Ausgehend von dem Abschnitt »Face to face with the other« in Kester Brewins Buch »Other«, gehe ich einigen Gedanken zur Frage nach, was es bedeuten könnte lieben zu lernen.
Gegen Ende des dritten Teils seines Buches greift Kester Brewin nochmals einen Gedanken von Miroslav Volf auf, den er bereits weiter vorne erwähnt hatte. In der Einleitung zu „Exclusion and Embrace“ schreibt Volf darüber, dass Theologen sich weniger um gesellschaftliche Strukturen kümmern, auch wenn diese wichtig sind, sondern sich vielmehr auf die Handelnden in der Gesellschaft konzentrieren sollten. Er stellt sich die Frage welche Art von Personen wir sein müssten um in Harmonie mit anderen leben zu können, und setzt hier auch den Schwerpunkt in der Beschäftigung für Theologen:
»theologians should concentrate less on social arrangements and more on fostering the kind of social agents capable of envisioning and creating just, and peaceful societies, and on shaping a cultural climate in which such agents will thrive.«
Miroslav Volf, Exclusion and Embrace, Seite 21.
In diesem Sinne fragt Kester danach, wie dieser Aufgabe begegnet werden könnte. Nach Volf sei davon auszugehen, dass keine Strukturen oder Programme, für sich allein, dazu führen werden, dass Menschen in Wahrheit und Gerechtigkeit wachsen, sondern dass es Handelnde braucht, die die Veränderung (vor)leben. Dies kann nicht von oben nach unten als Plan vorgegeben werden, wir müssen vielmehr erlauben, dass unser Leben von Liebe gekennzeichnet ist. Und hier greift er auf den Gedanken Levinas’ zurück, dass in der Begegnung mit dem Anderen eine Verantwortung in uns wachgerufen wird. Er zitiert Levinas nach Ryszard Kapuściński:
»The Other has a face, and it is a sacred book in which good is recorded.«
Zitiert nach Kester Brewin, Other, Seite 167.
Der Andere, dem ich begegne, zeigt mir sein Gesicht, ich darf mich ihm zuwenden. In seinem Gesicht zeigt mir der andere auch mich, und bringt mich darüber hinaus auch noch näher zu Gott (Vgl. dazu auch Levinas, Wenn Gott ins Denken einfällt, Seiten 40ff.). Den Anderen zu lieben, sich auf ihn einzulassen, ihm zu begegnen, ist ganz eng damit verbunden, ihn direkt – von Angesicht zu Angesicht – zu treffen.
Diese Begenung von Angesicht zu Angesicht wird im Anschluss an Levinas ab und an etwas verklärt. Kester weist darauf hin, dass der andere zwar ein Gesicht hat, und dass dieses Gesicht ein heiliges Buch ist in dem Gutes aufgeschrieben wurde, dass es sich dabei jedoch nicht um eine leichte Lektüre handelt, und dass sich das Gute oft nicht von selbst erschließt.
Er führt als einen Levinas-Kritiker Slavoj Žižek an, dieser kreidet Levinas an, dass er eine zu vereinfachte Sicht des Anderen habe. Levinas betrachtet den anderen optimistisch, das Gute, dass er im Anderen wahrnimmt, ist der Grund dafür ihn zu lieben. Žižek geht die Sache pessimistischer an, und versteht, wie Lacan, die Tatsache, dass der Andere nicht perfekt ist, als Grundlage der Liebe für ihn. In einem Ausschnitt des Films »Examined Life« sagt Žižek folgendes:
»Was ist Liebe. Liebe ist nicht Idealisierung. Jeder wahrhaft Liebende weiß das, wenn du wirklich eine Frau oder einen Mann liebst, idealisierst du sie oder ihn nicht. Liebe bedeutet, dass du eine Person akzeptierst, mit all ihren Fehlern, Dummheiten und hässlichen Aspekten, und dennoch ist diese Person für dich absolut, alles was dein Leben lebenswert macht. Du bist dazu in der Lage Perfektion in Unvollkommenheit zu entdecken – und das ist es, wie wir lernen sollten die Welt zu lieben.«
Die Unvollkommenheit des Anderen wahrzunehmen, führt uns tiefer in das Rätsel des Anderen hinein. Diese Begegnung weist nach Žižek auch wieder auf uns zurück. Indem wir uns auf den Anderen einlassen, nehmen wir auch wahr, wie der Andere uns sieht. Wir lernen in der Begegnung mit dem Anderen auch einiges darüber wer wir sind, wie wir auf den Anderen wirken, wie er uns wahrnimmt, was er in uns sieht. Es ist daher wichtig, dass wir uns dem Anderen auf ein solch intensive Weise zuwenden, dass wir durch ihn auch uns besser sehen lernen.
