Lob

Eben auf zeit.de einen guten Artikel gelesen, der sich anhand des Kabarettisten Claus von Wagner mit Lob auseinandersetzt. Neben der positiven Wirkung des Lobes auf den oder die Gelobte(n), wird auch die Skepsis gegenüber Lob betrachtet, die Teil unserer Sozialisation ist. Als Appetitanreger, ein Zitat aus dem letzten Absatz des Artikels:

Das kundige Lob macht allen Menschen Spaß, weil es Sprenger zufolge bedeutet, dass man ernst genommen und anerkannt wird. Genaues, arbeitsbezogenes Lob unter vier Augen bewirkt viel mehr, weil es der Beweis dafür ist, dass der Lobende sich mit dem Werk des Gelobten auseinandergesetzt hat. Und diese Auseinandersetzung ist womöglich sogar das Wichtigste, selbst wenn sie nicht in eine Lobeshymne mündet: Denn noch schlimmer ist es, gar nicht erst wahrgenommen zu werden.

Quelle: zeit.de

→ Instapaper

Schönheit

Jesse Rosten hat ein interessantes Adbusting-Video produziert. Er wirbt darin für ein neues Beauty-Produkt namens »Fotoshop by Adobé« und schreibt dazu:

»This commercial isn’t real, neither are society’s standards of beauty.«

Ich finde diese Aussage sehr gut und treffend. Das Schönheitsideal unserer Gesellschaft, und damit auch unseres (zumindest meines) ist unrealistisch, da wir morgens im Spiegel nicht mit den »Photoshop-Werkzeugen« das Idealbild erstellen, bzw. die Falten der Nacht und des Lebens korrigieren können.

Diese Ideale komplett zu ignorieren ist meiner Ansicht nach nicht möglich.
Wie geht ihr damit um?

→ Instapaper

Jenseits des Patriarchats

In einem sehr guten und interessanten Artikel zu unterschiedlichen Blickwinkeln auf den Begriff »Patriarchat« schreibt Antje Schrupp, dass der Kampf gegen klassische „Männerherrschaft“ aus dem Zentrum der politischen Aktion von Frauen gerückt ist. Weibliche Freiheit wird als selbstverständlich wahrgenommen, als ein Punkt von dem eine Diskussion ausgeht, der jedoch selbst nicht grundlegend zur Diskussion steht.

»Das heißt natürlich nicht, dass es nicht noch Relikte von patriarchalen Mustern gibt, die sehr gefährlich und problematisch sein können. Aber der Umgang mit ihnen ist – von Seiten der Frauen – von einem inhaltlichen Herzensanliegen zu einem pragmatischen In-die-Schranken-Weisen geworden, [...]. Die Überreste des Patriarchats sind heute nicht mehr Gegenstand ernsthafter feministischer Analyse, sondern ein Ärgernis wie schlechtes Wetter, mit dem man zwar rechnen und gegen das man etwas unternehmen muss, wobei aber die eigentlichen Aufgaben längst ganz andere sind.«

Quelle: Antje Schrupp, Die Männer und das Patriarchat.

In dem Artikel geht Antje, wie bereits der Titel sagt, stärker auf den Umgang von Männern mit dem Begriff »Patriarchat« ein. Sie bezieht sich dabei auf einen Artikel von Riccardo Fanciullacci. Während Frauen sich über das Patriarchat hinweigsetzen können, indem sie den entsprechenden Denkmustern die Glaubwürdigkeit entziehen, ist dies für Männer nicht so einfach möglich:

»Männer könnten nicht bloß pragmatisch mit den Ausläufern des Patriarchats umgehen, weil sie in ihrem eigenen Mannsein davon betroffen sind. Freie, also postpatriarchale Männer, so seine These, können sie nur werden, wenn sie „die Aufarbeitung der dunkelsten und tiefgreifenden Wurzeln der patriarchalen symbolischen Ordnung wieder aufnehmen. Die kritische Arbeit am männlichen Symbolischen könnte für uns Männer der direkteste Weg sein, um uns weiterzubringen und die Formen zu verändern, die unseren inneren Weg und unser Begehren prägen.“«

Quelle: Antje Schrupp, Die Männer und das Patriarchat.

