Archiv für die Kategorie 'Master-Thesis'

Ideologie war gestern

Sonntag, 09. August 2009

Auf Zeit-Online findet sich ein interessanter Artikel zur Abwesenheit von Ideologie und einer stark pragmatischen Weltsicht unter Studenten. Ein kurzes Zitat aus diesem Artikel:

Von wegen, die Jugendlichen glaubten an nichts: Wie die Studenten in den Sechzigern ihren Marx, hat auch die pragmatische Generation ihre Vordenker, nur lehren diese kein Schema zur Weltrettung, sondern die Betrachtung des Einzelfalls.

Vielleicht kann man mit EF sagen: “the manifesto is that there is no manifesto”. Wir haben den Glauben an die eine mögliche und für alle gültige Erklärung der Welt und des Lebens verloren. Denken es gibt nicht diese eine Wahrheit, und folgern daraus dass Ideologien gestern waren, und dass Dogmatismus mehr schadet als hilft. Dies bringt meiner Ansicht nach keine Beliebigkeit hervor, und führt auch nicht dazu, dass man nur nach sich selbst und seinem eigenen Vorteil schaut. Wahrscheinlich führt es eher auf die Konzentration auf den Einzelfall und die Suche nach pragmatischen Lösungsansätzen, wobei ich hier auch noch andeuten will dass ich diesen Pragmatismus nicht im Gegensatz zur intensiven Auseinandersetzung mit wichtigen Theorien oder philosopischen Ansätzen verstehe.

Achso, und dann versuche mir doch noch mal jemand zu erklären dass die Gedanken von so genannten postmodernen Philosophen keine Auswirkungen auf unser Leben hier und jetzt haben…

Zum Artikel: Woran kann ich noch glauben?

Lupen ausgepackt

Freitag, 30. Januar 2009

Kürzlich hatte ich mal wieder das Buch »The New Christians« von Tony Jones in der Hand und bin dabei auf ein Zitat von John D. Caputo gestossen, in dem er einen Aspekt der Postmoderne meiner Ansicht nach treffend beschreibt:

Postmodernism … is not relativism or skepticism, as its uncomprehending critics almost daily charge, but minutely close attention to detail, a sense of the complexity and multiplicity of things, for close readings, for detailed histories, for sensitivity to differences. The postmodernists think the devil is in the details, but they also have reason to hope that none of this will antagonize God.

John D. Caputo

Lasst uns in diesem Sinne die Lupen auspacken und weitergehen.

Drei Sphären

Montag, 05. Januar 2009

Im Moment lese ich wieder einmal das fabelhafte Buch »Ich und Du« von Martin Buber und möchte an dieser Stelle mit einem Verweis auf die drei Sphären des Beziehungsgeschehens daraus das Blogjahr beginnen:

„Drei sind die Sphären, in denen sich die Welt der Beziehung baut.

Die erste: das Leben mit der Natur, darin die Beziehung an der Schwelle der Sprache haftet.

Die zweite: das Leben mit den Menschen, darin sie sprachgestaltig wird.

Die dritte: das Leben mit den geistigen Wesenheiten, darin sie sprachlos, aber sprachzeugend ist.

In jeder Sphäre, in jedem Beziehungsakt, durch jedes uns gegenwärtig Werdende blicken wir an den Saum des ewigen Du hin, aus jedem vernehmen wir ein Wehen von ihm, in jedem Du reden wir das ewige an, in jeder Sphäre nach ihrer Weise. Alle Sphären sind in ihm beschlossen, es in keiner. Durch alle strahlt die eine Gegenwart.“

Martin Buber, Ich und Du in Das dialogische Prinzip, 103.

Ich fand diese Erwähnung der drei Sphären wieder einmal sehr interessant, vor Allem auch da ich ja viel von einem Leben in Harmonie mit Schöpfung, Menschheit und Gott rede und in den Sphären Bubers einiges an Übereinstimmung zu dem wahrnehme was ich unter dem eben erwähnten verstehe.

