Archiv für die Kategorie 'Theologie'

Optionen der Dekonstruktion

Sonntag, 14. Februar 2010

Wohin führt uns die Dekonstruktion? Sie zieht uns den Boden unter den Füßen weg. Führt sie uns damit nicht in eine ausweglose Lage, an der wir nur noch unser Christsein an den Nagel hängen können? Wenn wir all die Glaubensfragen aufgeben, landen wir dann nicht dort wo „die Liberalen“ der 70er Jahre standen? Solche oder ähnliche Fragen und Gedanken begegnen mir häufiger. An manchen Tagen werden sie von aussen an mich herangetragen, an anderen drehen sie sich in meinen Gedanken. In den letzten Tagen habe ich viel darüber nachgedacht. Dieses Nachdenken wurde beflügelt durch das Hören von David Bazans Musik, den Gedanken von Arne zu nichts-sagend-glauben, einem Interview mit Peter Rollins und Texten aus dem Buch des Propheten Amos.

Ich versuche hier mal meine Gedanken anhand von zwei Optionen der Dekonstruktion des Christentums darzustellen. Dabei bin ich mir sehr bewusst, dass es sich dabei lediglich um eine Karikatur handeln kann, eine Karikatur jedoch, von der ich annehme, dass sie etwas wichtiges verdeutlicht.

Absage und Lethargie

Es kursiert die Angst, dass eine Dekonstruktion des Christentums im Extremfall zur Aufgabe all dessen führen könnte was das Leben als Christ bis dorthin ausgemacht hatte. Ein Beispiel dieser Möglichkeit sehe ich in den Geschichten, die David Bazan in seinen Liedern erzählt. Er verarbeitet in seinen Liedern einiges aus seiner eigenen Geschichte. Aufgewachsen in einem konservativ-christlichen Umfeld, das stark von metaphysischen Annahmen – der übergeordneten Bedeutung des Jenseits beispielsweise – und Verboten geprägt war. Wenn diese Prägung dekonstruiert wird, führt das zu einem Hadern mit Gott, dem jenseitigen unbeweglichen Beweger. Angesichts der Ohnmacht all den moralischen Verboten gerecht zu werden, und der Unmöglichkeit ein „sündloses“ Leben zu führen, steht er seinen Abgründen gegenüber – Alkohol- und Drogenexzesse gepaart mit sexueller Zügellosigkeit.

Im Extremfall würde eine solche Position zu einer nihilistischen Weltsicht führen – wobei ich nicht sagen möchte, dass dies bei Bazan der Fall ist. Eine Weltsicht, die Gott wegen all des Unheils anklagt, die Sinnlosigkeit eines bewussten Lebensstils betont, und sich an diesem Punkt resigniert von allem bisherigen abwendet. In gewisser Weise käme das dann einer Kapitulation gleich, ein sich einordnen in die Kräfte der bisher verteufelten bösen Welt. Ein Glaube, der vor allem geprägt war durch die Annahme von Glaubenswahrheiten, würde an einem solchen Punkt zerfallen, er würde aufhören zu existieren. Die Notwendigkeit sich an die moralischen Verbote zu halten würde mit ihm aufgegeben werden, und könnte den Weg zu einem Zügellosen Leben bereiten. Diese Annahmen betrachte ich bewusst als Karikatur, auch wenn ähnliche Geschichten tatsächlich zu passieren scheinen, und trotz der Angst in manchen Kreisen, genau das wäre es, wohin uns die dekonstruktivistischen Ansätze der emergenten Bewegung führen werden.

Handeln und Erwartung

Auf der anderen Seite kann durch die Dekonstruktion des Christentums die Möglichkeit angenommen werden, die das Handeln betont und in diesem ein so genanntes Gottesereignis erwartet.