Sicher könnte man nun herrlich die unterschiedlichen Ansätze von Žižek und Levinas gegeneinander stellen, und Žižek hätte sicher seinen Spass an einer solchen Polarisierung. Kester, und das gefällt mir besonders an dem Buch, weist darauf hin, dass sich die Wahrheit über Liebe wohl irgendwo zwischen den beiden Ansätzen befinden muss. Er skizziert einige Unterschiede, und weist dann auf die komplementären Aspekte hin:
»Wir beginnen damit, Levinas zuzustimmen, dass der andere ein Gesicht hat, und dass es sich dabei um ein heiliges Buch handelt, in dem Gutes aufgeschrieben wurde … Wir bejahen jedoch auch, dass in diesem heiligen Buch nicht nur Dinge aufgeschrieben sind, die den Anderen betreffen, sondern auch etwas über uns zu finden ist. In diesem festen Blick zwischen uns und dem Anderen, lernen wir den anderen und uns in einem neuen Licht zu sehen, und hoffen ihm geht es genauso. Dazu benötigen wir jedoch genug Zeit für solch tiefe Begegnungen, die nicht durch Bildschirme oder anderes unterbrochen werden.«
Frei übersetzt nach Kester Brewin, Other, Seite 170.
In gewissem Sinne handelt es sich also bei der Begegnung der zu Beginn formulierten Aufgabe, liebevoll handelnden Menschen zu werden, um einen Zirkelschluss. Wir wenden uns liebevoll unserem Gegenüber zu, und lernen dabei zu lieben. Kester schließt diesen Abschnitt mit einem Hinweis zur Kontemplation einer Dreieinigkeit von Gesichtern ab:
Ich habe ein Gesicht. In mir sind Teile, die möchte ich gerne gesichtslos und anonym halten – ohne Namen. Wenn ich jedoch das Gute in mir entdecken möchte, dann sollte ich mich nicht verleugnen, sondern mir erlauben auf mich selbst zu sehen – wahrzunehmen, wie ‚der Andere‘ in mir mich selbst sieht. Allzu oft möchte ich mein öffentliches Profil kontrollieren – was andere von mir sehen können – dabei möchte ich das unterdrücken und verleugnen, was ich hässlich, peinlich oder schwierig finde. Wenn wir jedoch, dem gebrochene Licht der Lichtung erlauben uns zu wärmen, dann kann aus dem Kompost dieser schmutzigen Flecken etwas erwachsen in dem Reichtümer und Wachstum gefunden werden kann.
Gott hat ein Gesicht. Es gibt Bilder und Beschreibungen, die ich vorziehe, und göttliche Komplexität die ich lieber ignorieren würde. Wenn ich mich jedoch nicht aufmache nach diesen unterschiedlichen Facetten Gottes zu suchen, meine Nischen verlasse und meinem Liebhaber nachjage, dann wird mein Glaube im Mief meines Zimmers austrocknen und verhärten. Es tut gut mir vorzustellen, dass eine wohlwollende, mir zugewandte Gottheit auf mich achtet, ich muss jedoch auch darüber meditieren, was es bedeutet von einem fremden und fernen Gott beobachtet zu werden.
Der Andere hat ein Gesicht Und wir sind angehalten so tief in das Gesicht des Anderen zu blicken, dass wir das wahrzunehmen beginnen, was der Andere von uns sieht, und wir müssen lernen miteinander auszukommen. Es gibt keine individuelle Erlösung: Ich kann mir meine eigene Erlösung nicht aus mir selbst erarbeiten, genausowenig kann ich meine Sicht von Gott alleine in meinem gemütlichen Zuhause theoretisieren. Wenn ich Liebe erfahren und kennenlernen möchte, dann brauche ich den heiligen Text des Anderen.
Frei übersetzt nach Kester Brewin, Other, Seiten 171f.