Mit großem Interesse beobachte ich wie das aktuelle Buch von Peter Rollins aufgenommen wird. »Insurrection« erschien vor einem Monat und hat es mittlerweile auf das ein oder andere Blog geschafft. Mir scheint es, als bringe dieses Buch, und damit die explizit geäußerten Gedanken von Peter, eine gewisse Klärung theologischer Positionen in der emergenten Bewegung. Was mir an dem Buch besonders gefällt ist, dass es meiner Ansicht nach das bisher konkreteste Buch von Rollins ist.
Interessanterweise wird seine Dekonstruktion von Begriffen aus der christlichen Tradition stark angegangen, und die Frage nach dem was geglaubt wird, also was für wahr angenommen wird, rückt in den Mittelpunkt. Und dabei rückt die Frage nach dem Leben in den Hintergrund. Mir scheint jedoch, und das kann man existentialistische Deutung nennen, dass es Peter vor allem um das Leben, das Handeln geht.
Man fragte mich einmal ob ich die Auferstehung leugne. Ich antwortete: Selbstverständlich. Jeder der mich kennt weiß, dass ich die Auferstehung leugne. Jedes mal wenn ich meinem Nächsten nicht helfe, jedes mal wenn ich an Menschen vorüber gehe die arm sind, verleugne ich die Auferstehung. Jedes mal wenn ich an einem ungerechten System teilnehme, verleugne ich die Auferstehung.
Und ich bestätige die Auferstehung. Ab und zu bestätige ich die Auferstehung, wenn ich mich für diejenigen einsetze die am Boden sind. Ich bestätige die Auferstehung wenn ich für die Menschen spreche deren Zungen gelähmt sind, wenn ich für die Menschen weine die keine Tränen mehr haben. Das ist es, was wir zu tun versuchen.
Quelle: Vortrag von Peter Rollins auf der Konferenz »Poets Prophets and Preachers«, 2009.
In diesem Zusammenhang erscheint es mir leicht zu sagen, dass die emergente Bewegung vor allem darauf Wert legt wie wir leben, und nicht so sehr darauf konzentriert ist was geglaubt wird. Sich also mehr mit der Orthopraxie als mit der Orthodoxie beschäftigt. Dekonstruiert dann jedoch jemand die liebgewonnen Begriffe, und betont das Leben, dann wird es eng. Dann wird die Frage nach der Orthodoxie laut.
Im fünften Kapitel kommt Rollins auf das Problem der Differenz von Reden und Handeln zu sprechen. Hinter der Konzentration darauf diese Differenz zu überwinden stecken seiner Ansicht nach drei miteinander verbundene Probleme:
- Dieser Ansatz wertet Glauben stärker als Handeln.
- Die Betonung der Überwindung dieser Differenz macht deutlich, dass wir diese Differenz für zu wichtig nehmen. Unser Handeln bleibt nicht hinter unserem Glauben zurück, vielmehr ist unser Handeln der konkrete Ausdruck unseres Glaubens.
- Das Streben nach dieser Überwindung stellt selbst ein Hindernis dar, uns tatsächlich zu verändern.
Quelle: Peter Rollins, Insurrection, Seiten 102-103.
Im weiteren Verlauf des Kapitels spricht er über die Aussage von Paulus, dass uns alles erlaubt, jedoch nicht alles gut für uns ist, nach 1.Korinther 6,12, und deutet sie auf Gnade hin.
»In grace we are able to accept that we are accepted and, in this very act of knowing we do not have to change, we discover the ability to change. It is in experiencing the license of grace rather than the legalism of prohibition the real transformation becomes possible.«
Quelle: Peter Rollins, Insurrection, Seite 105.
Hier kommt dann wieder der radikale Ansatz von Zizek zum Tragen. Die Kirche fordert zwar eine grundlegende Änderung von uns, bringt uns durch Anklage in eine Abwehrende Haltung, und bietet uns, mit ihrem Programm, eine Möglichkeit an, uns vor uns selbst zu verstecken und so zu bleiben wie wir sind.
Das revolutionäre des Christentums jedoch ist die Konfrontation mit unseren Abgründen, und die gleichzeitige bedingungslose Annahme. Auf diese Weise befreit es uns in Gnade zu einem Leben der Auferstehung. Ein Leben in Mitten des Todes wird möglich, ein lebensbejahendes Leben.