Die Dekonstruktion des Chistentums, und damit sind ja vor allem die Paradigmen, also die Glaubenssätze und die Weltsicht gemeint, macht uns in vielen Zusammenhängen sprachlos. Wir betrachten Äusserungen über Gott als Interpretationen, dadurch verlieren sie die Aura absoluter Wahrheit und werden relativiert – in Relation gestellt. Dennoch halten wir an Gott fest. Nicht im Sinne einer allmächtigen Person im Jenseits, sondern im Sinne eines sinngebend Handelnden, der nicht zu fassen ist. Die Aspekte, die wir von ihm verstanden zu haben glauben, könnten sich als falsch erweisen, dessen sind wir uns bewusst. Dieses Bewusstsein führt uns nicht zur Lethargie, sondern ermöglicht uns vorläufige Interpretationen anzunehmen und diese ständig weiter zu entwickeln. Wir handeln entsprechend dem, was wir aus den Überlieferungen seiner Geschichte mit den Menschen interpretieren. Wir leben human, kümmern uns um Gerechtigkeit und achten unser Gegenüber, sei es ein Mensch, ein Tier oder die Pflanzenwelt.

In diesem Sinne wären wir gute Humanisten, und die Frage läge nahe, wozu es den Zusatz »Gott« noch brauchte. Doch in all dem Handeln erwarten wir das Gottesereignis. Was das genau ist, dafür fehlt uns die Sprache. Es fällt leichter zu sagen, was es wahrscheinlich nicht sein wird. Doch könnte es nicht sein, dass »Gott« sich hier ereignet, gerade in der Begegnung mit einem Mitmenschen, dem Einsatz für Gerechtigkeit, dem verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung. Es bleibt die Erwartung eines handelnden Gottes, eines Gottes der nicht nur ursprünglich Bewegender war und dann seine Schöpfung sich selbst überlies, sondern einer Gottesgemeinschaft, die heute noch involviert ist, subtil, in der Gestalt der Schöpfung. An dieser Stelle beginnen wir uns zu Fragen wie dieses Gottesereignis konstituiert ist, vielleicht auch, was unter dem Begriff »Heiliger Geist« zu verstehen ist. Führt uns die Aussage Slavoj Zizeks weiter, der den Heiligen Geist mit der »kommunistischen Partei« vergleicht, und in ihm den Antrieb sieht, der die Menschen motiviert gerecht zu handeln, einander zu lieben?

Ein solches Handeln voller Erwartung kapituliert nicht. Es definiert sich nicht aus Verboten, wiewohl es sich der eigenen Abgründe bewusst ist. Es blickt jedoch auf die Möglichkeiten, versucht dem Ereignis Gottes nachzuspüren und in diesem Sinne zu leben. Versteht sich eingeladen in die Gottesgemeinschaft, ohne konkrete Worte dafür zu haben.

In diesem Sinne verstehe ich die emergente Bewegung, zumindest das was ich davon zu kennen glaube, als missionale Bewegung. Eine Bewegung die sich danach ausstreckt an dem zu partizipieren was sie die Gottesgemeinschaft zu tun annimmt, und in diesem Leben, Handeln, nach dem Gottesereignis Ausschau hält. Und während sie handelt, reflektiert und zu vorläufigen Interpretationen kommt, die sie gerne intellektuell redlich zur Sprache bringen möchte. Eine suchende Bewegung, eine Bewegung der Liebe, eine Bewegung des Handelns und in dem allem eine dekonstruktivistisch denkende Bewegung, die wie Jeremia mit Gott um ihn ringt. Ein Weg, über den ich sehr dankbar bin.

bzwLEBEN vor Ort

Freitag, 05. Februar 2010

Flyer bzwLEBEN im Ansverus-Haus Als ich eben den Eintrag bei Yotin gesehen habe, dachte ich mir, ich könnte auch hier kurz auf diese wunderschöne Veranstaltung hinweisen. Am 28. Februar wird von 16 – 21 Uhr im Ansverus-Haus eine besondere Veranstaltung stattfinden. Yotin und ich werden aus unseren Kapiteln lesen, wir werden ins Gespräch kommen und in die Krypta, den Raum der Stille, eintreten.

Alle aus der Hamburger Umgebung, und diejenigen, die gerne reisen, sind herzlich eingeladen am 28. Februar dorthin zu kommen. Im bzwLEBEN-Blog und auf der entsprechenden Facebook-Seite findet ihr weitere Infos, die ihr auch gerne euren Freunden erzählen dürft.

