Archiv für die Kategorie 'Theologie'

Eine agnostische Lesart

Samstag, 14. August 2010

Zur Zeit wird im Zusammenhang mit Christsein hin und wieder der Begriff »Agnostizismus« gebraucht. Manche sehen darin klare Gegensätze, andere hingegen denken in Richtung eines agnostischen Christseins. Im Wissen der unterschiedlichen Ausprägungen dessen was unter dem Begriff verstanden werden kann, möchte ich in diesem Eintrag in die Richtung eines agnostischen Christseins denken.

Der Begriff »Agnostizismus« wurde von einem Zoologen Namens Huxley geprägt. Er hatte ihn von einem griechischen Wort abgeleitet, das mit »nicht wissen« übersetzt werden kann. Das Lexikon Philosophischer Grundbegriffe der Theologie spricht davon, dass Agnostizismus eine „Sammelbezeichnung für religiöse und philosophische Lehren [ist], die zwar die Erkennbarkeit transempirischer Realitäten leugnen, nicht aber, wie etwa der Atheismus, deren Existenz bestreiten.“ (Seite 18)

Möchte man in der angesprochenen Richtung weiter denken, erweisen sich die erkenntnistheoretischen Überlegungen Kants als hilfreich:

Das Wissen von einem Gegenstand kann nach Kant immer nur das Wissen darum sein, wie uns ein Gegenstand als Erscheinung gegeben ist, niemals aber ein Wissen vom Gegenstand selbst. Die Leugnung der Erkennbarkeit der Dinge an sich und damit der Wirklichkeit schließt für Kant jedoch nicht deren Nichtexistenz ein.

Quelle: Artikel zu Agnostizismus von Matthias J. Fritsch im Lexikon Philosophischer Grundbegriffe der Theologie (Freiburg: Herder, 2003), Seite 18.

Hier treffen sich meine Gedanken bezüglich Gott und die Gedanken von Kant. Meiner Ansicht nach können wir von Gott nur im Nachklang dessen sprechen, wo wir meinen ihn erfahren oder wahrgenommen zu haben. Die Deutungsansätze speisen sich aus dem, wie Menschen vor uns von Gott gesprochen haben. Es ist nicht möglich Gott zu beweisen, oder sich seiner Existenz völlig sicher zu sein. Das Vertrauen in die mögliche Existenz Gottes, speist sich aus dem was als Offenbarung gedeutet wird, bleibt jedoch immer eine Hoffnung.

Aus meiner Sicht hat eine dekonstruktivistische Theologie die Türen zu solchem Denken weiter geöffnet, und viele von uns ermutigt durch sie zu gehen. Mit dieser Hoffnung leben wir mit Gott, wenn es ihn gibt, und gestalten unser Leben, wie es unseren Deutungen seiner Idee am nächsten kommt. Gleichzeitig grenzen wir Menschen mit Zweifeln und erheblichen Fragen nicht per Definition aus, und sind bereit von Menschen mit anderen Deutungsansätzen zu lernen, mit ihnen in einen ehrlichen Dialog zu treten. Natürlich reden wir dann leiser, erscheinen weniger überzeugt, haben weniger Antworten und mehr Fragen. Eine solche Lesart des Christentums erscheint mir dennoch sehr sinnvoll.

Buchempfehlung

Dienstag, 06. Juli 2010

81/365 In seinem aktuellen Buch »Other – Loving Self, God and Neighbour in a World of Fractures« legt Kester Brewin ein einzigartiges Werk vor, in dem er der so genannten goldenen Regel aus den Evangelien nachgeht. Brewin bewegt sich geschickt zwischen biblischen Aussagen, theologischen und philosophischen Erkenntnissen und Fragestellungen des heutigen Lebens in einer vernetzten Welt. Dabei verbindet er sehr gut unterschiedliche Aspekte und inspiriert zu einem Leben in Harmonie mit sich selbst, Gott und Menschen.

Das Buch ist in vier Teile gegliedert. Brewin stellt in den ersten drei Teilen einige sehr interessante Fragen zur Selbstannahme, zur Liebe zu Gott und zur Annahme der Mitmenschen. In allen drei Bereichen thematisiert er bewusst die Andersartigkeit. Zunächst die Andersartigkeit des eigenen Selbst, dann die fremden Aspekte von Gott und schließlich die Aspekte unserer Mitmenschen, die uns dazu bringen, sie nicht zu lieben. Grundlegend für seine Ausführungen ist die Frage nach der Beschaffenheit des Menschen, so dass er in der Lage ist, in Harmonie mit seinen Mitmenschen zu leben. Im vierten Teil des Buches schreibt Brewin über einige Ansätze, wie er und Menschen in seinem Umfeld, versuchen die angeführten Gedanken zu leben.