Über Furcht und Kontrolle

Samstag, 27. Dezember 2008

In dem Buch »Reforming Theological Anthropology« von LeRon Shults bin ich in den letzten Tagen an mehreren Stellen über Gedanken zu Furcht, bzw. „Gottesfurcht“ gestossen, die ein anderes Licht auf den Begriff und das Verständnis von „Gottesfurcht“ werfen, als ich das aktuell aus meinem (weiteren) Umfeld in Erinnerung habe.

LeRon definiert Furcht als Antwort auf unsere empfundene Unfähigkeit ein Objekt von existenzieller Bedeutung zu kontrollieren. Da wir einem solchen – und wohl jedem – Objekt gegenüber nicht in der Lage sind es zu kontrollieren / unter unsere Kontrolle zu bringen, empfinden wir Furcht. Das Objekt bleibt für uns in gewisser Weise unberechenbar. Wenn es sich dabei um ein Objekt von existentieller Bedeutung für uns handelt, scheint diese Furcht gegenüber der Unfähigkeit der Kontrolle desselben zutiefst als nachvollziehbar.

Wenn „Gottesfurcht“ in diese Richtung verstanden wird, dann ist sie mit einem Mal von der Furcht gegenüber einem Despoten befreit. Auch wenn ich zugeben muss, dass der alleinige Verweis auf die Unkontrollierbarkeit Gottes durch den Menschen noch keine hinreichende Begründung darstellt. Daher reiche ich hier die Annahme nach, dass es sich beim dreieinigen Gott um einen liebevollen Gott handelt, der sich in völliger Hingabe der Schöpfung und damit auch der Menschheit zuwendet. Wenn ich diese Annahme einbeziehe, dann erscheint der Begriff „Gottesfurcht“ in einem komplett anderen Licht.

Es handelt sich dann eher um eine Furcht die auf Unkontrollierbarkeit und daher in gewisser Weise auf einem Mysterium basiert. Eine Furcht die sich zum einen in vorsichtigen Äusserungen dessen abzeichnet was als erkannt angenommen wird, die jedoch zugleich auch immer die Offenheit und darüber hinaus Lust auf ein weiteres, tieferes Erkennen des Gottes mit sich bringt. In dieser Weise erscheint meiner Ansicht nach auch der vielzitierte Satz „Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Erkenntnis.“ (Sprüche 1,7) als wunderbare Beschreibung eines Prozesses der „nie“ an ein Ende kommen wird. Wir werden nie in der Lage sein Gott zu kontrollieren. Gott wird ein Mysterium bleiben.

Gemeinsam Leiten – Teil 1

Samstag, 13. Dezember 2008

In meinem Eintrag »Die Bedeutung des Netzwerks« habe ich etwas über meine Gedanken zu Leitung in Gemeinschaften geschrieben. Dieses Thema scheint nach wie vor von Bedeutung zu sein, und so haben einige am Dialog teilgenommen der sich im Anschluss an den Eintrag entwickelte. Mich beschäftigt dieses Thema ebenfalls nach wie vor – und zwar nicht nur auf einer abstrakten Ebene in der praktischen Auseinandersetzung mit Gedanken und Theorien, sondern in gleicher Weise im Leben der Gemeinschaft vor Ort und darüber hinaus in anderen Netzwerken und Organisationen in denen ich mich bewege. Aus diesem Grund möchte ich auch noch mehr darüber schreiben welche Fragen ich mir stelle und was ich zu diesem Thema so vor die Augen bekomme.

Heute möchte ich etwas über das Kapitel »Leading as a Body« aus dem Buch »Emerging Churches: Creating Christian Communities in Postmodern Cultures« von Eddie Gibbs und Ryan Bolger schreiben.

