Archiv für die Kategorie 'Gesellschaft'

Öko?-Test

Donnerstag, 18. März 2010

Vor einiger Zeit befasste ich mich mit dem Öko-Test-Siegel, klebt es doch auf nahezu allen Produkten des täglichen Bedarfs. Schon damals wurde schnell klar, dass Öko-Test nicht in der Weise „öko“ ist, wie es der Name glauben macht. Eben las ich ein Editorial von Claudia Langer auf Utopia zu der Debatte um Öko-Test, die Momentan in den Medien stattfindet, daraus möchte ich kurz einen Abschnitt zitieren:

“Öko-Test” macht lediglich eine Schad- und Inhaltsstoffbetrachtung, eigentlich sogar nur eine Schadstoffausschlussbetrachtung. Noch nicht mal eine Gesundheitsbetrachtung. Und erst recht keine Ökobetrachtung. Es geht sogar noch weiter: “Öko-Test” halte es für nicht möglich Produkte auf ihre Nachhaltigkeit zu testen, zitiert der “Spiegel”, weil “man sich dabei vor allem auf die Angaben der Hersteller verlassen müsse.” Das muss jeder wissen, bevor er eine strategische Kaufentscheidung aufgrund des “Öko-Test”-Labels mit dem roten Ahorn trifft – denn damit entscheidet er sich nicht zwingend für ein nachhaltig hergestelltes Produkt.

Quelle: Claudia Langer – Utopia.de – Öko? Oder wie jetzt?

Zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema empfehle ich natürlich das eben zitierte Editorial von Claudia Langer, und den Spiegel-Artikel dazu.

Albtraum Atommüll

Montag, 15. März 2010

Alptraum AtommuellAm Mittwoch 24.03. wird um 20 Uhr im Luthersaal der evangelischen Luthergemeinde in Karlsruhe (Oststadt) der Dokumentarfilm »Albtraum Atommüll« gezeigt.

In der Diskussion um Atomkraft werden von den Befürwortern immer wieder die vermeintlichen Vorteile dieser Technik hervorgehoben. Mit Blick auf die drohende Klimaerwärmung wird sie sehr gerne als sauber und nachhaltig dargestellt. Doch wenn es um die radioaktiven Abfälle geht, geraten Wissenschaftler ins Grübeln, die Industrie beschwichtigt , Politiker vertuschen und schweigen. Atommüll ist der schlimmste Albtraum der Atomenergie und häufig noch immer ein Tabuthema.

Im Anschluss an den Film ist eine kurze Fragerunde mit Vertretern der Umweltverbände geplant.

Weitere Infos auf der Webseite zum Film auf arte.tv

Die eigene Geschichte im Netz

Donnerstag, 11. März 2010

In letzter Zeit komme ich viel zu selten dazu ein paar Gedanken in dieses Blog zu tippen. All diejenigen, die des Öfteren hier vorbeischauen bitte ich diesbezüglich um Geduld und empfehle euch bei Twitter oder Facebook vorbeizuschauen oder ab und an einen Blick in meine Randbemerkungen zu werfen. Die Gedanken die ich jetzt vor habe hier niederzuschreiben wurden inspiriert durch einen Beitrag des elektrischen Reporters, der sich auch in meinen Randbemerkungen findet.

In der Ausgabe über die Identität im Netz ist die Rede davon, dass wir durch unsere Veröffentlichungen im Internet lernen zu unserer Geschichte zu stehen. Während früher nur für diejenigen unsere Geschichte, und damit sowohl unsere Veränderung/Entwicklung als auch manche Eigenart aus früheren Tagen bekannt war, die uns aus dieser Zeit kannten, kann heute jeder viel weiter in unserem Leben zurück lesen.

So können hier in diesem Blog Einträge aus dem Jahr 2004 nachgelesen werden, und die findige Internetnutzerin kann noch weiter in meinem Leben zurück lesen. Es finden sich Ansichten, Aussagen, Bilder, MP3 von mir in diesem Internet. Ein erstes Mal, als mir diese Tatsache auffiel, war als eine Pfarrerin, mit der ich einen Gottesdienst zu gestalten hatte, auf eine Predigt Bezug nahm, die aus Stuttgarter Tagen stammte, und die sie sich angehört hatte.

Wir verändern uns beständig, und dennoch verhalten wir uns auch weiterhin stimmig zu unserer eigenen Geschichte. Und, wer hätte es gedacht, das Internet hilft uns dabei stimmig zu unserer Geschichte zu leben. Und falls du es nicht als Hilfe ansiehst, so ruft es uns doch Vergangenes in Erinnerung und fordert uns dazu heraus Stellung dazu zu beziehen.

