SOLO

If you don’t think women are equal to men, if you think that refugees just want to steal our jobs, or if you feel that gays shouldn’t kiss in public, then fuck off and don’t read this magazine! There is no room here for sexism, homophobia, misogyny, or racism.

Editorial, SOLO, Issue 34.

Mit diesem Editorial macht SOLO einmal mehr deutlich, weshalb es neben der Art und Weise wie sie Skateboarding darstellen und das Magazin gestalten, das Skateboarding Magazin meiner Wahl sind.

Hyperfocus

»You enter into hyperfocus when you engage both your thoughts and your external environment and direct them at one thing intentionally.«

Chris Bailey, Hyperfocus: How to be more productive in a world of distraction. Page 55f.

Soziologie und Dialog

Zygmunt Bauman beendet das Buch Collateral Damage: Social Inequalities in a Global Age mit einem Kapitel über Aufgabe und Entwicklung der Soziologie. Dabei bezieht er sich auf eine Rede, die er auf dem Weltkongress der Soziologie 2010 in Götheburg gehalten hatte.

Soziologie wurde aus der modernen Bestrebung geboren die Gesellschaft besser zu machen. Im Laufe der Jahre veränderten sich das Verständnis davon wie eine bessere Gesellschaft aussehen würde und somit auch die Soziologie als solche. Die Bestrebung die Gesellschaft besser zu machen blieb jedoch der unveränderliche Faktor soziologischer Arbeit.

Zu Beginn ihres Bestehens musste sich Soziologie als Wissenschaft etablieren. Dabei zeigte sich ein deutlicher Unterschied des Zugangs wissenschaftlicher Arbeit, während es in anderen Zweigen, im Sinne des Monologs, um die Erarbeitung einer wissenschaftlichen Aussage ging, stand in der Soziologie die Herausarbeitung unterschiedlicher Stimmen und Wahrnehmungen im Zentrum. Ihr ging es eher um Dialog, einen anhaltende Austausch um die Lebenswelt zu erkunden.

»I’d say that the twin roles which we, sociologists, are called on to perform in that dialogue are those of the defamiliarizing the familiar and familiarizing (taming, domesticating) the unfamiliar.«

Bekanntes zu entfremden und Unbekanntes bekannt zu machen bezeichnet Bauman als die Zwillingsrolle der Soziologie im gesellschaftlichen Dialog. Mit großem Geschick müssen Verbindungen, Einflüsse und Abhängigkeiten genau untersucht werden, gleichzeitig sollen fragmentierte und unverbundene Wahrnehmungen der Lebenswelt wieder verbunden werden. Eine weitere Aufgabe ist es, die Denkweise einer Gesellschaft zu betrachten, und sie somit aus dem Unterbewusstsein zu holen und genau zu untersuchen. Auf diese Weise wird sowohl über die gesellschaftlichen Interaktionen ein Dialog geführt, als auch darüber wie diese wahrgenommen werden. Bei diesem Dialog geht es um ein gemeinsames Klären der Angelegenheiten. Die Wahrnehmungen der Lebenswelt wird dabei nicht auf eine Aussage reduziert, sondern durch die zur Sprache kommenden unterschiedlichen Wahrnehmungen multipliziert und erweitert. Das Ziel besteht also eher darin die Unterhaltung am Laufen zu halten als sie zu einem Ende zu bringen.

»To be sure, dialogue is a difficult art. It means engaging in conversation with the intention of jointly clarifying the issues, rather than having them one’s own way; of multiplying voices, rather than reducing their number; of widening the set of possibilities, rather than aiming at a wholesale consensus (that relic of monotheistic dreams stripped of politically incorrect coercion); of jointly pursuing understanding, instead of aiming at the other’s defeat; and all in all being animated by the wish to keep the conversation going, rather than by a desire to grind it to a halt. Mastering that art is terribly time-consuming, though far less time-intensive than practising it. Neither of the two undertakings, nor the mastering and practising together, promise to make our life easier. But they do promise to make our lives more exciting and rewarding to us, as well as more useful to our fellow humans – and to transform our professional chores into a continuous and neverending voyage of discovery.«

Beim Lesen des Kapitels wurde ich wieder daran erinnert wie stark mich dieses Verständnis des anhaltenden Dialogs geprägt hat, und weshalb es mir daher oft schwer fällt denen zu folgen, die ihre Beobachtungen der Lebenswelt – oder vieler anderer Themen – auf einfache Formeln herunter zu brechen und daraus einfache Lösungen ableiten.