Gibbs und Bolger beginnen das Kapitel mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit der Verkörperung des „Reiches Gottes“ in den Gemeinschaften die sich sowohl als Vorgeschmack und Diener des „Reiches Gottes“ verstehen. Dies bedeutet zum einen, dass die Gemeinschaften sich großzügig in unserer pluralistischen Gesellschaft einbringen und es bedeutet auch, dass sie von Partizipation und Kreativität geprägt sind. Die Aufgabe von Leitung besteht in diesem Zusammenhang darin die eben erwähnten Charakteristika zu schaffen oder zu ermöglichen, dass eine solche Aufgabe andere Anforderungen an Leitung stellt als bisher liegt nach Meinung der Autoren auf der Hand.

Dieser erste Hinweis spricht meiner Ansicht nach bereits einen sehr wichtigen Aspekt dessen an, was ich mit dem Begriff „emerging Church“ verbinde. Wir verstehen uns als Gemeinschaften die an der Gesellschaft teilnehmen und teilhaben. Wir bringen uns mit unseren Fähigkeiten ein und werden durch unser Umfeld geprägt, inspiriert, motiviert und ergänzt. Dieses Einbringen geschieht sowohl im alltäglichen Leben der einzelnen Personen der Gemeinschaft – z.B. im Beruf, in den nachbarschaftlichen Beziehungen und dem Engagement in Vereinen – als auch in dem Leben der Gemeinschaft – z.B. im Einsatz für die Stadt, für Gerechtigkeit, verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung, kulturellen und/oder spirituellen Angeboten. Der Fokus einer solchen Gemeinschaft liegt meiner Ansicht nach nicht auf dem „Wohlbefinden der zu ihr gehörenden Christen“ (was auch immer das bedeutet) und auch nicht in der „Bekehrung von Heiden“ (was auch immer das bedeutet), sondern vielmehr in einer bewusst gelebten ganzheitlichen Antizipation der (zukünftig vollkommen werdenden) Harmonie von Schöpfung und Schöpfer. Wenn wir hier noch den Gedanken der gemeinsamen Unterstützung in der Nachfolge – also einem Leben in Harmonie mit Umwelt, Menschheit und Gott – mit einbeziehen, dann erscheint mir die Notwendigkeit der gemeinsamen Leitung – im Sinne des Ermöglichens aber auch Führens einer Gemeinschaft – als auf der Hand liegend. Derart komplexe Zusammenhänge lassen sich wenn überhaupt dann nur von einem Team moderieren. Und genau in diesen unterschiedlichen Bereichen sehe ich die Aufgabe von Gemeinschaft. Gottesdienste sind meiner Ansicht nach, und diese seien hier nur beispielhaft herausgegriffen, lediglich ein Apsekt von gemeinschaftlichem Leben, ein kleiner noch dazu.

Gemeinde oder Gemeinschaft hat demnach meiner Ansicht nach keinen Selbstzweck, den sie erfüllt wenn sie sehr gute und auch kulturell ansprechende und anspruchsvolle Angebote hat – sie verleiht meiner Ansicht nach der gegenseitigen Unterstützung in Harmonie mit Umwelt, Menschheit und Gott zu leben eine Organisationsform. In diesem Zusammenhang denke ich auch über Fragen von Leitung in Gemeinschaften nach.

Ich beende diesen Eintrag mal an dieser Stelle, auch wenn ich noch weitere Gedanken aus dem Kapitel ansprechen möchte und freue mich auf die guten Gedanken von dir, meiner geschätzten Leserin und meinem geschätzten Leser.

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»Leading as a Body« ist Kapitel 10 des Buches »Emerging Churches: Creating Christian Communities in Postmodern Cultures« von Eddie Gibbs und Ryan Bolger und beginnt auf Seite 191.

The Fidelity of Betrayal II

Mittwoch, 26. November 2008

Heute möchte ich kurz auf das vierte Kapitel des Buches »The Fidelity of Betrayal« von Peter Rollins eingehen. Das vierte Kapitel mit dem Titel »Der Name Gottes« ist zugleich das erste Kapitel des zweiten Buchteils in dem es um »Das Sein Gottes« geht.