Und in all dem werden wir nach und nach die Definition dessen, was es bedeutet in Kontakt zu sein oder in Beziehung zu stehen, überdenken und eventuell weiter fassen.

Optionen der Dekonstruktion

Sonntag, 14. Februar 2010

Wohin führt uns die Dekonstruktion? Sie zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Führt sie uns damit nicht in eine ausweglose Lage, an der wir nur noch unser Christsein an den Nagel hängen können? Wenn wir all die Glaubensfragen aufgeben, landen wir dann nicht dort wo „die Liberalen“ der 70er Jahre standen? Solche oder ähnliche Fragen und Gedanken begegnen mir häufiger. An manchen Tagen werden sie von aussen an mich herangetragen, an anderen drehen sie sich in meinen Gedanken. In den letzten Tagen habe ich viel darüber nachgedacht. Dieses Nachdenken wurde beflügelt durch das Hören von David Bazans Musik, den Gedanken von Arne zu nichts-sagend-glauben, einem Interview mit Peter Rollins und Texten aus dem Buch des Propheten Amos.

Ich versuche hier mal meine Gedanken anhand von zwei Optionen der Dekonstruktion des Christentums darzustellen. Dabei bin ich mir sehr bewusst, dass es sich dabei lediglich um eine Karikatur handeln kann, eine Karikatur jedoch, von der ich annehme, dass sie etwas wichtiges verdeutlicht.

Absage und Lethargie

Es kursiert die Angst, dass eine Dekonstruktion des Christentums im Extremfall zur Aufgabe all dessen führen könnte was das Leben als Christ bis dorthin ausgemacht hatte. Ein Beispiel dieser Möglichkeit sehe ich in den Geschichten, die David Bazan in seinen Liedern erzählt. Er verarbeitet in seinen Liedern einiges aus seiner eigenen Geschichte. Aufgewachsen in einem konservativ-christlichen Umfeld, das stark von metaphysischen Annahmen – der übergeordneten Bedeutung des Jenseits beispielsweise – und Verboten geprägt war. Wenn diese Prägung dekonstruiert wird, führt das zu einem Hadern mit Gott, dem jenseitigen unbeweglichen Beweger. Angesichts der Ohnmacht all den moralischen Verboten gerecht zu werden, und der Unmöglichkeit ein „sündloses“ Leben zu führen, steht er seinen Abgründen gegenüber – Alkohol- und Drogenexzesse gepaart mit sexueller Zügellosigkeit.

Im Extremfall würde eine solche Position zu einer nihilistischen Weltsicht führen – wobei ich nicht sagen möchte, dass dies bei Bazan der Fall ist. Eine Weltsicht, die Gott wegen all des Unheils anklagt, die Sinnlosigkeit eines bewussten Lebensstils betont, und sich an diesem Punkt resigniert von allem bisherigen abwendet. In gewisser Weise käme das dann einer Kapitulation gleich, ein sich einordnen in die Kräfte der bisher verteufelten bösen Welt. Ein Glaube, der vor allem geprägt war durch die Annahme von Glaubenswahrheiten, würde an einem solchen Punkt zerfallen, er würde aufhören zu existieren. Die Notwendigkeit sich an die moralischen Verbote zu halten würde mit ihm aufgegeben werden, und könnte den Weg zu einem Zügellosen Leben bereiten. Diese Annahmen betrachte ich bewusst als Karikatur, auch wenn ähnliche Geschichten tatsächlich zu passieren scheinen, und trotz der Angst in manchen Kreisen, genau das wäre es, wohin uns die dekonstruktivistischen Ansätze der emergenten Bewegung führen werden.

Handeln und Erwartung

Auf der anderen Seite kann durch die Dekonstruktion des Christentums die Möglichkeit angenommen werden, die das Handeln betont und in diesem ein so genanntes Gottesereignis erwartet.

Die Dekonstruktion des Chistentums, und damit sind ja vor allem die Paradigmen, also die Glaubenssätze und die Weltsicht gemeint, macht uns in vielen Zusammenhängen sprachlos. Wir betrachten Äusserungen über Gott als Interpretationen, dadurch verlieren sie die Aura absoluter Wahrheit und werden relativiert – in Relation gestellt. Dennoch halten wir an Gott fest. Nicht im Sinne einer allmächtigen Person im Jenseits, sondern im Sinne eines sinngebend Handelnden, der nicht zu fassen ist. Die Aspekte, die wir von ihm verstanden zu haben glauben, könnten sich als falsch erweisen, dessen sind wir uns bewusst. Dieses Bewusstsein führt uns nicht zur Lethargie, sondern ermöglicht uns vorläufige Interpretationen anzunehmen und diese ständig weiter zu entwickeln. Wir handeln entsprechend dem, was wir aus den Überlieferungen seiner Geschichte mit den Menschen interpretieren. Wir leben human, kümmern uns um Gerechtigkeit und achten unser Gegenüber, sei es ein Mensch, ein Tier oder die Pflanzenwelt.

