Archiv für die Kategorie 'emerging Church'

Optionen der Dekonstruktion

Sonntag, 14. Februar 2010

Wohin führt uns die Dekonstruktion? Sie zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Führt sie uns damit nicht in eine ausweglose Lage, an der wir nur noch unser Christsein an den Nagel hängen können? Wenn wir all die Glaubensfragen aufgeben, landen wir dann nicht dort wo „die Liberalen“ der 70er Jahre standen? Solche oder ähnliche Fragen und Gedanken begegnen mir häufiger. An manchen Tagen werden sie von aussen an mich herangetragen, an anderen drehen sie sich in meinen Gedanken. In den letzten Tagen habe ich viel darüber nachgedacht. Dieses Nachdenken wurde beflügelt durch das Hören von David Bazans Musik, den Gedanken von Arne zu nichts-sagend-glauben, einem Interview mit Peter Rollins und Texten aus dem Buch des Propheten Amos.

Ich versuche hier mal meine Gedanken anhand von zwei Optionen der Dekonstruktion des Christentums darzustellen. Dabei bin ich mir sehr bewusst, dass es sich dabei lediglich um eine Karikatur handeln kann, eine Karikatur jedoch, von der ich annehme, dass sie etwas wichtiges verdeutlicht.

Absage und Lethargie

Es kursiert die Angst, dass eine Dekonstruktion des Christentums im Extremfall zur Aufgabe all dessen führen könnte was das Leben als Christ bis dorthin ausgemacht hatte. Ein Beispiel dieser Möglichkeit sehe ich in den Geschichten, die David Bazan in seinen Liedern erzählt. Er verarbeitet in seinen Liedern einiges aus seiner eigenen Geschichte. Aufgewachsen in einem konservativ-christlichen Umfeld, das stark von metaphysischen Annahmen – der übergeordneten Bedeutung des Jenseits beispielsweise – und Verboten geprägt war. Wenn diese Prägung dekonstruiert wird, führt das zu einem Hadern mit Gott, dem jenseitigen unbeweglichen Beweger. Angesichts der Ohnmacht all den moralischen Verboten gerecht zu werden, und der Unmöglichkeit ein „sündloses“ Leben zu führen, steht er seinen Abgründen gegenüber – Alkohol- und Drogenexzesse gepaart mit sexueller Zügellosigkeit.

Im Extremfall würde eine solche Position zu einer nihilistischen Weltsicht führen – wobei ich nicht sagen möchte, dass dies bei Bazan der Fall ist. Eine Weltsicht, die Gott wegen all des Unheils anklagt, die Sinnlosigkeit eines bewussten Lebensstils betont, und sich an diesem Punkt resigniert von allem bisherigen abwendet. In gewisser Weise käme das dann einer Kapitulation gleich, ein sich einordnen in die Kräfte der bisher verteufelten bösen Welt. Ein Glaube, der vor allem geprägt war durch die Annahme von Glaubenswahrheiten, würde an einem solchen Punkt zerfallen, er würde aufhören zu existieren. Die Notwendigkeit sich an die moralischen Verbote zu halten würde mit ihm aufgegeben werden, und könnte den Weg zu einem Zügellosen Leben bereiten. Diese Annahmen betrachte ich bewusst als Karikatur, auch wenn ähnliche Geschichten tatsächlich zu passieren scheinen, und trotz der Angst in manchen Kreisen, genau das wäre es, wohin uns die dekonstruktivistischen Ansätze der emergenten Bewegung führen werden.

Handeln und Erwartung

Auf der anderen Seite kann durch die Dekonstruktion des Christentums die Möglichkeit angenommen werden, die das Handeln betont und in diesem ein so genanntes Gottesereignis erwartet.

