Abendmahl

Vor einigen Tagen las ich den Artikel “Warum Leib und Körper nicht dasselbe sind” von Peter Aschoff. Beim ersten lesen fand ich seine Gedanken und Beobachtungen interessant, und irgendwie ließ mich der Artikel nicht los, und ich dachte ab und an wieder darüber nach.

Bisher hatte ich die beiden Begriffe ebenfalls synonym verwandt, Leib jedoch für veraltet gehalten. Bei den Arbeiten an einem gemeinsamen Artikel für das Buch “Beziehungsweise Leben” hatte ich damals auch Diskussionen mit DoSi über die beiden Begriffen, bei denen er sich mit seinen Argumenten für Leib durchsetzte. Durch Peters Artikel und den Wikipedia-Eintrag wurde mir der Unterschied der beiden Begriffe erneut bewusst. Allerdings bleibt es für mich nach wie vor fraglich, wie mit der dort dargestellten Bedeutung Konstruktionen wie “Leibfeindlichkeit” und die “Leib-Seele-Geist” Problematik zu erklären sind.

Aber zurück zum Abendmahl. Das Abendmahl hat für mich in der gemeinsam gelebten Spiritualität eine wichtige Bedeutung.

Ich ziehe das tatsächliche gemeinsame Essen jedem anderen Rahmen des Abendmahls vor. Aus meiner Sicht kommt das Mysterium des Abendmahls an einem Tisch sitzend und das Essen teilend am besten zur Geltung. Dieses gemeinsame Essen muss nicht immer ein opulentes Mahl sein, eindrucksvoll in Erinnerung ist mir noch unser letztes Mahl in der Hausgemeinschaft bei belegten Brötchen und gutem Wein. In solchen Zusammensetzungen vermisse ich keine andächtige Stille, sondern freue ich mich gerade an geteiltem Leben, in diesem Geist der wertschätzenden Zuwendung.

Abendmahl kann meiner Ansicht nach jedoch auch auf größeren Veranstaltungen stattfinden. Dabei experimentiere ich gerne mit unterschiedlichen Formen des Empfangens von Brot und Wein. Dies kann aus meiner Sicht sowohl mit Zuspruch durch Austeilende geschehen, als auch in sterilen Päckchen, die alleine in der Gruppe meditativ empfangen werden. Eindrücklich war ein solches Abendmahl für mich am Samstagabend des Emergent Forums 2011 in Essen. In solchen größeren Zusammenhängen finde ich allerdings all zu persönliche Elemente unangemessen.

Einige Worte zur Einstimmung beim Abendmahl empfinde ich als sehr wichtig. Hier würde ich jedoch stark zwischen der Veranstaltungsart unterscheiden. Ab und an dürfen das gerne Worte in Anlehnung an die biblische Überlieferung sein. Aus meiner Sicht lassen sich jedoch auch andere Aspekte des Abendmahls betonen und erleben, wozu in einigen Fällen andere Worte und Gedanken helfen. Im Falle eines eher individuell gestalteten Abendmahls finde ich sowohl kleine Kärtchen oder eine Stationsbeschreibung stimmig, und würde dies beispielsweise laut aus der Bibel vorgelesenen Einsetzungsworten vorziehen.

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Atheistische Lesart

Wir waren ja schon im letzten Eintrag bei der Religion für Atheisten. Gestern Abend las ich noch eine gute Ergänzung von Kester Brewin. Sein erster Eindruck des Buches ist, dass de Botton das Schöne der Religionen aufnimmt um damit das Leben der “Neuen Neuen Atheisten” zu bereichern. De Botton stimmt Brewin in den Kommentaren zu, dass es nicht nur um das Schöne geht, sondern gerade auch um gelebte Gerechtigkeit. Das eigene Handeln wird von Brewin als atheistische Lesart des Christentums “von innen” verstanden. Es gibt keinen Streit mehr darüber dass Gott tot ist, es stellt sich vielmehr die Frage wie man mit seinem Leichnam umgeht.

The religious who are turning to an atheist reading of their faith are doing something different. God is dead, but that means that we have to take up the challenges of that absence… and that’s perhaps a more demanding road. I can’t speak from anything more than a Christian perspective on this, but it seems to me that this is not so much gaining ‘ahhh’ moments from beautiful buildings, but taking a long hard look at the scorched earth once those buildings have been torched, and wondering what is left.