In diesem Sinne wären wir gute Humanisten, und die Frage läge nahe, wozu es den Zusatz »Gott« noch brauchte. Doch in all dem Handeln erwarten wir das Gottesereignis. Was das genau ist, dafür fehlt uns die Sprache. Es fällt leichter zu sagen, was es wahrscheinlich nicht sein wird. Doch könnte es nicht sein, dass »Gott« sich hier ereignet, gerade in der Begegnung mit einem Mitmenschen, dem Einsatz für Gerechtigkeit, dem verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung. Es bleibt die Erwartung eines handelnden Gottes, eines Gottes der nicht nur ursprünglich Bewegender war und dann seine Schöpfung sich selbst überlies, sondern einer Gottesgemeinschaft, die heute noch involviert ist, subtil, in der Gestalt der Schöpfung. An dieser Stelle beginnen wir uns zu Fragen wie dieses Gottesereignis konstituiert ist, vielleicht auch, was unter dem Begriff »Heiliger Geist« zu verstehen ist. Führt uns die Aussage Slavoj Zizeks weiter, der den Heiligen Geist mit der »kommunistischen Partei« vergleicht, und in ihm den Antrieb sieht, der die Menschen motiviert gerecht zu handeln, einander zu lieben?

Ein solches Handeln voller Erwartung kapituliert nicht. Es definiert sich nicht aus Verboten, wiewohl es sich der eigenen Abgründe bewusst ist. Es blickt jedoch auf die Möglichkeiten, versucht dem Ereignis Gottes nachzuspüren und in diesem Sinne zu leben. Versteht sich eingeladen in die Gottesgemeinschaft, ohne konkrete Worte dafür zu haben.

In diesem Sinne verstehe ich die emergente Bewegung, zumindest das was ich davon zu kennen glaube, als missionale Bewegung. Eine Bewegung die sich danach ausstreckt an dem zu partizipieren was sie die Gottesgemeinschaft zu tun annimmt, und in diesem Leben, Handeln, nach dem Gottesereignis Ausschau hält. Und während sie handelt, reflektiert und zu vorläufigen Interpretationen kommt, die sie gerne intellektuell redlich zur Sprache bringen möchte. Eine suchende Bewegung, eine Bewegung der Liebe, eine Bewegung des Handelns und in dem allem eine dekonstruktivistisch denkende Bewegung, die wie Jeremia mit Gott um ihn ringt. Ein Weg, über den ich sehr dankbar bin.

2. Ökumenischer Kirchentag

Mittwoch, 03. Februar 2010

oekt 2010Es sind noch 98 Tage bis in München der 2. Ökumenische Kirchentag 2010 eröffnet werden wird. Heute fand dazu eine Pressekonferenz statt, in der über die Programmhöhepunkte des Kirchentages berichtet wurde. Die beiden Präsidenten des Kirchentages, Alois Glück und Prof. Dr. Dr. Eckhard Nagel, sprachen kürzlich in einem Interview darüber, dass ihrer Meinung nach der 2. ÖKT ein wichtiger Motor des gegenseitigen Verständnisses sei. Einige wichtige Themen des Kirchentages wurden heute in der Pressekonferenz genannt: dabei wurde beispielsweise auf den Dialog der Religionen und Kulturen hingewiesen, dieser finde beispielsweise in einer gemeinsamen orthodoxen Vesper einen Ausdruck. Weitere Themenschwerpunkte sind Frieden und der Dialog mit den Wissenschaften. In diesem Sinne verstehe ich den Ökumenischen Kirchentag auch als eine Ermöglichung eines Raumes ökumenischer Begegnung, die von den Großkirchen unterstützt wird und gleichzeitig das so genannte Volk zusammenführt.

Für mich wird dies der erste Ökumenische Kirchentag sein. Die Vorlage der Pressekonferenz heute, nehme ich auch als Gelegenheit über zwei Höhepunkte zu schreiben, von denen ich jetzt schon weiß und auf die ich mich freue:

Am Donnerstag 13. Mai werde ich an einem Podium in Halle 4 teilnehmen. Dieses Podium steht unter dem Thema »Wie Glauben leben?«. An ein Kurzreferat von Hans Küng wird sich ein Podiumsgespräch anschließen in dem Hans Küng, Harald Lesch, Schwester Dosithea Zaharia und ich über Möglichkeiten sprechen werden, wie Glaube heute gelebt werden kann. Auf dieses Podium freue ich mich aus naheliegenden Gründen natürlich sehr.

