dazwischen

Heute verlasse ich die Reihenfolge der Kapitel des Buches »Insurrection« von Peter Rollins und springe zum letzten Kapitel, um einen Abschnitt herauszugreifen, in dem Peter über etwas schreibt was für mich an emergenter Theologie so interessant ist:

»Our ideas of what a fulfilled life would look like, how a just society would operate, or how an authentic faith could be expressed are all too often uncritically reflective of the dominant underlying political and theological ideas that we imbibed as infants. The truly revolutionary move, then, does not lie in attempting to fulfill our dreams but in putting ourselves into a situation in which we are able to dream new ones.

This is pyro-theology, insomuch as it sees the unchanging truth of faith nestled not in any positive claims to reality but in the ongoing testing and transformation of those claims through the fires of passionate, loving debate. The truth of faith is not then to be found in some new movement but in the antagonism that generates birth of new movements. The truth is not found in the conservative, liberal, evangelical, fundamentalist, or orthodox traditions but in the spaces between these traditions and in the gaps that exist within them—gaps which open them up to ever new and apocalyptic possibilities.

Peter Rollins, Insurrection, Pages 172-173.

→ Instapaper

Lippenbekenntnis

Im ditten Kapitel seines Buches »Insurrection« beschäftigt sich Peter Rollins mit der kognitiven Leugnung des Glaubens dem ein praktizierter Glaube entgegensteht. Auf diese Weise prangert er das Lippenbekenntnis zum Zweifel an.

Seiner Ansicht nach herrscht weitestgehend Übereinstimmung in der Annahme, dass ein religiöser Glaube an einen deus ex machina unchristlich sei, dabei handle es sich jedoch vor allem um ein Lippenbekenntnis. In den meisten Gemeinden werde weiter an liturgischen Formen festgehalten, die ein solch religiöses Gottesbild aufrecht erhalten. Auf diese Weise ist es zwar leicht an Gott zu zweifeln. Die traumatische Erfahrung der Gottesferne jedoch bleibt aus. Der praktizierte Glaube steht der kognitiven Annahme entgegen.

»The God affirmed in religion is not so easy to walk away from because, like alcohol, this working hypothesis helps us avoid a full confrontation with our lives. While we may want to reject the idea that God is some deus ex machina, we will still want to treat God in this way. And so we must ignore what we claim with our lips and look carefully at our bodies to see if we really do bear the marks of the Crucifixion, or if we are simply pretending to ourlselves.«

Peter Rollins, Insurrection, Page 44 (Position 685).

Die stabilisierende Wirkung der Annahme, dass am Ende alles gut wird und es jemanden gibt, der sich um mich kümmert und für den ich wichtig bin, wird ungern aufgegeben. Solch stabilisierende Elemente identifiziert Rollins an unterschiedlichen Stellen. Auf der einen Seite sind es die Menschen im eigenen Umfeld, die weiter glauben, die Strukturen und Liturgien von Kirchen und Gemeinden, Lieder die gesungen werden, Gebete die gesprochen werden. All dies ermöglicht einen kognitiven Zweifel, der jedoch ohne traumatische Auswirkungen bleibt, da keine existenzielle Gottesferne erfahren wird und der Boden unter den Füßen nicht zu wackeln beginnt. Rollins betont die Notwendigkeit dieses Ereignisses:

»It is only as we are cut loose from religion in the very depth of our being—experiencing an existential loss of God, rather than some mere intellectual rejection—that we are free to discover a properly Christian expression of faith.«

Peter Rollins, Insurrection, Page 62 (Position 911).

→ Instapaper

Verlassenheit und Verlust

Unter der Überschrift »To Believe is Human; To Doubt, Divine« geht Peter Rollins im zweiter Kapitel von Insurrection auf die Gottverlassenheit Christi am Kreuz ein. In diesem Ereignis verliert Christus Gott. Sich auf Gott als eine Macht ausserhalb zu beziehen endet am Kreuz. Dieser Verlust bezieht sich jedoch nicht nur auf etwas äußerliches, sondern hat tiefe Auswirkungen auf uns selbst.

