Archiv für die Kategorie 'Gesellschaft'

Das Umfeld machts

Mittwoch, 11. August 2010

In ihrem Buch »The Spirit Level« weisen Wilkinson und Pickett darauf hin, dass die Chancengleichheit in einer Gesellschaft nicht mit dem Schulsystem oder im Kindergarten beginnt, sondern schon sehr viel mit dem häuslichen Umfeld eines Kleinkindes zu tun hat:

Social inequalities in early childhood development are entrenched long before the start of formal education. We know a lot now about the importance of the early years for later development – learning begins at birth an the first few years of life are a critical period for brain development. This early learning can be enhanced or inhibited by the environment in which a child grows up. [...]

Essential for early learning is a stimulating social environment. Babies and young children need to be in caring, responsive environments. They need to be talked to, loved and interacted with. They need opportunities to play, talk and explore their world, and they need to be encouraged within safe limits, rather than restricted in their activities or punished. All of these things are harder for parents and other care-givers to provide when they are poor, or stressed, or unsupported.

Richard Wilkinson and Kate Pickett, The Spirit Level – Why Equality is Better for Everyone, 110-111.

Mir erscheint das im zweiten Abschnitt gesagte besonders wichtig. Säuglinge und Kleinkinder entwickeln sich am Besten in einem liebevollen Umfeld, das ihnen die Möglichkeit gibt zu spielen und die Welt zu erkunden. Welche Rolle Sprache in diesem Prozess spielt, und wie sich Sprache im familiären Raum als Übereinkunft von Symbolen entwickelt, habe ich erst kürzlich mit einer Freundin thematisiert.

Die Betonung der Liebe und der Möglichkeiten gefällt mir besonders. Wie die Autoren bin auch ich davon überzeugt, dass Förderung mehr mit Hinwendung, Einlassen und Ermöglichen zu tun hat, als mit Regeln und klaren Aufgaben. In diesem Sinne finde ich es spannend über Freiheiten und Möglichkeiten nachzudenken, die es Eltern aller Milieus ermöglicht sich auf ihre Kinder einzulassen, und ihnen eine liebevolles Umfeld zu schaffen, in dem sie sich entwickeln können.

Relative Armut

Mittwoch, 28. Juli 2010

Gestern Abend saß ich hier und sah mir den Film »Lets Make Money« an. Erwin Wagenhofer führt uns in diesem Film vor Augen wie das Geld in unserer Welt verteilt ist, und welch perverse Formen der Kapitalismus annehmen kann. Kontraste wie die Plakatwand der Deutschen Bank in deren Schatten kleine Hütten stehen. Hier leben Menschen in Armut, und haben jeden Tag das Lächeln der Models vor Augen.

Dürre Erde, durchzogen von Gräben, ausgemergelt vom Baumwollanbau. Land und Bevölkerung ausgetrocknet von unserem Hunger nach neuer Kleidung. Natürlich verdienen sie damit nicht so viel Geld, dass sie leben könnten. Der Westen hält die Preise niedrig, die Menschen in Abhängigkeit. Würden angemessene Preise bezahlt, könnte die Region ohne Förderungen auskommen, sie könnten vom Ertrag ihrer Arbeit leben, sie hätten mehr Geld zur Verfügung wie Preise und Entwicklungshilfe zusammengerechnet. Die Reichen halten die Armen klein und abhängig, so dass sie auch weiterhin Zugriff auf billige Arbeitskräfte und Rohstoffe haben.

Es wird von Einwanderung nach Europa gesprochen. Ein Vertreter der Baumwolllieferanten spricht davon, dass für viele nur die Auswanderung nach Europa Zukunftsperspektive gibt. In einer Hotellobby sitzend spricht ein reicher Schweizer darüber, dass alle liberalen Wirtschaftsgelehrten von offenen Grenzen für Waren und Geldern überzeugt sind, dass dies jedoch nicht für Menschen gilt. Diese hätten gefälligst ein Eintrittsgeld zu bezahlen. Sie hätten nichts zum Wohlstand beigetragen – meint er das ernst? – und müssten daher ihren Anteil durch einen gewissen Betrag begleichen. Dass er einen Golfclub als Vergleich heranzieht spricht Bände.

Parallel zur Beschäftigung mit diesem Film lese ich »The Spirit Level« von Richard Wilkinson und Kate Pickett. Die beiden zeigen in ihrem Buch auf, dass es für alle Beteiligten besser ist, wenn es innerhalb von Gesellschaften nicht zu große soziale Unterschiede gibt. Ein wichtiger Gedanken des Buches bezieht sich auf relative Armut. Die soziale Stellung wird oft gerade im Vergleich mit anderen deutlich, dann, wenn ein Vergleich möglich ist. Wie fühlen sich die Menschen, die unter einem Plakat der deutschen Bank in ärmlichen Verhältnissen leben? Wie geht es Menschen, die von der Baumwollindustrie des Westens ausgebeutet werden? Was empfindet ein Einwanderer, wenn er mit Forderungen des Wirtschaftsredakteurs konfrontiert wird?

