich der Emotionen. Interessante Studien der Forschergruppe um Peter Fonagy beschreiben die Entwicklung des Selbst als Interaktionsgeschichte. Durch die Spiegelung der eigenen emotionalen Regungen des Säuglings durch die Bezugsperson lernt dieser Stück für Stück seine eigenen Emotionen wahr zu nehmen. Die Wiederholung der emotionalen Regungen unterscheiden sich meist im Stil von den eigenen emotionalen Regungen. Dadurch entdeckt der Säugling die eigenen Regungen an der Bezugsperson. Diese Spiegelungen stellt der Säugling in diesen Interaktionen in Beziehung zu sich selbst, da er die Spiegelung von den Regungen der Bezugspersonen unterscheiden lernt. In diesen Interaktionen lernt er seine eigenen emotionalen Regungen wahr zu nehmen und diese mit bestimmten Kennzeichen zu versehen. Auf diese Weise erkennt sich der Säugling von den anderen her. Beobachtungen dieser Art lassen sich noch auf weitere Interaktionsbereiche zwischen Bezugspersonen und Säuglingen übertragen, beispielsweise auf die Reaktion des Säuglings auf die vertraute Bezugsperson im Vergleich zu anderen Personen aus seinem Umfeld oder Unbekannten.