Für alle, die auf der Suche nach Inspiration für ein Leben in Harmonie mit Menschen und Gott sind, ist dieses Buch eine reiche Quelle. Wie oben angesprochen verbindet Brewin biblische Aussagen, theologische und philosophische Erkenntnisse sehr gut mit Fragestellungen des alltäglichen Lebens. Auf diese Weise regt es zur tieferen Reflexion an, die jedoch nicht im Abstrakten stehen bleibt, sondern zu vielfältigen Fragen des alltäglichen Lebens führt. Im Verlauf des Buches finden sich einige Gedichte, die auf ihre Weise zur Reflexion der angesprochenen Gedanken einladen. Der durchdachte Aufbau des Buches, sowie die klare und verständliche Sprache tragen ihr übriges dazu bei, dass es sich bei diesem Buch um ein wertvolles inspirierendes Werk handelt.

Meine Buchempfehlung für diesen Sommer!

lieben lernen

Mittwoch, 30. Juni 2010

Ausgehend von dem Abschnitt »Face to face with the other« in Kester Brewins Buch »Other«, gehe ich einigen Gedanken zur Frage nach, was es bedeuten könnte lieben zu lernen.

Gegen Ende des dritten Teils seines Buches greift Kester Brewin nochmals einen Gedanken von Miroslav Volf auf, den er bereits weiter vorne erwähnt hatte. In der Einleitung zu „Exclusion and Embrace“ schreibt Volf darüber, dass Theologen sich weniger um gesellschaftliche Strukturen kümmern, auch wenn diese wichtig sind, sondern sich vielmehr auf die Handelnden in der Gesellschaft konzentrieren sollten. Er stellt sich die Frage welche Art von Personen wir sein müssten um in Harmonie mit anderen leben zu können, und setzt hier auch den Schwerpunkt in der Beschäftigung für Theologen:

»theologians should concentrate less on social arrangements and more on fostering the kind of social agents capable of envisioning and creating just, and peaceful societies, and on shaping a cultural climate in which such agents will thrive.«

Miroslav Volf, Exclusion and Embrace, Seite 21.

In diesem Sinne fragt Kester danach, wie dieser Aufgabe begegnet werden könnte. Nach Volf sei davon auszugehen, dass keine Strukturen oder Programme, für sich allein, dazu führen werden, dass Menschen in Wahrheit und Gerechtigkeit wachsen, sondern dass es Handelnde braucht, die die Veränderung (vor)leben. Dies kann nicht von oben nach unten als Plan vorgegeben werden, wir müssen vielmehr erlauben, dass unser Leben von Liebe gekennzeichnet ist. Und hier greift er auf den Gedanken Levinas’ zurück, dass in der Begegnung mit dem Anderen eine Verantwortung in uns wachgerufen wird. Er zitiert Levinas nach Ryszard Kapuściński:

»The Other has a face, and it is a sacred book in which good is recorded.«

Zitiert nach Kester Brewin, Other, Seite 167.

Der Andere, dem ich begegne, zeigt mir sein Gesicht, ich darf mich ihm zuwenden. In seinem Gesicht zeigt mir der andere auch mich, und bringt mich darüber hinaus auch noch näher zu Gott (Vgl. dazu auch Levinas, Wenn Gott ins Denken einfällt, Seiten 40ff.). Den Anderen zu lieben, sich auf ihn einzulassen, ihm zu begegnen, ist ganz eng damit verbunden, ihn direkt – von Angesicht zu Angesicht – zu treffen.

Diese Begenung von Angesicht zu Angesicht wird im Anschluss an Levinas ab und an etwas verklärt. Kester weist darauf hin, dass der andere zwar ein Gesicht hat, und dass dieses Gesicht ein heiliges Buch ist in dem Gutes aufgeschrieben wurde, dass es sich dabei jedoch nicht um eine leichte Lektüre handelt, und dass sich das Gute oft nicht von selbst erschließt.