Held des Tages

Donnerstag, 22. Juli 2010

Eben turnten die Kinder am Fenster zum Hinterhof. Das fröhliche Treiben der Kinder scheint den Bewohner des Penthouses gegenüber aufmerksam gemacht zu haben. Er nimmt Kontakt mit den Kindern auf indem er ihnen winkt. Der Boi erwidert die Begrüßung und ruft dem Mann zu.

Und wie es so ist, überwindet das Kind eine unausgesprochene Grenze. Er erklärt dem Mann, quer über den Hinterhof hinweg, dass sein Ball in dessen Garten geflogen ist, und bittet ihn danach zu suchen. Der Mann verspricht danach zu suchen, und verschwindet in seiner Wohnung.

Kurze Zeit später bemerke ich den Mann unten im Garten. Er hatte sein Versprechen direkt in die Tat umgesetzt und nahm die vier Stockwerke auf sich um nach dem Ball des Nachbarjungen zu suchen!

Wiederum einige Momente später erscheint er erneut auf seiner Dachterrasse, er nimmt wieder Kontakt mit den Kindern auf – leider habe er den Ball nicht gefunden, er werde jedoch bei der nächsten Gelegenheit den Hausmeister danach fragen …

Die Kinder und ich sind beeindruckt. Unser Nachbar ist der Held dieses Tages!

Das echte Leben

Dienstag, 20. Juli 2010

Kürzlich stolperte ich über ein Musikvideo mit dem Titel »Scheiß auf Facebook« von Cris Cosmo. Ich sah mir das Video bis zum Ende an, auch wenn ich zwischendurch aus unterschiedlichen Gründen sehr gerne ausgeschalten hätte. Und interessanterweise begleitet mich der Grundgedanke des Liedes seither. Cris Cosmo legt, so interpretiere ich es, seinem Lied den Gedanken zu Grunde, dass Begegnungen zwischen Menschen im so genannten echten Leben viel besser sind, als Kontakte via Internet oder Handy. In diesem Sinne hört sich der Refrain ungefähr so an:

Scheiß auf MySpace,
scheiß auf Facebook,
auf Outlook
und all den ander’n Kram.
Lass uns ausgeh’n,
lass uns feiern.
Wir treffen Menschen,
und wir fassen uns an.

Menschen beim Ausgehen zu treffen wird demnach viel höher gewertet, als mit anderen über Handy oder Internet Kontakt zu haben. Diese Überbewertung des so genannten echten Lebens ist jedoch schlicht rückwärtsgewandt, und eine Idealisierung. Zizek würde hier wohl von einer Fetischisierung sprechen.

Natürlich ist mir bewusst, dass es möglich ist seine Zeit im Internet zu verschwenden. Es ist möglich vor dem Rechner, oder mit dem iPhone in der Hand zu vereinsamen. Aber, Hand aufs Herz, all das ist auch möglich wenn wir ausgehen, feiern und uns anfassen.

Bereits mit dem Gedanken im Kopf diesen Eintrag zu schreiben, folgte ich eben einem Link und las dort einen Artikel von Alexandra Samuel über 10 Gründen, die uns dabei helfen können, uns nicht für unser Onlineleben entschuldigen zu müssen. Ein Gedanke, der mir an diesem Artikel besonders gefällt könnte sich eingedeutscht etwa so lesen:

»Wenn wir die „offline Welt“ immer noch als das echte Leben bezeichnen, ist das entweder ein Zeichen für verbissenes Verleugnen dessen – oder einer unangemessenen Scham darüber – wie das Leben im 21. Jahrhundert aussieht.«

Der Alltag, zumindest von (jungen) Städtern in der westlichen Welt, zu denen ich mich und einen Großteil der Leserinnen und Leser dieses Blogs zähle, ist so sehr mit dem Internet verwoben, dass eine Trennung zwischen online und offline an den Haaren herbeigezogen wirkt. Wird diese Trennung dann noch mit einer Wertung belegt, erscheint mir die Idealisierung des offline Lebens vollkommen.

Gelebte Beziehung ist sowohl online als auch offline möglich. Online und offline sehe ich in diesem Zusammenhang mehr als das Medium, die Umgebung an, in der die Beziehung gelebt wird. Es findet Begegnung statt. Es besteht die Möglichkeit für tiefen Austausch. Sowohl on- als auch offline. Das eine gegen das andere auszuspielen, halte ich schlichtweg für falsch. Es ist vielmehr notwendig unser Leben sowohl off- als auch online bewusst zu leben, zu gestalten.

Ich schließe mich hier Alexandra Samuel an, und plädiere dafür, dass wir unser Leben, on- und offline als Einheit betrachten. Die beiden Bereichen nicht künstlich voneinander trennen, und damit so tun, als gelten hier andere Regeln als dort. Es ist wichtig, dass wir uns hier wie dort unseren Werten gemäß verhalten und uns dementsprechend bewegen.

Offline als das echte Leben zu bezeichnen, ist eine Lüge, von der wir uns verabschieden sollten. Damit machen wir den Weg frei, unser echtes Leben als Einheit zu verstehen, und es sowohl on- als auch offline wertvoll zu gestalten.

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Abschließend empfehle ich noch die Lektüre der 10 Gründe von Alexandra Samuel (Danke an Johannes für den Tipp.)