Die Frage nach dem Verständnis des Namens Gottes und den daraus folgenden Annahmen ist meiner Ansicht nach das Herzstück dieses Kapitels. In diese Richtung möchte ich einen Abschnitt von Seite 79 als Frage formulieren:

Was wäre wenn der Gottesname aus der Begegnung Moses mit Gott am Dornbusch, poetischer Ausdruck dieser Gottesbegegnung wäre? Hätten wir dann vielleicht Jahrhundertelang fälschlich angenommen dass aus diesem Namen grundsätzliche Aussagen über die Natur Gottes abzuleiten sind? Könnte es sein, dass die Annahme eines poetischen Ausdrucks unsere Erwartungen an den Gottesnamen herunterschrauben? Wäre es denkbar, dass es sich dabei um ein Missverständnis oder einen Deutungsversuch dessen handelt was Mose gerade erlebt hatte? Und ist des weiteren evtl. die Annahme in Frage zu stellen, dass auf dieser Aussage Gott rational erfassbar wird?

Rollins behandelt in diesem Kapitel verschiedene Bedeutungen des Gottesnamens, angefangen mit mystischen Annahmen von innewohnender Kraft im geheimen Gottesnamen bis hin zu einem Abriss philosophischer Gedanken zur Bedeutung des Gottesnamens, der Existenz Gottes und der Menschen. Dabei spricht er auch über Väter unseres Denkens, Grundannahmen westlicher Theologie und fordert die Leser heraus die eigenen Annahmen über Gott grundsätzlich zu überdenken.

The Fidelity of Betrayal _ I

Dienstag, 25. November 2008

Fidelity of BetrayalHeute habe ich mir mal etwas Zeit genommen um den ersten Teil des Buches »The Fidelity of Betrayal« von Peter Rollins zu lesen. Wie der Titel bereits andeutet, geht es in diesem Buch um die »Treue des Verrats«. Peter der bereits ein wunderbares Buch darüber geschrieben hat wie man (nicht) über Gott redet, plädiert in diesem Buch für eine dialogische, ja streitbare Beziehung des Menschen mit Gott.

In gewohnt dekonstruktivistischer und zugleich mysthischer Weise nähert sich Peter seinem Thema an. Er beginnt mit einem Gleichnis, von denen es an vielen weiteren Stellen des Buches welche geben wird, und eröffnet die anregende Auseinandersetzung mit Gott. Während ich so lese was vor mir steht kommt mir immer wieder eine Aussage in den Sinn, die ich in einem Kommentar zu Jeremia gelesen habe, von dem an dieser Stelle gesagt worden war, dass er mit Gott um Gott streitet. Und genau eine solche Auseinandersetzung mit Gott scheint mir Rollins in diesem Buch aufzeigen zu wollen.

Das Buch ist in drei sich ergänzende Teile eingeteilt, bereits im Vorwort wird deutlich, dass es nicht möglich ist diese drei Teile unabhängig voneinander zu stellen, zu verstehen oder gar diese drei Aspekte voneinander zu trennen, sondern dass die Einteilung nur der Verständlichkeit dient und es seiner Ansicht nach notwenig ist die Interaktion der einzelnen Teile zu betrachten und ihre enge Verbindung stehts im Hinterkopf zu haben. Im ersten Teil setzt sich Rollins mit dem „Wort Gottes“ (The Word of God) auseinander (was er, wie nicht anders zu erwarten war nicht mit der Bibel an sich gleichsetzt). Das „Sein Gottes“ (The Being of God) wird im zweiten Teil näher betrachtet und im dritten Teil geht Rollins dem „Ereignis Gottes“ (The Event of God) auf die Spur.

