Archiv für die Kategorie 'Kultur'

David Bazan

Montag, 08. Februar 2010

David Bazan

Gestern Abend gastierte dieser Herr in Karlsruhe. David Bazan betrat die Bühne, nahm auf einem Hocker platz, die Gitarre auf den Schoß und begann seine Lieder zu spielen. Seit langem höre ich seine Musik, genieße die Stimmungen und liebe seine Art Geschichten zu erzählen. Und so freute ich mich auch sehr, mit Freunden dieses Konzert zu besuchen.

Die musikalische Fülle der Lieder seines aktuellen Albums (Curse your Branches) reduzierte er bei diesem Auftritt auf eine Gitarre, seine Stimme und einen Drumcomputer. Letzteren bediente er in Form von zwei Pedalen mit seinen Füßen. Auf diese Weise feiert er eindrücklich die Monotonie des Lebens, während er mit der Aussagekraft seiner Stimme und den Geschichten die er in seinen Liedern erzählt, die Facetten der unterschiedlichen Situationen beleuchtet. Wie üblich nutzte er auch gestern Abend die Pausen zwischen den Liedern um den Anwesenden die Möglichkeit für Fragen zu geben, die er auf seine freundliche Art mit einem Schmunzeln beantwortete.

Zwei seiner Antworten möchte ich jetzt doch noch kurz hier aufgreifen. Die erste bezog sich auf die Kriterien, mit denen er die Städte und Clubs auswählt in denen er spielt. Darauf antwortete David, dass er eine Liste von seinem Management bekommt, die mit der Aussage verbunden sei in den entsprechenden Clubs eine Show zu spielen. Ein anderer Gast fragte danach, woher er wisse, dass er mit „der richtigen Frau“ verheiratet sei. David begann seine Antwort damit zu erzählen, dass er mit seiner jetzigen Frau bereits zusammen sei seit sie 17 und er 19 Jahre alt waren. Mittlerweile seien sie 10 Jahre verheiratet (und tauschten lustigerweise während der Show E-Mails mit Bildern der Kinder aus) und er sei sehr stolz und dankbar in ihrer Nähe leben zu dürfen, da sie eine klasse Frau sei. Mir gefiel, dass er diese Frage indirekt beantwortete, er sagte nicht, dass sie „die richtige Frau“ sei, sondern führte aus, dass sie klasse ist und dass er es liebt mit ihr zu leben.

Auf mich wirkte dieser Auftritt sehr ehrlich. Und so führte er uns über seine Geschichten, die beantworteten Fragen, und die damit verbundene Interaktion mit den Anwesenden zu einigen guten Gesprächen.

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Und noch ein Nachtrag, hier findet ihr einen schön geschriebenen Eintrag zu David Bazan und seinem aktuellen Album (inkl. zwei Lieder zum anhören). Prädikat: Leseempfehlung.

Gemeinsam den Tod des autonomen Selbst feiern! – Teil 1

Montag, 01. Februar 2010

Unter diesem Titel hielt ich ein kurzes Impulsreferat am Ortstermin der Initiative SüdWest von Emergent Deutschland am letzten Samstag. In einer kurzen Serie von Einträgen möchte ich ein wenig über die Gedanken schreiben, die mir in diesem Zusammenhang wichtig sind.

Meine Begeisterung für relationale Ansätze, und die damit verbundene Präsenz derselben in meinem Reden, Denken und Schreiben, haben nichts damit zu tun, dass ich deren Wahrheit oder Überlegenheit beweisen möchte, sondern liegen vielmehr in der Wertschätzung der Möglichkeiten, die diese Perspektive eröffnet. In diesem Sinne möchte ich auch die folgenden Gedanken und den Titel verstanden wissen.

Zur Formulierung des Titels wurde ich durch eine Äusserung von Stanley J. Grenz in »The Social God and the relational Self« inspiriert. In einem Abschnitt über postmoderne Ansätze zum Umgang mit Individuum und Selbst, spricht er davon, dass in der postmodernen Philosophie der Rückgang der Bedeutung des Individuums, des autonomen Selbst, begrüßt wird (Grenz, 133ff). Diese Andeutung verleitete mich dazu von einer gemeinsamen Feier des Todes des autonomen Selbst zu sprechen. Was ich darunter verstehe möchte ich nun stückweise umschreiben.