Buchempfehlung

Dienstag, 06. Juli 2010

81/365 In seinem aktuellen Buch »Other – Loving Self, God and Neighbour in a World of Fractures« legt Kester Brewin ein einzigartiges Werk vor, in dem er der so genannten goldenen Regel aus den Evangelien nachgeht. Brewin bewegt sich geschickt zwischen biblischen Aussagen, theologischen und philosophischen Erkenntnissen und Fragestellungen des heutigen Lebens in einer vernetzten Welt. Dabei verbindet er sehr gut unterschiedliche Aspekte und inspiriert zu einem Leben in Harmonie mit sich selbst, Gott und Menschen.

Das Buch ist in vier Teile gegliedert. Brewin stellt in den ersten drei Teilen einige sehr interessante Fragen zur Selbstannahme, zur Liebe zu Gott und zur Annahme der Mitmenschen. In allen drei Bereichen thematisiert er bewusst die Andersartigkeit. Zunächst die Andersartigkeit des eigenen Selbst, dann die fremden Aspekte von Gott und schließlich die Aspekte unserer Mitmenschen, die uns dazu bringen, sie nicht zu lieben. Grundlegend für seine Ausführungen ist die Frage nach der Beschaffenheit des Menschen, so dass er in der Lage ist, in Harmonie mit seinen Mitmenschen zu leben. Im vierten Teil des Buches schreibt Brewin über einige Ansätze, wie er und Menschen in seinem Umfeld, versuchen die angeführten Gedanken zu leben.

Für alle, die auf der Suche nach Inspiration für ein Leben in Harmonie mit Menschen und Gott sind, ist dieses Buch eine reiche Quelle. Wie oben angesprochen verbindet Brewin biblische Aussagen, theologische und philosophische Erkenntnisse sehr gut mit Fragestellungen des alltäglichen Lebens. Auf diese Weise regt es zur tieferen Reflexion an, die jedoch nicht im Abstrakten stehen bleibt, sondern zu vielfältigen Fragen des alltäglichen Lebens führt. Im Verlauf des Buches finden sich einige Gedichte, die auf ihre Weise zur Reflexion der angesprochenen Gedanken einladen. Der durchdachte Aufbau des Buches, sowie die klare und verständliche Sprache tragen ihr übriges dazu bei, dass es sich bei diesem Buch um ein wertvolles inspirierendes Werk handelt.

Meine Buchempfehlung für diesen Sommer!

Wahre Ökos lieben Müllhaufen

Donnerstag, 01. Juli 2010

In seinem Beitrag zum Film »Examined Life« zeigt Žižek einiges über seine Art Philosophie zu treiben. Der Film entstand mit der Zielsetzung zentrale Theorien von Philosophen für das alltägliche Leben zu konkretisieren. Dadurch ist einiges einfacher zu verstehen, und manche Aspekte philosophischen Denkens werden deutlicher. Žižek wendet seine Art philosophischen Denkens auf die Ökologiebewegung an. Im Folgenden möchte ich einige Aspekte dessen darstellen was Žižek hier über Ökologie sagt und wie er mich dabei inspiriert.

Examined Life - Zizek

Žižek ist der Meinung, dass Ökologie sich zum neuen Opium für das Volk etabliert. Ökologie ist mittlerweile eine Ideologie, die eine absolute Wahrheit postuliert und nicht hinterfragt werden darf. Eine Ideologie ist dadurch gekennzeichnet, dass sie zwar die richtige Thematik betrachtet, diese jedoch mystifiziert.

Es sind vor allem zwei grundsätzliche Annahmen der Ökologiebewegung, die Žižek kritisiert:

a) Der Ökologiebewegung liegt die Annahme zu Grunde, dass die Welt in der wir leben die bestmögliche Welt ist. Die Natur ist ein lebendiger Organismus, dessen Harmonie durch die Hybris des Menschen gestört wird.

b) Die zweite Annahme bezieht sich auf uns westliche Menschen. Gemäß der Ökologiebewegung ist unsere grundlegende Beziehung zur Natur durch unser technisiertes Leben gestört. Wir sollten daher aller Technologie absagen und wieder den Einklang mit der Natur suchen.

Diese beiden Kritikpunkte belegt er, wie gewohnt, nicht unbedingt gründlich, sondern baut seine folgenden Gedanken darauf auf. Im Großen und Ganzen handelt es sich wohl auch mehr um eine Grundannahme, die aus zwei verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wird – bei a) ist die perfekte Harmonie der Natur das Subjekt, die gestörte Beziehung des westlichen Menschen zur Natur steht im Zentrum von b). Diese beiden Aspekte der postulierten ökologischen Grundannahmen teile ich zu einem gewissen Grad, weshalb ich auf gewisse Weise sicher auch als Öko bezeichnet werden kann, und hier wird es dann spannend, da Žižeks’ Argumentation auf der Kritik dieser beiden Aspekte basiert und bei aller Überspitzung interessante Schattenseiten aufdeckt.