Diesen ersten Beitrag zu diesem Buch möchte ich mit einem Gleichnis beenden, das Peter am Ende des ersten Teils anführt. Dieses Gleichnis findet sich auch in folgendem Eintrag auf Peters Blog: »Give me a master I can dominate«. Das Gleichnis handelt von einem jungen Mann der auf der Suche nach einem jüdischen Rabbi ist um von ihm die Weisheit des hebräischen Denkens zu lernen.

Nach langer Suche findet der junge Mann einen jüdischen Rabbi den er darum bitten möchte ihn zu unterrichten. Als der Rabbi sieht wie jung der Mann ist lächelt er ihn an und sagt: „Du bist zu jung und hast zu wenig Lebenserfahrung für die Dinge die ich dir beibringen soll. Komm in zehn Jahren wieder zu mir.“

Aber der junge Mann hat ein Selbstvertrauen das an Arroganz grenz und erwidert: „Es mag sein dass ich jung bin, aber ich habe bereits aristotelisches und symbolisches Denken erlernt. Prüfe mich. Stell mir eine beliebige Frage und ich werde dir beweisen, dass ich bereit bin von dir zu lernen.“

Nachdem der Rabbi eine Weile nachgedacht hat stellt er ihm eine Frage: „Zwei Männer sind durch einen Kamin gestiegen. Als sie unten ankommen, ist das Gesicht des einen mit Ruß bedeckt. Sag mir, welcher wäscht sein Gesicht?“

Der junge Mann antwortet sofort darauf: „Was soll an dieser Frage schwer sein? Derjenige mit Ruß in seinem Gesicht natürlich.“

Der Rabbi wendet sich ab um zu gehen und sagt: „Natürlich nicht, wo denkst du hin? Der Mann ohne Ruß wascht sein Gesicht, er sieht den Teint seines Freundes und nimmt an, dass auch er dreckig geworden sein muss.“

„Bitte schick mich nicht weg,“ sagt der junge Mann. „Prüfe mich noch einmal, mit einer beliebigen Frage.“

Der Rabbi denkt einen Moment lang nach und sagt dann: „Ok, aber bitte hör dieses Mal genau zu. Zwei Männer sind durch einen Kamin gestiegen. Als sie unten ankommen, ist das Gesicht des einen mit Ruß bedeckt. Sag mir, welcher wäscht sein Gesicht?“

„Selbstverständlich der Mann ohne Ruß im Gesicht,“ antwortet der junge Mann.

Wieder schüttelt der Rabbi seinen Kopf. „Du hörst nicht richtig zu. Es liegt doch auf der Hand, dass der mit dem Ruß sein Gesicht wäscht. Er bemerkt die Reaktion seines Freundes als er unten ankommt, schmeckt den Ruß auf seinen Lippen und fühlt das Stechen in den Augen. Jetzt kannst du mich in Ruhe lassen.“

„Bitte prüfe mich noch ein letztes Mal, ich glaube jetzt hab ichs verstanden,“ sagt der junge Mann.

„Ok, noch ein letztes Mal,“ sagt der Rabbi. „Aber bitte, hör genau zu. Zwei Männer sind durch einen Kamin gestiegen. Als sie unten ankommen, ist das Gesicht des einen mit Ruß bedeckt. Sag mir, welcher wäscht sein Gesicht?“

„Meine erste Antwort ist richtig,“ ruft der junge Mann, „aber aus einem anderen Grund.“

„Nein, nein, nein,“ sagt der Rabbi während er geht. „Beide waschen ihr Gesicht. Wie könnte jemand durch ein Kamin steigen und annehmen sein Gesicht wäre danach nicht von Ruß bedeckt?“

Mit dieser Geschichte möchte Peter Rollins darauf hinweisen, dass der junge Mann bevor er in der tiefen Weisheit der Tradition unterwiesen werden kann, das Verlangen Wahrheit auf ein klar definiertes, statisches System zu reduzieren, lernen muss aufzugeben. Er muss lernen im Dialog zu sein, zu debattieren, Annahmen zu überdenken und zu unterscheiden. Erst dann ist er in der Lage sich auf die Reise zu einem religiösen Verständnis zu begeben das tiefer geht als rationale Einsicht – auf dieser Reise wird er eine Wahrheit entdecken die tiefer ist als intellektuelle Annahmen.