Wichtig ist es, dass Männer sich „auf nicht patriarchale Weise zu einer Frau in Beziehung … setzen.“ Es geht hier nicht mehr um ein allgemein zu behandelndes Thema, sondern um die konkrete Beziehung zwischen Mann und Frau.

»… es gehe darum, sich in der konkreten Beziehung zu einer bestimmten Frau ihrer „jeweils einzigartigen Weise, Frau zu sein“ auszusetzen, und zwar „mit ein bisschen Liebe“. Dafür sei es notwendig, „Vertrauen zu haben in ihre Fähigkeit, uns zu sagen, wenn die Art und Weise, mit der wir ihr begegnen, nicht in Ordnung ist“.«

Quelle: Antje Schrupp, Die Männer und das Patriarchat.

Die Transformation des männlichen Selbstes hin zu einer Lebensweise, die als »postpatriarchal« bezeichnet werden kann, geschieht in Beziehung. Wie Antje zitiere auch ich hier drei Ziele, die Riccardo Fanciullacci diesbezüglich vorschlägt:

»Erstens: Zu lernen, vor einer Frau zu stehen und ihre Erfolge, ihre Bewegungsfreiheit und die Interessen, die sie irgendwo hin führen, wahrzunehmen, ohne die leiseste Sehnsucht aufkommen zu lassen nach dem alten Bild der Frau als Spiegel, die dem Mann seine eigene Figur in doppelter Größe zurückwirft.

Zweitens: Zu lernen, ihr unsere Bedürftigkeit zu zeigen, ohne gleichzeitig von ihr zu verlangen, unsere Mutter zu sein; oder auch: Die eigene Mutter zu lieben, ohne von jeder anderen Frau die Liebe einer Mutter zu erwarten.

Drittens: Zu lernen, ihr eine hingebungsvolle und ernst gemeinte erotische Kreativität anzubieten, die nicht die Liebe kleinmacht und an ihrer Stelle den immer wieder selben sexuellen Phantasien Raum gibt.«

Quelle: Antje Schrupp, Die Männer und das Patriarchat.

→ Instapaper

Alternative

Gestern schrieb ich einen Artikel unter dem Titel »Aufstand«, und während ich so tippte, erreichten mich via Twitter immer mehr Meldungen über die Räumung des Zuccotti-Parks in New York. Mit der Begründung der wachsenden Unsicherheit der Zeltstadt ging die Polizei mit Härte vor, und führte ihre Begründung durch eigenes Handlen ad absurdum. Weshalb schreibe ich diese Zeilen? Nicht weil ich die Situation vor Ort aus eigenem Erleben kenne oder besser Bescheid wüsste als andere, sondern weil mir grobe Linien auffallen, die zu den Gedanken des gestrigen Artikels passen.

Widerstand gegen das ungerechte System könne sich durch »ignorieren« und »alternatives Zusammenleben« ausdrücken, hatte ich gestern geschrieben. Diese beiden Attribute lassen sich deutlich an der Occupy-Bewegung erkennen. Das herrschende System wird ignoriert und es formieren sich alternative Strukturen des Zusammenlebens. Auf diese Weise entsteht eine greifbare Kritik am System. Alternatives Zusammenleben wird sichtbar und somit auch das bestehende grundsätzlich in Frage gestellt. Auch wenn es auf viele Einzelfragen keine Antwort gibt entsteht der Eindruck »es geht auch anders«.