Idealisierung der Natur

Aus seiner Kritik an der Betonung der Harmonie der Natur (a) folgert Žižek, dass es sich dabei um eine Neuauflage des Sündenfalles handelt. Der Mensch sei aus dieser „natürlichen Harmonie“ gefallen, und zerstört nun mit seiner „gefallenen Hybris“ die Harmonie der Natur. Wird die Natur jedoch so wahrgenommen, wird sie zum Fetisch, sie wird zum Absoluten an dem sich alles messen lassen muss. Auf diese Weise gibt sie vor was möglich ist und was nicht. Die konservative Stimme in der Gesellschaft kommt folgerichtig mittlerweile aus den Reihen der Ökologiebewegung – so wird beispielsweise bei jedem wissenschaftlichen Durchbruch eine unsichtbare Grenze gezogen, vor deren Überschreitung lautstark gewarnt wird.

Auch wenn ich zunächst gerne einfache den kompletten Ansatz seiner Kritik in Frage gestellt hätte, so muss ich doch zugeben, dass er in einigen Aspekten auf eine Schattenseite hinweist:

- auf der einen Seite wird die Natur in dieser Sicht idealisiert, sie wird als Perfekt dargstellt, in absoluter Harmonie. Auf dieser Weise wird die Komplexität ausgeblendet, die sich in der Natur findet – wie passen bspw. Raubtiere in ein idealisiertes Naturbild?

- auf der anderen Seite werden gesellschaftlich Geprägte Grenzen in Verbindung zu diesem idealisierten Naturbild gerückt, und auf diese Weise wird Fortschritt in vielen Punkten komplett abgelehnt.

Sicher treffen diese Kritikpunkte nur eine in gewisser Weise extreme Spielart der Ökologiebewegung, und dennoch denke ich, dass seine Kritik der Tendenz die Natur zu idealisieren berechtigt ist, und von der Ökologiebewegung positiv aufgenommen werden sollte.

Verleugnungstaktik

Die Entfremdung des westlichen Menschen von der Natur durch sein von Technologie durchdrungenes Leben, und der Ruf des Menschen zur Absage an die Technologie und zurück zu den Wurzeln der Naturvölker ist eng mit der Idealisierung der Natur verbunden, und zielt dennoch in eine andere Richtung.

Žižek macht deutlich, dass diese Forderung des Absoluten – der kompletten Abkehr von Technologie und Hinwendung zur Natur – den Menschen in eine Art Überforderungssituation bringt. Auf der einen Seite ist er sich sehr wohl bewusst, dass wir vor großen ökologischen Herausforderungen stehen, und dass wir anders handeln müssten. Doch wider besseres Wissen handelt er wie zuvor und bleibt in alten Mustern vehaftet.

Die Überforderung vor der radikalen Wende führt zur Verleugnung. Diese Verleugnung wird nach Žižek durch die Idealisierung der Natur noch verstärkt. Wir wissen um die Herausforderungen, doch wenn wir in die Natur hinausgehen, dann hören wir das Singen der Vögel, blühende Bäume und wunderbare Landschaften – angesichts dessen können wir einfach nicht daran glauben, dass all das zerstört werden könnte.

Seiner Meinung nach ist es uns Menschen nicht möglich uns Katastrophen vorzustellen. Immer dann wenn wir tatsächlich mit einer Katastrophe (er nennt Tschernobyl als Beispiel) konfrontiert werden, dann werden wir mit der harten Realität konfrontiert und stellen unser Handeln um. Die Idealisierung der Natur jedoch, befruchte die Verleugnung der Herausforderungen, und wiege die Menschen in einem traumähnlichen Zustand, der sich nach dem Idealzustand sehnt und doch weiter so lebt, als gäbe es keine Herausforderung.

Auch hier sehe ich vor allem den Aspekt der Verleugnung durch Überforderung am Zuge. Diese Schattenseite gilt es anzugehen, und nach Wegen zu suchen, die weniger radikal wirken und dennoch dazu führen, dass wir anders handeln und uns den Herausforderungen stellen.

Wahre Ökos lieben Müllhaufen

Žižek kritisiert, er ist bekannt für seine pessimistische Sicht der Wirklichkeit, und auch hier sehen wir, dass seine Sicht der Welt getrieben ist von einer gewissen Bedeutung des Schocks. Er liebt es zu schockieren und provoziert gerne. Meiner Ansicht nach folgt er damit dem Axiom, das oben anklingt – wenn wir mit einer Katastrophe, einer Extremsituation, konfrontiert werden, beginnen wir nachzudenken, werden unsere Augen geöffnet. Er fordert in dem kurzen Ausschnitt die Abkehr von einem idealisierten Naturbild und die Hinwendung zu Müllhaufen. Wir westliche Menschen müssten uns seiner Ansicht nach noch weiter von der Natur entfremden, wir sind noch nicht radikal genug entfremdet, die Schönheit der Natur ist uns noch zu nah. Er sagt nicht, dass wir uns dann anders verhalten würden, dass wir uns den Herausforderungen stellen würden, aber so zumindest könnte man auch folgenden Abschnitt deuten:

Was ist Liebe. Liebe ist nicht Idealisierung. Jeder wahrhaft Liebende weiß das, wenn du wirklich eine Frau oder einen Mann liebst, idealisierst du sie oder ihn nicht. Liebe bedeutet, dass du eine Person akzeptierst, mit all ihren Fehlern, Dummheiten und hässlichen Aspekten, und dennoch ist diese Person für dich absolut, alles was dein Leben lebenswert macht. Du bist dazu in der Lage Perfektion in Unvollkommenheit zu entdecken – und dass ist es, wie wir lernen sollten die Welt zu lieben.