Diese Bereitschaft im Dialog zu sein, Annahmen zu überdenken und mit etwas zu ringen scheint zum Lesen des Buches notwenig. Eine solche Haltung wünscht sich Rollins auch im Umgang mit der Bibel – jedoch nicht als Selbstzweck, sondern um dabei der lebensverändernden Wahrheit zu begegnen, die zugleich in und jenseits der Worte wohnt.

Bibel und Bedeutung

Montag, 10. November 2008

In einem Gespräch über denkbare Strukturen von Gemeinde kamen wir kürzlich auf die Frage zu sprechen ob die Texte des Neuen Testaments im Vergleich zu den vorausgehenden Schriften eine höhere Bedeutung haben – und in diesem Zusammenhang zu möglichen Begründungen. Da ich über dieses Gespräch noch öfters nachgedacht habe möchte ich heute etwas zu meinen Gedanken diesbezüglich schreiben.

Meiner Ansicht nach haben die Texte des Neuen Testaments keinen höheren Stellenwert als alle anderen Texte, die wir in der Bibel finden. Und wenn ich von Bibel rede, dann meine ich damit das, was manche als den katholischen Kanon bezeichnen würden (also inkl. den sogenannten Apokryphen). Das bedeutet für mich, dass die Texte von Anfang an Hinweise auf denkbare Strukturen liefern. So können wir in Texten zu den so genannten Vätergeschichten über die Richterzeit bis hin zu der Entscheidung des Volkes Israel für einen König Hinweise auf denkbare Strukturen und auch mögliche Vorstellungen von Leitung finden. Alle diese Schilderungen enthalten meiner Ansicht nach Hinweise auf Gottes Ideen von Gemeinschaftsstrukturen und der Organisation gemeinschaftlichen Lebens. Im so genannten Neuen Testament finden wir darüber hinaus auch diesbezügliche Hinweise. Diese Hinweise sind meiner Ansicht nach jedoch nicht wichtiger oder verbindlicher als alle anderen. Der kulturelle Hintergrund in dem wir uns nun befinden unterscheidet sich zu dem aller Überlieferungen in den Schriften.

Ein Unterschied, der trotz dieser Gedanken gerne angeführt wird, ist dass es sich bei den Gemeinschaften der Schriften des Neuen Testaments auch um Gemeinschaften von Christen handelt was wir letztlich heute auch sind. Dem würde ich den Gedanken entgegenhalten, dass meiner Ansicht nach Gedanken zur Organisation gemeinschaftlichen Lebens zu allen Zeiten interessant waren und auch in weiterer Zukunft interessant bleiben werden. Es geht daher meiner Ansicht nach nicht so sehr um Gottes Ideen von gelebter Gemeinschaft hinsichtlich Gemeinschaften von Christen, sondern viel mehr um die Idee oder besser gesagt Ideen gelebter Gemeinschaft an sich. Ich schreibe hier bewusst ›Ideen‹ da meiner Ansicht nach in der Bibel unterschiedliche Strukturen und Organisationsmöglichkeiten dargestellt werden, die so nicht im Sinne besser oder weniger gut zu unterscheiden sind. Welche Organisationsform letztlich gelebt wird, hängt wesentlich mehr mit dem Umfeld zusammen in dem sich die Gemeinschaft befindet als mit Entscheidung nach dem Prinzip ›das ist der einzig gangbare Weg‹.