Das herrschende System jedoch fühlt sich bedroht. Es fühlt sich verpflichtet im Bereich des alternativen Zusammenlebens »nach dem Rechten zu sehen« und geht mit Härte vor. Die Begründungen die bspw. in diesem Artikel auf zeit.de genannt werden stimmen nachdenklich. Auch wenn es sich bei Gewalt, sexuellen Übergriffen und Tod durch Drogenkonsum nicht um wünschenswerte Vorkommnisse einer neuen Gesellschaftsform handeln, müsste nach kurzer Überlegung doch klar werden, dass sich all das auch unter der Kontrolle des herrschenden Systems ereignet. Die Begründung des Vorgehens wird also hinfällig, und beleuchtet stärker die Schwächen des herrschenden Systems als der alternativen Gesellschaft.

Gestern erschien auf guardian.co.uk ein sehr guter Artikel zu Occupy London, in dem das alternative Zusammenleben sehr gut zum Ausdruck kommt. Im ersten Abschnitt des Artikels »Occupy lebt Basisdemokratie vor« auf zeit.de wird ebenfalls die alternative Gesellschaftsform im Zuccotti-Park beschrieben, der zweite Teil deutet dann an, wie anders sich Proteste in Deutschland organisieren.

→ Instapaper

Stuttgart 21

Am 27. November findet in Baden-Württemberg die Volksabstimmung über Stuttgart 21 statt. Besser gesagt wird über die Gesetzesvorlage des S 21-Kündigungsgesetzes abgestimmt. Es geht also nicht direkt um den Bahnhofsbau, sondern um den Anteil des Landes an der Projektfinanzierung.

Als die Stimmbenachrichtigung bei mir ankam war mein erster Gedanke, dass es in letzter Zeit relativ ruhig um das Politikum »Stuttgart 21« geworden ist. Das mag vielleicht nicht für Stuttgart selbst, wohl aber für weite Teile des Landes gelten. Andere Themen sind weitaus präsenter, was sich evtl. nicht gerade positive auf die Beteiligung auswirkt.

Wenn ich diesen Artikel auf Zeit-Online richtig verstehe, dann müssen mindestens ein Drittel der Stimmberechtigten „das Landtagsvotum gegen einen Ausstieg aus dem Stuttgarter Prestigeprojekt revidieren.“ Konkret bedeutet das, dass „mehr Bürger gegen die Politik von CDU, SPD und FDP entscheiden, als die neuen Koalitionspartner SPD und Grüne zusammen bei der Landtagswahl an Stimmen bekommen haben“.

Thomas König schreibt im eben erwähnten Artikel darüber, dass sowohl finanzielle Fragen – also die möglichen Kürzungen in den Bereichen Bildung und Sozialleistungen – als auch die Frage der Gleichbehandlung der vier Regierungsbezirken – Freiburg, Karlsruhe, Stuttgart und Tübingen – dazu führen könnten die erforderlichen Stimmen aufzubringen.

Wer, wie ich, am 27. November nicht zu Hause sein wird, sollte sich Briefwahlunterlagen zukommen lassen. In Karlsruhe können diese auch online beantragt werden. Weitere Informationen zur Volksabstimmung in Karlsruhe findest du hier.

In den Kommentaren würde ich mich über deine Antwort auf folgende Frage freuen: Wo informierst du dich zu Stuttgart 21?

→ Instapaper

Verändern oder Stärken

Im ersten Kapitel seines Buches über Gewalt schreibt Slavoj Žižek über »liberale Kommunisten«, hier würde diese Personengruppe vielleicht »Alt-68er« oder gar »LOHAS« genannt werden. Er betont ihre Bedeutung für das Fortbestehen des Kapitalismus und kritisiert dementsprechend ihr Engagement.

Seine erste Kritik gilt ihrem pragmatischen Ansatz. Sie lehnen es ab sich in ideologische Diskurse zu verstricken, und betonen den Einsatz für aktuelle humanitäre Katastrophen. Damit greift ihr Einsatz nach Meinung Žižeks jedoch zu kurz. Einer aktuellen humanitären Katastrophe liegt eine systemische Ungerechtigkeit zugrunde. Wird nur am Offensichtlichen herumgedoktert ändert sich das System nicht, sondern wird gestärkt, die systemische Ungerechtigkeit bleibt bestehen, und bringt weitere humanitäre Katastrophen hervor, die wiederum sofortiges Handeln erfordern. Ein Teufelskreis.