Die Dekonstruktion des Chistentums, und damit sind ja vor allem die Paradigmen, also die Glaubenssätze und die Weltsicht gemeint, macht uns in vielen Zusammenhängen sprachlos. Wir betrachten Äusserungen über Gott als Interpretationen, dadurch verlieren sie die Aura absoluter Wahrheit und werden relativiert – in Relation gestellt. Dennoch halten wir an Gott fest. Nicht im Sinne einer allmächtigen Person im Jenseits, sondern im Sinne eines sinngebend Handelnden, der nicht zu fassen ist. Die Aspekte, die wir von ihm verstanden zu haben glauben, könnten sich als falsch erweisen, dessen sind wir uns bewusst. Dieses Bewusstsein führt uns nicht zur Lethargie, sondern ermöglicht uns vorläufige Interpretationen anzunehmen und diese ständig weiter zu entwickeln. Wir handeln entsprechend dem, was wir aus den Überlieferungen seiner Geschichte mit den Menschen interpretieren. Wir leben human, kümmern uns um Gerechtigkeit und achten unser Gegenüber, sei es ein Mensch, ein Tier oder die Pflanzenwelt.

In diesem Sinne wären wir gute Humanisten, und die Frage läge nahe, wozu es den Zusatz »Gott« noch brauchte. Doch in all dem Handeln erwarten wir das Gottesereignis. Was das genau ist, dafür fehlt uns die Sprache. Es fällt leichter zu sagen, was es wahrscheinlich nicht sein wird. Doch könnte es nicht sein, dass »Gott« sich hier ereignet, gerade in der Begegnung mit einem Mitmenschen, dem Einsatz für Gerechtigkeit, dem verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung. Es bleibt die Erwartung eines handelnden Gottes, eines Gottes der nicht nur ursprünglich Bewegender war und dann seine Schöpfung sich selbst überlies, sondern einer Gottesgemeinschaft, die heute noch involviert ist, subtil, in der Gestalt der Schöpfung. An dieser Stelle beginnen wir uns zu Fragen wie dieses Gottesereignis konstituiert ist, vielleicht auch, was unter dem Begriff »Heiliger Geist« zu verstehen ist. Führt uns die Aussage Slavoj Zizeks weiter, der den Heiligen Geist mit der »kommunistischen Partei« vergleicht, und in ihm den Antrieb sieht, der die Menschen motiviert gerecht zu handeln, einander zu lieben?

Ein solches Handeln voller Erwartung kapituliert nicht. Es definiert sich nicht aus Verboten, wiewohl es sich der eigenen Abgründe bewusst ist. Es blickt jedoch auf die Möglichkeiten, versucht dem Ereignis Gottes nachzuspüren und in diesem Sinne zu leben. Versteht sich eingeladen in die Gottesgemeinschaft, ohne konkrete Worte dafür zu haben.

In diesem Sinne verstehe ich die emergente Bewegung, zumindest das was ich davon zu kennen glaube, als missionale Bewegung. Eine Bewegung die sich danach ausstreckt an dem zu partizipieren was sie die Gottesgemeinschaft zu tun annimmt, und in diesem Leben, Handeln, nach dem Gottesereignis Ausschau hält. Und während sie handelt, reflektiert und zu vorläufigen Interpretationen kommt, die sie gerne intellektuell redlich zur Sprache bringen möchte. Eine suchende Bewegung, eine Bewegung der Liebe, eine Bewegung des Handelns und in dem allem eine dekonstruktivistisch denkende Bewegung, die wie Jeremia mit Gott um ihn ringt. Ein Weg, über den ich sehr dankbar bin.

Es geht ja doch!

Samstag, 13. Februar 2010

Es geht ja doch!Unter dem Motto »Es geht ja doch! – missionaler Aufbruch in „ganz normalen“ Gemeinden« wird vom 12. bis 14. März 2010 in Erlangen ein Wochenende mit Alan Roxburgh (Vancouver) stattfinden.