Er führt als einen Levinas-Kritiker Slavoj Žižek an, dieser kreidet Levinas an, dass er eine zu vereinfachte Sicht des Anderen habe. Levinas betrachtet den anderen optimistisch, das Gute, dass er im Anderen wahrnimmt, ist der Grund dafür ihn zu lieben. Žižek geht die Sache pessimistischer an, und versteht, wie Lacan, die Tatsache, dass der Andere nicht perfekt ist, als Grundlage der Liebe für ihn. In einem Ausschnitt des Films »Examined Life« sagt Žižek folgendes:

»Was ist Liebe. Liebe ist nicht Idealisierung. Jeder wahrhaft Liebende weiß das, wenn du wirklich eine Frau oder einen Mann liebst, idealisierst du sie oder ihn nicht. Liebe bedeutet, dass du eine Person akzeptierst, mit all ihren Fehlern, Dummheiten und hässlichen Aspekten, und dennoch ist diese Person für dich absolut, alles was dein Leben lebenswert macht. Du bist dazu in der Lage Perfektion in Unvollkommenheit zu entdecken – und das ist es, wie wir lernen sollten die Welt zu lieben.«

Die Unvollkommenheit des Anderen wahrzunehmen, führt uns tiefer in das Rätsel des Anderen hinein. Diese Begegnung weist nach Žižek auch wieder auf uns zurück. Indem wir uns auf den Anderen einlassen, nehmen wir auch wahr, wie der Andere uns sieht. Wir lernen in der Begegnung mit dem Anderen auch einiges darüber wer wir sind, wie wir auf den Anderen wirken, wie er uns wahrnimmt, was er in uns sieht. Es ist daher wichtig, dass wir uns dem Anderen auf ein solch intensive Weise zuwenden, dass wir durch ihn auch uns besser sehen lernen.

Sicher könnte man nun herrlich die unterschiedlichen Ansätze von Žižek und Levinas gegeneinander stellen, und Žižek hätte sicher seinen Spass an einer solchen Polarisierung. Kester, und das gefällt mir besonders an dem Buch, weist darauf hin, dass sich die Wahrheit über Liebe wohl irgendwo zwischen den beiden Ansätzen befinden muss. Er skizziert einige Unterschiede, und weist dann auf die komplementären Aspekte hin:

»Wir beginnen damit, Levinas zuzustimmen, dass der andere ein Gesicht hat, und dass es sich dabei um ein heiliges Buch handelt, in dem Gutes aufgeschrieben wurde … Wir bejahen jedoch auch, dass in diesem heiligen Buch nicht nur Dinge aufgeschrieben sind, die den Anderen betreffen, sondern auch etwas über uns zu finden ist. In diesem festen Blick zwischen uns und dem Anderen, lernen wir den anderen und uns in einem neuen Licht zu sehen, und hoffen ihm geht es genauso. Dazu benötigen wir jedoch genug Zeit für solch tiefe Begegnungen, die nicht durch Bildschirme oder anderes unterbrochen werden.«

Frei übersetzt nach Kester Brewin, Other, Seite 170.

In gewissem Sinne handelt es sich also bei der Begegnung der zu Beginn formulierten Aufgabe, liebevoll handelnden Menschen zu werden, um einen Zirkelschluss. Wir wenden uns liebevoll unserem Gegenüber zu, und lernen dabei zu lieben. Kester schließt diesen Abschnitt mit einem Hinweis zur Kontemplation einer Dreieinigkeit von Gesichtern ab:

Ich habe ein Gesicht. In mir sind Teile, die möchte ich gerne gesichtslos und anonym halten – ohne Namen. Wenn ich jedoch das Gute in mir entdecken möchte, dann sollte ich mich nicht verleugnen, sondern mir erlauben auf mich selbst zu sehen – wahrzunehmen, wie ‚der Andere‘ in mir mich selbst sieht. Allzu oft möchte ich mein öffentliches Profil kontrollieren – was andere von mir sehen können – dabei möchte ich das unterdrücken und verleugnen, was ich hässlich, peinlich oder schwierig finde. Wenn wir jedoch, dem gebrochene Licht der Lichtung erlauben uns zu wärmen, dann kann aus dem Kompost dieser schmutzigen Flecken etwas erwachsen in dem Reichtümer und Wachstum gefunden werden kann.