2. Ökumenischer Kirchentag

Mittwoch, 03. Februar 2010

oekt 2010Es sind noch 98 Tage bis in München der 2. Ökumenische Kirchentag 2010 eröffnet werden wird. Heute fand dazu eine Pressekonferenz statt, in der über die Programmhöhepunkte des Kirchentages berichtet wurde. Die beiden Präsidenten des Kirchentages, Alois Glück und Prof. Dr. Dr. Eckhard Nagel, sprachen kürzlich in einem Interview darüber, dass ihrer Meinung nach der 2. ÖKT ein wichtiger Motor des gegenseitigen Verständnisses sei. Einige wichtige Themen des Kirchentages wurden heute in der Pressekonferenz genannt: dabei wurde beispielsweise auf den Dialog der Religionen und Kulturen hingewiesen, dieser finde beispielsweise in einer gemeinsamen orthodoxen Vesper einen Ausdruck. Weitere Themenschwerpunkte sind Frieden und der Dialog mit den Wissenschaften. In diesem Sinne verstehe ich den Ökumenischen Kirchentag auch als eine Ermöglichung eines Raumes ökumenischer Begegnung, die von den Großkirchen unterstützt wird und gleichzeitig das so genannte Volk zusammenführt.

Für mich wird dies der erste Ökumenische Kirchentag sein. Die Vorlage der Pressekonferenz heute, nehme ich auch als Gelegenheit über zwei Höhepunkte zu schreiben, von denen ich jetzt schon weiß und auf die ich mich freue:

Am Donnerstag 13. Mai werde ich an einem Podium in Halle 4 teilnehmen. Dieses Podium steht unter dem Thema »Wie Glauben leben?«. An ein Kurzreferat von Hans Küng wird sich ein Podiumsgespräch anschließen in dem Hans Küng, Harald Lesch, Schwester Dosithea Zaharia und ich über Möglichkeiten sprechen werden, wie Glaube heute gelebt werden kann. Auf dieses Podium freue ich mich aus naheliegenden Gründen natürlich sehr.

Ebenfalls freue ich mich auf eine Veranstaltung am Samstag 15. Mai. Einige Freunde aus der emergenten Bewegung werden im Handwerkersaal ein Seminar zu Möglichkeiten für Kirche im 21. Jahrhundert veranstalten. Dabei werden wir sowohl Hintergründe bedenken als auch auf gemeindepraktisch gelebtes eingehen.

Diese beiden Veranstaltungen sind die, von denen ich jetzt schon weiß und auf die ich mich freue. Würde mich sehr freuen von euch zu hören – Wer von euch ist auf dem 2. ÖKT in München dabei? Von welchen Veranstaltungen wisst ihr? Wo werdet ihr dabei sein?

Vielleicht könnte man auch eine Art Blogger-Treffen machen, irgendwo einen Kaffee zusammen trinken und sehen was sich so ergibt – eventuell ist so etwas sowieso schon in Planung…

Gemeinsam den Tod des autonomen Selbst feiern! – Teil 1

Montag, 01. Februar 2010

Unter diesem Titel hielt ich ein kurzes Impulsreferat am Ortstermin der Initiative SüdWest von Emergent Deutschland am letzten Samstag. In einer kurzen Serie von Einträgen möchte ich ein wenig über die Gedanken schreiben, die mir in diesem Zusammenhang wichtig sind.

Meine Begeisterung für relationale Ansätze, und die damit verbundene Präsenz derselben in meinem Reden, Denken und Schreiben, haben nichts damit zu tun, dass ich deren Wahrheit oder Überlegenheit beweisen möchte, sondern liegen vielmehr in der Wertschätzung der Möglichkeiten, die diese Perspektive eröffnet. In diesem Sinne möchte ich auch die folgenden Gedanken und den Titel verstanden wissen.

Zur Formulierung des Titels wurde ich durch eine Äusserung von Stanley J. Grenz in »The Social God and the relational Self« inspiriert. In einem Abschnitt über postmoderne Ansätze zum Umgang mit Individuum und Selbst, spricht er davon, dass in der postmodernen Philosophie der Rückgang der Bedeutung des Individuums, des autonomen Selbst, begrüßt wird (Grenz, 133ff). Diese Andeutung verleitete mich dazu von einer gemeinsamen Feier des Todes des autonomen Selbst zu sprechen. Was ich darunter verstehe möchte ich nun stückweise umschreiben.