Wir sollten anfangen und in Müllbergen zu Hause zu fühlen, und hier Angesichts der Katastrophe dass Müll nicht verschwindet, vielleicht ereignet sich hier etwas … aber darüber spricht Žižek nicht.

lieben lernen

Mittwoch, 30. Juni 2010

Ausgehend von dem Abschnitt »Face to face with the other« in Kester Brewins Buch »Other«, gehe ich einigen Gedanken zur Frage nach, was es bedeuten könnte lieben zu lernen.

Gegen Ende des dritten Teils seines Buches greift Kester Brewin nochmals einen Gedanken von Miroslav Volf auf, den er bereits weiter vorne erwähnt hatte. In der Einleitung zu „Exclusion and Embrace“ schreibt Volf darüber, dass Theologen sich weniger um gesellschaftliche Strukturen kümmern, auch wenn diese wichtig sind, sondern sich vielmehr auf die Handelnden in der Gesellschaft konzentrieren sollten. Er stellt sich die Frage welche Art von Personen wir sein müssten um in Harmonie mit anderen leben zu können, und setzt hier auch den Schwerpunkt in der Beschäftigung für Theologen:

»theologians should concentrate less on social arrangements and more on fostering the kind of social agents capable of envisioning and creating just, and peaceful societies, and on shaping a cultural climate in which such agents will thrive.«

Miroslav Volf, Exclusion and Embrace, Seite 21.

In diesem Sinne fragt Kester danach, wie dieser Aufgabe begegnet werden könnte. Nach Volf sei davon auszugehen, dass keine Strukturen oder Programme, für sich allein, dazu führen werden, dass Menschen in Wahrheit und Gerechtigkeit wachsen, sondern dass es Handelnde braucht, die die Veränderung (vor)leben. Dies kann nicht von oben nach unten als Plan vorgegeben werden, wir müssen vielmehr erlauben, dass unser Leben von Liebe gekennzeichnet ist. Und hier greift er auf den Gedanken Levinas’ zurück, dass in der Begegnung mit dem Anderen eine Verantwortung in uns wachgerufen wird. Er zitiert Levinas nach Ryszard Kapuściński:

»The Other has a face, and it is a sacred book in which good is recorded.«

Zitiert nach Kester Brewin, Other, Seite 167.

Der Andere, dem ich begegne, zeigt mir sein Gesicht, ich darf mich ihm zuwenden. In seinem Gesicht zeigt mir der andere auch mich, und bringt mich darüber hinaus auch noch näher zu Gott (Vgl. dazu auch Levinas, Wenn Gott ins Denken einfällt, Seiten 40ff.). Den Anderen zu lieben, sich auf ihn einzulassen, ihm zu begegnen, ist ganz eng damit verbunden, ihn direkt – von Angesicht zu Angesicht – zu treffen.

Diese Begenung von Angesicht zu Angesicht wird im Anschluss an Levinas ab und an etwas verklärt. Kester weist darauf hin, dass der andere zwar ein Gesicht hat, und dass dieses Gesicht ein heiliges Buch ist in dem Gutes aufgeschrieben wurde, dass es sich dabei jedoch nicht um eine leichte Lektüre handelt, und dass sich das Gute oft nicht von selbst erschließt.

Er führt als einen Levinas-Kritiker Slavoj Žižek an, dieser kreidet Levinas an, dass er eine zu vereinfachte Sicht des Anderen habe. Levinas betrachtet den anderen optimistisch, das Gute, dass er im Anderen wahrnimmt, ist der Grund dafür ihn zu lieben. Žižek geht die Sache pessimistischer an, und versteht, wie Lacan, die Tatsache, dass der Andere nicht perfekt ist, als Grundlage der Liebe für ihn. In einem Ausschnitt des Films »Examined Life« sagt Žižek folgendes:

»Was ist Liebe. Liebe ist nicht Idealisierung. Jeder wahrhaft Liebende weiß das, wenn du wirklich eine Frau oder einen Mann liebst, idealisierst du sie oder ihn nicht. Liebe bedeutet, dass du eine Person akzeptierst, mit all ihren Fehlern, Dummheiten und hässlichen Aspekten, und dennoch ist diese Person für dich absolut, alles was dein Leben lebenswert macht. Du bist dazu in der Lage Perfektion in Unvollkommenheit zu entdecken – und das ist es, wie wir lernen sollten die Welt zu lieben.«

Die Unvollkommenheit des Anderen wahrzunehmen, führt uns tiefer in das Rätsel des Anderen hinein. Diese Begegnung weist nach Žižek auch wieder auf uns zurück. Indem wir uns auf den Anderen einlassen, nehmen wir auch wahr, wie der Andere uns sieht. Wir lernen in der Begegnung mit dem Anderen auch einiges darüber wer wir sind, wie wir auf den Anderen wirken, wie er uns wahrnimmt, was er in uns sieht. Es ist daher wichtig, dass wir uns dem Anderen auf ein solch intensive Weise zuwenden, dass wir durch ihn auch uns besser sehen lernen.