Gott hat ein Gesicht. Es gibt Bilder und Beschreibungen, die ich vorziehe, und göttliche Komplexität die ich lieber ignorieren würde. Wenn ich mich jedoch nicht aufmache nach diesen unterschiedlichen Facetten Gottes zu suchen, meine Nischen verlasse und meinem Liebhaber nachjage, dann wird mein Glaube im Mief meines Zimmers austrocknen und verhärten. Es tut gut mir vorzustellen, dass eine wohlwollende, mir zugewandte Gottheit auf mich achtet, ich muss jedoch auch darüber meditieren, was es bedeutet von einem fremden und fernen Gott beobachtet zu werden.

Der Andere hat ein Gesicht Und wir sind angehalten so tief in das Gesicht des Anderen zu blicken, dass wir das wahrzunehmen beginnen, was der Andere von uns sieht, und wir müssen lernen miteinander auszukommen. Es gibt keine individuelle Erlösung: Ich kann mir meine eigene Erlösung nicht aus mir selbst erarbeiten, genausowenig kann ich meine Sicht von Gott alleine in meinem gemütlichen Zuhause theoretisieren. Wenn ich Liebe erfahren und kennenlernen möchte, dann brauche ich den heiligen Text des Anderen.

Frei übersetzt nach Kester Brewin, Other, Seiten 171f.

Balanceakt

Dienstag, 22. Juni 2010

Momentan lese ich das hervorragende Buch »Other – Loving Self, God and Neighbour in a World of Fractures« von Kester Brewin. Ich werde natürlich nicht systematisch durch das Buch bloggen, oder saubere Zusammenfassungen schreiben – das können andere besser als ich – sondern wie gewohnt ab und an einen Aspekt herausgreifen, der mich zum nachdenken anregt.

Heute habe ich den zweiten Teil des Buches fertig gelesen, er steht unter dem Titel »Loving the other within God«. Und während Kester davon spricht, dass Gott sich sowohl zu uns Menschen hinwendet, als auch sich von uns distanziert, verdeutlicht er dies an Jesu Menschwerdung. Ein Leben in der Nachfolge charakterisiert er darauf hin, als einen dreifachen Balanceakt. Zunächst geht es um die Annahme von Gottes Freiheit und Hingabe. Von Gott kann weder in totaler Hingabe an uns Menschen, und damit einer Unmittelbarkeit gesprochen werden. Es kann jedoch auch nicht nur die fremde, unbekannte Seite Gottes betont werden. Die beiden anderen Aspekte haben mit persönlichem verbunden – bzw. getrennt Sein zu tun. Auf der einen Seite existieren diese Dimensionen hinsichtlich der Beziehung zu Gott, als auch in den Beziehungen unter Menschen. Brewin geht davon aus, dass dieser dreifache Balanceakt nur in Gemeinschaft gelebt werden kann:

As we think about how we might love the other within God we need to look for this hallmark: those who claim to love God will have a robust idea of God’s freedom, of God’s otherness and strangeness, combined with a keen sense of God’s binding too.

[...]

In the end, I know that this balancing act can only happen in community. My two eyes cannot discern the three dimensions of a life lived in proper perspective. I need others and others need me if I am, if we are together, to work out how this creative rhythm of separation and binding is to keep time. Similarly we know that if we are to love God and love our neighbours as we love ourselves, we must walk with our neighbour to discuss how we might better love our God and ourselves, and pray to God that we might more quickly become the kinds of selves who truly love the others, the strangers, who walk with us and around us.

Kester Brewin, Other: Loving Self, God and Neighbour in a World of Fractures, 108.

Meiner Ansicht nach handelt es sich hier um einen wichtigen Gedanken dazu, weshalb es sinnvoll ist, dass wir als Menschen nicht nur alleine für uns nachfolgen, sondern in einer Gemeinschaft von Menschen unterwegs sind, die einander dabei unterstützen in Harmonie mit Gott, Menschen und der Schöpfung zu leben.

Gerechtigkeit und Friede küssen sich

Donnerstag, 20. Mai 2010

Gerechtigkeit und Friede küssen sich

Eine der wenigen Veranstaltungen, die ich auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag in München unbedingt besuchen wollte, stand unter dem eben genannten Titel “Gerechtigkeit und Friede küssen sich”. Dieser Satz stammt aus dem 85. Psalm und stand diesem Podium im Frauenzentrum Pate.

