A vulnerable god

»As long as we have the Zeus-notion of God that I mentioned earlier, we can’t make much progress. He is a power-hungry, remote-control god at the top of the hierarchy of gods, throwing down thunderbolts and favoring a very few chosen ones. He is always a he; he is almighty, but not equally all-vulnerable, as our Trinity is. Our collective and cultural understanding of God, I’m sorry to report, hasn’t moved much beyond the “Almighty God” language we took for granted; we haven’t realized that God has forever redefined divine power in the Trinity!

The Christian God’s power comes through his powerlessness and humility. Our God is much more properly called all-vulnerable than almighty, which we should have understood by the constant metaphor of “Lamb of God” found throughout the New Testament.

But unfortunately, for the vast majority, he is still “the man upstairs,” a substantive noun more than an active verb. In my opinion, this failure is at the basis of the vast expansion of atheism, agnosticism, and practical atheism we see in the West today. “If God is almighty, then I do not like the way this almighty God is running the world,” most modern people seem to be saying. They do not know that the Trinitarian revolution never took root! We still have a largely pagan image of God.

But once you experience this changing of the gods, you have a solid and attractive basis for Christianity as a path – a mystical and dynamic Christianity concerned about restorative justice and reconciliation at every level, here and now.

All you have to do today is walk outside and gaze at one leaf, long and lovingly, until you know, really know, that this leaf is a participation in the eternal being of God. It’s enough to create ecstasy. It is not the inherent dignity of the object that matters; it is the dignity of your relationship to the object that matters—that transforms object to subject, as Martin Buber famously put it, shifting from an I-It orientation to the world to an I-Thou relationship. For a true contemplative, a green tree works just as well as a golden tabernacle.«

Richard Rohr, The Divine Dance: The Trinity and your transformation.

Die Angst vor den anderen

»Die Angst vor den anderen«, der aktuelle und vielleicht letzte Aufsatz von Zygmunt Bauman, ist für und über die Menschen geschrieben, die schon länger in den Gebieten leben zu denen momentan Migrantinnen und Migranten unterwegs sind.

Zygmunt Bauman – Die Angst vor den anderen

Panikmache

Bauman schreibt darin über die Angst der Menschen vor Fremden, und darüber wem diese Angst nützt. Die Panikmache nützt vor Allem denjenigen die auf die komplexen Herausforderungen einfache Antworten anbieten, und die Schuld auf die Anderen abwälzen und in der Abgrenzung von jenen die Lösung aller Probleme versprechen.

Die Versicherheitlichung dient nach Bauman dem Zweck von den wirklichen Herausforderungen abzulenken. Dieser Reflex gibt den Regierenden die Möglichkeit sich zu inszenieren und einfache Lösungen für die Angst anzubieten, die Fremde und „der Terror“ auslösen. Er dient jedoch nicht dazu tatsächlich etwas zu unternehmen um wichtigen Fragen zu begegnen.

»Diese vielfältigen – und dabei gleichermaßen nachteiligen und unter Umständen sogar tödlichen – Folgen des gegenwärtigen Hangs zur Versicherheitlichung des »Migrationsproblems« und der Aufnahme oder Abweisung von Flüchtlingen und Asylsuchenden wie auch der von einem großen Teil der meinungsbildenden Medien genährte Verdacht, alle Migranten seien potenzielle Helfershelfer von Terroristen (…), werden meines Erachtens sogar noch davon übertroffen, dass immer mehr Regierungen ganz offiziell die im Volk verbreitete »Sicherheitspanik« schüren und sich auf die Opfer der Flüchtlingstragödie konzentrieren statt auf die weltweiten Wurzeln ihres tragischen Schicksals.« (45-46)

Moralischer Imperativ

Nach Levinas folgt unsere moralische Verantwortung aus der Begegnung mit dem/der Anderen. Diese Verantwortung für das Leben der Mitmenschen gilt universal, und kann daher als moralischer Imperativ verstanden werden.