Das Selbst als Knotenpunkt in einem sozialen Netz

In der so genannten Bibel postmodernen Denkens, dem Buch »Das postmoderne Wissen«, schreibt Jean-François Lyotard über das Ende der großen Erzählungen. Solcher Erzählungen die für sich in Anspruch nehmen, die Welt als Ganze zu erklären. Angesichts des Endes dieser Großen Erzählungen konstatiert er, dass damit jeder auf sich selbst zurückgeworfen ist. Manche haben diese Aussage für ein Loblied auf den Individualismus gehalten. Und auch ich ging zu manchen Zeiten davon aus, eine Aufgabe des Individuums darin zu sehen, sich selbst neu zu erfinden, die möglichst autonom bewerkstelligt werden sollte. Die Perspektive ändert sich jedoch schlagartig, wenn wir den folgenden Satz mitlesen:

»Jeder ist auf sich selbst zurückgeworfen. Und jeder weiß, daß dieses Selbst wenig ist.« (Lyotard, 54)

Das Selbst ist wenig. Es ist nicht so, dass jede und jeder nun autonom und aus freien Stücken die Aufgabe hätte sich selbst neu zu erfinden, und dazu in der Lage wäre. In den folgenden Ausführungen geht Lyotard darauf ein, dass das Selbst als eine Art Knotenpunkt im Netz der sozialen Verbindungen verstanden werden könne.

Er erläutert diese Gedanken im Bild der Sprachspiele. Beim Selbst handelt es sich um einen Knotenpunkt im Kommunikationskreislauf. Durch die Kommunikation in die das Selbst eingebunden ist, wird es ständig dazu herausgefordert eine neue Position einzunehmen, sich zu verändern. Dies ist eine Andeutung der Annahme einer beweglichen Identität, die in dynamischem Austausch mit dem jeweiligen Umfeld steht, und nicht mehr statisch wahrgenommen werden kann. Auf der anderen Seite ist es jedoch auch eine Betonung der sozialen, relationalen Komponente der Identität, also des Selbst. Das Individuum erfindet sich daher nicht ständig autonom neu, sondern befindet sich in der sozialen Dynamik, die eine ständige Neubestimmung mit sich bringt.

Mit der Andeutung des ersten Gedankens aus dem Impulsreferat möchte ich auch schon diesen Eintrag beenden. Für mich wird in diesem ersten Gedanken die gemeinsame Feier des Todes des autonomen Selbst in der Weise deutlich, dass eine relationale Sicht des Individuums, eine Sicht auf die sozialen Zusammenhänge eröffnet, in den sich das Selbst befindet. Verstanden als Knotenpunkt im Kommunikationsnetz wird sowohl die Dynamik der Identität angedeutet, als auch seine Verwobenheit in die Kommunikationsvorgänge des Umfeldes. Das Selbst wird demnach weder durch eine große Erzählung getragen, noch ist es eine Art biologische Grundlage, die das gesamte Leben unveränderlich ist.

In einem nächste Eintrag möchte ich kurz auf das Ideal des autonomen Selbst eingehen, und eine mögliche erweiternde Perspektive beschreiben.

Quellen:
Stanley J. Grenz, The Social God and the Relational Self (Louisville, London, Leiden: Westminster John Knox, 2001).
Jean-François Lyotard, Das postmoderne Wissen (Graz, Wien: Böhlau, 1986).

FROH! Die Winterausgabe

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Cover der FROH! StillDie Winterausgabe der FROH! mit dem Titel »Still« kam schon vor einer ganzen Weile bei mir an. Bereits beim ersten durchsehen war ich wieder sehr angetan vom Satz der Zeitschrift, der Liebe zum Detail und der Schlichtheit ihrer Gestaltung. Da ich nicht ohne zu lesen etwas schreiben wollte musste dieser Eintrag bis heute warten, aber das Warten hat sich gelohnt.

Im Editorial bringen die Herausgeber die Wirkung des Magazins meiner Ansicht nach sehr gut auf den Punkt, weshalb ich einen Absatz daraus zitieren möchte:

Eigentlich kann man ein Magazin nur lesen und betrachten. Man kann darin blättern und sich daran satt sehen. Aber wenn man ganz leise ist, und sein Ohr auf das Papier legt, hört man Stimmen, die Geschichten erzählen, und Orte, die in der Ferne rauschen. Man hört den Nachhall eines Satzes, der die Weißräume zum Schwingen bringt, und das leise Tropfen von Erinnerungen, die noch nicht ganz getrocknet sind.

