Archiv für die Kategorie 'Philosophie'

Buchempfehlung

Dienstag, 06. Juli 2010

81/365 In seinem aktuellen Buch »Other – Loving Self, God and Neighbour in a World of Fractures« legt Kester Brewin ein einzigartiges Werk vor, in dem er der so genannten goldenen Regel aus den Evangelien nachgeht. Brewin bewegt sich geschickt zwischen biblischen Aussagen, theologischen und philosophischen Erkenntnissen und Fragestellungen des heutigen Lebens in einer vernetzten Welt. Dabei verbindet er sehr gut unterschiedliche Aspekte und inspiriert zu einem Leben in Harmonie mit sich selbst, Gott und Menschen.

Das Buch ist in vier Teile gegliedert. Brewin stellt in den ersten drei Teilen einige sehr interessante Fragen zur Selbstannahme, zur Liebe zu Gott und zur Annahme der Mitmenschen. In allen drei Bereichen thematisiert er bewusst die Andersartigkeit. Zunächst die Andersartigkeit des eigenen Selbst, dann die fremden Aspekte von Gott und schließlich die Aspekte unserer Mitmenschen, die uns dazu bringen, sie nicht zu lieben. Grundlegend für seine Ausführungen ist die Frage nach der Beschaffenheit des Menschen, so dass er in der Lage ist, in Harmonie mit seinen Mitmenschen zu leben. Im vierten Teil des Buches schreibt Brewin über einige Ansätze, wie er und Menschen in seinem Umfeld, versuchen die angeführten Gedanken zu leben.

Für alle, die auf der Suche nach Inspiration für ein Leben in Harmonie mit Menschen und Gott sind, ist dieses Buch eine reiche Quelle. Wie oben angesprochen verbindet Brewin biblische Aussagen, theologische und philosophische Erkenntnisse sehr gut mit Fragestellungen des alltäglichen Lebens. Auf diese Weise regt es zur tieferen Reflexion an, die jedoch nicht im Abstrakten stehen bleibt, sondern zu vielfältigen Fragen des alltäglichen Lebens führt. Im Verlauf des Buches finden sich einige Gedichte, die auf ihre Weise zur Reflexion der angesprochenen Gedanken einladen. Der durchdachte Aufbau des Buches, sowie die klare und verständliche Sprache tragen ihr übriges dazu bei, dass es sich bei diesem Buch um ein wertvolles inspirierendes Werk handelt.

Meine Buchempfehlung für diesen Sommer!

Wahre Ökos lieben Müllhaufen

Donnerstag, 01. Juli 2010

In seinem Beitrag zum Film »Examined Life« zeigt Žižek einiges über seine Art Philosophie zu treiben. Der Film entstand mit der Zielsetzung zentrale Theorien von Philosophen für das alltägliche Leben zu konkretisieren. Dadurch ist einiges einfacher zu verstehen, und manche Aspekte philosophischen Denkens werden deutlicher. Žižek wendet seine Art philosophischen Denkens auf die Ökologiebewegung an. Im Folgenden möchte ich einige Aspekte dessen darstellen was Žižek hier über Ökologie sagt und wie er mich dabei inspiriert.

Examined Life - Zizek

Žižek ist der Meinung, dass Ökologie sich zum neuen Opium für das Volk etabliert. Ökologie ist mittlerweile eine Ideologie, die eine absolute Wahrheit postuliert und nicht hinterfragt werden darf. Eine Ideologie ist dadurch gekennzeichnet, dass sie zwar die richtige Thematik betrachtet, diese jedoch mystifiziert.

Es sind vor allem zwei grundsätzliche Annahmen der Ökologiebewegung, die Žižek kritisiert:

a) Der Ökologiebewegung liegt die Annahme zu Grunde, dass die Welt in der wir leben die bestmögliche Welt ist. Die Natur ist ein lebendiger Organismus, dessen Harmonie durch die Hybris des Menschen gestört wird.

b) Die zweite Annahme bezieht sich auf uns westliche Menschen. Gemäß der Ökologiebewegung ist unsere grundlegende Beziehung zur Natur durch unser technisiertes Leben gestört. Wir sollten daher aller Technologie absagen und wieder den Einklang mit der Natur suchen.

Diese beiden Kritikpunkte belegt er, wie gewohnt, nicht unbedingt gründlich, sondern baut seine folgenden Gedanken darauf auf. Im Großen und Ganzen handelt es sich wohl auch mehr um eine Grundannahme, die aus zwei verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wird – bei a) ist die perfekte Harmonie der Natur das Subjekt, die gestörte Beziehung des westlichen Menschen zur Natur steht im Zentrum von b). Diese beiden Aspekte der postulierten ökologischen Grundannahmen teile ich zu einem gewissen Grad, weshalb ich auf gewisse Weise sicher auch als Öko bezeichnet werden kann, und hier wird es dann spannend, da Žižeks’ Argumentation auf der Kritik dieser beiden Aspekte basiert und bei aller Überspitzung interessante Schattenseiten aufdeckt.