Aus terminlichen Gründen kann ich leider nicht dabei sein, empfehle jedoch jeder und jedem die Teilnahme an diesem Wochenende. Roxburgh hat viel Erfahrung mit missionalen Ansätzen und „normalen“ Gemeinden. Wenn du also mit diesen Größen zu tun hast, oder mehr darüber erfahren willst, solltest du nach Erlangen fahren. Weitere Infos und die Möglichkeit dich anzumelden, findest du auf dieser Seite zur Veranstaltung.

bzwLEBEN vor Ort

Freitag, 05. Februar 2010

Flyer bzwLEBEN im Ansverus-Haus Als ich eben den Eintrag bei Yotin gesehen habe, dachte ich mir, ich könnte auch hier kurz auf diese wunderschöne Veranstaltung hinweisen. Am 28. Februar wird von 16 – 21 Uhr im Ansverus-Haus eine besondere Veranstaltung stattfinden. Yotin und ich werden aus unseren Kapiteln lesen, wir werden ins Gespräch kommen und in die Krypta, den Raum der Stille, eintreten.

Alle aus der Hamburger Umgebung, und diejenigen, die gerne reisen, sind herzlich eingeladen am 28. Februar dorthin zu kommen. Im bzwLEBEN-Blog und auf der entsprechenden Facebook-Seite findet ihr weitere Infos, die ihr auch gerne euren Freunden erzählen dürft.

2. Ökumenischer Kirchentag

Mittwoch, 03. Februar 2010

oekt 2010Es sind noch 98 Tage bis in München der 2. Ökumenische Kirchentag 2010 eröffnet werden wird. Heute fand dazu eine Pressekonferenz statt, in der über die Programmhöhepunkte des Kirchentages berichtet wurde. Die beiden Präsidenten des Kirchentages, Alois Glück und Prof. Dr. Dr. Eckhard Nagel, sprachen kürzlich in einem Interview darüber, dass ihrer Meinung nach der 2. ÖKT ein wichtiger Motor des gegenseitigen Verständnisses sei. Einige wichtige Themen des Kirchentages wurden heute in der Pressekonferenz genannt: dabei wurde beispielsweise auf den Dialog der Religionen und Kulturen hingewiesen, dieser finde beispielsweise in einer gemeinsamen orthodoxen Vesper einen Ausdruck. Weitere Themenschwerpunkte sind Frieden und der Dialog mit den Wissenschaften. In diesem Sinne verstehe ich den Ökumenischen Kirchentag auch als eine Ermöglichung eines Raumes ökumenischer Begegnung, die von den Großkirchen unterstützt wird und gleichzeitig das so genannte Volk zusammenführt.

Für mich wird dies der erste Ökumenische Kirchentag sein. Die Vorlage der Pressekonferenz heute, nehme ich auch als Gelegenheit über zwei Höhepunkte zu schreiben, von denen ich jetzt schon weiß und auf die ich mich freue:

Am Donnerstag 13. Mai werde ich an einem Podium in Halle 4 teilnehmen. Dieses Podium steht unter dem Thema »Wie Glauben leben?«. An ein Kurzreferat von Hans Küng wird sich ein Podiumsgespräch anschließen in dem Hans Küng, Harald Lesch, Schwester Dosithea Zaharia und ich über Möglichkeiten sprechen werden, wie Glaube heute gelebt werden kann. Auf dieses Podium freue ich mich aus naheliegenden Gründen natürlich sehr.

Ebenfalls freue ich mich auf eine Veranstaltung am Samstag 15. Mai. Einige Freunde aus der emergenten Bewegung werden im Handwerkersaal ein Seminar zu Möglichkeiten für Kirche im 21. Jahrhundert veranstalten. Dabei werden wir sowohl Hintergründe bedenken als auch auf gemeindepraktisch gelebtes eingehen.

Diese beiden Veranstaltungen sind die, von denen ich jetzt schon weiß und auf die ich mich freue. Würde mich sehr freuen von euch zu hören – Wer von euch ist auf dem 2. ÖKT in München dabei? Von welchen Veranstaltungen wisst ihr? Wo werdet ihr dabei sein?

Vielleicht könnte man auch eine Art Blogger-Treffen machen, irgendwo einen Kaffee zusammen trinken und sehen was sich so ergibt – eventuell ist so etwas sowieso schon in Planung…

Gemeinsam den Tod des autonomen Selbst feiern! – Teil 1

Montag, 01. Februar 2010

Unter diesem Titel hielt ich ein kurzes Impulsreferat am Ortstermin der Initiative SüdWest von Emergent Deutschland am letzten Samstag. In einer kurzen Serie von Einträgen möchte ich ein wenig über die Gedanken schreiben, die mir in diesem Zusammenhang wichtig sind.