Sicher könnte man nun herrlich die unterschiedlichen Ansätze von Žižek und Levinas gegeneinander stellen, und Žižek hätte sicher seinen Spass an einer solchen Polarisierung. Kester, und das gefällt mir besonders an dem Buch, weist darauf hin, dass sich die Wahrheit über Liebe wohl irgendwo zwischen den beiden Ansätzen befinden muss. Er skizziert einige Unterschiede, und weist dann auf die komplementären Aspekte hin:

»Wir beginnen damit, Levinas zuzustimmen, dass der andere ein Gesicht hat, und dass es sich dabei um ein heiliges Buch handelt, in dem Gutes aufgeschrieben wurde … Wir bejahen jedoch auch, dass in diesem heiligen Buch nicht nur Dinge aufgeschrieben sind, die den Anderen betreffen, sondern auch etwas über uns zu finden ist. In diesem festen Blick zwischen uns und dem Anderen, lernen wir den anderen und uns in einem neuen Licht zu sehen, und hoffen ihm geht es genauso. Dazu benötigen wir jedoch genug Zeit für solch tiefe Begegnungen, die nicht durch Bildschirme oder anderes unterbrochen werden.«

Frei übersetzt nach Kester Brewin, Other, Seite 170.

In gewissem Sinne handelt es sich also bei der Begegnung der zu Beginn formulierten Aufgabe, liebevoll handelnden Menschen zu werden, um einen Zirkelschluss. Wir wenden uns liebevoll unserem Gegenüber zu, und lernen dabei zu lieben. Kester schließt diesen Abschnitt mit einem Hinweis zur Kontemplation einer Dreieinigkeit von Gesichtern ab:

Ich habe ein Gesicht. In mir sind Teile, die möchte ich gerne gesichtslos und anonym halten – ohne Namen. Wenn ich jedoch das Gute in mir entdecken möchte, dann sollte ich mich nicht verleugnen, sondern mir erlauben auf mich selbst zu sehen – wahrzunehmen, wie ‚der Andere‘ in mir mich selbst sieht. Allzu oft möchte ich mein öffentliches Profil kontrollieren – was andere von mir sehen können – dabei möchte ich das unterdrücken und verleugnen, was ich hässlich, peinlich oder schwierig finde. Wenn wir jedoch, dem gebrochene Licht der Lichtung erlauben uns zu wärmen, dann kann aus dem Kompost dieser schmutzigen Flecken etwas erwachsen in dem Reichtümer und Wachstum gefunden werden kann.

Gott hat ein Gesicht. Es gibt Bilder und Beschreibungen, die ich vorziehe, und göttliche Komplexität die ich lieber ignorieren würde. Wenn ich mich jedoch nicht aufmache nach diesen unterschiedlichen Facetten Gottes zu suchen, meine Nischen verlasse und meinem Liebhaber nachjage, dann wird mein Glaube im Mief meines Zimmers austrocknen und verhärten. Es tut gut mir vorzustellen, dass eine wohlwollende, mir zugewandte Gottheit auf mich achtet, ich muss jedoch auch darüber meditieren, was es bedeutet von einem fremden und fernen Gott beobachtet zu werden.

Der Andere hat ein Gesicht Und wir sind angehalten so tief in das Gesicht des Anderen zu blicken, dass wir das wahrzunehmen beginnen, was der Andere von uns sieht, und wir müssen lernen miteinander auszukommen. Es gibt keine individuelle Erlösung: Ich kann mir meine eigene Erlösung nicht aus mir selbst erarbeiten, genausowenig kann ich meine Sicht von Gott alleine in meinem gemütlichen Zuhause theoretisieren. Wenn ich Liebe erfahren und kennenlernen möchte, dann brauche ich den heiligen Text des Anderen.

Frei übersetzt nach Kester Brewin, Other, Seiten 171f.

Deine Stimme gegen Armut 2010

Freitag, 18. Juni 2010

Eben bin ich mal wieder über die Webseite der Initiative »Deine Stimme gegen Armut« gestolpert. Auf ihrer Webseite erinnern sie uns mal wieder daran, dass vor 10 Jahren 189 Staaten die so genannten Milleniumsentwicklungsziele unterzeichnet haben. Damals schien 2015 noch weit entfernt, heute jedoch sind es nur noch fünf Jahre. Auf internationaler Ebene ist noch recht wenig in diese Richtung passiert, und die aktuellen Entwicklungen in der deutschen Innenpolitik senden auch nicht die hoffnungsvollsten Signale »gegen Armut«.

Aus diesem Grund ist es wohl auch dieses Jahr wieder wichtig, dass wir unserer Stimme gegen Armut gegenüber der Bundesregierung gehör verschaffen. Vom 20. bis 22. September treffen sich die Staats- und Regierungschefs beim Weltarmutsgipfel der UN. Dort wollen sie über den Stand der Umsetzung sprechen. Um bis 2015 die gesteckten Ziele zu erreichen liegt noch einiges an Weg vor uns, und ich wünsche mir, dass wir diese gehen!