Idealisierung der Natur

Aus seiner Kritik an der Betonung der Harmonie der Natur (a) folgert Žižek, dass es sich dabei um eine Neuauflage des Sündenfalles handelt. Der Mensch sei aus dieser „natürlichen Harmonie“ gefallen, und zerstört nun mit seiner „gefallenen Hybris“ die Harmonie der Natur. Wird die Natur jedoch so wahrgenommen, wird sie zum Fetisch, sie wird zum Absoluten an dem sich alles messen lassen muss. Auf diese Weise gibt sie vor was möglich ist und was nicht. Die konservative Stimme in der Gesellschaft kommt folgerichtig mittlerweile aus den Reihen der Ökologiebewegung – so wird beispielsweise bei jedem wissenschaftlichen Durchbruch eine unsichtbare Grenze gezogen, vor deren Überschreitung lautstark gewarnt wird.

Auch wenn ich zunächst gerne einfache den kompletten Ansatz seiner Kritik in Frage gestellt hätte, so muss ich doch zugeben, dass er in einigen Aspekten auf eine Schattenseite hinweist:

- auf der einen Seite wird die Natur in dieser Sicht idealisiert, sie wird als Perfekt dargstellt, in absoluter Harmonie. Auf dieser Weise wird die Komplexität ausgeblendet, die sich in der Natur findet – wie passen bspw. Raubtiere in ein idealisiertes Naturbild?

- auf der anderen Seite werden gesellschaftlich Geprägte Grenzen in Verbindung zu diesem idealisierten Naturbild gerückt, und auf diese Weise wird Fortschritt in vielen Punkten komplett abgelehnt.

Sicher treffen diese Kritikpunkte nur eine in gewisser Weise extreme Spielart der Ökologiebewegung, und dennoch denke ich, dass seine Kritik der Tendenz die Natur zu idealisieren berechtigt ist, und von der Ökologiebewegung positiv aufgenommen werden sollte.

Verleugnungstaktik

Die Entfremdung des westlichen Menschen von der Natur durch sein von Technologie durchdrungenes Leben, und der Ruf des Menschen zur Absage an die Technologie und zurück zu den Wurzeln der Naturvölker ist eng mit der Idealisierung der Natur verbunden, und zielt dennoch in eine andere Richtung.

Žižek macht deutlich, dass diese Forderung des Absoluten – der kompletten Abkehr von Technologie und Hinwendung zur Natur – den Menschen in eine Art Überforderungssituation bringt. Auf der einen Seite ist er sich sehr wohl bewusst, dass wir vor großen ökologischen Herausforderungen stehen, und dass wir anders handeln müssten. Doch wider besseres Wissen handelt er wie zuvor und bleibt in alten Mustern vehaftet.

Die Überforderung vor der radikalen Wende führt zur Verleugnung. Diese Verleugnung wird nach Žižek durch die Idealisierung der Natur noch verstärkt. Wir wissen um die Herausforderungen, doch wenn wir in die Natur hinausgehen, dann hören wir das Singen der Vögel, blühende Bäume und wunderbare Landschaften – angesichts dessen können wir einfach nicht daran glauben, dass all das zerstört werden könnte.

Seiner Meinung nach ist es uns Menschen nicht möglich uns Katastrophen vorzustellen. Immer dann wenn wir tatsächlich mit einer Katastrophe (er nennt Tschernobyl als Beispiel) konfrontiert werden, dann werden wir mit der harten Realität konfrontiert und stellen unser Handeln um. Die Idealisierung der Natur jedoch, befruchte die Verleugnung der Herausforderungen, und wiege die Menschen in einem traumähnlichen Zustand, der sich nach dem Idealzustand sehnt und doch weiter so lebt, als gäbe es keine Herausforderung.

Auch hier sehe ich vor allem den Aspekt der Verleugnung durch Überforderung am Zuge. Diese Schattenseite gilt es anzugehen, und nach Wegen zu suchen, die weniger radikal wirken und dennoch dazu führen, dass wir anders handeln und uns den Herausforderungen stellen.