In ihrem einleitenden Referat ging Ina Praetorius auf die Verbindung von Gerechtigkeit und Friede ein. Anhand des Buches “Gerechtigkeit oder das Gute Leben” von Martha C. Nussbaum erläuterte sie die enge Verbindung von Gerechtigkeit und Frieden. Ihrer Ansicht nach sei es ein Gewinn postpatriarchaler Weltsicht, dass wie im Titel Nussbaums das Wörtchen “oder” nicht im trennenden Sinne von “entweder oder”, sondern verbindend und zuordnend verstanden werde. Gerechtigkeit stünde damit nicht im rein juristischen Sinn neben oder gegen das gute Leben, sondern – und so sei der Buchtitel zu verstehen – weise auf zwei Seiten ein und der selben Medaille hin. In diesem Sinne wollte sie auch das Thema der Veranstaltung verstanden wissen. Das Bild der Gerechtigkeit, die den Frieden küsse, sei ein Bild des Schaloms von dem die Bibel rede. Einem Zustand der Harmonie. Diesen Zustand der Harmonie zu erlangen, sei der Antrieb der auf dem Podium versammelten Frauen, und in diesem Sinne verstehe sie auch das menschliche Mitwirken am Handeln Gottes (so hört sich das was sie sagte/was ich noch behalten habe sinngemäß in meinen Worten an).

Jede der Podiumsteilnehmerinnen hielt zu Beginn des Podiums ein Einstiegsreferat. Den Anfang machte Phumzile S. Mtetwa, die das “Lesbian and Gay Equality Project” aus Südafrika vertrat. Sie berichtete davon wie Homophobie und Armut ihr Leben beeinflussen, und wie sie sich angesichts dieser Herausforderungen für ihre Genossinen und Genossen die Realisierung der ganzheitlichen Gerechtigkeit wünsche, von der Ina Praetorius gesprochen hatte.

Ich denke, dass wir auch hier noch einige Herausforderungen zu meistern haben um zu einem solchen Schalom zu kommen. Gerade hinsichtlich der Genderfragen und einem guten Zusammenleben mit Homosexuellen ist in Kirche und Gesellschaft noch einiges zu tun.

In diesem Sinne möchte ich an dieser Stelle noch vier interessante Artikel empfehlen:

Sünde und Vergebung

Freitag, 02. April 2010

Ein paar Gedanken zu Sünde und Vergebung, die zu Ostern passen, die nicht den Anspruch erheben neu zu sein, die aber an manchen Stellen und damit grundsätzlich Akzente verschieben.

Was wäre wenn Sünde vor allem eine geschöpfliche Dimension hätte? Sich also von ihrer Bedeutung her nicht zwischen Mensch und Gott drängen könnte? Wir würden dann nicht mehr davon reden, dass Sünde Gott in irgendeiner Weise verletzen würde. Sie würde nicht zwischen ihm und uns stehen, könnte uns den Weg nicht versperren.

Diese Gedanken erscheinen dann sinnvoll, wenn wir Gottes Gedanken zur Schöpfung vor allem in ihrer lebensermöglichenden Dimension begreifen. Der so genannte „Wille Gottes“ würde sich dann nicht in einem sündlosen, von der Welt abgeschnittenen Ideal widerspiegeln, sondern in einem Leben in Harmonie mit Gott, Menschen und Natur. Sünde wäre dann vor allem eine Art Störfaktor dieser Harmonie, jedoch kein unmittelbarer Störfaktor. Als Sünde würde dann ein Verhalten bezeichnet, das unseren Mitgeschöpfen (im weitesten Sinne) Schaden zufügt. Somit würde sich Sünde höchstens indirekt „gegen Gott“ richten, sie würde vor allem im Umgang von Menschen und Natur verstanden werden.

Der Umgang mit Sünde würde sich aus dem Bereich des schlechten Gewissens und den Schuldgefühlen verabschieden. Unser Verhalten zu unseren Mitmenschen und der Natur würde sich ins Zentrum bewegen. Bei Vergebung ginge es nicht um eine Art Freispruch, der einen Schuldausgleich darstellt, sondern um einen Zuspruch der Hoffnung, einen Erweis der lebensermöglichenden Kraft Gottes, die es uns ermöglicht aus zerstörerischen Gewohnheiten auszubrechen, und ein Leben in Harmonie zu leben. Vergebung und Buße wären in diesem Zusammenhang nicht in erster Linie „geistlich“, sondern zeichneten sich in einem Verhalten aus, einem Leben eben, das von liebevoller Hinwendung geprägt ist und Leben ermöglicht.