Erst wenn wir das Kreuz als ein Ereignis betrachten, an dem Gott alles verliert, erhaschen wir einen Blick auf die wirkliche theologische Bedeutung dieses Ereignisses: Am Kreuz verliert Gott die Sicherheit Gottes.

»This is a profound personal, painful, and existential atheism. Not an atheism that arises from some rational reflection upon an absence of divinity but rather one that wells up from the trauma of personally experiencing that absence.«

Peter Rollins, Insurrection, Page 20 (Position 590).

Die Crux der Kreuzigung liegt in der erfahrene Gottesferne. Die Kirche versucht ihr Bestes um diese Gottesferne zu verharmlosen. Sie erfindet Mythen um die Risse der Unsicherheit zu überdecken, und zu suggerieren dass alles ok sei. Auf diese Weise wird der Skandal des Kreuzes vereitelt.

Die Kreuzigung steht in krassem Gegensatz zu solchen Mythen. Sie ist eine Reflektion der Erfahrung in der wir jedes Gefühl der Verbundenheit mit einer höheren Wahrheit oder Realität verlieren. Im Ereignis der Kreuzigung fällt all das, was uns Sicheheit gibt in sich zusammen. Dieser Verlust wird zum zentralen Element des Glaubens.

Im weiteren Verlauf unterscheidet er zwei Arten des Opfers. In Gethsemane ist Jesus bereit alles für Gott aufzugeben – die erste Art des Opfers (sacrifice for religion). Am Kreuz jedoch verliert Christus alles, auch Gott – das ist die zweite Art des Opfers (sacrifice of religion).

»What is lost here is a way of relating to God as deus ex machina, as some being “out there” who ensures life makes sense.«

Peter Rollins, Insurrection, Page 27 (Position 466).

Die Frage nach einer höheren Macht wird meist in Extremsituationen gestellt – Wo war Gott im Holocaust? Anhand einer Erählung von Elie Wiesel erläutert er eine andere Art diese Frage zu stellen. Im Anblick eines Kindes am Galgen werden Rufe danach laut wo Gott sei. Er ist dort, hängt an diesem Galgen. Er leidet. Er ist das Kind, das hier ermordet wird.

»In the sacrifice of religion, we lose all the security that any deus ex machina might provide for us. In this dark hour, when the very earth beneath us gives way, we experience utter desolation.«

Peter Rollins, Insurrection, Page 27 (Position 466).

Für Rollins ist es – in Anlehnung an das vorangegangene Kapitel – wichtig zu betonen, dass wir mit dem Deus ex Machina nichts verlieren was ausserhalb von uns zu verorten wäre, sondern etwas was zutiefst zu uns gehört.

»When we are ripped away from the political, social, and spiritual structures that define us, we are really being ripped away from that which we help sustain, that which is both part of us and bears down on us. The deus ex machina is an idol of our creation. And when we strike at it, we strike at ourselves.

Is this not what we see taking place on the Cross? As Christ is cut off from his own essence, so our loss of the religious God is not the loss of some foreign power external to ourselves, but instead a loss of that which is fully us.«

Peter Rollins, Insurrection, Page 35 (Position 590).

Rollins zeichnet eine Analogie zwischen dem Kreuzigungserlebnis und der Nachfolge. In Anlehnung an die Aussage Jesu in Lukas 14 Vers 26-27 spricht er von der Notwendigkeit mit allem zu brechen, was bis dato sinnstiftend und welterklärend war:

»Wer sich mir anschließen will, muss bereit sein, mit Vater und Mutter zu brechen, ebenso mit Frau und Kindern, mit Brüdern und Schwestern; er muss bereit sein, sogar das eigene Leben aufzugeben. Sonst kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und mir auf meinem Weg folgt, kann nicht mein Jünger sein.«

Dieses Ereignis verändert alles. In der Familie lernen wir wie die Welt zu sehen ist und wie man darin lebt, wir werden sozialisiert. Mit dieser Lebensauffassung, Weltsicht, Sozialisation, mit unserer Identität zu brechen, sei Grundlegend für Nachfolge:

»Because we construct our identity within the family, when we come to cut against that identity, we not only cut against ourselves but also those who formed us.«

Peter Rollins, Insurrection, Page 38 (Position 627).