Wahre Ökos lieben Müllhaufen

Žižek kritisiert, er ist bekannt für seine pessimistische Sicht der Wirklichkeit, und auch hier sehen wir, dass seine Sicht der Welt getrieben ist von einer gewissen Bedeutung des Schocks. Er liebt es zu schockieren und provoziert gerne. Meiner Ansicht nach folgt er damit dem Axiom, das oben anklingt – wenn wir mit einer Katastrophe, einer Extremsituation, konfrontiert werden, beginnen wir nachzudenken, werden unsere Augen geöffnet. Er fordert in dem kurzen Ausschnitt die Abkehr von einem idealisierten Naturbild und die Hinwendung zu Müllhaufen. Wir westliche Menschen müssten uns seiner Ansicht nach noch weiter von der Natur entfremden, wir sind noch nicht radikal genug entfremdet, die Schönheit der Natur ist uns noch zu nah. Er sagt nicht, dass wir uns dann anders verhalten würden, dass wir uns den Herausforderungen stellen würden, aber so zumindest könnte man auch folgenden Abschnitt deuten:

Was ist Liebe. Liebe ist nicht Idealisierung. Jeder wahrhaft Liebende weiß das, wenn du wirklich eine Frau oder einen Mann liebst, idealisierst du sie oder ihn nicht. Liebe bedeutet, dass du eine Person akzeptierst, mit all ihren Fehlern, Dummheiten und hässlichen Aspekten, und dennoch ist diese Person für dich absolut, alles was dein Leben lebenswert macht. Du bist dazu in der Lage Perfektion in Unvollkommenheit zu entdecken – und dass ist es, wie wir lernen sollten die Welt zu lieben.

Wir sollten anfangen und in Müllbergen zu Hause zu fühlen, und hier Angesichts der Katastrophe dass Müll nicht verschwindet, vielleicht ereignet sich hier etwas … aber darüber spricht Žižek nicht.

lieben lernen

Mittwoch, 30. Juni 2010

Ausgehend von dem Abschnitt »Face to face with the other« in Kester Brewins Buch »Other«, gehe ich einigen Gedanken zur Frage nach, was es bedeuten könnte lieben zu lernen.

Gegen Ende des dritten Teils seines Buches greift Kester Brewin nochmals einen Gedanken von Miroslav Volf auf, den er bereits weiter vorne erwähnt hatte. In der Einleitung zu „Exclusion and Embrace“ schreibt Volf darüber, dass Theologen sich weniger um gesellschaftliche Strukturen kümmern, auch wenn diese wichtig sind, sondern sich vielmehr auf die Handelnden in der Gesellschaft konzentrieren sollten. Er stellt sich die Frage welche Art von Personen wir sein müssten um in Harmonie mit anderen leben zu können, und setzt hier auch den Schwerpunkt in der Beschäftigung für Theologen:

»theologians should concentrate less on social arrangements and more on fostering the kind of social agents capable of envisioning and creating just, and peaceful societies, and on shaping a cultural climate in which such agents will thrive.«

Miroslav Volf, Exclusion and Embrace, Seite 21.

In diesem Sinne fragt Kester danach, wie dieser Aufgabe begegnet werden könnte. Nach Volf sei davon auszugehen, dass keine Strukturen oder Programme, für sich allein, dazu führen werden, dass Menschen in Wahrheit und Gerechtigkeit wachsen, sondern dass es Handelnde braucht, die die Veränderung (vor)leben. Dies kann nicht von oben nach unten als Plan vorgegeben werden, wir müssen vielmehr erlauben, dass unser Leben von Liebe gekennzeichnet ist. Und hier greift er auf den Gedanken Levinas’ zurück, dass in der Begegnung mit dem Anderen eine Verantwortung in uns wachgerufen wird. Er zitiert Levinas nach Ryszard Kapuściński:

»The Other has a face, and it is a sacred book in which good is recorded.«

Zitiert nach Kester Brewin, Other, Seite 167.

Der Andere, dem ich begegne, zeigt mir sein Gesicht, ich darf mich ihm zuwenden. In seinem Gesicht zeigt mir der andere auch mich, und bringt mich darüber hinaus auch noch näher zu Gott (Vgl. dazu auch Levinas, Wenn Gott ins Denken einfällt, Seiten 40ff.). Den Anderen zu lieben, sich auf ihn einzulassen, ihm zu begegnen, ist ganz eng damit verbunden, ihn direkt – von Angesicht zu Angesicht – zu treffen.

Diese Begenung von Angesicht zu Angesicht wird im Anschluss an Levinas ab und an etwas verklärt. Kester weist darauf hin, dass der andere zwar ein Gesicht hat, und dass dieses Gesicht ein heiliges Buch ist in dem Gutes aufgeschrieben wurde, dass es sich dabei jedoch nicht um eine leichte Lektüre handelt, und dass sich das Gute oft nicht von selbst erschließt.