Ebenfalls freue ich mich auf eine Veranstaltung am Samstag 15. Mai. Einige Freunde aus der emergenten Bewegung werden im Handwerkersaal ein Seminar zu Möglichkeiten für Kirche im 21. Jahrhundert veranstalten. Dabei werden wir sowohl Hintergründe bedenken als auch auf gemeindepraktisch gelebtes eingehen.

Diese beiden Veranstaltungen sind die, von denen ich jetzt schon weiß und auf die ich mich freue. Würde mich sehr freuen von euch zu hören – Wer von euch ist auf dem 2. ÖKT in München dabei? Von welchen Veranstaltungen wisst ihr? Wo werdet ihr dabei sein?

Vielleicht könnte man auch eine Art Blogger-Treffen machen, irgendwo einen Kaffee zusammen trinken und sehen was sich so ergibt – eventuell ist so etwas sowieso schon in Planung…

Gemeinsam den Tod des autonomen Selbst feiern! – Teil 1

Montag, 01. Februar 2010

Unter diesem Titel hielt ich ein kurzes Impulsreferat am Ortstermin der Initiative SüdWest von Emergent Deutschland am letzten Samstag. In einer kurzen Serie von Einträgen möchte ich ein wenig über die Gedanken schreiben, die mir in diesem Zusammenhang wichtig sind.

Meine Begeisterung für relationale Ansätze, und die damit verbundene Präsenz derselben in meinem Reden, Denken und Schreiben, haben nichts damit zu tun, dass ich deren Wahrheit oder Überlegenheit beweisen möchte, sondern liegen vielmehr in der Wertschätzung der Möglichkeiten, die diese Perspektive eröffnet. In diesem Sinne möchte ich auch die folgenden Gedanken und den Titel verstanden wissen.

Zur Formulierung des Titels wurde ich durch eine Äusserung von Stanley J. Grenz in »The Social God and the relational Self« inspiriert. In einem Abschnitt über postmoderne Ansätze zum Umgang mit Individuum und Selbst, spricht er davon, dass in der postmodernen Philosophie der Rückgang der Bedeutung des Individuums, des autonomen Selbst, begrüßt wird (Grenz, 133ff). Diese Andeutung verleitete mich dazu von einer gemeinsamen Feier des Todes des autonomen Selbst zu sprechen. Was ich darunter verstehe möchte ich nun stückweise umschreiben.

Das Selbst als Knotenpunkt in einem sozialen Netz

In der so genannten Bibel postmodernen Denkens, dem Buch »Das postmoderne Wissen«, schreibt Jean-François Lyotard über das Ende der großen Erzählungen. Solcher Erzählungen die für sich in Anspruch nehmen, die Welt als Ganze zu erklären. Angesichts des Endes dieser Großen Erzählungen konstatiert er, dass damit jeder auf sich selbst zurückgeworfen ist. Manche haben diese Aussage für ein Loblied auf den Individualismus gehalten. Und auch ich ging zu manchen Zeiten davon aus, eine Aufgabe des Individuums darin zu sehen, sich selbst neu zu erfinden, die möglichst autonom bewerkstelligt werden sollte. Die Perspektive ändert sich jedoch schlagartig, wenn wir den folgenden Satz mitlesen:

»Jeder ist auf sich selbst zurückgeworfen. Und jeder weiß, daß dieses Selbst wenig ist.« (Lyotard, 54)

Das Selbst ist wenig. Es ist nicht so, dass jede und jeder nun autonom und aus freien Stücken die Aufgabe hätte sich selbst neu zu erfinden, und dazu in der Lage wäre. In den folgenden Ausführungen geht Lyotard darauf ein, dass das Selbst als eine Art Knotenpunkt im Netz der sozialen Verbindungen verstanden werden könne.

Er erläutert diese Gedanken im Bild der Sprachspiele. Beim Selbst handelt es sich um einen Knotenpunkt im Kommunikationskreislauf. Durch die Kommunikation in die das Selbst eingebunden ist, wird es ständig dazu herausgefordert eine neue Position einzunehmen, sich zu verändern. Dies ist eine Andeutung der Annahme einer beweglichen Identität, die in dynamischem Austausch mit dem jeweiligen Umfeld steht, und nicht mehr statisch wahrgenommen werden kann. Auf der anderen Seite ist es jedoch auch eine Betonung der sozialen, relationalen Komponente der Identität, also des Selbst. Das Individuum erfindet sich daher nicht ständig autonom neu, sondern befindet sich in der sozialen Dynamik, die eine ständige Neubestimmung mit sich bringt.