→ Instapaper

Insurrection

Seit heute ist das neue Buch von Peter Rollins erhältlich. Den Entstehungsprozess des Buches habe ich interessiert via Blog und Twitter verfolgt, und war sehr gespannt auf das fertige Buch. Heute nun konnte ich die Kindle-Version herunterladen und die ersten Seiten darin lesen.

Im Vorwort schreibt Rollins folgendes zu seinem Vorhaben:

»In Insurrection, I endeavor to outline what this radical expression of a faith beyond religion might look like and how it has the power to give birth to a radically new form of Church, one with the power to renew, reform or even transcend the present constellation of conservative, liberal, evangelical, fundamentalist, and orthodox communities.«

Das Buch ist wieder gespickt mit diesen kleinen Parabeln, die seinen Gedankengang auf eine andere Weise beleuchten, und die kognitive Auseinandersetzung mit interessanten und anregenden Fragen auf gute Weise ergänzen.

Im ersten Kapitel geht er dem Gedanken nach, dass Menschen sich danach sehnen von jemandem begehrt zu werden. Ich möchte, zumindest für eine Person, jemand besonderes sein. Aus dieser Sehnsucht leitet Rollins eine Sehnsucht nach Gott ab, jemanden der mich sieht und mich für ganz besonders und einzigartig hält. Ein solcher Gott findet jedoch vor allem am Rand meines Lebens einen Platz. Wenn es mir schlecht geht oder mich kein Mensch zu lieben oder beachten scheint. In der Mitte des Lebens, wenn es mir gut geht und das Leben gelingt, bedarf es keines Gottes. An diesen Gedanken ist unschwer seine Orientierung an den Überlegungen Dietrich Bonhoeffers zu einem religionslosen Christentums zu entdecken.

In Anlehnung an Bonhoeffer geht er im Verlauf des Kapitels auch auf den Begriff Deus ex machina ein:

»For Bonhoeffer, the Church approached God as a deus ex machina. God was merely an idea clumsily dropped into our world in order to fulfill a task. God was introduced into the world on our terms in order to resolve a problem rather than expressing a lived reality. The result is a God who simply justifies our beliefs and helps us sleep comfortably at night. God is brought into the picture only when we face a problem of some kind that doesn’t lend itself to solution by other means. In Bonhoeffer’s view, this God plays the same meager role as the supernatural beings in third-rate Greek plays.«

Peter Rollins, Insurrection, Page 13 (Position 308).

Die ersten Seiten des Buches gefallen mit bereits sehr gut. Die Gedanken Bonhoeffers zu einem religionslosen Christentum haben mich sehr inspiriert und ich freue mich, dass Rollins an diese Gedanken anknüpft.

→ Instapaper

Ein Gebet der Dankbarkeit

In unserem spirituellen Erlebnisraum zum Thema »Dank« wird es eine Station geben, die zu folgendem Körpergebet einlädt:

Ein Gebet der Dankbarkeit

Berühre deinen Kopf, Augen, Hände und Füße.

Dankbar zu sein ist wichtiger Bestandteil des Lebens. Dankbarkeit ist notwendig, da unser Leben verdreht wäre, wenn wir sie vergessen. Dankbar zu sein bedeutet mehr als »Danke« zu sagen. Dankbar zu sein bedeutet, anzuerkennen, dass das ganze Leben – und so vieles darin – ein Geschenk ist.

Dankbarkeit ist in den meisten Fällen die angemessene Reaktion darauf, wie das Leben so läuft. Angefangen mit dem Leben in unserem Körper, über Liebe die uns von Anderen entgegen gebracht wird, bis hin zur Gnade einen weiteren Tag zu erleben – all das sind Geschenke, die wir uns nicht selbst machen können. Sie haben ihren Ursprung bei Gott, dankbar zu sein bedeutet diese Tatsache anzuerkennen.