Er führt als einen Levinas-Kritiker Slavoj Žižek an, dieser kreidet Levinas an, dass er eine zu vereinfachte Sicht des Anderen habe. Levinas betrachtet den anderen optimistisch, das Gute, dass er im Anderen wahrnimmt, ist der Grund dafür ihn zu lieben. Žižek geht die Sache pessimistischer an, und versteht, wie Lacan, die Tatsache, dass der Andere nicht perfekt ist, als Grundlage der Liebe für ihn. In einem Ausschnitt des Films »Examined Life« sagt Žižek folgendes:

»Was ist Liebe. Liebe ist nicht Idealisierung. Jeder wahrhaft Liebende weiß das, wenn du wirklich eine Frau oder einen Mann liebst, idealisierst du sie oder ihn nicht. Liebe bedeutet, dass du eine Person akzeptierst, mit all ihren Fehlern, Dummheiten und hässlichen Aspekten, und dennoch ist diese Person für dich absolut, alles was dein Leben lebenswert macht. Du bist dazu in der Lage Perfektion in Unvollkommenheit zu entdecken – und das ist es, wie wir lernen sollten die Welt zu lieben.«

Die Unvollkommenheit des Anderen wahrzunehmen, führt uns tiefer in das Rätsel des Anderen hinein. Diese Begegnung weist nach Žižek auch wieder auf uns zurück. Indem wir uns auf den Anderen einlassen, nehmen wir auch wahr, wie der Andere uns sieht. Wir lernen in der Begegnung mit dem Anderen auch einiges darüber wer wir sind, wie wir auf den Anderen wirken, wie er uns wahrnimmt, was er in uns sieht. Es ist daher wichtig, dass wir uns dem Anderen auf ein solch intensive Weise zuwenden, dass wir durch ihn auch uns besser sehen lernen.

Sicher könnte man nun herrlich die unterschiedlichen Ansätze von Žižek und Levinas gegeneinander stellen, und Žižek hätte sicher seinen Spass an einer solchen Polarisierung. Kester, und das gefällt mir besonders an dem Buch, weist darauf hin, dass sich die Wahrheit über Liebe wohl irgendwo zwischen den beiden Ansätzen befinden muss. Er skizziert einige Unterschiede, und weist dann auf die komplementären Aspekte hin:

»Wir beginnen damit, Levinas zuzustimmen, dass der andere ein Gesicht hat, und dass es sich dabei um ein heiliges Buch handelt, in dem Gutes aufgeschrieben wurde … Wir bejahen jedoch auch, dass in diesem heiligen Buch nicht nur Dinge aufgeschrieben sind, die den Anderen betreffen, sondern auch etwas über uns zu finden ist. In diesem festen Blick zwischen uns und dem Anderen, lernen wir den anderen und uns in einem neuen Licht zu sehen, und hoffen ihm geht es genauso. Dazu benötigen wir jedoch genug Zeit für solch tiefe Begegnungen, die nicht durch Bildschirme oder anderes unterbrochen werden.«

Frei übersetzt nach Kester Brewin, Other, Seite 170.

In gewissem Sinne handelt es sich also bei der Begegnung der zu Beginn formulierten Aufgabe, liebevoll handelnden Menschen zu werden, um einen Zirkelschluss. Wir wenden uns liebevoll unserem Gegenüber zu, und lernen dabei zu lieben. Kester schließt diesen Abschnitt mit einem Hinweis zur Kontemplation einer Dreieinigkeit von Gesichtern ab:

Ich habe ein Gesicht. In mir sind Teile, die möchte ich gerne gesichtslos und anonym halten – ohne Namen. Wenn ich jedoch das Gute in mir entdecken möchte, dann sollte ich mich nicht verleugnen, sondern mir erlauben auf mich selbst zu sehen – wahrzunehmen, wie ‚der Andere‘ in mir mich selbst sieht. Allzu oft möchte ich mein öffentliches Profil kontrollieren – was andere von mir sehen können – dabei möchte ich das unterdrücken und verleugnen, was ich hässlich, peinlich oder schwierig finde. Wenn wir jedoch, dem gebrochene Licht der Lichtung erlauben uns zu wärmen, dann kann aus dem Kompost dieser schmutzigen Flecken etwas erwachsen in dem Reichtümer und Wachstum gefunden werden kann.