Ostern, und damit Tod und Auferstehung Jesu, verlieren damit nicht ihre Bedeutung, auch wenn diese Ereignisse mit einem veränderten Sünden- und Vergebungsverständnis grundsätzlich anders verstanden werden können.

Die Welt auf den Kopf stellen

Mittwoch, 31. März 2010

Die Welt auf den Kopf stellen

In unserer Zeit scheint es ab und an so, als stelle man die Welt auf den Kopf, wenn man von den Beziehungen her denkt. Einige Gedanken dazu habe ich anhand des Bildes einer Schneekugel für das Magazin THE RACE aufgeschrieben. Und als ich das geschrieben habe, war noch nicht abzusehen wie lange der Winter geht, und dass danach die Meisten nicht mehr gerne an Schnee denken. Daher bitte ich euch um Verständnis für die Schnee-Metapher.

Da die Herausgeber des Magazins so freundlich waren und die Veröffentlichung des Artikels auch online erlaubten, kann ich euch nicht nur das Foto da oben zeigen, sondern euch einladen den Artikel zu lesen: → Die Welt auf den Kopf stellen.

Michael Gibis hat netterweise ein paar Illustrationen für den Artikel gemacht, die es ebenfalls dort zu sehen gibt. Falls dein Browser CSS3 unterstützt kannst du die Schneekugel in der Mitte des Artikels umdrehen, falls nicht tut es mir leid.

In diesem Sinne empfehle ich die Lektüre des Artikels, und bei Interesse einen Blick in das Inhaltsverzeichnis des Magazins und für diejenigen die das noch nicht angeschaut haben, auch in das bzwLEBEN-Buch.

Optionen der Dekonstruktion

Sonntag, 14. Februar 2010

Wohin führt uns die Dekonstruktion? Sie zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Führt sie uns damit nicht in eine ausweglose Lage, an der wir nur noch unser Christsein an den Nagel hängen können? Wenn wir all die Glaubensfragen aufgeben, landen wir dann nicht dort wo „die Liberalen“ der 70er Jahre standen? Solche oder ähnliche Fragen und Gedanken begegnen mir häufiger. An manchen Tagen werden sie von aussen an mich herangetragen, an anderen drehen sie sich in meinen Gedanken. In den letzten Tagen habe ich viel darüber nachgedacht. Dieses Nachdenken wurde beflügelt durch das Hören von David Bazans Musik, den Gedanken von Arne zu nichts-sagend-glauben, einem Interview mit Peter Rollins und Texten aus dem Buch des Propheten Amos.

Ich versuche hier mal meine Gedanken anhand von zwei Optionen der Dekonstruktion des Christentums darzustellen. Dabei bin ich mir sehr bewusst, dass es sich dabei lediglich um eine Karikatur handeln kann, eine Karikatur jedoch, von der ich annehme, dass sie etwas wichtiges verdeutlicht.

Absage und Lethargie

Es kursiert die Angst, dass eine Dekonstruktion des Christentums im Extremfall zur Aufgabe all dessen führen könnte was das Leben als Christ bis dorthin ausgemacht hatte. Ein Beispiel dieser Möglichkeit sehe ich in den Geschichten, die David Bazan in seinen Liedern erzählt. Er verarbeitet in seinen Liedern einiges aus seiner eigenen Geschichte. Aufgewachsen in einem konservativ-christlichen Umfeld, das stark von metaphysischen Annahmen – der übergeordneten Bedeutung des Jenseits beispielsweise – und Verboten geprägt war. Wenn diese Prägung dekonstruiert wird, führt das zu einem Hadern mit Gott, dem jenseitigen unbeweglichen Beweger. Angesichts der Ohnmacht all den moralischen Verboten gerecht zu werden, und der Unmöglichkeit ein „sündloses“ Leben zu führen, steht er seinen Abgründen gegenüber – Alkohol- und Drogenexzesse gepaart mit sexueller Zügellosigkeit.