Die systemische Gewalt des Kapitalismus bezieht Žižek in Anlehnung an Marx auf die Objektiverung des Kapitalismus. Diese Objektivierung lässt sich im Reden über »die Märkte«, als handle es sich hierbei um Subjekte, verdeutlichen. Es kann niemand verantwortlich erklärt werden, weder Banker, Politiker noch Unternehmer, »die Märkte« verhielten sich so. Auf diese Weise wird der Kapitalismus erhöht, auch wenn wir von Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung hören, wichtig bleibt die Situation des Marktes. In dieser Überhöhung sieht Žižek die höchste Form von Ideologie.

Während noch vor einigen Jahren eine klare Linie zwischen den Reichen in Davos und den Globalisierungsgegnern von Porto Alegre gezogen werden konnte, verschwimmt diese Unterscheidung immer mehr. Einflussreiche Globalisierungskritiker nehmen mittlerweile auch an den Treffen der Superreichen in Davos teil:

»Their claim is that we can have the global capitalist cake, i.e. thrive as profitable entrepreneurs, and eat it, too, i.e. endorse the anti-capitalist causes of social responsibility and ecological concern.«

Quelle: Slavoj Žižek, Violence, Seite 15f.

Einer dieser liberalen Kommunisten ist Bill Gates, ein Hacker der es geschafft hat. Soziale Verantwortung und der Markt schließen sich nicht mehr aus, sie können versöhnt werden. Es geht, wie bereits weiter oben erwähnt, nicht mehr um grundsätzliche Auseinandersetzungen, sondern um konkrete Probleme wie z.B. die Hungersnot in Afrika. Wichtig sei uns nicht in Debatten zu verlieren, sondern direkt zu helfen. Ihr Ziel ist es nicht nur Geld zu verdienen, sondern die Welt zu verändern. Žižek betont in diesem Zusammenhang jedoch, dass es wichtig ist festzustellen, dass sie zuerst ordentlich verdienen müssen bevor sie helfen können.

»Their preferred motto is social responsibility and gratitude: they are the first to admit that society was incredibly good to them by allowing them to deploy their talents and amass wealth, so it is their duty to give something back to society and help people.«

Quelle: Slavoj Žižek, Violence, Seite 20.

Žižek deutet das Engagement der liberalen Kommunisten im Geiste einer überlegenen Geste. Die Gutgestellten geben etwas von ihrem Reichtum ab und wenden sich wohltätig (von oben herab) den Armen zu.

»In liberal communist ethics, the ruthless pursuit of profit is counteracted by charity. Charity is the humanitarian mask hiding the face of economic exploitation. In a superego blackmail of gigantic proportions, the developed countries ‘help’ the undeveloped with aid, credits and so on, and thereby avoid the key issue, namely their complicity in and co-responsibility for the miserable situation of the undeveloped.«

Quelle: Slavoj Žižek, Violence, Seite 21.

Auf diese Weise gehen soziale Verantwortung und berechnendes Kalkühl des Geschäftsmannes Hand in Hand. Auf der einen Seite wird ausgebeutet um zu Reichtum zu gelangen, auf der anderen Seite steht die Wohltat den Armen gegenüber. Dadurch wird jedoch das ungerechte System gestärkt, die Ungerechtigkeit bleibt bestehen, lediglich die Symptome werden behandelt. Im weiteren Verlauf zeigt er in Anlehnung an Sloterdijk und Carnegie auf, dass der Kapitalismus die Wohltätigkeit braucht um fortzubestehen. Es durch das Engagement der liberalen Kommunisten nicht zu einer Systemänderung kommt, sondern der Kapitalismus lediglich ein freundliches Gesich verliehen bekommt und dennoch in seiner ganzen Härte bestehen bleibt, ja mehr noch, gestärkt wird.