Dankbarkeit durchdringt unser gesamtes Leben. Sie ist die Anerkennung der Macht Gottes, des Einflusses von Menschen und der Kraft der Liebe. Die Natur des Lebens und des Glaubens ehrlich zu reflektieren führt zu Dankbarkeit. Wir beten und leben als dankbare Menschen — oder zumindest mit der Hoffnung uns zu solchen zu entwickeln.

Gebetshaltung

Nimm den festen Stand ein. Verweile darin, und komm hier – in dir – an. Spürst du deine Atmung?

Berühre nacheinander deinen Kopf, deine Augen, deine Hände und deine Füße. Erlaube es deiner Hand das entsprechende Körperteil ganz zu umfassen. Lass die Wärme oder Kälte deiner Hand auf das berührte Körperteil übergehen. Halte jede der Positionen so lange, bis du die Interaktion wahrnimmst – die Berührung der Haut, Muskeln die auf Muskeln treffen, Interaktionen von Zellen, die für unser Leben grundlegend sind.

Wenn du unten bei den Füßen angekommen bist, gehe die Positionen noch einmal durch – von den Füßen über Hände und Augen zum Kopf. Danke Gott für das Geschenk des Lebens und die Gelegenheit an seiner Geschichte teil zu nehmen.

Abschließendes Gebetswort

Gott, in diesem Gebet, danke ich dir für meinen Körper. Möge ich die Fähigkeit meines Kopfes dazu nutzen dich zu ehren, möge ich die Menschen erkennen durch die du in dieser Welt handelst, mögen meine Hände deine Geschichte der Schöpfung weiter schreiben, möge ich in den Wegen gehen, die du vorbereitet hast. Für diesen Körper, dieses Leben, danke ich.

_

Es handelt sich bei diesem Körpergebet um eine Übertragung aus dem BodyPrayer-Buch von Doug Pagitt, Kathryn Prill und Colleen Shealer Olson. Ähnliche Körpergebete findest du auch auf der DVD »Körpergebet / Eine Vergessene Sprache wiederentdecken«, die wir mit Kairos Media produziert haben.

→ Instapaper

Emergent Forum 2011

Emergent Forum 2011

Vom 25. bis 27. November 2011 findet das diesjährige Emergent Forum in Berlin-Schöneberg statt. Auf der Einladungskarte steht:

Das Emergent Forum ermöglicht
kreative und mutmachende Gespräche
jenseits von Denkverboten und Fraktionszwängen:
über Christsein in einer unvorhersehbaren Welt,
Interaktion mit einer vielschichtigen Kultur
und eine frische Interpretation unseres Erbes.

Seit heute sind auf der Seite zum Forum weitere Infos verfügbar und es ist möglich sich anzumelden.

Am Samstag Nachmittag werden Workshops stattfinden, und ich bin schon sehr gespannt welche Workshopideen ihr habt. Diese könnt ihr über die Workshop-Seite an mich übermitteln. Danke.

Die oben erwähnten Postkarten könnt ihr bei Martin über diese Seite bestellen.

Achso, und ich schlage vor, dass wir #ef11 als Erkennungszeichen für das Forum verwenden.

→ Instapaper

Himmel auf Erden

Gestern Abend öffneten wir einen spirituelllen Erlebnisraum. Wir hatten darüber im Vorfeld nicht so sehr öffentlich gesprochen, und er fand etwas ausser der Reihe statt, da er zum einen für uns als Gemeinschaft gedacht war, und wir an diesem Abend Besuch von einem Team der BBC hatten. Da mir das Konzept des Raumes sehr gut gefällt, wollte ich an dieser Stelle einige Zeilen dazu schreiben.

Album: Himmel auf ErdenDer Raum war für einen Abend konzipiert und enthielt zwei Phasen. Die erste Phase war der persönlichen Inspiration und Meditation gewidmet. Die zweite Phase beschäftigte sich mit Beteiligung und fand dementsprechend interaktiver statt. Für die erste Phase hatten wir eine Art-EP zusammengestellt. Diese bestand aus Musikstücken und gesprochenen Worten, wir hatten einige Gedanken zum Thema Himmel eingesprochen und sie mit etwas Musik kombiniert. Jede und jeder der Anwesenden konnte sich die EP im Vorfeld herunterladen und traf dann mit einem MP3-Player im Raum ein.