»Gänzlich und eindeutig unvereinbar mit der Qualität des »Moralisch-Seins« ist die Tendenz, die moralische Verantwortung für andere an irgendwelchen zwischen »uns« und »denen« gezogenen Grenzen enden zu lassen und zu verleugnen.« (81)

Die Ausgrenzung einer bestimmten Personengruppe, oder einzelner Menschen ist daher nicht mit dem moralischen Imperativ vereinbar. Da dies wohl tief in uns Menschen verankert ist, geht der eben erwähnten Grenzziehung meist eine Entmenschlichung der Personen voraus, denen die moralische Verantwortung nicht entgegen gebracht werden soll.

»Die Entmenschlichung bereitet den Weg für ihren Ausschluss aus der Kategorie der legitimen Träger von Menschenrechten und führt – mit fatalen Folgen – zu einer Verschiebung des Migrationsproblems aus dem Bereich der Ethik in den der Sicherheitsbedrohungen, der präventiven Verbrechensbekämpfung und der Strafverfolgung, der Kriminalität, der Verteidigung der Ordnung und letztlich des Ausnahmezustands, der gewöhnlich mit Bedrohungen durch militärische Aggression und Feindseligkeit assoziiert wird.« (84)

Nicht ausweichen

Ähnlich wie in Daten, Drohnen, Disziplin bezeichnet Bauman auch hier als den bedeutenden Unterschied zwischen Offline- und Online-Welt die Ordnung der Zugehörigkeit:

»Ich gehöre der Offline-Welt, während die Online-Welt mir gehört.« (102)

Diese Ordnung der Zughörigkeit hängt in erster Linie mit einem Gefühl der Kontrolle zusammen. Während ich in größerem Maße bestimmen kann mit wem ich online Kontakt halte, stehe ich offline mit einer heterogeneren Gruppe von Menschen in Kontakt, und habe weitaus weniger Kontrolle darüber welche Personen mir im Alltag begegnen. Dieses Gefühl der Kontrolle führt in Zeiten komplexer Probleme dazu, dass die Online-Welt einen gewissen Reiz ausübt, da sie scheinbar einfache Antworten bereit hält. Auch wenn dieses Gefühl der Wirklichkeit nicht entspricht, lockt die Online-Welt nicht zuletzt um den direkten Herausforderungen des Alltags zu entfliehen und noch etwas Zeit oder zumindest Zerstreuung zu gewinnen.

Die von der aktuellen »Migrationskrise« geschaffenen und von der Migrationspanik übertriebenen Probleme sind äußerst komplex und kontrovers. Der kategorische Imperativ der Moral tritt in eine direkte Konfrontation mit der Angst vor »dem großen Unbekannten«, das die Massen von Ausländern vor den Toren verkörpern. Impulsive Angst angesichts der Fremden, die unergründliche Gefahren mit sich bringen, tritt in Wettstreit mit dem moralischen Impuls, den der Anblick menschlichen Elends auslöst. Selten dürfte die Herausforderung für die Moral in ihrem Bemühen, den Willen zu überreden, ihrem Gebot zu folgen, gewaltiger gewesen sein; und selten dürfte das Bemühen des Willens, seine Ohren vor den Geboten der Moral zu verstopfen, qualvoller gewesen sein.« (104)

Miteinander sprechen

Wie Bauman am Anfang des Aufsatzes bereits betont sieht er die Wichtigste Aufgabe unserer Zeit darin, dass Menschen einander begegnen. Das Gespräch von unterschiedlichen Personen bezeichnet er als »Königsweg zu gegenseitigem Verstehen, wechselseitigem Respekt und schließlich Einvernehmen« (113). Für ein gelingendes Gespräch ist es unerlässlich, dass man sich darauf einlässt und die darin unvermeidlich auftretenden Hindernisse gemeinsam verhandelt.

»Ganz gleich, welche Hindernisse auftreten und wie gewaltig sie erscheinen mögen, das Gespräch ist schon deshalb der Königsweg zu einem Einvernehmen und damit zu einer friedlichen und für alle Seiten vorteilhaften, kooperativen und solidarischen Koexistenz, weil es keine Konkurrenten kennt und damit keine brauchbare Alternative.« (114)

Was tun?