Unsere Winterausgabe ist ein sehr stilles Heft geworden, eines für das der Leser selbst still werden muss, um nichts zu überhören. Im Arbeitsprozess haben wir alle Regler auf null gedreht: Wir haben über weite Strecken auf Farben verzichtet und dem Heft zusätzliche 16 Seiten spendiert. Um mehr Platz für leere Räume zu haben.

Die Aufforderung still zu werden, die hier im Editorial formuliert wurde ist meiner Ansicht nach jedoch nichts, dass die Leserin oder der Leser vor Beginn der Lektüre tun muss. Durch die Weißräume, das besondere Papier und die sorgfältig geschriebenen und Ausgewählten Artikel stellt sich die Stille, zumindest in meinem Fall, von alleine ein. Letzten Samstag saß ich nach einem langen Arbeitstag im Zug. Neben mir ein Kaffee und in den Händen die FROH! Ich freute mich an dem Papier, dem Druck und der Gestaltung. Mit jedem Artikel den ich las kehrte etwas mehr Stille ein. In diesem Sinne war die stille FROH! das Beste was mir auf meinem Nachhauseweg passieren konnte.

Auch dieses Mal möchte ich etwas davon erwähnen was mir an diesem Magazin besonders gefallen hat. Die ersten Seiten, von denen ich eine auch hier fotografiert habe, eröffnen die Ausgabe perfekt. Das Zweite was mir aufgefallen ist, sind die Portraits der Personen die zu Beginn des Heftes vorgestellt werden. Diese schlichten Portraits haben meiner Ansicht nach eine sehr starke Aussagekraft, vielleicht gerade durch die Reduktion der Farben und der weichen Linien. Und dann möchte ich noch die Bilder von Donata Wenders erwähnen. Mit extra Weißraum und gekonnt angeordnet entfalten sie ihre ganze Wirkung. Mir gefällt auch wie Donata ihre Art zu fotografieren mit einem Dialog vergleicht und dass ihre Bilder eine Atmosphäre der Vertrautheit ausstrahlen.

Bevor ich euch den Kauf des Magazins empfehlen werde, möchte ich nach dem Klick noch auf das Schweigefuchs-Origami hinweisen. (weiterlesen…)

William Fitzsimmons

Freitag, 18. Dezember 2009

William Fitzsimmons by Stylespion auf flickr

Mit William Fitzsimmons stelle ich den bisher ruhigsten Musiker, der in meiner iTunes Bibliothek wohnt und dessen Musik mich regelmäßig umgibt, hier vor. Er belegte den ersten Platz in meiner persönlichen Hörercharts der letzten Woche, weshalb ich sehr gerne einen kurzen Artikel zu ihm schreiben wollte. Als ich dann heute Vormittag die wunderschön schlichten Bilder von ihm bei Kai Müller/Stylespion sah war der Moment gekommen. Dank der freundlichen Genehmigung von Kai darf ich sogar das Bild hier zeigen und habe damit einen schönen Aufhänger für diesen Eintrag.

Die Musik von William gefällt mir sehr gut, da sie so zart und zerbrechlich wirkt und gleichzeitig eine ganz eigene Energie versprüht. Auf der last.fm Seite über ihn las ich, dass er als Sohn blinder Eltern aufwuchs, die seine Musikalität förderten. Er selbst studierte Psychotherapie und begann seine Karriere als Musiker nach erworbenem Masterabschluss. Sehr wahrscheinlich trägt genau diese Kombination zu seiner ausdrucksstarken Musik bei, gibt seinen Liedern Tiefe und neben der angesprochenen Zerbrechlichkeit ihre eigene Energie. Ich freue mich, dass er mich in meinem Alltag auf so vielfältige Weise begleitet, und bin einmal mehr dankbar für das Geschenk der Musik.

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Die Rechte des Bildes liegen bei Kai Müller / Stylespion. Dank seiner freundlichen Genehmigung könnt ihr es hier sehen. Danke.

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Noch eine kurze Ergänzung: ich finde ja, dass eine gemeinsame Tour von William Fitzsimmons und September Leaves sehr schön wäre. Vielleicht 2010?

Konstruktion der Wirklichkeit

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Gestern Abend habe ich mich mit einer Freundin über den multiplen Roman von Nanni Balestrini unterhalten. Balestrini komponierte diesen Roman und dekonstruiert damit gekonnt die Gattung Roman. Wie macht er das?