Meiner Ansicht nach finden wir in der Bibel Hinweise auf die Idee Gottes, getreu dieser Hinweise befinden wir uns dann allerdings in einer Situation der Improvisation der Idee Gottes in unserem alltäglichen Leben. Aus dieser Ansicht gewinne ich auch eine skeptische Haltung zu Aussagen der fortschreitenden Offenbarung – gemäß der wir gegen Ende der Bibel präzisere Hinweise vorfinden müssten, als dies von Anfang an der Fall sein kann. Meiner Ansicht nach handelt es sich lediglich um unterschiedliche Kontext und daher andere Improvisationen und unterschiedlich verwendeter Bilder.

Ich ende an dieser Stelle mit den bewusst unvollständigen Ausführungen meiner Gedanken, da ich mir einen Dialog dazu wünsche. Die Darstellung meiner Gedanken hierzu soll an dieser Stelle enden und ich wünsche mir, dass sie als Beitrag zum Dialog verstanden wird und die lernende Haltung dabei – und vor allem im weiteren Dialog – deutlich wird. In diesem Sinne freue ich mich auf deine Gedanken dazu…

Dialog, ein echtes Gespräch

Freitag, 12. September 2008

Miteinander zu reden und dabei eine gesunde Gesprächskultur zu leben sind meiner Ansicht nach sehr wichtig. Aus diesem Grund bin ich auch ein großer Freund des Dialogs. In dem Vortrag vom letzten Sonntag habe ich daher auch über den Dialog – oder wie Martin Buber den Abschnitt auf den ich mich bezog überschrieb: das echte Gespräch – gesprochen.

Für mich passen die Annahmen des Dialogs auf jedes Gespräch, also jede Interaktion mit Menschen in meinem Umfeld. Ganz besonders gut ist es darüber hinaus auch noch, wenn ich sie mir im Miteinander mit Menschen vergegenwärtige, sie andere Ansichten und Überzeugung haben. Da dem Dialog eine wertschätzende und wohlwollende Haltung zu Grunde liegt ist diese Art zu Kommunizieren meiner Ansicht nach am Besten für diejenigen geeignet, die sich als Nachfolger Gottes verstehen und sich nach einem Leben in Harmonie sehnen. Um diesem Thema auch hier mal wieder etwas mehr Raum zu geben zitiere ich nun einfach mal aus meinem Manuskript des letzten Sonntags:

Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber, einer der Väter dessen was wir heute als Dialog verstehen, hat in seinem Buch „Elemente des Zwischenmenschlichen“ in einem Kapitel dargelegt was seiner Meinung nach ein echtes Gespräch ausmacht:

// hinwenden
Sich dem Gesprächspartner hinwenden. Gegenwärtig sein und ihn als Person annehmen, ich bestätige das was es zu bestätigen gilt und billige damit nicht unbedingt seine Position in Fülle, aber ich sage deutlich JA zu ihm als Person. Ich rede zu ihr, ihm oder ihnen – halte keinen neutralen Monolog…

// teilnehmen
Ich nehme am Gespräch teil und bringe mich ein. Ich muss nicht immer alles sagen, was ich zu einem Thema zu sagen habe – ich rede „rückhaltlos“, halte also nicht künstlich wichtiges zurück, rede jedoch auch nicht einfach drauf los. Ich achte die Einheit der beiden Aspekte des dialogischen Redens – Natur und Werk.

// den Schein überwinden
Um es mit verdrehten Worten der Werbung zu sagen: Image is nothing! Es geht beim Reden nicht um mein Image, meine Wirkung als Sprecher, eine Konzentration auf diesen Schein zerstört den Dialog. Ich verfehle das Gespräch, wenn ich mich statt auf das zu Sagende auf das zur Sprache Kommende ICH konzentriere, dadurch wird das Gesagte fehlerhaft und fehlgeleitet. Der Gesprächsfluss, die Hinwendung zueinander und das Annehmen des anderen wird torpediert.

Wenn wir den Schein überwinden kommen wir zusammen und dadurch wird das Unerschlossene erschlossen, in der Begegnung der Personen wird mehr enthüllt als je gesagt werden kann, es entsteht Fruchtbarkeit.