Für die eine oder den anderen liest sich der Essay, oder mein Versuch ihn zu verstehen, wie eine theoretische Abhandlung die nichts mit dem eigenen Alltag zu tun hat. Und auch wenn ich diesen Dualismus nicht unterstützen möchte, halte ich hier vier Aspekte fest, die meiner Ansicht nach in gewissem Sinne als Einladung zu handeln in dem Essay zu finden sind:

  • Der Panikmache begegnen, keine „Sündenbock-Politik“ dulden
  • Weltweite Zusammenhänge und Herausforderungen beachten und artikulieren
  • Die Verantwortung für das Leben der Mitmenschen annehmen
  • Miteinander sprechen, einander begegnen und für friedliches Zusammenleben einsetzen

Bücher, die ich 2016 gelesen habe

Anfang der Woche veröffentlichte Johannes eine Liste der Bücher, die er 2016 gelesen hat. Nachdem ich mir seine Liste angeschaut hatte, dachte ich darüber nach welche Bücher ich 2016 gelesen habe.

Immer wieder sage ich, dass lesen für mich wichtig ist. Zum einen regt es mein Denken an, und zum anderen hilft es mir dabei ausgeglichen zu sein. Und so machte ich mich gedanklich auf die Suche nach den Büchern, die ich 2016 gelesen habe.

Diese Liste beinhaltet die Bücher, die ich 2016 komplett gelesen habe. Andere Bücher habe ich angefangen, bisher aber noch nicht zu Ende gebracht. Mal sehen, vielleicht kommen sie dann in eine Liste von 2017. Die Reihenfolge der Bücher stimmt nicht ganz mit der zeitlichen Abfolge überein. Bei einigen habe ich Situationen im Kopf in denen ich sie las, im Wohnzimmer, im Zug, im Krankenhaus und am Strand, so dass mir eine genaue zeitliche Einordnung möglich ist, aber nicht bei allen. Ich beginne am Anfang des Jahres und gruppiere im weiteren Verlauf einige Bücher nach Themengebieten.