Im Extremfall würde eine solche Position zu einer nihilistischen Weltsicht führen – wobei ich nicht sagen möchte, dass dies bei Bazan der Fall ist. Eine Weltsicht, die Gott wegen all des Unheils anklagt, die Sinnlosigkeit eines bewussten Lebensstils betont, und sich an diesem Punkt resigniert von allem bisherigen abwendet. In gewisser Weise käme das dann einer Kapitulation gleich, ein sich einordnen in die Kräfte der bisher verteufelten bösen Welt. Ein Glaube, der vor allem geprägt war durch die Annahme von Glaubenswahrheiten, würde an einem solchen Punkt zerfallen, er würde aufhören zu existieren. Die Notwendigkeit sich an die moralischen Verbote zu halten würde mit ihm aufgegeben werden, und könnte den Weg zu einem Zügellosen Leben bereiten. Diese Annahmen betrachte ich bewusst als Karikatur, auch wenn ähnliche Geschichten tatsächlich zu passieren scheinen, und trotz der Angst in manchen Kreisen, genau das wäre es, wohin uns die dekonstruktivistischen Ansätze der emergenten Bewegung führen werden.

Handeln und Erwartung

Auf der anderen Seite kann durch die Dekonstruktion des Christentums die Möglichkeit angenommen werden, die das Handeln betont und in diesem ein so genanntes Gottesereignis erwartet.

Die Dekonstruktion des Chistentums, und damit sind ja vor allem die Paradigmen, also die Glaubenssätze und die Weltsicht gemeint, macht uns in vielen Zusammenhängen sprachlos. Wir betrachten Äusserungen über Gott als Interpretationen, dadurch verlieren sie die Aura absoluter Wahrheit und werden relativiert – in Relation gestellt. Dennoch halten wir an Gott fest. Nicht im Sinne einer allmächtigen Person im Jenseits, sondern im Sinne eines sinngebend Handelnden, der nicht zu fassen ist. Die Aspekte, die wir von ihm verstanden zu haben glauben, könnten sich als falsch erweisen, dessen sind wir uns bewusst. Dieses Bewusstsein führt uns nicht zur Lethargie, sondern ermöglicht uns vorläufige Interpretationen anzunehmen und diese ständig weiter zu entwickeln. Wir handeln entsprechend dem, was wir aus den Überlieferungen seiner Geschichte mit den Menschen interpretieren. Wir leben human, kümmern uns um Gerechtigkeit und achten unser Gegenüber, sei es ein Mensch, ein Tier oder die Pflanzenwelt.

In diesem Sinne wären wir gute Humanisten, und die Frage läge nahe, wozu es den Zusatz »Gott« noch brauchte. Doch in all dem Handeln erwarten wir das Gottesereignis. Was das genau ist, dafür fehlt uns die Sprache. Es fällt leichter zu sagen, was es wahrscheinlich nicht sein wird. Doch könnte es nicht sein, dass »Gott« sich hier ereignet, gerade in der Begegnung mit einem Mitmenschen, dem Einsatz für Gerechtigkeit, dem verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung. Es bleibt die Erwartung eines handelnden Gottes, eines Gottes der nicht nur ursprünglich Bewegender war und dann seine Schöpfung sich selbst überlies, sondern einer Gottesgemeinschaft, die heute noch involviert ist, subtil, in der Gestalt der Schöpfung. An dieser Stelle beginnen wir uns zu Fragen wie dieses Gottesereignis konstituiert ist, vielleicht auch, was unter dem Begriff »Heiliger Geist« zu verstehen ist. Führt uns die Aussage Slavoj Zizeks weiter, der den Heiligen Geist mit der »kommunistischen Partei« vergleicht, und in ihm den Antrieb sieht, der die Menschen motiviert gerecht zu handeln, einander zu lieben?

Ein solches Handeln voller Erwartung kapituliert nicht. Es definiert sich nicht aus Verboten, wiewohl es sich der eigenen Abgründe bewusst ist. Es blickt jedoch auf die Möglichkeiten, versucht dem Ereignis Gottes nachzuspüren und in diesem Sinne zu leben. Versteht sich eingeladen in die Gottesgemeinschaft, ohne konkrete Worte dafür zu haben.