Mit der Andeutung des ersten Gedankens aus dem Impulsreferat möchte ich auch schon diesen Eintrag beenden. Für mich wird in diesem ersten Gedanken die gemeinsame Feier des Todes des autonomen Selbst in der Weise deutlich, dass eine relationale Sicht des Individuums, eine Sicht auf die sozialen Zusammenhänge eröffnet, in den sich das Selbst befindet. Verstanden als Knotenpunkt im Kommunikationsnetz wird sowohl die Dynamik der Identität angedeutet, als auch seine Verwobenheit in die Kommunikationsvorgänge des Umfeldes. Das Selbst wird demnach weder durch eine große Erzählung getragen, noch ist es eine Art biologische Grundlage, die das gesamte Leben unveränderlich ist.

In einem nächste Eintrag möchte ich kurz auf das Ideal des autonomen Selbst eingehen, und eine mögliche erweiternde Perspektive beschreiben.

Quellen:
Stanley J. Grenz, The Social God and the Relational Self (Louisville, London, Leiden: Westminster John Knox, 2001).
Jean-François Lyotard, Das postmoderne Wissen (Graz, Wien: Böhlau, 1986).

Schuldenerlass als Chance

Dienstag, 19. Januar 2010

Zeltstadt in Haiti / Creative Commone: United Nations Developement Programme
Bild einer Zeltstadt in Haiti. Photo: United Nations Developement Programme (CC)

Momentan wird viel über Haiti geschrieben und gesprochen. Die katastrophalen Auswirkungen des Erdbebens machen mich sprachlos, sehr traurig und irgendwie hilflos wütend, da es in Haiti wieder einmal sehr arme und auch ausgegrenzte Menschen waren, die von der Naturkatastrophe getroffen wurden. Eine ganze Weile lang habe ich nichts dazu geschrieben, und auch recht wenig zu dieser Naturkatastrophe gesagt. Mein Mitgefühl gilt allen Betroffenen.

Meiner Ansicht nach ist es wichtig durch Spenden die Hilfe für die Betroffenen zu unterstützen. Neben dem Spenden, das viele als einzige Möglichkeit sehen, in der wir helfen können, möchte ich jedoch weder das Gebet für die Betroffenen ausklammern, noch die Frage nach strukturellen Gegebenheiten, die Grundlage der Armut in Haiti zu sein scheinen.

In der ZEIT wird Haiti als gescheiterter Staat bezeichnet. Der Titel legt nahe, dass Haiti niemals demokratische Wurzeln besaß, und unterstützt auf diese Weise die unterschwellige Annahme vieler, dass die Haitianer irgendwie selbst an ihrer Armut schuld sind. Auch wenn ich diese Annahme so nicht teile, halte ich den Artikel für Lesenswert, da er uns zumindest etwas die Augen dafür öffnet wie es den Bewohnern des Landes geht.

Meine Andeutung, dass ich die Annahme nicht teile, Haiti habe keine demokratischen Wurzeln, wird durch eine Rezension genährt, die Zizek zum Buch »Damming the Flood: Haiti, Aristide and the Politics of Containment« von Peter Hallward geschrieben hat. Diese Rezension ist unter dem Titel »Democracy versus the people« im NewStatesman erschienen. In diesem (umstrittenen) Buch schreibt Hallward über die geschichtlichen Entwicklungen Haitis. Seine Ausführungen beginnt er mit der eindrücklichen Revolution gegen den Sklavenhandel, und der daraus resultierenden Unabhängigkeit Haitis von Frankreich 1804. Nach Ansicht Hallwards trug in der Folgezeit der Westen dazu bei Haiti schwach zu halten, um die revolutionären Kräfte auch in anderen Ländern zu unterdrücken. In Haiti kam es immer wieder zu massiven Ausschreitungen und tiefen Spaltungen innerhalb der Bevölkerung. Und ja, der Staat gilt als gescheiterter Staat. Vielleicht hilft uns jedoch eine Beschäftigung mit der Geschichte Haitis, bspw. die militärische Intervention 2004, die schließlich Aristide ins Exil führte. Dieser hatte zuvor eine Resolution auf den Weg gebracht, in der er Frankreich aufforderte Reparationen zu bezahlen. Interessanterweise wurde diese Resolution von der Nachfolgeregierung als erste Amtshandlung gekippt. Ich weiß es handelt sich hierbei um umstrittene Ansichten, und es gibt weitere Aspekte der Geschichte, die zu bedenken sind. Mir erscheint es jedoch wichtig, neben den Forderungen um Spenden, auch konkret über eine Verbesserung der Gesamtsituation Haitis nachzudenken und dementsprechend zu handeln.