Felix Stalder – Kultur der Digitalität

  1. Die globale Überwachung von Glenn Greenwald las ich am Anfang des Jahres. Es war das letzte Buch das ich für einen Kurs las, den ich Ende Januar unterrichtete, und für den ich digitale Kommunikation und den Aspekt der Überwachung besser verstehen wollte.
  2. Papa kann auch stillen von Stephanie Lohaus und Tobias Scholz, wurde mir von Anne Wizorek bei einer Unterhaltung über gelebtes 50/50-Modell empfohlen.
  3. Sokrates: Apologie der Pluralität von Hannah Arendt ist ein Buch zu einer Vorlesung in der Arendt die Pluralität menschlichen Denkens darstellte. Zu diesem Buch habe ich unter dem Titel ›Pluralität und Freundschaft‹ hier schon etwas geschrieben.
  4. The Bricks That Build The Houses von Kate Tempest bestellte ich direkt als Kate auf Twitter darauf hinwies. Mich interessierte wie sie die Geschichte ihres Albums ›Everybody Down‹ in einen Roman umsetzen würde. Tempest schafft es durch den Roman ihren Charakteren mehr Tiefe zu verleihen, und lädt dazu ein, allen Menschen mit Empathie zu begegnen.
  5. The Course of Love von Alain de Botton kaufte ich in London. Vor einiger Zeit hatte ich ›Religion for Atheists‹ gelesen, und es interessierte mich was er über die Liebe schreiben würde. Der Gedanken, dass Liebe mehr ist als ein Gefühl, und eher mit einer Fertigkeit zu vergleichen ist leuchtet mir ein, und die Kombination von Roman und Sachbuch fand ich anregend.
  6. In Real Life von Cory Doctorow und Jen Wang kaufte ich in einem Comicladen in SOHO. Der Boi und ich besuchten den Laden wegen seiner Liebe zu Comics. Als ich dort den Namen Doctorow las, dessen ›Little Brother‹ und ›Homeland‹ mich begeistert hatten, entschied ich mich das Buch ebenfalls zu kaufen, und las es noch während unseres Aufenthalts in London. In dem Buch wird eindrücklich deutlich wie Menschen sich online begegnen, die in komplett unterschiedlichen Situationen leben, und daher nach anderen Kriterien Entscheidungen treffen.
  7. Reality Is Broken: Why Games Make Us Better and How They Can Change the World von Jane McGonigal las ich um die Faszination für Games besser zu verstehen.
  8. Formbewusstsein: Eine kleine Vernetzung der alltäglichen Dinge von Frank Berzbach las ich im Krankenhaus. Mir gefiel der Gedanke, dass Frank ein Plädoyer für bewusstes Leben im Alltag geschrieben hatte. Der eigene Alltag erscheint banal, und dennoch ist er die Zeit in der wir unser Leben verbringen, weswegen er bewusst gestaltet werden sollte. Jeden morgen, wenn ich Obst für unser Frühstück schneide, erinnere ich mich an das Buch.
  9. Open City von Teju Cole hatte ich schon lange auf meinem iPad. Anfangs fiel es mir nicht so leicht in die Geschichte einzutauchen, irgendwann jedoch fand ich mich tief versunken wieder, und bin noch immer fasziniert wie deutliche die Bilder sind, die sich beim lesen in mir formten. Die Geschichte des Buches ist mir so deutlich vor Augen, als hätte ich einen Film darüber gesehen.
  10. Responsible Responsive Design von Scott Jehl war das erste Buch 2016 das ich mit einem Blick auf Accessibility und Performance las.
  11. Designing for Performance: Weighing Aesthetics and Speed von Lara Callender Hogan führte mich noch etwas weiter in bewusste Planung performanter Webseiten ein. Ihre Überlegungen zur Gewichtung von Ästhetik und Performance fand ich sehr hilfreich.
  12. Designing for Touch von Josh Clark las ich für ein besseres Verständnis der Bedienung von Webseiten mit den Fingern.
  13. CSS animations von Val Head ist ein kurzes Buch in dem sie die Grundlagen von Animationen mit CSS erläutert, und diese durch einige interessante Beispiele verdeutlicht.
  14. Git for humans von David Demaree las ich um Git besser zu verstehen. Bis zur Lektüre dieses Buches verwendete ich ausschließlich grafische Oberflächen zur täglichen Interaktion mit Git, ohne bis ins Detail zu verstehen was genau passiert wenn ich den einen oder anderen Button drückte. Demaree vermittelte jedoch so viel grundlegendes Wissen über Git, dass ich seither auch gerne mit der Konsole versioniere und viel besser verstehe was wann geschieht.
  15. Javascript for Webdesigners von Mat Marquis eröffnete mir schließlich ein besseres Verständnis von JavaScript. Ich hatte schon ein paar Bücher über JS gelesen und viele Zeilen Code geschrieben, das grundlegende Verständnis der Sprache hatte sich mir jedoch nie so richtig erschlossen, und so bin ich dankbar durch Marquis mehr verstanden zu haben.
  16. Inclusive Design Patterns von Heydon Pickering war das zweite Buch, das ich mit einem Blick auf Accessibility in diesem Jahr las. Und ich würde dieses Buch jeder und jedem empfehlen, der auf irgendeine Art mit der Entwicklung von Webseiten betraut ist. Pickering schafft es auf lockere Art Accessibility grundlegend zu behandeln und dabei anwendbare Beispiele anzuführen die dazu einladen wichtige Designentscheidungen zu treffen.
  17. Resilient Webdesign von Jeremy Keith ist ein im Netz frei verfügbares Buch, das die grundlegenden Zusammenhänge des Webs erläutert und dazu einlädt das Rad nicht immer neu zu erfinden, sonder an vorhandenem anzuknüpfen und von dort ausgehend zu nachhaltiger Entwicklungen beizutragen.
  18. Kultur der Digitalität von Felix Stalder begegnete mir in einem Artikel über anregende Gedanken, die dabei helfen in unserer Zeit sinnvoll zu leben. Mich inspirieren die ausgewogenen Gedanken, mit denen Stalder sowohl Herausforderung als auch Chancen der aktuellen kulturellen Entwicklung aufzeigt.
  19. Leitwölfe sein: Liebevolle Führung in der Familie von Jesper Juul fasst einige Gedanken deutlich zusammen von denen ich schon in früheren Büchern von Juul gelesen hatte. Wie wichtig das Bewusstwerden der eigenen Grenzen und die liebevolle und klare Kommunikation derselben ist, wurde mir einmal mehr bewusst.
  20. Flipped: The Provocative Truth That Changes Everything We Know About God von Doug Pagitt spricht einige interessante Knackpunkte des Christseins an. «In God we live, move, and exist.« ist eine der Grundaussagen des Buches, die Doug aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet und aufzeigt wie dadurch einige Annahmen auf den Kopf gestellt werden.
  21. What We Talk About When We Talk About God von Rob Bell skizziert ein Verständnis von Gott mit uns, für uns und vor uns.
  22. Getting High: A Savage Journey to the Heart of the Dream of Flight ist ein intensives und persönliches Buch von Kester Brewin. In diesem Buch schreibt er über die menschliche Sehnsucht zu fliegen, sei es mit Flugzeugen oder Drogen und in welchem Zusammenhang das mit der Sehnsucht nach Gott steht.
  23. Insurrection: To Believe Is Human To Doubt, Divine von Peter Rollins hatte ich 2012 bereits gelesen, und wieder herausgeholt als mich die Frage nach meinem Gottesverständnis beschäftigte.
  24. Bei der Lektüre von Insurrection fiel mir auf, dass ich The Divine Magician: The Disappearance of Religion and the Discovery of Faith von Peter Rollins noch nicht gelesen hatte, und so änderte ich das im Urlaub. In diesem Buch verwendet Rollins die Analogie des Zaubertricks um anhand des Abendmahls zu verdeutlichen wie sich Christsein in liebender Hinwendung zum Leben und der UmWelt ereignen kann.
  25. Reforming the Doctrine of God von F. LeRon Shults las ich zum ersten Mal für meine Master Arbeit, auf meiner Suche nach einem angemessenen Verständnis von Gott las ich es 2016 nochmals, und gehe seinen drei Schwerpunktsetzungen momentan noch weiter nach.
  26. Let Them Eat Chaos von Kate Tempest ist der Gedichtband zu ihrem aktuellen Album. Der gesamte Text des Albums an einem Stück, dazu gedacht laut gelesen zu werden. Der perfekte Begleiter zu ihrem wundervollen Album.
  27. Brand New Ancients von Kate Tempest ist der „klassische“ Gedichtband über den ich schon zu oft gelesen hatte, daher habe ich ihn gekauft und schon das ein oder andere Mal laut gelesen, und immer wieder an der einen oder anderen Ecke stehen geblieben um den Worte und Gedanken etwas mehr Raum zu geben.