Because an atheist reading of Christianity is not about polite rituals and ‘big society’ moments of collective goo. It is not about human beings rejecting God and becoming atheists. It is about God rejecting God and becoming an atheist himself. The core of Christianity is as radical as that. Jesus beat de Botton to ‘religion for atheists’ by about 2000 years; the problem is, the path he set out was so challenging that it has been almost totally rejected. Why? Because the move from religion to an atheist reading of religion is not about experiencing the sacred in the remains of religious beauty, but about experiencing the abandonment and desolation, the responsibility to the rest of humanity, when we realise the sacred is not found in the stain glass, but in the slum outside the church.

Quelle: kesterbrewin.com

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Religion für Atheisten

Seit einiger Zeit folge ich Alain de Botton auf Twitter. Seine Gedankenfetzen und Anmerkungen finde ich sehr inspirierend. Irgendwann begann er damit immer öfter über Elemente von Religion zu schreiben, und schließlich stellte sich heraus, dass er im Januar ein Buch mit dem Titel »Religion for Atheists« veröffentlicht. In diesem Buch folgt er dem Gedanken, dass auch wenn Religion unwahr ist, die säkularisierte Gesellschaft das Gute davon behalten sollte. Das Buch werde ich wohl demnächst lesen, bis dahin verfolge ich die Artikel darüber weiter interessiert.

Auf der Webseite des Guardian erschien ein Artikel von de Botton, indem er skizziert was die Kunst und die Museen von Religion lernen können. Darin geht er zunächst darauf ein, dass eine Leere entsteht, wenn Kunst nur um ihrer selbst Willen existieren soll. Religiöse Kunst folgt, nach den Beobachtungen de Bottons, einem gewissen Zweck, sie will die Betrachter auf bestimmte Bereiche aufmerksam machen, und dazu beitragen, dass sie ein gesunderes und stimmigeres Leben führen. Sie hat also eine Aussage. Die Aussage kann zwar einfach sein, das Kunstwerk hingegen nicht platt. Museen könnten die neuen Kirchen sein, Orte an denen man zur Ruhe findet, Kraft tanken kann, und gestärkt weitergeht.

The challenge is to rewrite the agendas for our art museums so that collections can begin to serve the needs of psychology as effectively as, for centuries, they served those of theology. Curators should attempt to put aside their deep-seated fears of instrumentalism and once in a while co-opt works of art to an ambition of helping us to get through life.

Quelle: Alain de Botton auf guardian.co.uk

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Versionsnummer

Heute bekam ich überraschenderweise die Möglichkeit Skoobe, eine Plattform über die elektronische Bücher ausgeliehen werden können, zu testen. Über die App zu einem späteren Zeitpunkt mehr.

Mit großer Lust mal wieder etwas mehr am Stück zu lesen, schmökerte ich in Büchern von Richard David Precht, Peter Sloterdijk und in “Gott 9.0″ von Marion Küstenmacher, Tilmann Haberer und Werner Tiki Küstenmacher.

Auf das Vorwort von Richard Rohr folgt ein Einführung der Autoren in das Buch. Kurz gesagt wenden die drei Autoren Erkenntnisse der “Spiral Dynamics” von Ken Wilber und Clare Graves auf Gottesvorstellungen an. Diesbezüglich schreiben sie über ihre ersten Begegnungen mit den Studien von Graves folgendes:

“Als wir das erste Mal von dieser Theorie hörten, waren wir als Theologen wie elektrisiert. Denn Graves stellte bei seinen sozialpsychologischen Forschungen fest, dass sich auch die Gottesvorstellungen nach festen, vorhersagbaren Mustern verändern. Wenn jemand “Gott” sagt, müsste er eigentlich dazu die Stufe seiner Entwicklung nennen, sozusagen die Versionsnummer seines Gottesbegriffs.”

Diese Aussage, das Vorwort von Richard Rohr und der erste Eindruck beim Überfliegen des Inhaltsverzeichnisses weckten in mir den Wunsch dieses Buch tatsächlich zu lesen. Mal sehen ob ich mir in den kommenden Wochen die Zeit dazu nehme.