Meine Begeisterung für relationale Ansätze, und die damit verbundene Präsenz derselben in meinem Reden, Denken und Schreiben, haben nichts damit zu tun, dass ich deren Wahrheit oder Überlegenheit beweisen möchte, sondern liegen vielmehr in der Wertschätzung der Möglichkeiten, die diese Perspektive eröffnet. In diesem Sinne möchte ich auch die folgenden Gedanken und den Titel verstanden wissen.

Zur Formulierung des Titels wurde ich durch eine Äusserung von Stanley J. Grenz in »The Social God and the relational Self« inspiriert. In einem Abschnitt über postmoderne Ansätze zum Umgang mit Individuum und Selbst, spricht er davon, dass in der postmodernen Philosophie der Rückgang der Bedeutung des Individuums, des autonomen Selbst, begrüßt wird (Grenz, 133ff). Diese Andeutung verleitete mich dazu von einer gemeinsamen Feier des Todes des autonomen Selbst zu sprechen. Was ich darunter verstehe möchte ich nun stückweise umschreiben.

Das Selbst als Knotenpunkt in einem sozialen Netz

In der so genannten Bibel postmodernen Denkens, dem Buch »Das postmoderne Wissen«, schreibt Jean-François Lyotard über das Ende der großen Erzählungen. Solcher Erzählungen die für sich in Anspruch nehmen, die Welt als Ganze zu erklären. Angesichts des Endes dieser Großen Erzählungen konstatiert er, dass damit jeder auf sich selbst zurückgeworfen ist. Manche haben diese Aussage für ein Loblied auf den Individualismus gehalten. Und auch ich ging zu manchen Zeiten davon aus, eine Aufgabe des Individuums darin zu sehen, sich selbst neu zu erfinden, die möglichst autonom bewerkstelligt werden sollte. Die Perspektive ändert sich jedoch schlagartig, wenn wir den folgenden Satz mitlesen:

»Jeder ist auf sich selbst zurückgeworfen. Und jeder weiß, daß dieses Selbst wenig ist.« (Lyotard, 54)

Das Selbst ist wenig. Es ist nicht so, dass jede und jeder nun autonom und aus freien Stücken die Aufgabe hätte sich selbst neu zu erfinden, und dazu in der Lage wäre. In den folgenden Ausführungen geht Lyotard darauf ein, dass das Selbst als eine Art Knotenpunkt im Netz der sozialen Verbindungen verstanden werden könne.

Er erläutert diese Gedanken im Bild der Sprachspiele. Beim Selbst handelt es sich um einen Knotenpunkt im Kommunikationskreislauf. Durch die Kommunikation in die das Selbst eingebunden ist, wird es ständig dazu herausgefordert eine neue Position einzunehmen, sich zu verändern. Dies ist eine Andeutung der Annahme einer beweglichen Identität, die in dynamischem Austausch mit dem jeweiligen Umfeld steht, und nicht mehr statisch wahrgenommen werden kann. Auf der anderen Seite ist es jedoch auch eine Betonung der sozialen, relationalen Komponente der Identität, also des Selbst. Das Individuum erfindet sich daher nicht ständig autonom neu, sondern befindet sich in der sozialen Dynamik, die eine ständige Neubestimmung mit sich bringt.

Mit der Andeutung des ersten Gedankens aus dem Impulsreferat möchte ich auch schon diesen Eintrag beenden. Für mich wird in diesem ersten Gedanken die gemeinsame Feier des Todes des autonomen Selbst in der Weise deutlich, dass eine relationale Sicht des Individuums, eine Sicht auf die sozialen Zusammenhänge eröffnet, in den sich das Selbst befindet. Verstanden als Knotenpunkt im Kommunikationsnetz wird sowohl die Dynamik der Identität angedeutet, als auch seine Verwobenheit in die Kommunikationsvorgänge des Umfeldes. Das Selbst wird demnach weder durch eine große Erzählung getragen, noch ist es eine Art biologische Grundlage, die das gesamte Leben unveränderlich ist.