Das waren die 27 Bücher, die ich 2016 komplett gelesen habe, und über die ich mehr hatte bloggen wollen. Ob sich das in 2017 ändert?

Versicherheitlichung

»Kürzlich tauchte im öffentlichen Sprachgebrauch ein bislang unbekannter — und in gedruckten Wörterbüchern noch nicht zu findender — Ausdruck auf, der rasch Eingang in den Wortschatz von Politikern und Journalisten gefunden hat: securitization — »Versicherheitlichung«. Was dieser Neologismus erfassen und bezeichnen soll, ist die immer häufigere Subsumption von etwas, das bislang einer anderen Gruppe von Phänomenen zugeordnet wurde, unter die Kategorie der insecurity, der Unsicherheit. Nach dieser Neuklassifizierung fällt das betreffende Etwas geradezu automatisch in den Zuständigkeitsbereich und unter die Aufsicht der Sicherheitsorgane. Die beschriebene semantische Mehrdeutigkeit ist natürlich nicht die Ursache dieses Automatismus, aber sie erleichtert ihn. Konditionierte Reflexe kommen ohne langatmige Argumente und anstrengende Überzeugungsarbeit aus. Die Autorität des heideggerschen »Man« oder des sartreschen »l’on« (»So macht man das, oder?«) verleiht ihnen solch eine Selbstverständlichkeit und Selbstevidenz, dass man sie praktisch nicht wahrnimmt oder gar: infrage zu stellen vermag. Der konditionierte Reflex selbst entzieht sich der Reflexion — und hält sich in sicherer Distanz zu den Suchscheinwerfern der Logik. Deshalb nutzen Politiker nur zu gern die Mehrdeutigkeit des Ausdrucks. Sie erleichtert ihnen ihre Aufgabe, sichert ihren Aktionen schon im Voraus verbreitete Zustimmung (wenn auch nicht die versprochenen Wirkungen) und hilft ihnen, die Wähler zu überzeugen, dass sie deren Beschwerden ernst nehmen und unverzüglich dem Mandat gemäß handeln werden, das aus diesen Beschwerden vermeintlich folgt.«