Gott hat ein Gesicht. Es gibt Bilder und Beschreibungen, die ich vorziehe, und göttliche Komplexität die ich lieber ignorieren würde. Wenn ich mich jedoch nicht aufmache nach diesen unterschiedlichen Facetten Gottes zu suchen, meine Nischen verlasse und meinem Liebhaber nachjage, dann wird mein Glaube im Mief meines Zimmers austrocknen und verhärten. Es tut gut mir vorzustellen, dass eine wohlwollende, mir zugewandte Gottheit auf mich achtet, ich muss jedoch auch darüber meditieren, was es bedeutet von einem fremden und fernen Gott beobachtet zu werden.

Der Andere hat ein Gesicht Und wir sind angehalten so tief in das Gesicht des Anderen zu blicken, dass wir das wahrzunehmen beginnen, was der Andere von uns sieht, und wir müssen lernen miteinander auszukommen. Es gibt keine individuelle Erlösung: Ich kann mir meine eigene Erlösung nicht aus mir selbst erarbeiten, genausowenig kann ich meine Sicht von Gott alleine in meinem gemütlichen Zuhause theoretisieren. Wenn ich Liebe erfahren und kennenlernen möchte, dann brauche ich den heiligen Text des Anderen.

Frei übersetzt nach Kester Brewin, Other, Seiten 171f.

Gemeinsam den Tod des autonomen Selbst feiern! – Teil 1

Montag, 01. Februar 2010

Unter diesem Titel hielt ich ein kurzes Impulsreferat am Ortstermin der Initiative SüdWest von Emergent Deutschland am letzten Samstag. In einer kurzen Serie von Einträgen möchte ich ein wenig über die Gedanken schreiben, die mir in diesem Zusammenhang wichtig sind.

Meine Begeisterung für relationale Ansätze, und die damit verbundene Präsenz derselben in meinem Reden, Denken und Schreiben, haben nichts damit zu tun, dass ich deren Wahrheit oder Überlegenheit beweisen möchte, sondern liegen vielmehr in der Wertschätzung der Möglichkeiten, die diese Perspektive eröffnet. In diesem Sinne möchte ich auch die folgenden Gedanken und den Titel verstanden wissen.

Zur Formulierung des Titels wurde ich durch eine Äusserung von Stanley J. Grenz in »The Social God and the relational Self« inspiriert. In einem Abschnitt über postmoderne Ansätze zum Umgang mit Individuum und Selbst, spricht er davon, dass in der postmodernen Philosophie der Rückgang der Bedeutung des Individuums, des autonomen Selbst, begrüßt wird (Grenz, 133ff). Diese Andeutung verleitete mich dazu von einer gemeinsamen Feier des Todes des autonomen Selbst zu sprechen. Was ich darunter verstehe möchte ich nun stückweise umschreiben.

Das Selbst als Knotenpunkt in einem sozialen Netz

In der so genannten Bibel postmodernen Denkens, dem Buch »Das postmoderne Wissen«, schreibt Jean-François Lyotard über das Ende der großen Erzählungen. Solcher Erzählungen die für sich in Anspruch nehmen, die Welt als Ganze zu erklären. Angesichts des Endes dieser Großen Erzählungen konstatiert er, dass damit jeder auf sich selbst zurückgeworfen ist. Manche haben diese Aussage für ein Loblied auf den Individualismus gehalten. Und auch ich ging zu manchen Zeiten davon aus, eine Aufgabe des Individuums darin zu sehen, sich selbst neu zu erfinden, die möglichst autonom bewerkstelligt werden sollte. Die Perspektive ändert sich jedoch schlagartig, wenn wir den folgenden Satz mitlesen:

»Jeder ist auf sich selbst zurückgeworfen. Und jeder weiß, daß dieses Selbst wenig ist.« (Lyotard, 54)

Das Selbst ist wenig. Es ist nicht so, dass jede und jeder nun autonom und aus freien Stücken die Aufgabe hätte sich selbst neu zu erfinden, und dazu in der Lage wäre. In den folgenden Ausführungen geht Lyotard darauf ein, dass das Selbst als eine Art Knotenpunkt im Netz der sozialen Verbindungen verstanden werden könne.

Er erläutert diese Gedanken im Bild der Sprachspiele. Beim Selbst handelt es sich um einen Knotenpunkt im Kommunikationskreislauf. Durch die Kommunikation in die das Selbst eingebunden ist, wird es ständig dazu herausgefordert eine neue Position einzunehmen, sich zu verändern. Dies ist eine Andeutung der Annahme einer beweglichen Identität, die in dynamischem Austausch mit dem jeweiligen Umfeld steht, und nicht mehr statisch wahrgenommen werden kann. Auf der anderen Seite ist es jedoch auch eine Betonung der sozialen, relationalen Komponente der Identität, also des Selbst. Das Individuum erfindet sich daher nicht ständig autonom neu, sondern befindet sich in der sozialen Dynamik, die eine ständige Neubestimmung mit sich bringt.