Die EP enthielt 5 Titel, der erste war als Einführung gedacht. Das Thema wurde aufgegriffen und die Musik sollte dabei helfen sich auf den spirituellen Erlebnisraum einzulassen. Darauf folgten 3 Titel, die jeweils zur Begleitung der drei Stationen gedacht war. Den Anwesenden wurde es freigestellt in welcher Reihenfolge sie die Titel anhörten und dementsprechend in welcher Reihenfolge sie die Stationen besuchten. Der letzte Titel stellte eine Brücke zur zweiten Phase der Interaktion dar und führte in das Themenfeld der Beteiligung ein.

Wie eben erwähnt hatten wir drei Stationen vorbereitet, die zur Beschäftigung mit »Himmel auf Erden« einluden. In seinem Buch »The Complex Christ« schreibt Kester Brewin darüber, dass »Alternative Worship« vor allem dadurch zustande kommt, dass die Vorbereitenden ihre Gaben einbringen, und Möglichkeiten der spirituellen Interaktion anbieten, die dem entspricht was sie zu dem angedachten Themenbereich einzubringen bereit sind. Auf diese Weise kamen auch gestern Abend die unterschiedlichen Gaben und Zugänge zur Geltung, die die Vorbereitenden einbrachten.

Multi-Alles

Multi-Alles

Die erste Station über die ich schreibe trug den Titel »Multi-Alles«. Wie auf dem Bild oben zu sehen ist, bestand sie aus einem Tisch auf dem eine Auswahl von Fotografien zu sehen war, die Menschen in unterschiedlichen Situationen des Alltags, mit unterschiedlicher Herkunft usw. zeigte. Die Anwesenden waren eingeladen darüber nachzudenken, ob es für sie denkbar ist, „im Himmel“ diese unterschiedlichen Menschen zu treffen. Sie waren eingeladen sich ein gelingendes Zusammenleben der unterschiedlichsten Menschen vorzustellen.

weiterlesen →

→ Instapaper

Richard Rohr in Erlangen

Ich befinde mich gerade im Zug von Erlangen nach Hause. In Erlangen war ich bei einer Veranstaltung mit Richard Rohr. Peter Aschoff hatte ihn eingeladen, und in einer Kooperation von Elia Gemeinschaft, der evanglischen St.Markus-Gemeinde und Emergent Deutschland einen Vortrag mit ihm zum Thema »emerging Christianity« organisiert.

Richard charakterisierte die emergente Bewegung anhand von vier Stuhlbeinen.

1. Ernsthaftes Jesus-Studium

Das erste Stuhlbein beschrieb er als ernsthaftes Jesus-Studium. Seiner Ansicht nach zeichnet die emergente Bewegung ein Jesus-Studium aus, das danach sucht was über Jesus ausgesagt wird, und bereit ist ohne Denkverbote auch Aussagen über Jesus anzunehmen, die den eigenen Vorstellungen und Annahmen widersprechen. Dadurch, dass immer mehr Menschen solche Studien durchführen, nicht nur die klassischen Theologiestudenten, entsteht ein weiteres Bild dessen, was über Jesus gesagt wird.

2. Was will das Evangelium sagen?

Im Zuge der ernsthaften Jesus-Studien wurden einige blinde Flecke der Theologie deutlich. Daraus entstand ein neues Suchen danach, was das Evangelium bedeutet. Einen dieser blinden Flecken umriss er mit einigen Gedanken zu den Auswirkungen auf die so genannten Konstantinischen Wende, in deren Zuge das Christentum von den Verfolgten auf die Seite derer wechselte die Macht hatten. Durch diese Entwicklungen verschoben sich einige wichtige Parameter, die es wieder neu zu justieren gilt.