Zygmunt Bauman, Die Angst vor den anderen: Ein Essay über Migration und Panikmache, Seiten 28-29

Den Kontakt suchen

»Doch eines sollte klar sein: Die Politik wechselseitiger Abschottung, die Mauern statt Brücken baut und auf schalldichte Echokammern statt auf leistungsfähige Verbindungen für eine ungestörte Kommunikation setzt (wobei man jegliche Schuld von sich weist und eine als Toleranz verkleidete Gleichgültigkeit demonstriert), führt nirgendwo anders hin als in das Brachland des gegenseitigen Misstrauens, der Entfremdung und der Verschärfung der Lage. Eine derart selbstmörderische Politik, die kurzfristig für ein scheinbares Wohlbefinden sorgt (indem sie die Herausforderung außer Sichtweite jagt), sammelt Sprengstoff für zukünftige Explosionen. Und deshalb liegt ein weiterer zwingender Schluss auf der Hand: Der einzige Weg aus den aktuellen Unannehmlichkeiten wie auch den zukünftigen Leiden führt über die Ablehnung der trügerischen Versuchung, sich abzuschotten. Statt uns zu weigern, den Realitäten unserer Zeit, den mit dem Diktum »Ein Planet, eine Menschheit« verbundenen Herausforderungen ins Auge zu blicken, statt unsere Hände in Unschuld zu waschen und die störenden Unterschiede, Ungleichheiten sowie die selbst auferlegte Entfremdung auszublenden, müssen wir nach Möglichkeiten suchen, in einen engen und immer engeren Kontakt mit den anderen zu gelangen, der hoffentlich zu einer Verschmelzung der Horizonte führt statt zu einer bewusst herbeigeführten und selbst verschärfenden Spaltung

Zygmunt Bauman, Die Angst vor den anderen: Ein Essay über Migration und Panikmache, Seite 23.

Fuck you, oder?

Wer über Weihnachten und danach krank ist, hat Zeit nachzudenken. Diese Übergangszeit bot mir also die Möglichkeit einige Situationen Revue passieren zu lassen, und dabei über einiges zu stolpern auf das ich ohne viel nachzudenken mit einem knappen ›Fuck You‹ reagieren und mich anschließend abwenden möchte.

Sometimes it takes no thought at all
The easiest thing to do
Is say fuck you

Bad Religion, Fuck You.

Wie Bad Religion hier feststellen ist es das einfachste, ohne viel nachzudenken ›Fuck You‹ zu sagen und dem eigenen Pessimismus Ausdruck zu verleihen. Als spontane Reaktion mag ein schlichtes ›Fuck You‹ genügen, in der Reflexion des Lebens jedoch wirkt es zu kurz gegriffen.

Etwas mehr Gedanken, eine gute Portion Empathie und das Entwerfen alternativer Szenarien erscheinen mir sinnvoller, und führen weiter als eine abschließende Geste.

Mein Jahr der Musik 2016

Musik begleitet mein Leben. Die meiste Musik höre ich digital über Spotify oder iTunes, und – sofern die Einstellungen korrekt sind – lasse ich last.fm mitzählen. Aus diesen Zahlen erstellte ich einige Jahre Charts nach Wochen, Monaten und Jahren sortiert. Diese Charts waren zunächst automatisiert und wurden später von Hand erstellt. Nachdem ich im letzten Jahr keinen Rückblick auf 2015 zusammengestellt habe, möchte ich in diesem Jahr diese alte Tradition wieder aufgreifen, und präsentiere Euch hier die Künstler_innen, Alben und Tracks die mich im vergangen Jahr begleitet haben:

Die Künstler_innen

  1. Kate Tempest (564)
  2. Chefket (356)
  3. CBN (343)
  4. Beyoncé (294)
  5. Kendrick Lamar (260)
  6. Loyle Carner (223)
  7. I am Oak (211)
  8. EF (163)
  9. Bad Religion (158)
  10. Black Oak und Bon Iver (je 155)
  11. Fatoni (154)
  12. Ghostpoet (151)