Das Aktionsbündnis hat einen Bericht unter dem Titel »5 vor 2015 – Zeit für einen Aktionsplan zur Erreichung der MDG. Empfehlungen der Zivilgesellschaft an die Bundesregierung« erarbeitet, in dem es Perspektiven aufzeigt, was getan werden sollte um die Ziele zu erreichen:

  • Globale Rahmenbedingungen verbessern – Entwicklung ermöglichen
  • Solide Finanzierung sicherstellen – Entwicklung voranbringen
  • Recht auf Nahrung durchsetzen – Hunger bekämpfen
  • Frauen stärken – Geschlechtergerechtigkeit durchsetzen
  • Bildung für alle – Zukunft sichern
  • Familienplanung unterstützen – Müttergesundheit fördern
  • Gesundheitssysteme stärken – Kindersterblichkeit verringern
  • HIV/Aids, Malaria und Tuberkulose – Armutskrankheiten bekämpfen

Angela Merkel hat 2007 wohl folgendes gesagt: »Unsere Glaubwürdigkeit wird davon abhängen, ob wir unsere internationalen Verpflichtungen einhalten.« Mit deiner Stimmabgabe kannst du sie daran erinnern, so dass wir auch international auf dem Weg zu einer gerechteren Welt weitergehen.

→ Gib deine Stimme ab!

Persönliche Erzählungen

Donnerstag, 17. Juni 2010

In diesem Eintrag möchte ich einigen Gedanken zu gelingendem Leben nachgehen. Dazu wähle ich eine Perspektive, die persönlichen Erzählungen und das Phänomen „social Media“ miteinander verbindet.

Das Ende der Großen Erzählungen

Nach François Lyotard ist die Postmoderne durch das Ende der Großen Erzählungen gekennzeichnet. Jeder Theorie, die für sich beansprucht die Welt als Ganze zu erklären, wird mit einer gewissen Ablehnung begegnet. Die gesellschaftlichen Entwicklungen trugen dazu bei, dass die großen Erzählungen, egal ob sie aus Religion oder Wissenschaft stammen, nicht mehr als allgemeingültig angesehen werden. In dieser Zeit der angezweifelten großen Erzählungen leben wir.

Social Media und die persönlichen Erzählungen

Und es ist auch diese Zeit, in der eine Entwicklung die breite Masse der Bevölkerung erreichte. Mit den Möglichkeiten eigene Seiten im Internet zu veröffentlichen, entstanden immer mehr Seiten von Privatpersonen, die ihre Erlebnisse – ihr Leben – mit anderen teilten. Diese Entwicklung wurde durch das Aufkommen von Blogs unterstützt. Blogs machten das Erstellen einer persönlichen Webseite jeder und jedem möglich, und vereinfachten zusätzlich noch das zeitnahe Veröffentlichen von Texten, Fotos und Filmen. Und nicht zuletzt Netzwerke wie Facebook oder Twitter tragen dazu bei, dass heute jeder anderen Anteil an seinem Leben gibt.

In seinem Buch »Other« schreibt Kester Brewin davon, dass mit dem Verschwinden der großen Erzählungen, nicht die Erzählung als Solche verschwand. Vielmehr nahmen immer mehr kleine Erzählungen den Raum ein, den vormals die großen Erzählungen inne hatten. Diese Erzählungen werden heute verstärkt über die unterschiedlichen Kanäle des Internets geteilt. Das Monopol der großen Erzählungen auf die Sinnstiftung des Lebens wurde abgelöst durch die vielen kleinen, persönlichen Erzählungen.

Zygmunt Bauman bezeichnet unsere Zeit als flüchtige Moderne (liquid Modernity) und beschreibt die Identität der in dieser Zeit lebenden Personen als eine flüchtige Identität. Diese flüchtige Identität verändert sich ständig. Das tut jedoch niemand für sich alleine (siehe dazu auch den Eintrag »Gemeinsam den Tod des autonomen Selbst feiern«). Wir befinden uns alle in unterschiedlichen Bereichen in sozialen Netzwerken. Diese Netzwerke finden sich sowohl im lokalen Alltag, dem Zusammenleben von Angesicht zu Angesicht, wie auch in der Vernetzung im Internet wieder.

Wir haben nicht aufgehört unsere Sinnstiftung mit Erzählungen abzugleichen. Wir erzählen uns ständig aus unserem Leben, machen unsere eigene Geschichte im Netz sichtbar (siehe dazu auch den Eintrag »Die eigene Geschichte im Netz«). Wir teilen unsere Erlebnisse über Facebook und Twitter, schreiben Einträge in unsere Blogs, laden Bilder bei flickr hoch … Wir erzählen einander unsere Geschichten, um gemeinsam, daran zu arbeiten ein gelingendes Leben zu leben.

Ein Beispiel: Weeknotes

Mit kurzen Einträgen zu den Ereignissen der laufenden Woche, deutet sich momentan ein Trend in diversen Blogs an. Mit dem Titel »Weeknotes« begann zunächst eine Agentur über das zu schreiben, was sich bei ihnen in der laufenden Woche ereignete. Sie berichteten von Erfolgserlebnissen, Niederlagen und all dem was dazwischen liegt. Dieses Format des Blogeintrags fand auch bei anderen Anklang. Sie taten es der Agentur gleich und entwickelten daraus eine Gewohnheit. Einige Gedanken dazu finden sich beispielsweise in dem Artikel »On the Structure of time« von Russel M Davies auf wired.co.uk.