Das Selbst als Knotenpunkt in einem sozialen Netz

In der so genannten Bibel postmodernen Denkens, dem Buch »Das postmoderne Wissen«, schreibt Jean-François Lyotard über das Ende der großen Erzählungen. Solcher Erzählungen die für sich in Anspruch nehmen, die Welt als Ganze zu erklären. Angesichts des Endes dieser Großen Erzählungen konstatiert er, dass damit jeder auf sich selbst zurückgeworfen ist. Manche haben diese Aussage für ein Loblied auf den Individualismus gehalten. Und auch ich ging zu manchen Zeiten davon aus, eine Aufgabe des Individuums darin zu sehen, sich selbst neu zu erfinden, die möglichst autonom bewerkstelligt werden sollte. Die Perspektive ändert sich jedoch schlagartig, wenn wir den folgenden Satz mitlesen:

»Jeder ist auf sich selbst zurückgeworfen. Und jeder weiß, daß dieses Selbst wenig ist.« (Lyotard, 54)

Das Selbst ist wenig. Es ist nicht so, dass jede und jeder nun autonom und aus freien Stücken die Aufgabe hätte sich selbst neu zu erfinden, und dazu in der Lage wäre. In den folgenden Ausführungen geht Lyotard darauf ein, dass das Selbst als eine Art Knotenpunkt im Netz der sozialen Verbindungen verstanden werden könne.

Er erläutert diese Gedanken im Bild der Sprachspiele. Beim Selbst handelt es sich um einen Knotenpunkt im Kommunikationskreislauf. Durch die Kommunikation in die das Selbst eingebunden ist, wird es ständig dazu herausgefordert eine neue Position einzunehmen, sich zu verändern. Dies ist eine Andeutung der Annahme einer beweglichen Identität, die in dynamischem Austausch mit dem jeweiligen Umfeld steht, und nicht mehr statisch wahrgenommen werden kann. Auf der anderen Seite ist es jedoch auch eine Betonung der sozialen, relationalen Komponente der Identität, also des Selbst. Das Individuum erfindet sich daher nicht ständig autonom neu, sondern befindet sich in der sozialen Dynamik, die eine ständige Neubestimmung mit sich bringt.

Mit der Andeutung des ersten Gedankens aus dem Impulsreferat möchte ich auch schon diesen Eintrag beenden. Für mich wird in diesem ersten Gedanken die gemeinsame Feier des Todes des autonomen Selbst in der Weise deutlich, dass eine relationale Sicht des Individuums, eine Sicht auf die sozialen Zusammenhänge eröffnet, in den sich das Selbst befindet. Verstanden als Knotenpunkt im Kommunikationsnetz wird sowohl die Dynamik der Identität angedeutet, als auch seine Verwobenheit in die Kommunikationsvorgänge des Umfeldes. Das Selbst wird demnach weder durch eine große Erzählung getragen, noch ist es eine Art biologische Grundlage, die das gesamte Leben unveränderlich ist.

In einem nächste Eintrag möchte ich kurz auf das Ideal des autonomen Selbst eingehen, und eine mögliche erweiternde Perspektive beschreiben.

Quellen:
Stanley J. Grenz, The Social God and the Relational Self (Louisville, London, Leiden: Westminster John Knox, 2001).
Jean-François Lyotard, Das postmoderne Wissen (Graz, Wien: Böhlau, 1986).

Wahrheit im Dialog

Samstag, 09. Januar 2010

Als ich vor gut zwei Wochen die Frage »Wozu Weltethos?« las, dachte ich, es gibt nur eine Person, von der ich mir Antworten darauf wünsche, Hans Küng. Diese Frage in einer Tübinger Buchhandlung zu lesen, war mein Vorteil, denn dadurch konnte ich die Antworten (in Buchform) direkt mit nach Hause nehmen. Nun lese ich ab und an in dem Buch, und finde dieses in bestem Sinne anregend. Wie der Titel des Eintrages schon verrät, greife ich nun einige Aspekte aus einer Antwort Küngs auf, in der er über Wahrheit und Dialog spricht.