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Geborensein

Advent kann dabei helfen unser Geborensein zu reflektieren. In dieser Zeit der Erwartung des zur Welt Kommens Gottes in Jesus, können wir neu über Maria nachdenken. Eine junge Frau in deren Leib Jesus heranwuchs. Auch darüber wie diese Schwangerschaft für sie und ihren Verlobten Joseph war. Und während wir dabei auf das Eingehen Gottes in das Bezugsgewebe der Menschen stoßen, erkennen wir unser eigenes Sein als Geborene. Menschen die von einer Mutter geboren wurden, und Zeit unseres Lebens immer in Bezogenheit frei sind:

Wir alle kommen aus lebendigem Leib und bleiben zeitlebens abhängig von Luft, Wasser, Erde und allem, was sie hervorbringen, von anderen Menschen, von Traditionen und Liebe. Das Geborenwerden als Ende der Verwobenheit in den Leib einer ANDEREN zu denken, mag ein trügerisches Gefühl der Befreiung erzeugen, wird aber den Tatsachen nicht gerecht. Denn alle bleiben, bis sie sterben, verwoben in den Leib der Welt: in den Kosmos, die Sprache, ins Herkommen, ins Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten. Abnabelung findet statt, insofern an die Stelle des Mediums Mutterleib die Fähigkeit tritt, direkt mit der Welt in Beziehung zu treten. Sie findet nicht statt im Sinne der losgelösten Freiheitsidee, um die das schwangerschafts- und geburtsvergessene westliche Denken bis heute kreist.

Quelle: Ina Praetorius, Gott dazwischen, Seite 33.

Einen spirituellen Erlebnisraum zum Advent vorbereitend, denke ich gerade über Geborensein und Freiheit in Bezogenheit nach. Mir scheint als gewönnen für mich dadurch Advent und Weihnachten eine neue Bedeutung …

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Aufstand

Das siebte Kapitel von »Insurrection« steht unter dem Stern des Aufstandes. In Anlehnung an Epheser 6,12 schreibt Rollins darüber, dass dem Leben in der Auferstehung eine »ethische Gewalt« innewohnt. Es handelt sich dabei nicht um eine Gewalt gegen Individuen, sondern um eine Gewalt gegen Systeme, die unterdrücken, zerstören und den Tod bringen. In diesem Kapitel folgt er eindeutig den Gedanken Žižeks, wie Kilian auch dort in den Kommentaren treffend angemerkt hatte.

Ignoranz

Ähnlich wie Žižek geht er auf Ersatzhandlungen und die Konzentration auf Symptome der Ungerechtigkeit ein. Seiner Ansicht nach wird das System am ehesten dadurch verändert, dass es ignoriert wird. Als Beispiel hierfür kommt er erneut auf Mutter Theresa zurück. Sie hatte sich nicht dem Kampf der Überwindung der Kasten verschrieben, sondern durch ihre Gleichbehandlung aller das Kastensystem ausser Kraft gesetzt. Sie ignorierte das ungerechte System und konnte es auf diese Weise in ihrem Umfeld überwinden. Sie half Menschen in Not, egal welcher Kaste diese angehörten.

Alternatives Zusammenleben

In dieser Weise sieht er auch das Formen von Gruppen, deren Zusammenleben durch die Überwindung des ungerechten Systems geprägt ist. Sie kämpfen nicht gegen die Symptome der Ungerechtigkeit, sondern setzen dieses System in ihrem Zusammenleben ausser Kraft. Als Beispiel für solche Gruppen führt er die Pirateninseln an, die es damals im Britischen Weltreich gab. Sie waren nicht völlig abgeschlossen und lagen ausserhalb, sondern waren alternative Gesellschaften innerhalb des Reiches.

Wie bereits im Artikel zum vorangehenden Kapitel deutlich wurde, geht es Rollins um das Leben. Am Ende dieses Kapitels geht er noch kurz auf den häufig von ihm gebrauchten Begriff »a/theism« ein. Diesen charakterisiert er folgendermaßen:

»In the Cross we witness both the destruction of religion and the sublimation of atheism. In the Garden of Gethsemane, Jesus forsakes everything for God (the highest religious gesture) but, on the Cross we bear witness to Christ being forsaken by God (the atheistic moment). Then, in the Resurrection, we discover that God remains, dwelling in our very midst through the embrace of life. This is where the radical doubt of the Crucifixion is rendered sublime, where a new understanding of God is born and a type of a/theistic Christianity is glimpsed. We may call this opening a/theism insomuch as we witness the move from traditional theism, through atheism to something that unifies and transcends them. A place where, as Bonhoeffer described, one takes full responsability for one’s existence as though God did not exist and, in fully doing so, lives fully before God.«

Quelle: Peter Rollins, Insurrection, Page 160.

A/theism kann demnach am Besten in den Worten Bonhoeffers aufgefasst werden. In den Briefen, die Bethge in »Widerstand und Ergebung« festgehalten hat, schreibt Bonhoeffer, dass wir selbstverantwortlich leben müssen, als gäbe es Gott nicht, das wiederum erkennen wir vor Gott.