Nicht immer müssen alle reden, aber derjenige, der etwas zu einer gegebenen Situation zu sagen hat, sollte sich einen Ruck geben und dies auch äußern.

Ein echtes Gespräch ereignet sich auch nur dann, wenn ich mein Gegenüber als Partner im Gespräch betrachte, wenn ich annehme „sie oder er habe zu diesem Thema nichts zu sagen“, torpediere ich das Gespräch und verhindere, dass ein echtes Gespräch entsteht.

Im Dialog vollzieht sich darüber hinaus ein weiterer wichtiger Schritt – wir werden uns dessen bewusst, dass wir Lernende sind. Wir haben zwar einen Standpunkt, betrachten diesen jedoch nicht als absolut. Wir treten aus der Position des Wissenden in die Haltung des Lernenden. Wir begegnen uns als Lernende und lernen voneinander.

Der Abschnitt von Martin Buber, auf den ich mich hier beziehe findet sich in “Das dialogische Prinzip: Ich und Du / Zwiesprache / Die Frage an den Einzelnen / Elemente des Zwischenmenschlichen / Zur Geschichte des dialogischen Prinzips” (Martin Buber)

Daggi hat vor einiger Zeit einen Artikel für das verwaiste ›Emergente Gedankengut‹ geschrieben der den Titel »Der Dialog als Kommunikationsmöglichkeit« trägt, den ich hiermit zur erneuten Lektüre empfehlen möchte.

Missional, mehr als ein Wort

Dienstag, 08. Juli 2008

Heute bei meiner Tour durch die Blogs auf einen neuen Beitrag auf PastorBuddy mit dem Titel ›Missionarisch vs. Missional‹ von Simon deVries gestossen. In diesem Post greift er einige Gedanken von Makeesha Fisher auf.

Im Zuge einer Blogaktion zum Verständnis des Wortes ›missional‹ hatte sie über ihre persönliche Entwicklung und die Wandlung geschrieben, wie sie Kirche/Gemeinde und ihre Sendung wahrnahm. Im Begriff der Sendung steckt immer schon das GEH! im Sinne von „geh hinaus“. Dieses gehen verbindet sie mit einem verlassen der Gemeinde. Sie betont dabei auch das was jemand tut, bzw. wie er lebt, wenn er hinausgeht. Ihre Entwicklung im Verständnis des gesandt-seins bringt sei meiner Ansicht nach sehr gut in folgendem zum Ausdruck:

Was wir damals unter ›missionarisch‹ verstanden:
Zieh los um zu reden.
Zieh los um zu lehren.
Zieh los um zu urteilen.
Zieh los um zu retten.
Zieh los mit der eindeutigen Haltung dich selbst zu schützen.
Zieh los um die Leute mit zurück in die Kirche zu bringen.

Was wir heute mit ›missional‹ meinen:
Zieh los um zuzuhören.
Zieh los um zu lernen.
Zieh los um zu empfangen.
Zieh los um gerettet zu werden.
Zieh los mit der offenen Haltung Christi.
Zieh los um Kirche zu sein.

(frei übersetzt von Simon deVries, Quelle: Makeesha Fisher)

In all meinem Nachdenken über die Sendung, die uns als Nachfolger Christi zuteil wird, empfinde ich eine Ähnliche Entwicklung wie sie hier von Makeesha Fisher beschrieben wird. Während ich früher vielleicht auch davon gesprochen hätte, dass wir gesandt sind Menschen zu Jüngern zu machen (und dabei viele im Hinterkopf haben, dass jemand irgendwie manipuliert wird um eine gewisse Art von Entscheidung zu treffen), so würde ich heute eher davon ausgehen, dass ich dazu gesandt bin anderen dabei zu helfen Nachfolger zu werden, und während ich dieser Sendung nachgehe selbst eine Menge lerne, was mir dabei hilft nachzufolgen.