Seiner Ansicht nach kann keine Religion oder Weltanschauung behaupten, alleine die Wahrheit zu haben. Es ist jedoch genauso unmöglich, der Wahrheitsfrage keine Bedeutung mehr einzuräumen, und davon auszugehen, »dass die Wahrheit irgendwie verteilt ist, dass es also völlig indifferent ist, wie ich mich dazu verhalte« (24). Nach diesen grundlegenden Aussagen stellt er seinen Ansatz vor, der von drei Dimensionen ausgeht:

1. Die persönliche Perspektive
Die erste Dimension ist geprägt von der persönlichen Perspektive jedes Dialogteilnehmers. Jeder hat für sich eine „Wahrheit“ gefunden, eine Antwort auf die Sinnfrage. Für Küng findet sich diese Antwort im christlichen Glauben und in Jesus Christus, den er in Anlehnung an das Johannes-Evangelium (Joh 14) als den Weg, die Wahrheit und das Leben bezeichnet.

2. Die Perspektive jeder Religion
Die zweite Dimension besteht aus der Anerkennung der Perspektive der Religionen und Weltanschauungen. Jede Religion hält ihre „Wahrheit“, also ihre Antwort auf die Sinnfrage, für richtig und wichtig. Diese Antworten beziehen sich jedoch nie ausschließlich auf ein bestimmte Theorie, sondern haben Auswirkungen auf die Lebensgestaltung. »Es geht ja nicht nur um wahre Erkenntnis, sondern auch um richtiges Handeln. Es geht nicht nur um Doktrinen, sondern auch um Ethos.« (25)

Auf die Frage wie diese beiden ersten Dimensionen zusammengebracht werden können antwortet er folgendermaßen:

»Zunächst einmal ist Respekt die wichtigste Grundtugend. Ich muss respektieren, dass der andere anders ist. Dazu muss Verständnis kommen. Ich muss versuchen, den anderen besser zu verstehen. Wie auch der andere, wenn ich versuche, ihn besser zu verstehen, mich besser versteht. So werden wir mit der Zeit viele Gemeinsamkeiten feststellen.« (25)

Es ist, in den Augen Küngs, demnach möglich, von seiner eigenen Position überzeugt zu sein, und dennoch offen für die Weltanschauung und die Kritik des anderen zu sein.

3. Stückweise Erkenntnis
In der dritten Dimension steht die Annahme unvollkommener und stückweiser Erkenntnis im Zentrum:

»Wir können hier und heute nicht darüber befinden, wo letztlich die Wahrheit liegt. Wir befinden uns alle auf dem Weg. [...] Wir gehen der Vollendung erst entgegen, und die Wahrheit, wie sie wirklich ist, wird erst am Ende offenbar werden. Uns eröffnet sich sozusagen nur ein kleiner Spalt.« (26)

Diese Annahme ernst zu nehmen, bewahrt sowohl vor der Annahme selbst schon alles begriffen zu haben, die Wahrheit also zu besitzen, als auch vor der Verachtung des Gegenübers, dessen Sichtweise aus den eigenen Augen „defizitär“ erscheint. Den Begriff „defizitär“ verwendet Küng als Seitenhieb auf das offizielle Lehrdokument »Dominus Jesus« der römisch-katholischen Kirche. »Defizitär sind wir alle – bis wir so erkennen, wie wir selbst von Gott erkannt sind…« (27).

Dialog als kontinuierlicher Prozess
Küng lebt den Dialog in diesen drei Dimensionen. Er versteht diese Art des Dialogs als kontinuierlichen Prozess, in dem sich Vertiefung ereignet, und sieht in ihm eine Möglichkeit große Fortschritte in der Verständigung zu erleben.