In den Nachrichten wurde heute gesagt, dass der Pariser Club einen Schuldenerlass für Haiti fordert. Eine dazu passende Petition findet sich bei ONE. Bitte zeichne diese Petition mit! Meiner Ansicht nach wäre ein Schuldenerlass ein erster Schritt in die Richtung Haiti eine Chance zu geben. Neben der Beruhigung des Landes durch Blauhelme, müsste meiner Ansicht nach dann weiteres Engagement zur Selbsthilfe der Haitianer geleistet werden. Dieses Engagement sähe im Idealfall so aus, dass wir nicht erwarten Haiti würde eine „westlich kapitalistische Demokratie“, sondern in der Unterstützung der demokratischen Kräfte Haitis, so dass das Land eine Zukunft hat.

Wahrheit im Dialog

Samstag, 09. Januar 2010

Als ich vor gut zwei Wochen die Frage »Wozu Weltethos?« las, dachte ich, es gibt nur eine Person, von der ich mir Antworten darauf wünsche, Hans Küng. Diese Frage in einer Tübinger Buchhandlung zu lesen, war mein Vorteil, denn dadurch konnte ich die Antworten (in Buchform) direkt mit nach Hause nehmen. Nun lese ich ab und an in dem Buch, und finde dieses in bestem Sinne anregend. Wie der Titel des Eintrages schon verrät, greife ich nun einige Aspekte aus einer Antwort Küngs auf, in der er über Wahrheit und Dialog spricht.

Seiner Ansicht nach kann keine Religion oder Weltanschauung behaupten, alleine die Wahrheit zu haben. Es ist jedoch genauso unmöglich, der Wahrheitsfrage keine Bedeutung mehr einzuräumen, und davon auszugehen, »dass die Wahrheit irgendwie verteilt ist, dass es also völlig indifferent ist, wie ich mich dazu verhalte« (24). Nach diesen grundlegenden Aussagen stellt er seinen Ansatz vor, der von drei Dimensionen ausgeht:

1. Die persönliche Perspektive
Die erste Dimension ist geprägt von der persönlichen Perspektive jedes Dialogteilnehmers. Jeder hat für sich eine „Wahrheit“ gefunden, eine Antwort auf die Sinnfrage. Für Küng findet sich diese Antwort im christlichen Glauben und in Jesus Christus, den er in Anlehnung an das Johannes-Evangelium (Joh 14) als den Weg, die Wahrheit und das Leben bezeichnet.

2. Die Perspektive jeder Religion
Die zweite Dimension besteht aus der Anerkennung der Perspektive der Religionen und Weltanschauungen. Jede Religion hält ihre „Wahrheit“, also ihre Antwort auf die Sinnfrage, für richtig und wichtig. Diese Antworten beziehen sich jedoch nie ausschließlich auf ein bestimmte Theorie, sondern haben Auswirkungen auf die Lebensgestaltung. »Es geht ja nicht nur um wahre Erkenntnis, sondern auch um richtiges Handeln. Es geht nicht nur um Doktrinen, sondern auch um Ethos.« (25)

Auf die Frage wie diese beiden ersten Dimensionen zusammengebracht werden können antwortet er folgendermaßen:

»Zunächst einmal ist Respekt die wichtigste Grundtugend. Ich muss respektieren, dass der andere anders ist. Dazu muss Verständnis kommen. Ich muss versuchen, den anderen besser zu verstehen. Wie auch der andere, wenn ich versuche, ihn besser zu verstehen, mich besser versteht. So werden wir mit der Zeit viele Gemeinsamkeiten feststellen.« (25)

Es ist, in den Augen Küngs, demnach möglich, von seiner eigenen Position überzeugt zu sein, und dennoch offen für die Weltanschauung und die Kritik des anderen zu sein.