Durch diese Art des Dialogs wird, wie Zygmunt Bauman treffend beobachtet, das Leben nicht einfacher, aber sie beinhaltet ein Versprechen es aufregender und bereichernder zu machen. Soziologie gleicht damit einer niemals endenden Entdeckungsreise.

Gemeinwohl in der Weltgemeinschaft

Zygmunt Bauman spricht im ersten Kapitel von ›Collateral Damage: Social Inequalities in a Global Age‹ von Faktoren an denen eine gut funktionierende Demokratie erkannt werden kann. Im weiteren Verlauf des Kapitels legt er nachvollziehbar den schwindenden Einfluss des Nationalstaats dar.

»What was essentially expected or hoped to be achieved in the agora was the reforging of private concerns and desires into public issues; and, conversely, the reforging of issues of public concern into individual rights and duties. The degree of democracy of a political regime may therefore be measured by the success and failure, the smoothness and roughness of that translation: to wit, by the degree to which its principal objective has been reached, rather than, as is often the case, by staunch obedience to one or another procedure, viewed wrongly as the simultaneously necessary and sufficient condition of democracy – of all democracy, of democracy as such.«

Weder Gehorsam gegenüber der Obrigkeit noch die Höhe der (Wahl-)Beteiligung sind demnach entscheidende Faktoren einer gut funktionierenden Demokratie, sondern wie gut sie es schafft die privaten Bedürfnisse in öffentliche Themen zu übertragen, und andersherum die öffentliche Themen in private Rechte und Pflichten zu transferieren. Das Gemeinwohl wäre demnach der bestimmende Faktor an dem sich eine gut funktionierende Demokratie messen lassen kann. So verstanden dient die Demokratie ähnlich einer kollektiven Absicherung für privates Unglück und der damit verbundenen Konsequenzen.

»A state is ‘social’ when it promotes the principle of communally endorsed, collective insurance against individual misfortune and its consequences.«

»We now have power free from politics, and politics devoid of power. Power is already global; politics stays pitifully local. Territorial nation-states are local ‘law and order’ police precincts, as well as local dustbins and garbage removal and recycling plants for the globally produced risks and problems.
There are valid reasons to suppose that on a globalized planet, with the plight of everyone everywhere determining the plight of all the others while being determined by them, one can no longer assure and effectively protect democracy ‘separately’: in one country, or even in a few selected countries, as in the case of the European Union. The fate of freedom and democracy in each land is decided and settled on the global stage; and only on that stage can it be defended with a realistic chance of lasting success.«

Die von Max Weber identifizierte Unterscheidung von privatem und öffentlichem Interesse, erfährt laut Bauman in der Globalisierung in gewissem Sinne eine Wiederholung. Ging es bei Weber um die Verschiebung von persönlichen zu staatlich-öffentlichen Bereichen, bezieht sich die Wiederholung auf die Verschiebung von staatlichen Interessen hinzu globalen Bezügen. Die Bedeutung des Nationalstaates nimmt ab. Dieser hat immer weniger Einfluss auf das Gemeinwohl, da sich das Leben in globalen Zusammenhängen abspielt und somit die Auswirkungen über die Grenzen hinweg bewegen.

»The ‘social state’ is no longer viable; only a ‘social planet’ can take over the functions that social states tried, with mixed success, to perform.
I suspect that the vehicles likely to take us to that ‘social planet’ are not territorially sovereign states, but rather extraterritorial and cosmopolitan non-governmental organizations and associations; those that reach directly to people in need above the heads of and with no interference from the local ‘sovereign’ governments.«

Gemäß der eben angedeuteten Abnahme des Einflusses von Staaten, spricht Bauman im folgenden vom ›Sozialplanet‹ im Sinne einer Weltgemeinschaft innerhalb der das Gemeinwohl der bestimmende Faktor ist. Hierfür werden Staaten nicht als die gestaltende Kräfte verstanden, vielmehr erwartet er hier die Wirkung von kosmopolitischen Nichtregierungsorganissationen.

Ausgehend von der Beobachtung, dass es in allen Gesellschaften Personen(-Gruppen) gibt deren Wohl nicht eingeplant ist, spricht Bauman von der Bedeutung der Weltgemeinschaft, und weist dadurch auf darauf hin, dass es in der Weltgemeinschaft Personengruppen gibt über die hinweg entschieden wird, und deren Unglück im Nachhinein als Kollateralschaden bezeichnet wird. Die Verantwortung für das Gemeinwohl der Weltgemeinschaft bezieht sich meiner Ansicht nach auch auf den Umgang mit dem Planeten, über den aktuell hinsichtlich des Klimawandels gesprochen wird.