Weihnachten

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Es ist wieder soweit, Weihnachtszeit. Und wie in jedem Jahr, so stelle ich auch dieses Jahr fest, dass ich ein gespaltenes Verhältnis zu diesem Fest habe. Auf der einen Seite handelt es sich bei Weihnachten ja um eines der wichtigen Feste der Christenheit. Wir gedenken der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus – die auch in meiner Theologie eine sehr wichtige Rolle spielt. Auf der anderen Seite stört mich der ganze Kitsch, die Krippen, Geschenke, der Rummel – gleichzeitig aber auch all diejenigen die immer nach dem tiefen Sinn der Festtage fragen und gerne ein puristisches Gedenkfest begehen würden. In all die wirren Gefühle, die sich, dank des Alltags der in der Adventszeit selten langsamer wird, im Hintergrund aufhalten, wecken meine Kinder auch diese Faszination »Weihnacht« in mir. Jeden Morgen gespannt zu sein was sich im Adventskalender finden wird, und es kaum erwarten zu können bis endlich Weihnachten ist, ein Weihnachtsbaum im Wohnzimmer steht und die Geschenke darunter bereit liegen. Und so sitze ich nun am Abend vor dem 24. hier und denke nach und tippe diese spontanen Gedanken hier in mein Blog.

Ja, Weihnachten ist eine kommerzielle Veranstaltung. Mit Damien Rice’ »We’ll call it Christmas when the adverts begin« könnten wir den Anfang der Saison an den ersten Weihnachtsmännern Ende August erahnen. Das Anbrechen der letzten Stunden bis zum Fest, machen wir dann an den Angeboten »wir liefern garantiert bis Weihnachten« fest. Ich finde – mittlerweile – das Schenken nicht mehr schlimm, sicher habe ich manche Vorbehalte, aber hier haben mir die Kinder das Staunen gelehrt, über schöne Geschenke freut sich wohl jeder.

Viel schlimmer finde ich die Krippen überall. Diese Romantisierung der Geburt. Als wäre Jesus in irgendeinem Stall auf die Welt gekommen. Ist es nicht viel wahrscheinlicher dass Maria und Joseph nicht von Herberge zu Herberge tingelten, in denen keine Zimmer frei waren. Wie viele Herbergen oder Hotels soll es damals in einem Dorf denn gegeben haben? Und hatten sie überhaupt danach gesucht? Dank der Volkszählung waren sie ja zu ihrer Verwandtschaft unterwegs. Wenn Zimmer belegt waren, dann waren es eher die Gästezimmer, die guten Stuben der Verwandten, in denen schon andere Familien übergangsweise wohnten. Schließlich kamen Maria und Jospeh in der Wohnung eines Verwandten unter. In der Wohnung, nicht im Stall. Natürlich wohnten hier auch die Tiere, deswegen gab es eine Futterstelle. In Ermangelung eines Babybettchens wurde Jesus vielleicht in eine solche Futterstelle für die Tiere gelegt. Achso, und dieser Jesus über den ich hier schreibe war sicher weder Westeuropäer noch Amerikaner, er hatte wohl auch keine blonden Locken – und so schlimm es klingen mag – auch keinen Heiligenschein. Sicher, er war ein süßes Baby, wie jedes Baby auf seine Weise süß ist, aber er hat wohl auch geschrien, die Windeln gefüllt, und musste sich an dieses Menschenleben gewöhnen, wie jeder das am Anfang seines Lebens tut. Deswegen meine Bitte, rangiert die Krippen aus. Und das »Christkind« gleich mit. Verwendet das Stroh für die Osternester und überlegt wie es denkbar wäre, dass dieser Jesus in einer – für damalige Zeit – normalen Wohnung auf die Welt kam. Einer Hausgeburt in der Wohnung von Verwandten wird das wohl am ähnlichsten gesehen haben. Als Wohnküchen noch üblich waren, hätte man sich Jesus auf einem Kissen im Spülbecken vorstellen können, dies würde den selben Zweck erfüllen wie eine Krippe damals. Wo würden wir ihn heute hinlegen? Vielleicht auf ein Sofa, umgeben von einer Decke, so dass er nicht auf den Boden fällt?

Und so ist Weihnachten, und zwar genauso, wie es tatsächlich als Familienfest gefeiert wird, eventuell recht nah an der Situation in der Maria und Joseph damals waren. Viele in meinem Umfeld reisen über Weihnachten zu ihren Eltern und Verwandten, wie Maria und Joseph. Man trifft sich, hat sich einiges zu erzählen, freut sich aneinander, entdeckt die alten Macken wieder und umschifft die ein oder andere Spannung mehr oder weniger erfolgreich. Und hat auch einiges zu erledigen. Familie eben. Begegnungen finden statt. Normale Menschen sitzen um Tische, unterhalten sich, spielen miteinander, essen. Und ja, da war noch etwas. Die Geschenke. Einige wollen anderen eine Freude machen, haben etwas besorgt, gebastelt. Weihnachten, die ganz normalen menschlichen Festtage mit gutem Essen liegen vor uns. Und vielleicht ist dieses weltliche Weihnachtsfest, ein Fest der Begegnung, in all dem Trubel und ohne den religiösen Kitsch, eine gute Gelegenheit zwischendurch an die Geburt dieses einen Menschen zu denken. Und dann, dann wenden wir uns wieder unseren Familien, Verwandten und Freunden zu und feiern.