3. Nicht-Duales-Denken

3. Nicht-Duales-Denken

Das dritte Stuhlbein führte er am weitesten aus. Er sprach davon, dass es für eine Bewegung notwenig ist, sich nicht auf duales Denken reduzieren zu lassen. In seinem aktuellen Buch »Die pure Präsenz« schreibt er darüber, dass Kontemplation ein geeigneter Weg ist Nicht-Duales-Denken einzuüben. Er kennzeichnet diese Denkweise damit, dass nicht argumentativ gedacht wird, was uns jedoch am leichtesten fällt. Wenn wir einer Person oder einer Situation begegnen analysieren wir diese normalerweise. Wir nehmen das an, was uns naheliegt und bewerten es positiv, fremdes dagegen werten wir negativ. Mit dieser Bewertung teilen wir die Welt ein. Nehmen wir einen Augenblick jedoch kontemplativ war, achten wir auf das was da ist, und lassen es als das was ist stehen. Der Weg der Kontemplation lehrt uns diese Wahrnehmung des Augenblicks. Dadurch kann es uns möglich werden die Welt nicht in Lager zu unterteilen, sondern in einem Prozess der Transformation zu bleiben. Auf der einen Seite charakterisiert er die emergente Bewegung als eine Bewegung, die dies kennzeichnet, auf der anderen Seite spricht er davon, wie wichtig es ist, dass die emergente Bewegung in diesem Prozess der kontemplativen Transformation der Denkweise bleibt und diese weiter vertieft.

4. Was sind Strukturen und Formen von Gemeinschaft die für emergentes Leben wichtig sind?

Als viertes Stuhlbein bezeichnet er die Frage nach Möglichkeiten der Versammlung. Wie können sich Leute auf eine positive und glaubensvolle Art versammeln? In diesem Zusammenhang ging er auf Spiral Dynamics ein, einem Verständnis der Entwicklung menschlichen Bewusstseins, das auf unterschiedliche Bereiche angewandt werden kann. Interessant an diesem Verständnis ist, dass sich auf der unteren Ebene duales Denken – entweder oder – findet, und auf der oberen Ebene von einem Nicht-Dualen-Denken – sowohl als auch – die Rede ist. Nach diesem Verständnis kann eine Institution nicht über Ebene 4 hinausgehen. Aus seiner Sicht hilft dieses Verständnis auch dabei realistisch zu sein, und im Umgang mit Institutionen – beispielsweise der verfassten Kirche – nicht bitter zu werden. Eine Institution kann nur das leisten was eine Institution leisten kann, und das macht sie gut. Andere Bereiche müssen jedoch von anderen Menschen und Bewegungen ausgefüllt werden. In diesem Zusammenhang weist er auf einen sehr guten Gedanken des Heiligen Franziskus hin: »Die beste Kritik des Schlechten ist die Praxis des Guten.« Wichtig ist, dass du tust was du tust. Handle nicht reaktiv und negativ auf Missstände, sondern tue das in dem du gut bist. Für ihn ist dies ein Zeichen dafür reif zu sein.

Zum Schluss seines Vortrages kam er nochmals auf einen grundlegenden Aspekt der emergenten Bewegung zu sprechen. Die emergente Bewegung wird nicht von einer Zentrale aus gesteuert. Sie kommt nicht von oben – von den Chefs aus einem Büro in New York – nach unten, sie wird nicht von außen nach innen getragen. Vielmehr tauchen die Fragen von unten auf, kommen an die Oberfläche. Sie bahnen sich ihren Weg von Innen. Er sieht auf der ganzen Welt ähnliche Fragen auftauchen, und sieht darin ein Wirken des Heiligen Geistes. Auf diese Weise stellen einige Menschen fest, wenn sie auf andere mit ähnlichen Fragen treffen, dass diese emergente Bewegung sie verbindet. Es handelt sich nicht um ein Etikett, eine Denomination. Gerade darin sieht er auch eine große Chance, da die emergente Bewegung ihre Energie nicht darauf konzentrieren muss denominationale Strukturen aufzubauen, sondern auf integrative Weise unterschiedlicheste Menschen mit ähnlichen Fragen zu versammeln, und dadurch einen Raum zu eröffnen in dem sich eine neue Art Christsein entwickeln kann. Seine Hoffnung scheint sich diesbezüglich vor allem in einer Stärkung der kontemplativen Sicht der Welt, und damit auch einem auf Gerechtigkeit ausgerichteten Handeln zu fokussieren.