In einem nächste Eintrag möchte ich kurz auf das Ideal des autonomen Selbst eingehen, und eine mögliche erweiternde Perspektive beschreiben.

Quellen:
Stanley J. Grenz, The Social God and the Relational Self (Louisville, London, Leiden: Westminster John Knox, 2001).
Jean-François Lyotard, Das postmoderne Wissen (Graz, Wien: Böhlau, 1986).

Ortstermin SüdWest

Montag, 21. Dezember 2009

Ortstermin Sued West / Emergent Deutschland

Ich freue mich heute hier auch noch auf den ersten Ortstermin der Initiative SüdWest innerhalb des Netzwerkes Emergent Deutschland hinweisen zu können. Wir laden am 30.01.2010 von 10 – 18 Uhr ins Haus Bethanien in Karlsruhe-Durlach zu unserem ersten Ortstermin.

Dort werden wir uns dem Thema »Synergie von Theorie und Praxis« widmen und einander etwas näher kennenlernen.

Der Tag soll Raum für lockere Begegnen der Anwesenden, Austausch über das was jede und jeder vor Ort lebt und erlebt und angeregte Gespräche über interessante Vorträge beinhalten. Das Thema wird durch kurze Vorträge angedacht und im gemeinsamen Austausch vertieft werden.

Des Weiteren wollen wir an diesem Tag die weiteren Aktivitäten und Vernetzungsmöglichkeiten unserer Initiative besprechen.

Hier jetzt noch einmal ein Link zur Infoseite des Ortstermins, auf der es auch die Möglichkeit gibt sich anzumelden. Ich würde mich sehr freuen wenn Du Dich anmeldest, denn das gibt uns die Möglichkeit den Rahmen gut zu planen.

Herausforderungen: emerging Church

Dienstag, 15. Dezember 2009

Auf die Antwort des letzten Eintrags folgte eine Frage nach den Schwächen, die ich momentan in der Bewegung sehe. Hier meine Antwort. Was denkt ihr?

Frage: Wie sieht es denn mit den Schwächen der emerging church aus?

Antwort: Ich finde es immer etwas schwierig über „Schwächen“ zu reden. meiner Ansicht nach sind wir schon ausreichend „Problemorientiert“ geprägt. Das sage ich nicht, um zu sagen es gäbe keine Schwächen oder Herausforderungen, wie ich diese Bereiche lieber nenne. Nun werde ich kurz ein paar solcher Herausforderungen skizzieren, und würde mich dann gerne wieder den Möglichkeiten und dem Potential zuwenden:

- wie bereits erwähnt sehe ich eine Herausforderung in der Tatsache, dass die emerging Church Bewegung von Manchen im Sinne eines Modells wahrgenommen wird. Das hat sicher damit zu tun, dass wir mit „neuen Formen“ experimentieren und manches anders aussieht – bzw. manche Bücher in diese Richtung verstanden werden können. Mir sind in der Bewegung der Dialog und das Experimentieren in Verbindung von Praxis und Theorie wichtig und ich verstehe sie keinesfalls als Modell.

- eine andere Herausforderung sehe ich in der kognitiven Auseinandersetzung mit bestimmten Fragestellungen. Eigentlich handelt es sich dabei um eine doppelte Herausforderung. Auf der einen Seite erfordert eine kognitive Auseinandersetzung, die mit dem Anspruch betrieben wird intellektuell Redlich zu sein, eine gewisse denkerische Fähigkeit und einiges an Vorwissen bzw. den Willen sich der eigenen blinden Flecken zu stellen und weitere Informationen und Perspektiven heranzuziehen. Dies verdeutlicht die tatsächlich vorliegende Komplexität der Wirklichkeit bzw. der Fragestellung. Auf der einen Seite schließt dieses Vorgehen manche Menschen aus, die es als intellektuelle Spielerei wahrnehmen oder von den verwendeten Begriffen ausgegrenzt fühlen, auf der anderen Seite führt das zu einer gewissen Sprachlosigkeit, da manch gewohnte Formulierung oder Glaubenspraxis der Komplexität nicht ausreichend Rechnung trägt. Es wird daher weiter die Herausforderung sein, diese Auseinandersetzung integrativ zu betreiben, dabei den Anspruch nicht zu vernachlässigen, und gleichzeitig weiter darum ringen eine angemessene Sprache (wobei ich diesen Begriff hier sehr weit fasse) zu finden.