→ Instapaper

Zurück zu mir

Nach einer längeren Pause hatte ich gestern mal wieder das Album “Stadtaffe” von Peter Fox im Player. Die Kombination von Lautstärke und Autobahn begeisterte mich erneut von der Qualität des Albums. Die Texte verstehe ich als interessanten Kommentar zu unserer Gesellschaft. Fox greift sehr viele unterschiedliche Emotionen und Gedanken auf, ermöglicht Identifikation (auch mit unseren Abgründen) und regt zur Reflexion an.

In “Kopf verloren” greift er das Kreisen der Gedanken auf, das ab und an die Sehnsucht wachsen lässt unseren Kopf zu verlieren und ohne diesen Ballast durchs Leben zu taumeln. Das wiederkehrende Element erregte gestern in besonderer Weise meine Aufmerksamkeit:

Der Tag bricht an, es klopft an deiner Tür
du machst auf, da steh ich ohne Kopf vor dir.
Halt mich fest, weil ich mich sonst verlier’
nur mit dir find ich den Weg zurück zu mir.
Peter Fox, Kopf verloren.

In der Begegnung mit dem Gegenüber finden wir wieder zurück zu uns.

→ Instapaper

Claiming the Commons

Everyone has a relationship to the commons and a stake in its well-being. We lay claim to a commons first by declaring that there are things belonging to all of us and then by seeing ourselves as protectors, sustainers, even co-creators of the various commons all around us. This includes environmental resources, community institutions, online initiatives, and social accomplishments.

At the heart of the commons dwells the spirit of we—a force we all recognize deep within us that we want to reclaim. But we feel separated from this we. Our everyday world runs by a different set of operating instructions: I, me, mine—my success, my health, my survival. We feel cut off from the potential of our collaborative imagination. We share a collective unconsciousness that yearn to rediscover that we—the commons.

Julie Ristau & Alexa Bradley, We Power in All that we share, Pages 31-32.

→ Instapaper

Vorurteil

Im vierten Teil des Buches »Allah: A Christian Response« geht Miroslav Volf darauf ein, wie Muslime und Christen unter einem Dach zusammenleben können. Gestern hat Peter etwas zum Thema hybride Religiösität geschrieben, und sich dabei auf Kapitel 10 des Buches bezogen. In Kapitel 11 schreibt Volf über Vorurteile, Mission und gemeinsames Handeln. An dieser Stelle möchte ich einen seiner Gedanken zu Vorurteilen aufgreifen, auch deswegen weil ich sie auf andere Felder des alltäglichen Lebens für übertragbar halte.

Vorurteile sind Fehler, die auf Ignoranz, Selbsteingenommenheit, Feindseligkeit und Angst basieren – Haltungen, die mit einer aktiven Nächstenliebe unvereinbar sind, diese jedoch wird Muslimen und Christen von ihrem gemeinsamen Gott auferlegt.

Miroslav Volf, Allah: A Christian Response, 203.

An diesem Zitat wird schnell deutlich, dass Volf in den vorangegangenen Kapiteln bereits mehrere Grundlagen gelegt hat, von denen er nun ausgeht – zum einen gehört die Annahme dazu, dass Muslime und Christen denselben Gott anbeten, und zum anderen steht, nach Volf, das Doppelgebot der Liebe in beiden Religionen im Zentrum. Auf dieser Basis also argumentiert er für ein Zusammenleben von Muslimen und Christen.

Vorurteile lassen sich nach Volf vor allem durch Wissen überwinden. Dabei handelt sich nicht um ein technisches Wissen um den Glauben des anderen, sondern vor allem um das Wahrnehmen seiner Gefühle, Hoffnungen, Verletzungen und Siege. Das Erlangen eines solchen Wissens gestaltet sich jedoch schwierig, da es nicht leicht ist Wissen von Meinung zu unterscheiden. Jedes Wissen wird durch Interessen geleitet, und ist somit immer eingefärbt. Aus diesem Grund verweist er auf den Ansatz der »doppelten Sicht«, den er in »Exclusion and Embrace« dargelegt hat. Dieser Ansatz sieht vor, dass sowohl der eigene, als auch der Blickwinkel des Gegenübers eingenommen werden sollte, um eine Situation wahrzunehmen. Aus der eigenen Sicht betrachten wir alles, diese jedoch zu reflektieren und die des anderen Einzunehmen stellt den Gewinn dieses Ansatzes dar.