Mit der Andeutung des ersten Gedankens aus dem Impulsreferat möchte ich auch schon diesen Eintrag beenden. Für mich wird in diesem ersten Gedanken die gemeinsame Feier des Todes des autonomen Selbst in der Weise deutlich, dass eine relationale Sicht des Individuums, eine Sicht auf die sozialen Zusammenhänge eröffnet, in den sich das Selbst befindet. Verstanden als Knotenpunkt im Kommunikationsnetz wird sowohl die Dynamik der Identität angedeutet, als auch seine Verwobenheit in die Kommunikationsvorgänge des Umfeldes. Das Selbst wird demnach weder durch eine große Erzählung getragen, noch ist es eine Art biologische Grundlage, die das gesamte Leben unveränderlich ist.

In einem nächste Eintrag möchte ich kurz auf das Ideal des autonomen Selbst eingehen, und eine mögliche erweiternde Perspektive beschreiben.

Quellen:
Stanley J. Grenz, The Social God and the Relational Self (Louisville, London, Leiden: Westminster John Knox, 2001).
Jean-François Lyotard, Das postmoderne Wissen (Graz, Wien: Böhlau, 1986).

…also bin ich.

Freitag, 11. Dezember 2009

Auf der Suche nach einem stimmigen relationalen Ansatz stolperte ich gestern beim Lesen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte auf einen Gedanken, der mich zu einer Dekonstruktion des bekannten Satzes von René Descartes führte.

Descartes war im Angesicht aller Aporien zur Aussage „Ich denke, also bin ich!“ gekommen. Diese stellte er als unerschütterliche Grundlage fest. Auch wenn alles andere ungewiss sei, so sei dennoch er es der zweifle, und da er in diesem Zweifeln sich erkannte, so stehe zumindest fest, dass er existiere. Auf der Basis dieser Erkenntnis rekonstruierte er schließlich die Erkenntnisfähigkeit.

Auch wenn, wie immer die Möglichkeit besteht dass ich mich irre, so schließe ich dass dieser Aussage und der Erkenntnis die Annahme der Definition einer Person nach Boëthius steht. Boëthius hatte die Person ja als unteilbare („individuelle“) Substanz rationaler (vernünftiger) Natur bezeichnet. Das denken oder zweifeln im Sinne von Descartes fände demnach innerhalb des Individuums statt, möglicherweise sogar unabhängig seines Umfeldes.

Die klassische Definition einer Person nach Boëthius gilt in Kreisen die sich mit relationalen Ansätzen beschäftigen als abgelöst. Person wird vielmehr von den Beziehungen her gedacht. Es wird von den Vielen zum Einzelnen gedacht. Die Beziehungen spielen dabei eine besondere Rolle. Es geht mehr um die Interaktion, den Prozess als um eine Substanz. Das autonome Selbst von dem Boëthius spricht wird lediglich als Illusion wahrgenommen.

Die Person ereignet sich in der Begegnung. Erst in der Begegnung mit einem Anderen entsteht die Person. Ohne Du gäbe es demnach kein Ich. Auf das Plakat unseres Workshops im Rahmen des Emergent Forums schrieb ich auf anraten von Tobias Künkler »Wer bin Ich ohne Dich?« – diese Frage gemäß eines relationalen Denkens zu beantworten führte zu der Antwort: »Ohne Dich wäre Ich nicht.«

Wollte man einen ähnlichen Satz wie Descartes formulieren, könnte man sagen »Du begegnest mir, also bin ich!« Dazu sollte noch gesagt werden: »Ich begegne dir, also bist du!« Mit diesen Aussagen deutet sich die Interdependenz an, die Person wird von der Begegnung, von den Beziehungen her gedacht. Einander zu begegnen wird als konstitutives Ereignis der Person verstanden. Dennoch geht das Individuum nicht im Wir auf, sondern steht in Beziehung zum Du.

Wie liest sich dein Satz zu dieser Thematik?

Konstruktion der Wirklichkeit

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Gestern Abend habe ich mich mit einer Freundin über den multiplen Roman von Nanni Balestrini unterhalten. Balestrini komponierte diesen Roman und dekonstruiert damit gekonnt die Gattung Roman. Wie macht er das?

Zunächst ist zu sagen, dass Balestrinis Roman »Tristano« eine Komposition von Zitaten aus unterschiedlichen Werken ist. Er führt hier „normale“ Romane, Groschenromane, Reiseführer und Sachbücher zusammen. Der Roman hat zehn Kapitel und jedes Kapitel besteht aus derselben Anzahl von Abschnitten. Diese Abschnitte sind so konzipiert, dass sie in beliebiger Form wiedergegeben werden können. Genau das macht die digitale Drucktechnik nun möglich, weshalb keines der 2000 deutschsprachigen Exemplare die selbe Reihenfolge besitzt. Innerhalb des Romans taucht jeder Satz an zwei unterschiedlichen Stellen auf. Alle Namen, seien sie von Personen oder Orten wurden durch ein einfaches C ersetzt.