- die dritte Herausforderung auf die ich eingehen möchte sehe ich in einem Punkt, der eben schon anklang – eine gewisse Sprachlosigkeit. Durch eine dekonstruktivistische Praxis geben manche Beteiligten grundlegende Standpunkte auf, da sie feststellen dass bei all dem was gerade in den Standpunkten nicht formuliert wird eine große Lücke klafft. Dies führt zu einer Sprachlosigkeit die bisweilen sogar zu einer gewissen „Glaubenslosigkeit“ gehen kann. Ich halte dies zunächst gar nicht für ein großes Problem und denke auch, dass gerade in einem solchen Leerraum ein großes Potential steckt. Allerdings stelle ich fest, dass es über diese Situation viel Kommunikationsbedarf braucht um nicht in alte Muster zurück zu fallen oder in diesem Leerraum das Suchen, Fragen, Experimentieren aufzugeben.

- eine Sache, die ich bereits leicht gestreift habe ist auch die Verengung der emerging Church Bewegung auf Kirche bzw. Gemeinde. Darin sehe ich eine starke Herausforderung. Meiner Ansicht nach geht es um das ganze Leben, mit all den unterschiedlichen Bereichen. Dieses ganze Leben möchte ich im Einklang mit Gott, Menschen und Natur leben. Und so sehe ich hier auch keine Trennung, sondern gerade die Chance diese unterschiedliche Bereiche miteinander in einen Dialog zu führen und die Synergien zu beobachten und zu fördern. Darüber hinaus handelt es sich sicher um eine Bewegung von Christen, soll jedoch meiner Ansicht nach nicht mit starren Grenzen versehen werden und sich immer des Dialogs bewusst sein, den ich auch in der anderen Antwort versucht habe zu verdeutlichen.

- eine letzte Herausforderung, auf die ich eingehen möchte, sehe ich in der Verengung der emergenten Bewegung auf das evangelikale Spektrum. Einige der einflussreichen Stimmen der emergenten Bewegung entstammen dem evangelikalen Spektrum und wirken teilweise noch in ihm (dies ist auch weltweit zu beobachten), dennoch halte ich die Bewegung für eine ökumenische Bewegung und freue mich gerade daran, dass dies auch in der Öffentlichkeit stärker so wahrgenommen wird.

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Soweit meine Gedanken dazu. Wie seht ihr das? Wo seht ihr Herausfoderungen, aber auch Chancen darin?

emerging Church, Frage und Antworten

Montag, 14. Dezember 2009

Letzte Woche habe ich mich bei einem Dienst angemeldet, bei dem es nur darum geht, dass Fragen gestellt werden und die gefragte Person Antworten darauf gibt. Zunächst war es einfach nur Neugier darüber welche Möglichkeiten dieser Dienst bietet, doch während so die ersten Fragen eintrafen merkte ich wie gut es für die Eine oder den Anderen sein kann eine Frage anonym zu stellen. Ein paar Fragen bezogen sich dabei auch auf die emerging Church Bewegung und mein Engagement darin. Heute möchte ich eine dieser Fragen hier aufgreifen, ein paar antwortende Gedanken dazu formulieren und euch Leserinnen und Leser bitten eure Antwortgedanken dazu in den Kommentaren hinzuzufügen.

Frage: Wenn man die emerging church jetzt beurteilen müsste, für was steht sie? Was sind ihre Stärken und Schwächen?