»Vor und mit Gott leben wir ohne Gott.«

Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, Seite 394.

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Liebe ist ein Verb

Wenn ich mich richtig erinnere, haben wir damals zu Verben “Tun-Wort” gesagt. Im sechsten Kapitel des Buches “Insurrection” geht es Peter Rollins meines Erachtens genau darum. Das Leben der Auferstehung ist geprägt vom Tun der Liebe, auch und gerade angesichts der hässlichen Fratze die wir in unserem Leben zu sehen bekommen.

Wie bereits in meinem letzten Artikel zu diesem Buch geschrieben, geht es Rollins um das Ausleben er Auferstehung. So schreibt er auch hier, dass wir auf die Frage “Glaubst du an Gott?” am Besten antworten sollten: “Das erfährst du von meinen Freunden, nein noch besser, frage bei meinen Feinden nach.”

“Die Liebe sagte: Ich bin Gott.” ist seine bewusste Verdrehung der Aussage “Gott ist Liebe.” Und so liest sich das sechste Kapitel als engagiertes Plädoyer für gelebte Liebe. Die Auferstehung gibt uns die Möglichkeit liebend zu leben. Sie verführt uns nicht zur Weltflucht, sondern lässt uns das Leben annehmen. Wir tauchen in diese Welt ein, leben in ihr. In einem menschlichen/humanem Leben sind wir Gott ähnlich, wir verkörpern ihn. Er ist gegenwärtig wenn wir liebend leben.

Diese Gegenwart versteht er mit Bonhoeffer als ein Leben mit Gott, als gäbe es Gott nicht. Hier bleibt sich Rollins treu, und spricht von einem religionslosen Christentum. Die Rettungsdecke “Gott” wird im liebenden Tun nicht ausgerollt. Vielmehr handelt es sich um ein “Tun-Wort”, lieben. Liebe kann man nicht sehen, aber sie verändert alles was wir sehen / wie wir es sehen. Gott steht auch nicht mit einem fertigen Drehbuch hinter den Kulissen uns sieht zu ob wir die uns zugedachte Rolle ausfüllen, sondern wir sind eingeladen unser Leben nach bestem Wissen und Gewissen in dieser Welt zu leben:

In Ressurection life we find the courage to face up to this terrifying freedom, we grow the muscles needed to bear its weight, and we discover the compassion required to act. In this new mode of life, we find the conviction required to fully assume responsibility for our fleeting, fragile existence. We are unchained from the shackles that would bind us to some divine script already written and instead experience destiny as something wie participate in through a full and loving embrace of the world.

Quelle: Peter Rollins, Insurrection, Seite 136.

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Auferstehung?

Mit großem Interesse beobachte ich wie das aktuelle Buch von Peter Rollins aufgenommen wird. »Insurrection« erschien vor einem Monat und hat es mittlerweile auf das ein oder andere Blog geschafft. Mir scheint es, als bringe dieses Buch, und damit die explizit geäußerten Gedanken von Peter, eine gewisse Klärung theologischer Positionen in der emergenten Bewegung. Was mir an dem Buch besonders gefällt ist, dass es meiner Ansicht nach das bisher konkreteste Buch von Rollins ist.

Interessanterweise wird seine Dekonstruktion von Begriffen aus der christlichen Tradition stark angegangen, und die Frage nach dem was geglaubt wird, also was für wahr angenommen wird, rückt in den Mittelpunkt. Und dabei rückt die Frage nach dem Leben in den Hintergrund. Mir scheint jedoch, und das kann man existentialistische Deutung nennen, dass es Peter vor allem um das Leben, das Handeln geht.

Man fragte mich einmal ob ich die Auferstehung leugne. Ich antwortete: Selbstverständlich. Jeder der mich kennt weiß, dass ich die Auferstehung leugne. Jedes mal wenn ich meinem Nächsten nicht helfe, jedes mal wenn ich an Menschen vorüber gehe die arm sind, verleugne ich die Auferstehung. Jedes mal wenn ich an einem ungerechten System teilnehme, verleugne ich die Auferstehung.

Und ich bestätige die Auferstehung. Ab und zu bestätige ich die Auferstehung, wenn ich mich für diejenigen einsetze die am Boden sind. Ich bestätige die Auferstehung wenn ich für die Menschen spreche deren Zungen gelähmt sind, wenn ich für die Menschen weine die keine Tränen mehr haben. Das ist es, was wir zu tun versuchen.

