Im ersten Kapitel seines Buches über Gewalt schreibt Slavoj Žižek über »liberale Kommunisten«, hier würde diese Personengruppe vielleicht »Alt-68er« oder gar »LOHAS« genannt werden. Er betont ihre Bedeutung für das Fortbestehen des Kapitalismus und kritisiert dementsprechend ihr Engagement.
Seine erste Kritik gilt ihrem pragmatischen Ansatz. Sie lehnen es ab sich in ideologische Diskurse zu verstricken, und betonen den Einsatz für aktuelle humanitäre Katastrophen. Damit greift ihr Einsatz nach Meinung Žižeks jedoch zu kurz. Einer aktuellen humanitären Katastrophe liegt eine systemische Ungerechtigkeit zugrunde. Wird nur am Offensichtlichen herumgedoktert ändert sich das System nicht, sondern wird gestärkt, die systemische Ungerechtigkeit bleibt bestehen, und bringt weitere humanitäre Katastrophen hervor, die wiederum sofortiges Handeln erfordern. Ein Teufelskreis.
Die systemische Gewalt des Kapitalismus bezieht Žižek in Anlehnung an Marx auf die Objektiverung des Kapitalismus. Diese Objektivierung lässt sich im Reden über »die Märkte«, als handle es sich hierbei um Subjekte, verdeutlichen. Es kann niemand verantwortlich erklärt werden, weder Banker, Politiker noch Unternehmer, »die Märkte« verhielten sich so. Auf diese Weise wird der Kapitalismus erhöht, auch wenn wir von Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung hören, wichtig bleibt die Situation des Marktes. In dieser Überhöhung sieht Žižek die höchste Form von Ideologie.
Während noch vor einigen Jahren eine klare Linie zwischen den Reichen in Davos und den Globalisierungsgegnern von Porto Alegre gezogen werden konnte, verschwimmt diese Unterscheidung immer mehr. Einflussreiche Globalisierungskritiker nehmen mittlerweile auch an den Treffen der Superreichen in Davos teil:
»Their claim is that we can have the global capitalist cake, i.e. thrive as profitable entrepreneurs, and eat it, too, i.e. endorse the anti-capitalist causes of social responsibility and ecological concern.«
Quelle: Slavoj Žižek, Violence, Seite 15f.
Einer dieser liberalen Kommunisten ist Bill Gates, ein Hacker der es geschafft hat. Soziale Verantwortung und der Markt schließen sich nicht mehr aus, sie können versöhnt werden. Es geht, wie bereits weiter oben erwähnt, nicht mehr um grundsätzliche Auseinandersetzungen, sondern um konkrete Probleme wie z.B. die Hungersnot in Afrika. Wichtig sei uns nicht in Debatten zu verlieren, sondern direkt zu helfen. Ihr Ziel ist es nicht nur Geld zu verdienen, sondern die Welt zu verändern. Žižek betont in diesem Zusammenhang jedoch, dass es wichtig ist festzustellen, dass sie zuerst ordentlich verdienen müssen bevor sie helfen können.
»Their preferred motto is social responsibility and gratitude: they are the first to admit that society was incredibly good to them by allowing them to deploy their talents and amass wealth, so it is their duty to give something back to society and help people.«
Quelle: Slavoj Žižek, Violence, Seite 20.
Žižek deutet das Engagement der liberalen Kommunisten im Geiste einer überlegenen Geste. Die Gutgestellten geben etwas von ihrem Reichtum ab und wenden sich wohltätig (von oben herab) den Armen zu.
»In liberal communist ethics, the ruthless pursuit of profit is counteracted by charity. Charity is the humanitarian mask hiding the face of economic exploitation. In a superego blackmail of gigantic proportions, the developed countries ‘help’ the undeveloped with aid, credits and so on, and thereby avoid the key issue, namely their complicity in and co-responsibility for the miserable situation of the undeveloped.«
Quelle: Slavoj Žižek, Violence, Seite 21.
Auf diese Weise gehen soziale Verantwortung und berechnendes Kalkühl des Geschäftsmannes Hand in Hand. Auf der einen Seite wird ausgebeutet um zu Reichtum zu gelangen, auf der anderen Seite steht die Wohltat den Armen gegenüber. Dadurch wird jedoch das ungerechte System gestärkt, die Ungerechtigkeit bleibt bestehen, lediglich die Symptome werden behandelt. Im weiteren Verlauf zeigt er in Anlehnung an Sloterdijk und Carnegie auf, dass der Kapitalismus die Wohltätigkeit braucht um fortzubestehen. Es durch das Engagement der liberalen Kommunisten nicht zu einer Systemänderung kommt, sondern der Kapitalismus lediglich ein freundliches Gesich verliehen bekommt und dennoch in seiner ganzen Härte bestehen bleibt, ja mehr noch, gestärkt wird.