Empowering Users

„We shouldn’t be collecting people’s information. We should be empowering them to own their information and control what they choose to share“

Laura Kalbag in Smashing Magazine Print #1: Ethics & Privacy.

Eigener Antrieb

Die Annahme, den Klimawandel durch freie Konsumentscheidung aufzuhalten, erscheint mir als zu kurz gegriffen. In der aktuellen taz interviewt Jost Maurin den Agrarökonomen Sebastian Lakner, der vorschlägt durch eine Kennzeichnung der Lebensmittel entsprechend ihres Anteils an Emissionen die Konsumentscheidung zu beeinflussen:

»Man könnte Lebensmittel danach kennzeichnen, wie viel Treibhausgasemissionen sie verursachen. Fleisch und Milchprodukte wie Butter und Quark haben recht hohe Werte. Der Staat sollte für so eine Kennzeichnung und damit für Markttransparenz sorgen, dann können die Verbraucher selbst entscheiden.«

Meine Kritik an dieser freien Konsumentscheidung setzt dort an, wo wir bisher viele Entscheidungen treffen, die zu kognitiven Abwägungen im Widerspruch stehen. Es gibt Menschen, die auf Grund solcher Auszeichnungen andere Entscheidungen treffen, es gibt ja auch heute viele, die ihr Verhalten hinterfragen und schrittweise anpassen. Mir scheint jedoch der Anteil des veränderten Konsumverhaltens in einem Missverhältnis dazu zu stehen, wie deutlich sich unsere Lebensweise ändern müsste, um dem Klimawandel ernsthaft zu begegnen.

Wir wissen um die Auswirkungen unseres Verhaltens auf das Weltklima

Dennoch sehnen wir uns nach einem neuen Computer oder Smartphone, die entwickelt, produziert und transportiert werden müssen. Unsere Verwendung derselben macht immer größere Serverfarmen notwendig, die ihrerseits Unmengen von Energie verbrauchen. Die Auswirkungen der Tierhaltung auf das Weltklima ist uns bekannt, auf Milchprodukte, Fleisch und Wurst wollen viele von uns dennoch nicht verzichten. Nicht nur auf Grund der digitalen Transformation wurde die Welt zu einem Dorf, sondern auch auf Grund unserer Mobilität. Welchen Einfluss diese auf das Weltklima hat, entzieht sich unserer Kenntnis nicht. Und dennoch locken uns entlegene Flecken, steigen wir in Autos, Flugzeuge, Schiffe und ärgern uns wenn die Klimaanlage des Zuges mal wieder ausgefallen ist.

Den individuellen Konsumentscheidungen messe ich zwar einen gewissen Anteil an der notwendigen Veränderung bei, denke aber, dass wir gesamtgesellschaftliche Lösungsansätze brauchen, um eine Veränderung zu leben, die der Notwenigkeit entspricht.

Wie genau sich das Paket der notwendigen Veränderungen zusammensetzt kann ich schwer abschätzen. Veränderungen im Umgang mit Nahrungsmitteln und der Landwirtschaft werden Ihren Anteil daran haben – was ja nicht zuletzt im heute veröffentlichten Bericht des Weltklimarates deutlich wurde. Die viel besprochene Verkehrswende mit einem neuen Mix von Verkehrsmitteln wird ebenfalls einen Beitrag leisten. Ob diese am Besten durch Förderung von alternativen Antrieben, Fahrverbotszonen, einem veränderten Steuersatz auf Flug- und Bahnreisen und einer deutlichen Hinwendung des Öffentlichen Personennahverkehrs zu erziehlen ist, schwer zu sagen, wahrscheinlich wird von Allem etwas nötig sein.

Die Abwälzung der Verantwortung auf Bürger*innen jedoch halte ich für zu kurz gegriffen. Wir brauchen Veränderungen im System. Szenarien möglicher Zukünfte müssen entwickelt und besprochen werden, und mir scheint als sollten wir damit aufhören abzuwarten und vielmehr versuchen die Systemänderungen angehen, schrittweise, und als Gesellschaft immer wieder reflektieren welche positiven und negativen Aspekte dabei zu Tage treten und entsprechend Anpassungen vornehmen.

Petrol Girls – Weather Warning

Die Petrol Girls bezeichnen sich selbst als Raging Feminist Post Hardcore. Mit dieser Bezeichnung konnte ich mich direkt identifizieren, und so stöberte ich Ende Februar durch ihre Musik auf Spotify. Und was ich dort fand begeisterte mich auf ganzer Linie, sowohl musikalisch als auch thematisch überzeugten mich die Petrol Girls.