In diesem Sinne verstehe ich die emergente Bewegung, zumindest das was ich davon zu kennen glaube, als missionale Bewegung. Eine Bewegung die sich danach ausstreckt an dem zu partizipieren was sie die Gottesgemeinschaft zu tun annimmt, und in diesem Leben, Handeln, nach dem Gottesereignis Ausschau hält. Und während sie handelt, reflektiert und zu vorläufigen Interpretationen kommt, die sie gerne intellektuell redlich zur Sprache bringen möchte. Eine suchende Bewegung, eine Bewegung der Liebe, eine Bewegung des Handelns und in dem allem eine dekonstruktivistisch denkende Bewegung, die wie Jeremia mit Gott um ihn ringt. Ein Weg, über den ich sehr dankbar bin.

bzwLEBEN vor Ort

Freitag, 05. Februar 2010

Flyer bzwLEBEN im Ansverus-Haus Als ich eben den Eintrag bei Yotin gesehen habe, dachte ich mir, ich könnte auch hier kurz auf diese wunderschöne Veranstaltung hinweisen. Am 28. Februar wird von 16 – 21 Uhr im Ansverus-Haus eine besondere Veranstaltung stattfinden. Yotin und ich werden aus unseren Kapiteln lesen, wir werden ins Gespräch kommen und in die Krypta, den Raum der Stille, eintreten.

Alle aus der Hamburger Umgebung, und diejenigen, die gerne reisen, sind herzlich eingeladen am 28. Februar dorthin zu kommen. Im bzwLEBEN-Blog und auf der entsprechenden Facebook-Seite findet ihr weitere Infos, die ihr auch gerne euren Freunden erzählen dürft.

2. Ökumenischer Kirchentag

Mittwoch, 03. Februar 2010

oekt 2010Es sind noch 98 Tage bis in München der 2. Ökumenische Kirchentag 2010 eröffnet werden wird. Heute fand dazu eine Pressekonferenz statt, in der über die Programmhöhepunkte des Kirchentages berichtet wurde. Die beiden Präsidenten des Kirchentages, Alois Glück und Prof. Dr. Dr. Eckhard Nagel, sprachen kürzlich in einem Interview darüber, dass ihrer Meinung nach der 2. ÖKT ein wichtiger Motor des gegenseitigen Verständnisses sei. Einige wichtige Themen des Kirchentages wurden heute in der Pressekonferenz genannt: dabei wurde beispielsweise auf den Dialog der Religionen und Kulturen hingewiesen, dieser finde beispielsweise in einer gemeinsamen orthodoxen Vesper einen Ausdruck. Weitere Themenschwerpunkte sind Frieden und der Dialog mit den Wissenschaften. In diesem Sinne verstehe ich den Ökumenischen Kirchentag auch als eine Ermöglichung eines Raumes ökumenischer Begegnung, die von den Großkirchen unterstützt wird und gleichzeitig das so genannte Volk zusammenführt.

Für mich wird dies der erste Ökumenische Kirchentag sein. Die Vorlage der Pressekonferenz heute, nehme ich auch als Gelegenheit über zwei Höhepunkte zu schreiben, von denen ich jetzt schon weiß und auf die ich mich freue:

Am Donnerstag 13. Mai werde ich an einem Podium in Halle 4 teilnehmen. Dieses Podium steht unter dem Thema »Wie Glauben leben?«. An ein Kurzreferat von Hans Küng wird sich ein Podiumsgespräch anschließen in dem Hans Küng, Harald Lesch, Schwester Dosithea Zaharia und ich über Möglichkeiten sprechen werden, wie Glaube heute gelebt werden kann. Auf dieses Podium freue ich mich aus naheliegenden Gründen natürlich sehr.

Ebenfalls freue ich mich auf eine Veranstaltung am Samstag 15. Mai. Einige Freunde aus der emergenten Bewegung werden im Handwerkersaal ein Seminar zu Möglichkeiten für Kirche im 21. Jahrhundert veranstalten. Dabei werden wir sowohl Hintergründe bedenken als auch auf gemeindepraktisch gelebtes eingehen.

Diese beiden Veranstaltungen sind die, von denen ich jetzt schon weiß und auf die ich mich freue. Würde mich sehr freuen von euch zu hören – Wer von euch ist auf dem 2. ÖKT in München dabei? Von welchen Veranstaltungen wisst ihr? Wo werdet ihr dabei sein?

Vielleicht könnte man auch eine Art Blogger-Treffen machen, irgendwo einen Kaffee zusammen trinken und sehen was sich so ergibt – eventuell ist so etwas sowieso schon in Planung…