  1. Nimm wahr wie du dich selbst und den anderen siehst.
  2. Tritt in deiner Vorstellung aus dir heraus und tauche in die Welt des anderen ein.
  3. Beobachte sowohl dich als auch den anderen mit den Augen des anderen.
  4. Gehe zu dir zurück und vergleiche deine Entdeckungen.
  5. Wiederhole den Prozess.

Dieser Ansatz hat nicht zum Ziel herauszufinden wer recht hat, es geht vielmehr darum wahr zu nehmen was die Beteiligten mit ihren Positionen und Handlungen meinen.

Dieses Vorgehen erinnert mich an die teilnehmende Beobachtung der Soziologie, die nicht so sehr darauf aus ist zu bewerten, sondern wahr zu nehmen und aus der Sicht der Beteiligten zu verstehen. Dabei erscheint mir eine Haltung wichtig, die nicht von vornherein wertend wahrnimmt, sondern zunächst dem Gegenüber Raum einräumt.

Empathie scheint ein Stichwort, das für diese Art der Begegnung wichtig ist. Wie bei anderen Ansätzen, die dem Gegenüber Raum einräumen, und danach suchen ihn in seinen eigenen Annahmen zu verstehen, ist hier die Fähigkeit und das Engagement wichtig, sich in das Gegenüber zu versetzen und möglichst ohne zu werten wahr zu nehmen.

Durch die Lektüre unterschiedlicher Gedankenanstösse in diese Richtung und eine Reflexion meines eigenen Verhaltens, ist mir in den letzten Tagen erneut bewusst geworden, wie wichtig es für mich ist, gerade eine solche Haltung gegenüber anderen wieder neu zu erlernen …

→ Instapaper

Generation XY

Gestern habe ich damit begonnen die Biographie von Marshall McLuhan zu lesen, mit der, wie der Klappentext vollmundig verkündet, Douglas Coupland das Genre der Biographie neu erfindet. Coupland schafft es mit dieser McLuhan-Biographie tatsächlich mich zu begeistern. Diese Feststellung ist insofern verwunderlich, da ich Biographien selten spannend finde. Auf der anderen Seite jedoch logisch, weil ich mich sowohl für eine Fan von McLuhan als auch von Coupland halte. Während ich zu einem anderen Zeitpunkt gerne etwas zu Marshall McLuhan schreiben möchte, will ich heute eine Randbemerkung aufgreifen.

Auf Seite 27 schreibt Coupland etwas über seinen Roman »Generation X«, indem er über Leute schreibt, die versuchen eine immer schneller werdende Kultur zu begreifen, in dem sie sich Geschichten erzählen.

Dem Buch [Generation X] liegt die Idee zugrunde, dass, 1991 und dank der heutigen Technik, das Konzept der Generationen veraltet ist und wir ein Zeitalter betreten, in dem jedes Individuum eine eigene Generation darstellt. Und so folgte ein jahrelanger Generationsbenennungsirrsinn, der von vornherein zum Scheitern verurteilt war.

Douglas Coupland, Marshall McLuhan: eine Biographie, Seite 27.

Diese Aussage finde ich sehr interessant, da die Verwendung des Generationsbegriffs bei Coupland scheinbar ironisch war, in der Rezeption dann ernst genommen wurde. Mit seinem aktuellen Roman »Generation A« scheint er diese Ironisierung des Begriffs und des Versuchs ein Muster zu fassen weiter zu führen. Diesen Roman werde ich wohl in naher Zukunft ebenfalls lesen.

→ Instapaper