Quelle: Vortrag von Peter Rollins auf der Konferenz »Poets Prophets and Preachers«, 2009.

In diesem Zusammenhang erscheint es mir leicht zu sagen, dass die emergente Bewegung vor allem darauf Wert legt wie wir leben, und nicht so sehr darauf konzentriert ist was geglaubt wird. Sich also mehr mit der Orthopraxie als mit der Orthodoxie beschäftigt. Dekonstruiert dann jedoch jemand die liebgewonnen Begriffe, und betont das Leben, dann wird es eng. Dann wird die Frage nach der Orthodoxie laut.

Im fünften Kapitel kommt Rollins auf das Problem der Differenz von Reden und Handeln zu sprechen. Hinter der Konzentration darauf diese Differenz zu überwinden stecken seiner Ansicht nach drei miteinander verbundene Probleme:

  1. Dieser Ansatz wertet Glauben stärker als Handeln.
  2. Die Betonung der Überwindung dieser Differenz macht deutlich, dass wir diese Differenz für zu wichtig nehmen. Unser Handeln bleibt nicht hinter unserem Glauben zurück, vielmehr ist unser Handeln der konkrete Ausdruck unseres Glaubens.
  3. Das Streben nach dieser Überwindung stellt selbst ein Hindernis dar, uns tatsächlich zu verändern.

Quelle: Peter Rollins, Insurrection, Seiten 102-103.

Im weiteren Verlauf des Kapitels spricht er über die Aussage von Paulus, dass uns alles erlaubt, jedoch nicht alles gut für uns ist, nach 1.Korinther 6,12, und deutet sie auf Gnade hin.

»In grace we are able to accept that we are accepted and, in this very act of knowing we do not have to change, we discover the ability to change. It is in experiencing the license of grace rather than the legalism of prohibition the real transformation becomes possible.«

Quelle: Peter Rollins, Insurrection, Seite 105.

Hier kommt dann wieder der radikale Ansatz von Zizek zum Tragen. Die Kirche fordert zwar eine grundlegende Änderung von uns, bringt uns durch Anklage in eine Abwehrende Haltung, und bietet uns, mit ihrem Programm, eine Möglichkeit an, uns vor uns selbst zu verstecken und so zu bleiben wie wir sind.

Das revolutionäre des Christentums jedoch ist die Konfrontation mit unseren Abgründen, und die gleichzeitige bedingungslose Annahme. Auf diese Weise befreit es uns in Gnade zu einem Leben der Auferstehung. Ein Leben in Mitten des Todes wird möglich, ein lebensbejahendes Leben.

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Leitungsverweigerer

Nach dem Eintrag zum dritten Kapitel des Buches »Insurrection« verließ ich die Reihenfolge und verwies auf einen Abschnitt aus dem letzten Kapitel. Nach längerer Pauses schreibe ich heute etwas zum vierten Kapitel. Eigentlich verwende ich das vierte Kapitel mehr als Sprungbrett um über einen Aspekt zu schreiben, der in diesem Kapitel angesprochen wird – Leitung.

Gestern Abend las ich einige Artikel in meinem Feedreader, darunter waren auch zwei Artikel des Blogs »The Church and Postmodern Culture«, in dem zur Zeit ein paar Artikel zu »Insurrection« veröffentlicht werden, auf die wiederum Peter Rollins eingeladen ist in einem eigenen Artikel zu reagieren. Ich begann meine Lektüre mit einem Artikel von Dr. Katharine Moody, die vor allem auf das vierte Kapitel einging.

Die im Kapitel angesprochene Problematik – dass einige Pastoren zwar zweifeln, ihre Zweifel jedoch nicht in ihrer Gemeinde artikulieren können, gleichzeitig jedoch einige Gemeindeglieder ihre Zweifel zulassen, da sie annehmen der Pastor glaube ja für sie – ergänzt sie durch ein allgemeines in Frage stellen von Leitung. Hier weist sie zunächst auf Rollins Gedanken zu Leitern hin, die es verweigern zu leiten. Diese Leitungsverweigerung müsse ihrer Ansicht nach durch den Ansatz von Slavoj Žižek ergänzt werden, der davon spricht, dass eine Gemeinschaft verweigern sollte geleitet zu werden. Zur weiteren Auseinandersetzung mit diesen Gedanken empfehle ich die Lektüre des Artikels von Dr. Moody. Rollins greift in seiner Reaktion diesen Gedanken auf und bedankt sich für den Hinweis auf die Notwendigkeit der Verweigerung einer Gemeinschaft geleitet zu werden.