3. Stückweise Erkenntnis
In der dritten Dimension steht die Annahme unvollkommener und stückweiser Erkenntnis im Zentrum:

»Wir können hier und heute nicht darüber befinden, wo letztlich die Wahrheit liegt. Wir befinden uns alle auf dem Weg. [...] Wir gehen der Vollendung erst entgegen, und die Wahrheit, wie sie wirklich ist, wird erst am Ende offenbar werden. Uns eröffnet sich sozusagen nur ein kleiner Spalt.« (26)

Diese Annahme ernst zu nehmen, bewahrt sowohl vor der Annahme selbst schon alles begriffen zu haben, die Wahrheit also zu besitzen, als auch vor der Verachtung des Gegenübers, dessen Sichtweise aus den eigenen Augen „defizitär“ erscheint. Den Begriff „defizitär“ verwendet Küng als Seitenhieb auf das offizielle Lehrdokument »Dominus Jesus« der römisch-katholischen Kirche. »Defizitär sind wir alle – bis wir so erkennen, wie wir selbst von Gott erkannt sind…« (27).

Dialog als kontinuierlicher Prozess
Küng lebt den Dialog in diesen drei Dimensionen. Er versteht diese Art des Dialogs als kontinuierlichen Prozess, in dem sich Vertiefung ereignet, und sieht in ihm eine Möglichkeit große Fortschritte in der Verständigung zu erleben.

Weihnachten

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Es ist wieder soweit, Weihnachtszeit. Und wie in jedem Jahr, so stelle ich auch dieses Jahr fest, dass ich ein gespaltenes Verhältnis zu diesem Fest habe. Auf der einen Seite handelt es sich bei Weihnachten ja um eines der wichtigen Feste der Christenheit. Wir gedenken der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus – die auch in meiner Theologie eine sehr wichtige Rolle spielt. Auf der anderen Seite stört mich der ganze Kitsch, die Krippen, Geschenke, der Rummel – gleichzeitig aber auch all diejenigen die immer nach dem tiefen Sinn der Festtage fragen und gerne ein puristisches Gedenkfest begehen würden. In all die wirren Gefühle, die sich, dank des Alltags der in der Adventszeit selten langsamer wird, im Hintergrund aufhalten, wecken meine Kinder auch diese Faszination »Weihnacht« in mir. Jeden Morgen gespannt zu sein was sich im Adventskalender finden wird, und es kaum erwarten zu können bis endlich Weihnachten ist, ein Weihnachtsbaum im Wohnzimmer steht und die Geschenke darunter bereit liegen. Und so sitze ich nun am Abend vor dem 24. hier und denke nach und tippe diese spontanen Gedanken hier in mein Blog.

Ja, Weihnachten ist eine kommerzielle Veranstaltung. Mit Damien Rice’ »We’ll call it Christmas when the adverts begin« könnten wir den Anfang der Saison an den ersten Weihnachtsmännern Ende August erahnen. Das Anbrechen der letzten Stunden bis zum Fest, machen wir dann an den Angeboten »wir liefern garantiert bis Weihnachten« fest. Ich finde – mittlerweile – das Schenken nicht mehr schlimm, sicher habe ich manche Vorbehalte, aber hier haben mir die Kinder das Staunen gelehrt, über schöne Geschenke freut sich wohl jeder.

Viel schlimmer finde ich die Krippen überall. Diese Romantisierung der Geburt. Als wäre Jesus in irgendeinem Stall auf die Welt gekommen. Ist es nicht viel wahrscheinlicher dass Maria und Joseph nicht von Herberge zu Herberge tingelten, in denen keine Zimmer frei waren. Wie viele Herbergen oder Hotels soll es damals in einem Dorf denn gegeben haben? Und hatten sie überhaupt danach gesucht? Dank der Volkszählung waren sie ja zu ihrer Verwandtschaft unterwegs. Wenn Zimmer belegt waren, dann waren es eher die Gästezimmer, die guten Stuben der Verwandten, in denen schon andere Familien übergangsweise wohnten. Schließlich kamen Maria und Jospeh in der Wohnung eines Verwandten unter. In der Wohnung, nicht im Stall. Natürlich wohnten hier auch die Tiere, deswegen gab es eine Futterstelle. In Ermangelung eines Babybettchens wurde Jesus vielleicht in eine solche Futterstelle für die Tiere gelegt. Achso, und dieser Jesus über den ich hier schreibe war sicher weder Westeuropäer noch Amerikaner, er hatte wohl auch keine blonden Locken – und so schlimm es klingen mag – auch keinen Heiligenschein. Sicher, er war ein süßes Baby, wie jedes Baby auf seine Weise süß ist, aber er hat wohl auch geschrien, die Windeln gefüllt, und musste sich an dieses Menschenleben gewöhnen, wie jeder das am Anfang seines Lebens tut. Deswegen meine Bitte, rangiert die Krippen aus. Und das »Christkind« gleich mit. Verwendet das Stroh für die Osternester und überlegt wie es denkbar wäre, dass dieser Jesus in einer – für damalige Zeit – normalen Wohnung auf die Welt kam. Einer Hausgeburt in der Wohnung von Verwandten wird das wohl am ähnlichsten gesehen haben. Als Wohnküchen noch üblich waren, hätte man sich Jesus auf einem Kissen im Spülbecken vorstellen können, dies würde den selben Zweck erfüllen wie eine Krippe damals. Wo würden wir ihn heute hinlegen? Vielleicht auf ein Sofa, umgeben von einer Decke, so dass er nicht auf den Boden fällt?