Aus dieser kurzen Beschreibung wird schon deutlich, dass dem Roman wichtige Elemente „fehlen“. Er besitzt keinen Erzählstrang. Die Ereignisse folgen nicht einer bestimmten Reihenfolge, daher existiert weder ein Höhepunkt noch sonstige Spannungsbogen. Es ist keine klare Identifikation mit Personen oder Orten möglich. Da es sich lediglich um Zitate aus unterschiedlichen Büchern handelt finden sich ganz unterschiedliche Personen und Orte in dem Buch, so dass es nicht einmal möglich ist an bestimmten Charakteren zu orientieren. Wie bereits gesagt dekonstruiert Balestrini damit den Roman.

Interessant ist bei der Lektüre jedoch, dass in den Gedanken der Leserin oder des Lesers ein Bild entsteht. Eine Geschichte beginnt sich zu formen. Bilder der Szenen bilden sich vor dem inneren Auge ab und man findet sich in der Geschichte wieder. Meiner Ansicht nach ist Balestrini mit diesem Roman ein Geniestreich gelungen. Er führt uns damit vor Augen, dass vieles von dem was wir in Texten lesen „in uns“ bzw. in der Interaktion mit dem Text, unseren Erfahrungen und den Menschen in unserem Umfeld entsteht.

Damit will ich nicht sagen, dass es durch eine bestimmte Komposition nicht möglich ist die Leserin oder den Leser mit in ein Thema zu nehmen oder bestimmte Erlebnisse anzuregen. Ein eindeutiges: hier steht es schwarz auf weiß jedoch, ist angesichts solcher Erkenntnisse schwerlich zu vertreten.

Inkarnation und Empathie

Montag, 07. Dezember 2009

Kester Brewin schreibt momentan interessante Blogeinträge rund um das Thema Inkarnation. Für ihn gründet die Bedeutung der Adventszeit im Inkarnationsereignis. Das Geheimnis der Inkarnation ist sowohl faszinierend wie auch grundlegend für mein Verständnis von gelebter Nachfolge in unserer Welt.

Unter dem Titel »Gott blickt durch die verzerrte/verzerrende Sicht der Menschheit« erschien der vierte Eintrag Kesters zur Inkarnation. In diesem Eintrag thematisiert er eine interessante Sichtweise der Beweggründe Gottes Mensch zu werden. In Anlehnung an Zizek formuliert er einen möglichen Beweggrund als Gottes Wunsch sich selbst aus der verzerrten Perspektive der Menschen wahrzunehmen. In diesem Beweggrund verbirgt sich die Wurzel wahrer Empathie. Wir lassen uns nicht auf „den Anderen“ ein um ihn möglichst deutlich zu erkennen, sondern um nah genug zum Anderen zu gelangen um wahrzunehmen wie der Andere uns sieht.

In diesem Zusammenhang finde ich auch die Gedanken Bubers sehr spannend, dass wir in der Begegnung mit dem Anderen zu uns selbst werden. In der Begegnung mit dem Anderen erfahren wir sehr viel über uns selbst, darüber wie der Andere mich sieht, wie er mich wahrnimmt. Dies gilt selbstverständlich für alle Beteiligten.

Meiner Ansicht nach eröffnet dieser Gedanke eine größere Weite der Menschwerdung Gottes. Sie betont das Beziehungsgeschehen dem wir das Attribut Gott zuweisen auf eine eindrückliche Weise. Gott macht sich auf den Weg zu seinen Geschöpfen um durch deren Perspektive wahrzunehmen wie diese ihn wahrnehmen. Er durchbricht eine gewisse Trennung, öffnet sich, und blickt mit neuen Augen auf „sich selbst“.

Kester zitiert in seinem Eintrag eine Aussage Slavoj Zizeks, in der er diese Sichtweise auf den Punkt bringt:

Christus musste nicht nur dazu erscheinen um der Menschheit Gott zu offenbaren, sondern auch um Gott sich selbst zu offenbaren.