Dieses Format von Blogeinträgen unterstreicht die Entwicklung des Teilens der persönlichen Geschichte nochmals. Es geht nicht darum tiefe Einsichten, komplexe Zusammenhänge oder Kommentare zu den aktuellen Entwicklungen zu schreiben. Die Erlebnisse der laufenden Woche werden geteilt. Dies geschieht nicht fragmentiert wie auf Twitter oder Facebook, sondern gebündelt in einem (kurzen) Blogeintrag. Auf diese Weise geben die Schreibenden Anteil an ihrem Alltag und inspirieren einander zu einem gelingenden Leben.

Buchempfehlung

81/365Die Gedanken zu diesem Eintrag wurden angeregt durch die Lektüre des Buches »Other: Loving Self, God and Neighbour in a World of Fractures« von Kester Brewin. Meiner Ansicht nach schafft es Kester in seinem aktuellen Buch ausgezeichnet »emergente Lebenskunst« zu erkunden. In einer sehr gelungenen Verbindung theologischer Fragestellungen, philosophischer Gedanken und aktuellen Gesellschaftsentwicklungen, nimmt er Leserinnen und Leser mit hinein in die Möglichkeiten in Harmonie mit sich selbst, Gott und den Mitmenschen zu leben. Allen, die sich nach Inspiration zu einem solchen Leben sehnen, sei dieses Buch ausdrücklich empfohlen.

aktiv und beteiligt

Mittwoch, 09. Juni 2010

Auf meine Frage nach einem Medienprophet unserer Tage wies mich Johannes auf Clay Shirky hin. Seither verfolge ich ab und an die Äusserungen von Shirky, und las eben ein Gespräch zwischen Clay Shirky und Daniel Pink auf wired.com. Hier möchte ich mal einen Gedanken aus dem Gespräch aufgreifen, nämlich die Annahme einer Art „aktiver Natur“ des Menschen.

Die beiden unterhalten sich darüber, dass Menschen freiwillig im Internet aktiv sind. Sie schreiben beispielsweise Wikipedia-Artikel oder helfen diese zu verbessern, veröffentlichen ihre Fotos, Videos oder Musik im Internet, oder schreiben Blogeinträge. All das tun sie in ihrer Freizeit und ohne dafür eine Bezahlung zu erwarten. Ihre Motivation sich auf diese Weise zu beteiligen, speist sich aus ihrem eigenen Interesse, sie wäre demnach also eine Motivation von Innen und keine von Aussen gespeiste Motivation.

In diesem Zusammenhang spricht dann Daniel Pink davon, dass seiner Meinung nach der Mensch von Natur aus aktiv und dafür ausgelegt sei sich zu beteiligen:

I think our nature is to be active and engaged. I’ve never seen a 2-year-old or a 4-year-old who’s not active and engaged. That’s how we are out of the box. And if you begin with this presumption, you create much more open, flexible arrangements that almost inevitably lead to greater satisfaction for individuals and great innovation for organizations.

Kinder zeichnen sich ja durch ihre Aktivität und ihre Entdeckerfreude aus. Dies wären nach Pink Grundanlagen des Menschen, die es meiner Meinung nach im Laufe der Entwicklung zu fördern gilt.

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang die Auseinandersetzung mit »bedingungslosem Grundeinkommen«. Dieses wird ab und an als Utopie bezeichnet, die nie zu erreichen ist, da es viel zu viele Menschen in unserer Gesellschaft gibt, die sich dann eben nicht mehr einsetzen würden und (Klischeehaft) mit dem Bier auf dem Sofa vor dem Fernseher „verrohen“ würden. Geht man jedoch vom Angelegtsein des Menschen auf Aktivität und Beteiligung aus, dann müsste man diese Lethargie ja als Gesellschaftliche Entwicklung betrachten. Menschen, die aktiv sind und sich beteiligen wollen, werden von einer Gesellschaft zu Konsumenten erzogen, die Motivation von Aussen benötigen um sich zu beteiligen (»Zuckerbrot und Peitsche«).

Bei den Menschen, die sich aus einer inneren Motivation und damit aus Interesse beteiligen, scheint diese Anlage gefördert worden zu sein. Und hier schließe ich an den Beitrag von gestern an – diejenigen, bei denen diese Anlage aberzogen wurde (und die gibt es, das weiß ich) – sollten wieder gefördert werden. Und hier unterscheidet sich mein Ansatz dann von dem der Regierung, nicht durch negativen Druck (Entzug von Lebensgrundlage), sondern durch positive Unterstützung dessen was da ist.

In diesem Zusammenhang verstehe ich die Beteiligungsmöglichkeiten des Internets ähnlich positiv wie Shirky und Pink. Durch den Kauf eines Fernsehers kommt ein neuer Konsument hinzu, die Zahl der Beteiligten/Schaffenden bleibt jedoch gleich. Mit dem Kauf eines Computers stehen die Chancen gut, dass auch bei den Beteiligten/Schaffenden ein neues Gesicht dazu kommt.

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Quelle: Cognitive Surplus: The Great Spare-Time Revolution ein Gespräch von Clay Shirky und Daniel Pink auf wired.com