-

Der Vortrag wurde aufgenommen. Wenn die Qualität der Aufnahme gut ist, werden wir sie über das Blog von Emergent Deutschland veröffentlichen. Dann könnt ihr auch all das hören was ich vergessen habe zu notieren …

-

Update: Nach dem Klick gibt’s den Video-Mitschnitt …
weiterlesen →

→ Instapaper

Improvisation

Heute Nachmittag schrieb ich einen Eintrag, in dem ich den Begriff der »Wiederholung« nach Walter Benjamin, wie ihn Arne verwendet, um die Nuance der »Improvisation« ergänzte, um nun, bei der Lektüre eines Interviews auf zeit.de festzustellen, was mir an Improvisation auch noch gefällt – die diskursive Eigenschaft:

Diskursivität liegt mir sehr am Herzen. Sie ist nämlich ein ganz wichtiges Kriterium dafür, dass Kommunikation gelingt. Ich habe den Verdacht, dass Improvisation ein klassischer Fall von Diskursivität ist: Improvisation ermöglicht ein Hin- und Her zwischen einer Person, die gewissermaßen auf der Bühne steht, und dem Publikum auf der anderen Seite. Die neuen Medien machen möglich, dass man antwortet, dass man zuhört, dass man Spiel zulässt. Das heißt auch, es passieren Dinge, die man nicht geplant hat. Und das Spannende ist: Am Ende kommt etwas heraus, was noch viel großartiger ist als das, was ursprünglich vorgesehen war.

Quelle: zeit.de – “Das Netz ist gut für Improvisationen” ein Interview mit Sabria David

In dem Interview geht es zwar vor allem um die Kommunikation von Firmen in Social Media, die Diskursivität der Improvisation jedoch lässt sich meiner Ansicht nach auch leicht auf andere Bereiche übertragen. Improvisation bleibt spannend, da ihr Verlauf nicht komplett vorhersehbar ist, und somit das Ergebnis nicht zu beginn feststehen kann. Dies wiederum erinnert mich an den Begriff »dynamische Kontextualisierung«, den ich bei Hans-Werner Gensichen gelesen, und hier darüber geschrieben habe.

→ Instapaper

wiederholen – improvisieren

Letzte Woche las ich bei Arne einige Gedanken zur historischen Verankerung des kontextualisierten Christseins. Und auch wenn er den Begriff »wiederholen« anders füllte, kamen mir folgende Zeilen in den Kopf:

I know it’s hard to be original
In fact nothing scares me more
Because Jesus only lets me do
What has been done before

David Bazan, Selling Advertising (Making It, Faking It, Breaking It)

Arne ging es in seinem Eintrag um die »Wiederholung der Geste des Christentums«, den fahlen Geschmack der Wiederholung wird man bei dieser Art des Gedankens einer historischen Verortung des Christseins evtl. nicht los, weshalb ich den Begriff der »Improvisation« ins Spiel bringen möchte.

Von N. T. Wright übernahm ich vor Längerem das Bild des Theaterstückes, das auf fünf Akte angelegt ist. Die ersten vier davon sind gut erhalten ((1) Schöpfung, (2) Sündenfall, (3) Israel, (4) Jesus), die Texte des Neuen Testaments beinhalten nach Wright die Anfänge des fünften und geben einen Ausblick auf ein mögliches Ende des Stücks.

Christsein könnte in diesem Zusammenhang eine historische Verortung beinhalten – die Kenntnis der überlieferten vier Akte – heute jedoch vor allem aus Improvisation bestehen. Die Akteure können nicht einfach zitieren – woran mich der Begriff »Wiederholung« und die oben zitierten Zeilen erinnern – sondern stehen vor der Herausforderung getreu des Plots, der sich im ersten Teil des Stücks andeutet, zu improvisieren.


Auf diese Gedanken wies ich damals im Eintrag »Gedanken zum Verständnis der Bibel« im »emergenten Gedankengut« hin.

→ Instapaper