Antwort: Meiner Ansicht nach ist es recht schwer von „der“ emerging Church im Allgemeinen zu sprechen, da es sich bei ihr um eine recht heterogene Bewegung handelt. Dennoch möchte ich mich an einigen Gedanken dazu versuchen:

Eine Besonderheit dieser Bewegung ist das Zusammenkommen der unterschiedlichen Strömungen/Traditionen der weltweiten Christenheit. Es treffen sich Menschen mit großkirchlicher Prägung, aus freikirchlichen Kreisen und Menschen die sich keiner dieser Traditionen zugehörig fühlen. Konservativere und innovativer Persönlichkeiten begegnen einander und suchen ohne Denkverbote und Fraktionszwänge nach Möglichkeiten für Nachfolge, Spiritualität und Kirche in unserer Zeit und Gesellschaft. Ich verstehe die Bewegung als eine ökumenische Bewegung, die die unterschiedlichen Traditionen miteinander ins Gespräch bringt und auf unterschiedlichste Weise Eingang in die Gestaltung der jeweiligen Gegenwart und Zukunft findet.

Den Begriff „Church“ des gebräuchlichen Namens der Bewegung verstehe ich als Kirche weit gefasst. Ich verbinde ihn daher mit der weltweiten Christenheit. Also nicht einer bestehenden Kirche und schon gar keiner konkreten Kirchengemeinde. Diese Spezifizierung meinerseits weist auch auf eine Schwäche hin, manche verbinden mit „emerging Church“ ein bestimmte Gemeinde, oder gar ein Modell, eine bestimmte Art Gottesdienst zu feiern… Für mich stehen die Fragen nach Nachfolge und Spiritualität vor den Fragen der Organisation. Auf diese Weise sehe ich die Bewegung genauso in traditionellen Kirchen wie in kleinen innovativen Gemeinschaften entstehen bzw. konkrete Formen annehmen. Meiner Ansicht nach bezeichnet der Begriff eine Bewegung die sich des konkreten Lebens annimmt und diese so genannten praktischen Aspekte mit so genannter theoretischer Reflexion verbindet.

Ein wichtiger Wert der Bewegung ist meiner Ansicht nach der Dialog. In diesem Sinne stehen unterschiedliche Personen und damit auch Positionen im Dialog miteinander. Dieser Dialog beschränkt sich weder auf die „Gemeindepraxis“, die „Theologie“ oder gar auf den „Kreis der Christen“, sondern geht bewusst weit darüber hinaus. Unterschiedliche Disziplinen werden gehört und sowohl ihr Vorgehen als auch ihre Ergebnisse werden reflektiert. Und auch in persönlichen Begegnungen steht der Wert des Dialogs im Zentrum. Im Bewusstsein der Notwenigkeit lebenslang zu lernen finden Begegnungen und Austausch statt. Eine Position oder Erkenntnis wird nicht als letztgültig angenommen, sondern als Prozess verstanden auf den unterschiedliche Faktoren Einfluss haben und der immer nur vorläufig bleiben wird. Überall wird nach den Spuren Gottes Ausschau gehalten. In jeder Situation und in jeder Begegnung mit einer Person wird die Möglichkeit angenommen dass Gott kommuniziert. Dies führt natürlich auch zu einem grundsätzlich anderen Verständnis von Mission. So wird diese allgemein gesprochen als Partizipation am Handeln Gottes verstanden. Es geht nicht (vielleicht muss ich der Vollständigkeit halber, da ich nicht nur für mich reden möchte, hinzufügen „nur“) darum zu erleben, dass jemand den Weg der Nachfolge einschlägt, sondern allgemein um die Partizipation am Handeln Gottes in den unterschiedlichsten Bereichen (hier seien gerade auch Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit genannt).

Meiner Ansicht nach handelt es sich um eine Bewegung, der es darum geht ganzheitlich zu leben. Die unterschiedlichen Lebensbereiche werden bewusst verbunden, ein möglicher Dualismus, der sich beispielsweise an der unterschiedlichen Gewichtung von Geist und Materie zeigt, wird stark in Frage gestellt und zum Teil durch das Aufzeigen seiner Wurzeln entkräftet.