Zunächst ist zu sagen, dass Balestrinis Roman »Tristano« eine Komposition von Zitaten aus unterschiedlichen Werken ist. Er führt hier „normale“ Romane, Groschenromane, Reiseführer und Sachbücher zusammen. Der Roman hat zehn Kapitel und jedes Kapitel besteht aus derselben Anzahl von Abschnitten. Diese Abschnitte sind so konzipiert, dass sie in beliebiger Form wiedergegeben werden können. Genau das macht die digitale Drucktechnik nun möglich, weshalb keines der 2000 deutschsprachigen Exemplare die selbe Reihenfolge besitzt. Innerhalb des Romans taucht jeder Satz an zwei unterschiedlichen Stellen auf. Alle Namen, seien sie von Personen oder Orten wurden durch ein einfaches C ersetzt.

Aus dieser kurzen Beschreibung wird schon deutlich, dass dem Roman wichtige Elemente „fehlen“. Er besitzt keinen Erzählstrang. Die Ereignisse folgen nicht einer bestimmten Reihenfolge, daher existiert weder ein Höhepunkt noch sonstige Spannungsbogen. Es ist keine klare Identifikation mit Personen oder Orten möglich. Da es sich lediglich um Zitate aus unterschiedlichen Büchern handelt finden sich ganz unterschiedliche Personen und Orte in dem Buch, so dass es nicht einmal möglich ist an bestimmten Charakteren zu orientieren. Wie bereits gesagt dekonstruiert Balestrini damit den Roman.

Interessant ist bei der Lektüre jedoch, dass in den Gedanken der Leserin oder des Lesers ein Bild entsteht. Eine Geschichte beginnt sich zu formen. Bilder der Szenen bilden sich vor dem inneren Auge ab und man findet sich in der Geschichte wieder. Meiner Ansicht nach ist Balestrini mit diesem Roman ein Geniestreich gelungen. Er führt uns damit vor Augen, dass vieles von dem was wir in Texten lesen „in uns“ bzw. in der Interaktion mit dem Text, unseren Erfahrungen und den Menschen in unserem Umfeld entsteht.

Damit will ich nicht sagen, dass es durch eine bestimmte Komposition nicht möglich ist die Leserin oder den Leser mit in ein Thema zu nehmen oder bestimmte Erlebnisse anzuregen. Ein eindeutiges: hier steht es schwarz auf weiß jedoch, ist angesichts solcher Erkenntnisse schwerlich zu vertreten.

Relationalität von Kindern lernen

Dienstag, 08. Dezember 2009

Durch das aufmerksame Beobachten von Kindern lässt sich sehr viel darüber lernen, was Kultur ist. Als Beispiel sei hier die Erkenntnis angeführt, dass Sprache nur eine Übereinkunft bestimmter Symbole ist. In Anlehnung an den letzten Eintrag möchte ich heute aus dieser Sicht etwas zum Werden des Ich am Du schreiben.

Menschen kommen als biologische Mängelwesen zur Welt. Sie sind mit zu wenigen Instinkten ausgestattet um sich alleine auf dieser Welt zurecht zu finden. So lernen sie zuerst durch Beobachtung und später durch Nachahmung ihrer Bezugspersonen wie in ihrem Umfeld gelebt wird. Ab einem bestimmten Alter folgen sie der Bezugsperson an jeden Ort und ahmen die Handlung dieser genau nach. Diese wohlbekannten Beispiele deuten bisher noch hauptsächlich auf das Handeln des Menschen hin.

Deutlicher wird das Werden des Ich am Du jedoch bezüglich der Emotionen. Interessante Studien der Forschergruppe um Peter Fonagy beschreiben die Entwicklung des Selbst als Interaktionsgeschichte. Durch die Spiegelung der eigenen emotionalen Regungen des Säuglings durch die Bezugsperson lernt dieser Stück für Stück seine eigenen Emotionen wahr zu nehmen. Die Wiederholung der emotionalen Regungen unterscheiden sich meist im Stil von den eigenen emotionalen Regungen. Dadurch entdeckt der Säugling die eigenen Regungen an der Bezugsperson. Diese Spiegelungen stellt der Säugling in diesen Interaktionen in Beziehung zu sich selbst, da er die Spiegelung von den Regungen der Bezugspersonen unterscheiden lernt. In diesen Interaktionen lernt er seine eigenen emotionalen Regungen wahr zu nehmen und diese mit bestimmten Kennzeichen zu versehen. Auf diese Weise erkennt sich der Säugling von den anderen her. Beobachtungen dieser Art lassen sich noch auf weitere Interaktionsbereiche zwischen Bezugspersonen und Säuglingen übertragen, beispielsweise auf die Reaktion des Säuglings auf die vertraute Bezugsperson im Vergleich zu anderen Personen aus seinem Umfeld oder Unbekannten.