Die Alben

  1. Let Them Eat Chaos – Kate Tempest (393)
  2. Tourist – CBN (333)
  3. Lemonade – Beyoncé (294)
  4. Nachtmensch – Chefket (170)
  5. Our Blood – I am Oak (161)
  6. Yo, Picasso – Fatoni (143)
  7. Man Made Object – GoGo Penguin (131)
  8. Rooms of the House – La Dispute (126)
  9. Some Say I So I Say Light – Ghostpoet (125)
  10. Nichts dagegen, aber – Texta (120)
  11. 22, A Million – Bon Iver (118)
  12. Not to Disappear – Daughter (114)

Die Tracks

  1. Kate Tempest — Picture A Vacuum
  2. Loyle Carner — Ain’t Nothing Changed
  3. Beyoncé — Freedom (feat. Kendrick Lamar)
  4. CBN — Delfin (feat. Leduc)
  5. Fatoni — Authitenzität
  6. Chefket — Schritt Zurück
  7. EF — 11 Shots and a Sudden Death
  8. Kendrick Lamar — untitled 03 05.28.2013.
  9. Bon Iver — 33 “GOD”
  10. I am Oak — Dacem
  11. Black Oak — Gallop
  12. Rue Royale — Adhesive

Eine Liste dieser Tracks habe ich für Euch auf Spotify zusammengestellt: Tracklist 2016. Freedom von Beyoncé und Kendrick Lamar ist leider nicht auf Spotify, das müsst ihr Euch auf YouTube ansehen.

Writing and Thinking

«You write not after you’ve thought things through; you write to think things through.»

André Aciman in Teju Cole, Known and Strange Things, 66.

Love as opening up

«To love is to experience a world come alive, but it also means opening oneself up to poignant suffering. When we open ourselves up to love, we do not leave pain behind in favor of pleasure; rather we open ourselves up to an experience of depth and meaning that involves both pain and pleasure. For when life is infused with depth and wonder, we cannot help but experience our fair share of both happiness and unhappiness.

It is only in protecting ourselves from love that we can hope to protect ourselves from suffering. By creating a closed circle around ourselves, where we care only for our own well-being, we create barriers that protect us from the storms of life, but that also shields us from life’s summer days.»

Peter Rollins, The Divine Magician, 80.

Gott und Beziehung

»Wir meinen, daß die Idee-des-Unendlichen-in-mir – oder meine Beziehung zu Gott – mir in der Konkretheit meiner Beziehung zum anderen Menschen zukommt, in der Sozialität, die meine Verantwortung für den Nächsten ist: Verantwortung, die ich in keiner ,Erfahrung‘ vertraglich eingegangen bin, aber zu der das Antlitz des Anderen, aufgrund seiner Anderheit, aufgrund eben seiner Fremdheit, das Gebot spricht, von dem man nicht weiß, woher es gekommen ist.

[…]

… so, als ob das Antlitz des anderen Menschen, das von vornherein mich verlangt und mir befiehlt, der Knoten ebenjener Verflochtenheit wäre, in der durch Gott die Idee Gottes und jede Idee überschritten wird, in der er noch gemeint, sichtbar und erkannt wäre, und in der das Unendliche durch die Thematisierung in der Gegenwart oder in der Vergegenwärtigung widerlegt würde.

[…]

Hingebung, die in ihrem Des-inter-esse gerade nicht ein Ziel verfehlt, sondern die – durch einen Gott, „der den Fremden liebt“ eher, als daß er sich zeigt – umgewendet wird hin zum anderen Menschen, für den ich verantwortlich zu sein habe. Verantwortung ohne Sorge um Gegenseitigkeit: ich habe für den Anderen verantwortlich zu sein, ohne mich um die Verantwortung des Anderen für mich zu kümmern. Beziehung ohne Wechselbeziehung oder Liebe zum Nächsten, die Liebe ohne Eros ist. Für-den-anderen-Menschen und dadurch Zu-Gott!«

Emmanuel Lévinas, Wenn Gott ins Denken einfällt, Seiten 18-20.