Ein Dialog mit der Gesellschaft als solcher wird praktiziert, und zwar ohne Hintergedanken, sondern um des Dialogs und der Teilnahme an gesellschaftlichen Vollzügen wegen. So wird beispielsweise Kultur um der Kultur willen gefördert.

Mir scheint als könnte ich hier noch sehr lange weiter schreiben, will es aber hiermit zunächst bewenden lassen und freue mich auf die Kommentare und evtl. weitere Nachfragen.

Inkarnation und Empathie

Montag, 07. Dezember 2009

Kester Brewin schreibt momentan interessante Blogeinträge rund um das Thema Inkarnation. Für ihn gründet die Bedeutung der Adventszeit im Inkarnationsereignis. Das Geheimnis der Inkarnation ist sowohl faszinierend wie auch grundlegend für mein Verständnis von gelebter Nachfolge in unserer Welt.

Unter dem Titel »Gott blickt durch die verzerrte/verzerrende Sicht der Menschheit« erschien der vierte Eintrag Kesters zur Inkarnation. In diesem Eintrag thematisiert er eine interessante Sichtweise der Beweggründe Gottes Mensch zu werden. In Anlehnung an Zizek formuliert er einen möglichen Beweggrund als Gottes Wunsch sich selbst aus der verzerrten Perspektive der Menschen wahrzunehmen. In diesem Beweggrund verbirgt sich die Wurzel wahrer Empathie. Wir lassen uns nicht auf „den Anderen“ ein um ihn möglichst deutlich zu erkennen, sondern um nah genug zum Anderen zu gelangen um wahrzunehmen wie der Andere uns sieht.

In diesem Zusammenhang finde ich auch die Gedanken Bubers sehr spannend, dass wir in der Begegnung mit dem Anderen zu uns selbst werden. In der Begegnung mit dem Anderen erfahren wir sehr viel über uns selbst, darüber wie der Andere mich sieht, wie er mich wahrnimmt. Dies gilt selbstverständlich für alle Beteiligten.

Meiner Ansicht nach eröffnet dieser Gedanke eine größere Weite der Menschwerdung Gottes. Sie betont das Beziehungsgeschehen dem wir das Attribut Gott zuweisen auf eine eindrückliche Weise. Gott macht sich auf den Weg zu seinen Geschöpfen um durch deren Perspektive wahrzunehmen wie diese ihn wahrnehmen. Er durchbricht eine gewisse Trennung, öffnet sich, und blickt mit neuen Augen auf „sich selbst“.

Kester zitiert in seinem Eintrag eine Aussage Slavoj Zizeks, in der er diese Sichtweise auf den Punkt bringt:

Christus musste nicht nur dazu erscheinen um der Menschheit Gott zu offenbaren, sondern auch um Gott sich selbst zu offenbaren.

Darin sieht Kester das Zentrum des Erdbebens das durch die Inkarnation ausgelöst wurde. Was er daraus folgert halte ich ebenfalls für zentral. All unsere inkarnatorische Praxis sollte von dieser Haltung geprägt sein. Wir interagieren nicht aus dem Grund mit dem Anderen weil wir glauben ihm helfen zu müssen heil zu werden, sondern weil wir davon ausgehen, dass wir ihn benötigen um selbst heil zu werden. So verstanden bekommt inkarnatorisch verstandene „Mission“ eine sehr gute und stark dialogisch geprägte Bedeutung.

Eine Geschichte weiter schreiben

Donnerstag, 26. November 2009

Fragen und Zweifel

Am Samstag werde ich im Rahmen des Emergent Forums eine kurze Präsentation zu der Gemeinschaft in der ich lebe halten. Die Vorbereitungen dafür nutzte ich gerade um ein paar Erlebnisse aus der Geschichte Revue passieren zu lassen. Immer wieder faszinierend was wir hier schon alles erlebt haben, nicht alle Erlebnisse sind erfreulicher Natur, aber momentan bin ich sehr hoffnungsvoll dass wir unsere Geschichte gut weiter schreiben werden…

Eine offene Gemeinschaft