Inkarnation und Empathie

Montag, 07. Dezember 2009

Kester Brewin schreibt momentan interessante Blogeinträge rund um das Thema Inkarnation. Für ihn gründet die Bedeutung der Adventszeit im Inkarnationsereignis. Das Geheimnis der Inkarnation ist sowohl faszinierend wie auch grundlegend für mein Verständnis von gelebter Nachfolge in unserer Welt.

Unter dem Titel »Gott blickt durch die verzerrte/verzerrende Sicht der Menschheit« erschien der vierte Eintrag Kesters zur Inkarnation. In diesem Eintrag thematisiert er eine interessante Sichtweise der Beweggründe Gottes Mensch zu werden. In Anlehnung an Zizek formuliert er einen möglichen Beweggrund als Gottes Wunsch sich selbst aus der verzerrten Perspektive der Menschen wahrzunehmen. In diesem Beweggrund verbirgt sich die Wurzel wahrer Empathie. Wir lassen uns nicht auf „den Anderen“ ein um ihn möglichst deutlich zu erkennen, sondern um nah genug zum Anderen zu gelangen um wahrzunehmen wie der Andere uns sieht.

In diesem Zusammenhang finde ich auch die Gedanken Bubers sehr spannend, dass wir in der Begegnung mit dem Anderen zu uns selbst werden. In der Begegnung mit dem Anderen erfahren wir sehr viel über uns selbst, darüber wie der Andere mich sieht, wie er mich wahrnimmt. Dies gilt selbstverständlich für alle Beteiligten.

Meiner Ansicht nach eröffnet dieser Gedanke eine größere Weite der Menschwerdung Gottes. Sie betont das Beziehungsgeschehen dem wir das Attribut Gott zuweisen auf eine eindrückliche Weise. Gott macht sich auf den Weg zu seinen Geschöpfen um durch deren Perspektive wahrzunehmen wie diese ihn wahrnehmen. Er durchbricht eine gewisse Trennung, öffnet sich, und blickt mit neuen Augen auf „sich selbst“.

Kester zitiert in seinem Eintrag eine Aussage Slavoj Zizeks, in der er diese Sichtweise auf den Punkt bringt:

Christus musste nicht nur dazu erscheinen um der Menschheit Gott zu offenbaren, sondern auch um Gott sich selbst zu offenbaren.

Darin sieht Kester das Zentrum des Erdbebens das durch die Inkarnation ausgelöst wurde. Was er daraus folgert halte ich ebenfalls für zentral. All unsere inkarnatorische Praxis sollte von dieser Haltung geprägt sein. Wir interagieren nicht aus dem Grund mit dem Anderen weil wir glauben ihm helfen zu müssen heil zu werden, sondern weil wir davon ausgehen, dass wir ihn benötigen um selbst heil zu werden. So verstanden bekommt inkarnatorisch verstandene „Mission“ eine sehr gute und stark dialogisch geprägte Bedeutung.

Gleichnis via Twitter

Sonntag, 01. November 2009

Peter Rollins wird heute Abend zwischen 17 und 18 Uhr (unserer Zeit hier) damit beginnen ein neues Gleichnis über Twitter zu erzählen. Das Gleichnis wird morgen und übermorgen zur selben Zeit weitererzählt, so dass es am Dienstag Abend komplett vorliegen wird.

Der Twitteraccount dem du folgen solltest um das Gleichnis mitzuerleben heißt @peterrollins.

Ich finde die Idee sehr gut und bin gespannt wie das wird.