Leitungsverweigerung

Leitungsverweigerung war ein Wort das mir in diesem Zusammenhang einfiel. In meinen Auseinandersetzungen mit Möglichkeiten von Gemeinde in unserer Zeit wurde ich immer mehr zum Leitungsverweigerer. Immer wieder wurde dies auf meine Erlebnisse geschoben, und ich wurde dazu ermutigt meine „Leitungsgabe“ auszuleben. Man kann sich sicher darüber streiten, was Leitung bedeutet, allgemein gesprochen lehne ich das meiste was ich diesbezüglich bisher gesehen habe immer noch ab – und sehe die Chance der emergenten Bewegung in einer Leitungsverweigerung – vielleicht auch dann, wenn wir keine wirklich anderen Konzepte anbieten können.

Wie Rollins bin auch ich der Auffassung, dass so genannte Leiter verweigern sollten zu leiten. Es ist viel wichtiger Fragen zurück zu stellen, Räume zu eröffnen und offen zu lassen, als Antworten anzubieten und Wege zu zeigen. Einige Gedanken dazu habe ich damals versucht in das Kapitel »Ermöglichende Strukturen« einfließen zu lassen, dass ich gemeinsam mit Daggi und DoSi für Beziehungsweise Leben geschrieben habe. Immer wieder trieb mich die Frage um, ob das tatsichtlich ein lohnenswerter Ansatz sei, denn er ist alles andere als bequem. Wie so vieles was dekonstruiert wird, erscheint ein solches Handeln schwach und nicht zielführend. Es wird gerne mit Charakterschwäche und Entscheidungsunwilligkeit oder -unfähigkeit in Verbindung gebracht. Ab und an wird der freie/leere Raum auch in Beschlag genommen und für andere Zwecke genutzt. Ganz zu schweigen von der Versuchung »ein Machtwort« zu sprechen und dann doch in alte Muster zu verfallen und zu leiten, Einfluss zu nehmen, Entscheidungen zu treffen, Wege zu zeigen, voran zu gehen oder Antworten zu geben.

Es ist notwendig, dass wir als Gemeinschaft zu dem Punkt kommen, nicht geleitete werden zu wollen. Keine Leiterinnen oder Leiter zu dulden. Als Gemeinschaft gemeinsam Wege zu gehen und in gewisser Weise basisdemokratisch zu leben.

Im Nachdenken darüber fiel mir auf, dass es wichtig ist eine Gruppe von Menschen bspw. durch Ernennung und Wahl zu bestimmen, die darauf achten, dass das Leitungsvakuum gewahrt bleibt und die Entscheidung bei der Gemeinschaft als Ganzer liegt. Gibt es keine Gruppe von Leitungsverweigerern, die moderierend die Entwicklung der Gemeinschaft begleiten, sehe ich bislang das Risiko noch zu sehr, auch an dieser Stelle in alte Muster zu fallen und der oder dem Lautesten zu folgen, oder einen Zickzack-Kurs einzuschlagen mit jeweils wechselnden Machtverhältnissen. Während für mich das Bild der leitungsverweigernden Leitung bisher unverständlich schien, fügt es sich in den letzten Tagen zu einem stimmigen Konzept zusammen.

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dazwischen

Heute verlasse ich die Reihenfolge der Kapitel des Buches »Insurrection« von Peter Rollins und springe zum letzten Kapitel, um einen Abschnitt herauszugreifen, in dem Peter über etwas schreibt was für mich an emergenter Theologie so interessant ist:

»Our ideas of what a fulfilled life would look like, how a just society would operate, or how an authentic faith could be expressed are all too often uncritically reflective of the dominant underlying political and theological ideas that we imbibed as infants. The truly revolutionary move, then, does not lie in attempting to fulfill our dreams but in putting ourselves into a situation in which we are able to dream new ones.

This is pyro-theology, insomuch as it sees the unchanging truth of faith nestled not in any positive claims to reality but in the ongoing testing and transformation of those claims through the fires of passionate, loving debate. The truth of faith is not then to be found in some new movement but in the antagonism that generates birth of new movements. The truth is not found in the conservative, liberal, evangelical, fundamentalist, or orthodox traditions but in the spaces between these traditions and in the gaps that exist within them—gaps which open them up to ever new and apocalyptic possibilities.

Peter Rollins, Insurrection, Pages 172-173.

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