Ein Multipler Roman

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Über das Fontblog wurde ich heute Vormittag auf einen sehr interessanten Roman von Nanni Balestrini aufmerksam. Balestrini experimentierte 1961 mit einem Computer und schuf dabei ein Gedicht dessen einzelne Teile durch einen Algorithmus in unterschiedlicher Reihenfolge angeordnet werden konnten, waren und immer wieder werden sollten. Aus dieser Erfahrung ging er mit dem Wunsch heraus einen Liebesroman zu schreiben, der ebenfalls nicht an eine starre Abfolge gebunden ist.

Durch diese Operation wird das Dogma der einmaligen und definitiven Originalversion eines literarischen Werks, die sich aus dem strengen Determinismus der Gutenbergschen Druckmaschine ergibt, die stets identische Exemplare produziert, in Frage gestellt. Die Überwindung der mechanischen Buchproduktion durch die digitale Methode gemahnt an die unendliche Vielfalt der Formen der Natur, wo ebenfalls jedes Ding, vom Blatt am Baum bis zum menschlichen Wesen, eine stets abgewandelte Variante eines idealen Prototyps ist. In analoger Weise unterscheidet sich die mündliche Erzählung mehr oder weniger, wenn sie unterschiedlichen Zuhörern erzählt oder zu unterschiedlichen Zeiten wiederholt wird. Genauso kann man ein literarisches Werk, einen Roman zum Beispiel, verwandeln. Dank der neuen Techniken ist es möglich, statt wie früher ein unveränderliches Buch, eine Vielzahl von Varianten zu drucken, die alle von gleicher Qualität sind – und jeder Leser erhält sein persönliches und einzigartiges Exemplar.

Nanni Balestrini im Vorwort auf Seite XIV seines multiplen Romans »Tristano«

Tristano erscheint zunächst mit einer Auflage von 2000 Stück im deutschsprachigen Raum. Jedes Einzelne der Exemplare wird ein Unikat sein, es wird also keine zwei Exemplare geben bei denen der Erzählstrang genau der selbe sein wird. Balestrini versteht dieses Experiment als einen Schritt in Richtung der Neukonzeption von Literatur und sieht darin auch die Chance einer neuen Form der Kommunikation mit den Lesern.

Ich finde diese Art der Neukonzeption von Literatur sehr spannend und hätte große Lust mit ein paar Interessierten gemeinsam diesen Roman zu lesen und im Gespräch zu entdecken welche unterschiedlichen Erzählstränge sich auf dieser Weise entwickeln und auf welch unterschiedliche Art dieser multiple Roman auf die Leser wirkt.

Der Roman kann beispielsweise über Amazon bezogen werden, eine Leseprobe findet sich hier bei Suhrkamp.

Ideologie war gestern

Sonntag, 09. August 2009

Auf Zeit-Online findet sich ein interessanter Artikel zur Abwesenheit von Ideologie und einer stark pragmatischen Weltsicht unter Studenten. Ein kurzes Zitat aus diesem Artikel:

Von wegen, die Jugendlichen glaubten an nichts: Wie die Studenten in den Sechzigern ihren Marx, hat auch die pragmatische Generation ihre Vordenker, nur lehren diese kein Schema zur Weltrettung, sondern die Betrachtung des Einzelfalls.

Vielleicht kann man mit EF sagen: “the manifesto is that there is no manifesto”. Wir haben den Glauben an die eine mögliche und für alle gültige Erklärung der Welt und des Lebens verloren. Denken es gibt nicht diese eine Wahrheit, und folgern daraus dass Ideologien gestern waren, und dass Dogmatismus mehr schadet als hilft. Dies bringt meiner Ansicht nach keine Beliebigkeit hervor, und führt auch nicht dazu, dass man nur nach sich selbst und seinem eigenen Vorteil schaut. Wahrscheinlich führt es eher auf die Konzentration auf den Einzelfall und die Suche nach pragmatischen Lösungsansätzen, wobei ich hier auch noch andeuten will dass ich diesen Pragmatismus nicht im Gegensatz zur intensiven Auseinandersetzung mit wichtigen Theorien oder philosopischen Ansätzen verstehe.