Petrol Girls – Weather WarningPetrol Girls – Weather Warning (auf YouTube)

Am 24. Mai erschien ihr aktuelles Album Cut & Stitch, auf dem sich auch Weather Warning, das oben verlinkte Video befindet.

Petrol Girls erinnern mich an Refused, und das meine ich durchweg positiv. The Shape of Punk To Come war für mich ein richtungsweisendes Album, und mir scheint als knüpften die Petrol Girls dort an und tragen ihren Teil zur Weiterentwicklung von Post Hardcore mutig bei. Dazu gehört für mich auch die Thematisierung von toxischer Maskulinität und viel allgemeiner noch das Empowerment von Frauen und anderen kulturell an den Rand gedrängter Personen.

Auf ihrer aktuellen Tour spielen sie in vielen europäischen Städten, und kommen vielleicht auch in Deine Nähe.

Fatoni – Clint Eastwood

Heute erscheint Clint Eastwood, die zweite Single des kommenden Albums von Fatoni. Der Track und das dazugehörige Video sind beste Unterhaltung.

Mit den ersten beiden Singles von Andorra, wie das Album heißen wird, beweist Fatoni erneut wie gekonnt er augenzwinkernd wichtige Fragen stellt.

»Wie oft hab’ ich gedacht, es wird alles immer dümmer. Doch dann sah ich ihn wieder, diesen Mann im Spiegel, und mir fiel auf, ich werde auch nicht jünger, könnte ja vielleicht auch daran liegen.«

Also im Ernst, nehmt Euch die 3 Minuten und schaut auch das Video an, ihr werdet es nicht bereuen:

Fatoni – Clint EastwoodVideo zu Clint Eastwood von Fatoni (YouTube)

Und wer noch einen Moment mehr Zeit hat, dem empfehle ich selbstverständlich das Video zu ›Die Anderen‹, der erste Single. Ich freue mich auf das Album, und darauf Fatoni im Juni endlich live zu sehen.

Loyle Carner – You Don’t know

Kommenden Freitag erscheint ›Not Waving, But Drowning‹, das neue Album von Loyle Carner. Mich begeistert die sympathische Unaufgeregtheit der Musik von Loyle Carner, und so vertreibe ich mir mit den bisherigen Single-Auskopplungen die Wartezeit. Mit dem Video zu »You Don’t Know« lade ich Euch ein dasselbe zu tun:

Loyle Carner – You Don’t KnowVideo zu You Don’t Know von Loyle Carner (YouTube)

Verkehrte Welt

Wer täglich in einer Stadt unterwegs ist, kennt ihn, den Konflikt zwischen Personen auf Fahrrädern und solchen in Autos. Da wird schon mal eng aufgefahren, gefährlich überholt oder bewusst kein Platz gemacht. Dieser Dauerkonflikt wird nach Ansicht des Verkehrspsychologen Bernhard Schlag durch „gegenseitige falsche Wahrnehmungen“ befeuert, „weil jeder den anderen verdächtigt, ihm Räume wegzunehmen“. Die Folgen sind bekannt. Das Verhalten der Verkehrsteilnehmer*innen ist nicht selten geprägt von Neid, Stress und Aggression. Diese Zutaten führen zu einem gefährlichen Cocktail, der viel zu oft schlecht ausgeht.

Appelle an das Verhalten der Verkehrsteilnehmer*innen alleine genügen nicht. Nach Schlag ist eine andere Verkehrspolitik notwendig, und damit einhergehend grundsätzliche Reformen der Städteplanung.

„Der Staat hat die Pflicht, Verkehre sicher zu gestalten, verantwortungsvoll an die Geschwindigkeit der langsameren Verkehrsteilnehmer angepasst.“

[…]

„Wir brauchen eine Umkehrung der Beweislast. Eine verantwortungsbewusste Stadt muss erst belegen, dass eine Straße sicher genug ist für mehr als Tempo 30.“

[…]

„Autofahrer müssen lernen, dass sie Gast sind in den Städten. Und dass das nicht das eigene Biotop ist.“

Bernhard Schlag in »Rad ab« von Bernd Müllender in taz, Dienstag 19.03.2019

Der gesamte Artikel »Rad ab« von Bernd Müllender in der taz von Dienstag (19.03.2019), der die Verkehrspolitik am Beispiel von Aachen thematisiert, ist meiner Ansicht nach lesens- und bedenkenswert.