Und so ist Weihnachten, und zwar genauso, wie es tatsächlich als Familienfest gefeiert wird, eventuell recht nah an der Situation in der Maria und Joseph damals waren. Viele in meinem Umfeld reisen über Weihnachten zu ihren Eltern und Verwandten, wie Maria und Joseph. Man trifft sich, hat sich einiges zu erzählen, freut sich aneinander, entdeckt die alten Macken wieder und umschifft die ein oder andere Spannung mehr oder weniger erfolgreich. Und hat auch einiges zu erledigen. Familie eben. Begegnungen finden statt. Normale Menschen sitzen um Tische, unterhalten sich, spielen miteinander, essen. Und ja, da war noch etwas. Die Geschenke. Einige wollen anderen eine Freude machen, haben etwas besorgt, gebastelt. Weihnachten, die ganz normalen menschlichen Festtage mit gutem Essen liegen vor uns. Und vielleicht ist dieses weltliche Weihnachtsfest, ein Fest der Begegnung, in all dem Trubel und ohne den religiösen Kitsch, eine gute Gelegenheit zwischendurch an die Geburt dieses einen Menschen zu denken. Und dann, dann wenden wir uns wieder unseren Familien, Verwandten und Freunden zu und feiern.

…also bin ich.

Freitag, 11. Dezember 2009

Auf der Suche nach einem stimmigen relationalen Ansatz stolperte ich gestern beim Lesen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte auf einen Gedanken, der mich zu einer Dekonstruktion des bekannten Satzes von René Descartes führte.

Descartes war im Angesicht aller Aporien zur Aussage „Ich denke, also bin ich!“ gekommen. Diese stellte er als unerschütterliche Grundlage fest. Auch wenn alles andere ungewiss sei, so sei dennoch er es der zweifle, und da er in diesem Zweifeln sich erkannte, so stehe zumindest fest, dass er existiere. Auf der Basis dieser Erkenntnis rekonstruierte er schließlich die Erkenntnisfähigkeit.

Auch wenn, wie immer die Möglichkeit besteht dass ich mich irre, so schließe ich dass dieser Aussage und der Erkenntnis die Annahme der Definition einer Person nach Boëthius steht. Boëthius hatte die Person ja als unteilbare („individuelle“) Substanz rationaler (vernünftiger) Natur bezeichnet. Das denken oder zweifeln im Sinne von Descartes fände demnach innerhalb des Individuums statt, möglicherweise sogar unabhängig seines Umfeldes.

Die klassische Definition einer Person nach Boëthius gilt in Kreisen die sich mit relationalen Ansätzen beschäftigen als abgelöst. Person wird vielmehr von den Beziehungen her gedacht. Es wird von den Vielen zum Einzelnen gedacht. Die Beziehungen spielen dabei eine besondere Rolle. Es geht mehr um die Interaktion, den Prozess als um eine Substanz. Das autonome Selbst von dem Boëthius spricht wird lediglich als Illusion wahrgenommen.

Die Person ereignet sich in der Begegnung. Erst in der Begegnung mit einem Anderen entsteht die Person. Ohne Du gäbe es demnach kein Ich. Auf das Plakat unseres Workshops im Rahmen des Emergent Forums schrieb ich auf anraten von Tobias Künkler »Wer bin Ich ohne Dich?« – diese Frage gemäß eines relationalen Denkens zu beantworten führte zu der Antwort: »Ohne Dich wäre Ich nicht.«

Wollte man einen ähnlichen Satz wie Descartes formulieren, könnte man sagen »Du begegnest mir, also bin ich!« Dazu sollte noch gesagt werden: »Ich begegne dir, also bist du!« Mit diesen Aussagen deutet sich die Interdependenz an, die Person wird von der Begegnung, von den Beziehungen her gedacht. Einander zu begegnen wird als konstitutives Ereignis der Person verstanden. Dennoch geht das Individuum nicht im Wir auf, sondern steht in Beziehung zum Du.

Wie liest sich dein Satz zu dieser Thematik?