Achso, und dann versuche mir doch noch mal jemand zu erklären dass die Gedanken von so genannten postmodernen Philosophen keine Auswirkungen auf unser Leben hier und jetzt haben…

Zum Artikel: Woran kann ich noch glauben?

Einheit in Vielfalt

Mittwoch, 29. Juli 2009

In meinem Feedreader bin ich eben über einen Artikel auf KarmaKonsum gestolpert auf den ich sofort hier hinweisen möchte, vor allem um meine vollste Zustimmung kund zu tun.

Dort heißt es, dass nachhaltiges Wirtschaften und Umweltschutz eine spirituelle Pflicht sind. Der Verantwortliche Umgang mit der Schöpfung ist meiner Ansicht nach ein grundlegender Aspekt der Idee Gottes und spielt aus diesem Grund auch eine zentrale Rolle in unserem Leben.

Ich freue mich auch zutiefst über das was im letzten Abschnitt angesprochen wird und freue mich auf all das was wir auf dieser gemeinsamen Reise erleben werden:

Hier sehe ich ein sehr großes insbesondere soziales Veränderungspotenzial, wenn die Gläubigen dieser Welt eine gemeinsame Vison bekämen. Nicht mehr die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten rückten damit in den Fokus: Unity in Diversity.

In diesem Sinne spreche abschließend noch eine Leseempfehlung für den ganzen Artikel aus!

The Orthodox Heretic

Samstag, 04. Juli 2009

Als ich eben einen kurzen Text zum Buch ›The Orthodox Heretic and other impossible tales‹ von Peter Rollins geschrieben habe, dachte ich mir dass dieser auch hier stehen könnte:

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The Orthodox HereticIn diesem Buch führt Peter Rollins seine Gedanken zu einem Leben jenseits von Glauben in der konkreten Nachfolge Christi konsequent weiter. Während er in seinen beiden ersten Büchern (How (not) to speak of God und The Fidelity of Betrayal) einen stärker kognitiv-philosophischen Zugang wählte, schreibt er nun auf der Ebene von Erzählungen.
Inspiriert durch die Parabeln Jesu erzählt er Geschichten die tiefere Schichten in den Leserinnen und Lesern ansprechen. Während eine kognitive Abhandlung Gedanken klar und nachvollziehbar darstellen möchte, sieht er die Besonderheit der Erzählung in den unterschiedlichen Facetten ihrer Bedeutung die die Leserinnen und Leser immer wieder in eine meditative Beschäftigung mit derselben rufen.
Es geht ihm mit den Parabeln nicht darum ein Buch anzubieten das durchgelesen und verstanden werden kann, sondern stärker darum dass die einzelnen Erzählungen meditativ und bewusst gelesen werden und dass sie das Leben der Leserinnen und Leser verändern. Um diese Ausrichtung zu betonen schreibt er im einleitenden Kapitel über den Unterschied von „hören“ und „gehorchen“ wie er in unserer Kultur besteht.
Dieses Buch führt die Leserin und den Leser in eine tiefe Auseinandersetzung mit der eigenen Nachfolge. Die 33 enthaltenen Erzählungen ordnet er in drei Teilen an. Im ersten Teil mit dem Titel „Jenseits des Glaubens“ richtet er den Blick auf die gelebte Nachfolge. Mit der Möglichkeit der doppelten Auslegung verwendet er „G-O-D-I-S-N-O-W-H-E-R-E“ als Titel für den zweiten Teil und spricht über die Ambivalenz von Nähe und Ferne Gottes. Im dritten Teil schreibt er über die Verklärung der Nachfolgenden in das Bild Christi. Zu jeder Geschichte bietet Rollins eine kurze Ausführung seiner Gedanken.
Das Buch eignet sich wunderbar zur meditativen Lektüre und ist in dieser Weise eine Art Andachtsbuch für die tägliche Meditation. Darüber hinaus kann es sehr gut zur Lektüre und den Dialog in Zellgruppen eingesetzt werden. In der Auseinandersetzung mit dem Buch wächst auch die eigene Phantasie Fragen der Nachfolge in Parabeln und Erzählungen zu fassen und in dieser Weise dem Weg Jesu zu folgen.

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Falls es im Text noch nicht deutlich herauskam, ich empfehle dieses Buch uneingeschränkt und halte es für ein sehr wertvolles meditatives Buch zur Vertiefung unserer Nachfolge. Was denkt ihr, die ihr das Buch gelesen habt, dazu?