Darin sieht Kester das Zentrum des Erdbebens das durch die Inkarnation ausgelöst wurde. Was er daraus folgert halte ich ebenfalls für zentral. All unsere inkarnatorische Praxis sollte von dieser Haltung geprägt sein. Wir interagieren nicht aus dem Grund mit dem Anderen weil wir glauben ihm helfen zu müssen heil zu werden, sondern weil wir davon ausgehen, dass wir ihn benötigen um selbst heil zu werden. So verstanden bekommt inkarnatorisch verstandene „Mission“ eine sehr gute und stark dialogisch geprägte Bedeutung.

Aus der Geschichte lernen

Samstag, 14. November 2009

In seinem Artikel ›Waking the Dead‹ schreibt Terry Eagleton über die Bedeutung der Geschichte für die Zukunft. Auch wenn ich den Artikel sicher nicht in seiner ganzen Tiefe verstanden habe finde ich ihn sehr interessant und möchte zwei Gedanken daraus hier mit euch teilen:

In Aufnahme der Gedanken von Walter Benjamin schreibt er davon, dass es wichtig ist mit den Ereignissen der Vergangenheit nicht einfach abzuschließen, sondern sich der Geschichte bewusst zu bleiben, die Erinnerung wach zu halten und die Geschichte heute anders weiter zu schreiben. Die Ereignisse der Vergangenheit können nicht mehr ungeschehen gemacht werden, es ist jedoch möglich die Geschichte insofern zu ändern dass heute in einer Weise gehandelt wird die dem entspricht was aus der Geschichte gelernt wurde. In dieser Sicht bietet es sich nicht an einfach einen Strich unter die Geschichte ziehen zu wollen und nur noch nach vorne zu blicken, sondern in der Erinnerung dessen was geschehen ist und was daraus gelernt wurde, die Gegenwart zu gestalten und somit auch die Zukunft zu beeinflussen. Entsprechend dieser Gedanken schreibt er dem Horror aus der Vergangenheit eine motivierende Kraft zum Handeln zu:

In one of his shrewdest sayings, Benjamin remarked that what drives men and women to revolt against injustice is not dreams of liberated grandchildren, but memories of enslaved ancestors. It is by turning our gaze to the horrors of the past, in the hope that we will not thereby be turned to stone, that we are impelled to move forward.

Quelle: Terry Eagleton, Waking the Dead.

Interessant ist auch wie er die Möglichkeit dessen einschätzt was die Regierungszeit Obamas in Amerika (und sicher auch weltweit) bewirken könnte. Auch wenn es nicht zu einem Neuanfang oder großen Wandel in der Politik kommen wird, so wird die Geschichte Amerikas in einer Weise weitergeschrieben die der Tatsache Rechnung trägt dass die Menschen die einst als Sklaven verkauft wurden keineswegs minderwertig waren.

Workshop auf dem Forum

Samstag, 24. Oktober 2009

Unter dem Titel »Uns Selbst von den Beziehungen her denken« werden Tobias Künkler und ich einen Workshop auf dem Emergent Forum 2009 in Erlangen anbieten. Ich freue mich schon sehr darauf und deute hier mit folgendem Text auf den Inhalt und die Methode des Workshops hin:

In diesem Workshop wollen wir uns und Euch in ein Gespräch darüber verwickeln, was es bedeutet und welche Konsequenzen es hat, wenn wir uns von unseren Beziehungen her denken. Dazu geben wir einen kurzen Einblick in ein ‚relationales’ Verständnis des Menschen und der Trinität, die dabei helfen können eine Alternative zu den Problemen des Individualismus und Kollektivismus zu finden.

Der Schwerpunkt des Workshops soll jedoch im offenen Austausch liegen. Platz finden sollen hier: Kritische Rückfragen und Verständnisschwierigkeiten, vertiefende Aspekte, Konsequenzen für Selbstverständnis, Glaubens- und Gemeindepraxis. Wer grundsätzliche Überlegungen sowie ein offenes ‚Setting’ nicht scheut, ist herzlich eingeladen…

Die Workshops finden am Samstag Nachmittag auf dem Forum statt. Weitere Infos zum Forum und Anmeldemöglichkeit findet ihr auf der Emergent-Forum-Seite.

Emergent Forum 2009

Donnerstag, 01. Oktober 2009

Emergent Forum 2009

Seit heute sind die aktuellen Infos zum Emergent Forum 2009 online. Du kannst dir einen groben Überblick über den Inhalt der Tage machen, erfährst genaueres zum Ort und den Zeiten und hast die Möglichkeit dich anzumelden. Ich werde in diesem Jahr auf jeden Fall mit dabei sein und ich würde mich freuen wenn du dort mit uns danach Ausschau hältst was es in Deutschland an „emergentem Leben“ gibt.

Von daher lautet meine Empfehlung: lies dir die Infos durch, checke deine Zeitplanung, melde dich an und erzähl deinen Freundinnen und Freunden davon.