Weitere Infos gibt’s in diesem Eintrag in Peters Blog. Ein Gleichnis aus Peters Buch ‘The Orthodox Heretic’ habe ich hier mal in deutsch aufgeschrieben: Jesus und die Fünftausend

Workshop auf dem Forum

Samstag, 24. Oktober 2009

Unter dem Titel »Uns Selbst von den Beziehungen her denken« werden Tobias Künkler und ich einen Workshop auf dem Emergent Forum 2009 in Erlangen anbieten. Ich freue mich schon sehr darauf und deute hier mit folgendem Text auf den Inhalt und die Methode des Workshops hin:

In diesem Workshop wollen wir uns und Euch in ein Gespräch darüber verwickeln, was es bedeutet und welche Konsequenzen es hat, wenn wir uns von unseren Beziehungen her denken. Dazu geben wir einen kurzen Einblick in ein ‚relationales’ Verständnis des Menschen und der Trinität, die dabei helfen können eine Alternative zu den Problemen des Individualismus und Kollektivismus zu finden.

Der Schwerpunkt des Workshops soll jedoch im offenen Austausch liegen. Platz finden sollen hier: Kritische Rückfragen und Verständnisschwierigkeiten, vertiefende Aspekte, Konsequenzen für Selbstverständnis, Glaubens- und Gemeindepraxis. Wer grundsätzliche Überlegungen sowie ein offenes ‚Setting’ nicht scheut, ist herzlich eingeladen…

Die Workshops finden am Samstag Nachmittag auf dem Forum statt. Weitere Infos zum Forum und Anmeldemöglichkeit findet ihr auf der Emergent-Forum-Seite.

Schöpfer der Kreativität

Montag, 19. Oktober 2009

Eine Begegnung von Emergenztheorie und Theologie deckt blinde Flecken auf und ermöglicht neue Denkwege. Ich bin immer wieder faszibiert davon welche Möglichkeiten sich für das Denken ergeben wenn man über den eigenen Tellerrand hinausschaut und am interdisziplinären Dialog teilnimmt. So bekamen bisher meist unausgesprochene Gedanken mit folgendem Abschnitt Worte und konkretisieren sich dadurch:

»The sciences that study the emergence of complexity in living organisms have also thematized the importance of the future for understanding causality. …

Theologian Niels Henrik Gregersen has explored the implications of theories of autopoiesis (self-organization) in natural systems for the doctrines of creation and providence.

He proposes a model in which autopoietic processes are sustained by the “structuring causality” of God – divine providence involves the reconfiguration of the possibility spaces of self-productive systems. God‘s creative work is a creation of creativity, a “structuring” cause that graciously gives creation its own fecundity.

For Gregersen, the autopoiesis that can be observed throughout the systems of nature render problematic the idea of God’s planning things deterministically from the past.«

Quelle: LeRon Shults, Reforming the doctrine of God, 86.

Diese Verbindung der Gedanken aus Theorien über Emergenz und Komplexität und der Möglichkeit Gott von der Zukunft her zu denken sind meiner Ansicht nach äußerst wertvoll.

Sie ermöglichen eine Befreiung aus deterministischem Denken welches uns suggeriert, dass die Welt und alles Leben darauf vor Urzeiten von einem „Pantokrator“ vorgedacht wurden und man heute nur noch das Wiederholen kann was bereits vorangelegt ist. Ein Schöpfer der zur Kreativitöt schafft und „einen weiten Raum“ ermöglicht, nötigt uns nicht in vorgefertigten Bahnen zu laufen sondern gibt uns Freiheit selbst zu schaffen, frei zu improvisieren und damit an seinem Handeln zu partizipieren. In diesem Sinne sind wir nicht dazu verdammt den einen richtigen Weg zu finden der vorbereitet ist und auf dem wir blind gehen müssen, sondern nehmen teil an einer freien Improvisation der Idee Gottes, die nicht 100% konkret zu fassen ist und stärker von einer ermöglichenden Funktion her zu denken ist als von erhobenen Zeigefingern.

Aber auch auf der Seite wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit Schöpfung und Evolution ermöglicht uns ein solches Denken andere Schlüsse. Schöpfung und Evolution stehen sich nicht mehr – wie im Kreationismus propagiert – diametral entgegen, sondern können begründet als Aspekte eines Prozesses verstanden werden.