In Beziehung stehen – Gedanken zu einem kollektiven Ansatz

Letzte Woche [vor dem Seminar] hatte ich die Gelegenheit mit Daggi und Markus zusammen zu sitzen und ausgiebig theologische Themen zu diskutieren. Das schöne an unserer Dreierrunde war, dass wir keinerlei Rücksicht auf unsere Sprache und die Themen und Sphären nehmen mussten, in denen wir verkehrten. Danke.

Bei unseren Ausflügen kamen wir irgendwann an der Frage vorbei, ob wir unseren Gedanken über Gemeinde ein kollektives oder individuelles Verständnis zu Grunde legen. Diese Gedanken kamen von unserem Gespräch an immer wieder bei mir hoch und so werde ich jetzt auch etwas dazu schreiben…

Wie du, lieber Leser, bereits festgestellt hast, lese ich gerade ein Buch [um genau zu sein, vier Bücher in einem] von Martin Buber. Und da ich während des Lesens über diese Sachen nachgedacht habe, werde ich meine Gedanken auch an Buber-Zitaten festmachen.

Wir hatten uns ja über Grundlagen unseres Gemeindeverständnisses unterhalten. Aus diesem Grund beginne ich mit einer Aussage Bubers über Gemeinde [wobei es meiner Ansicht nach in seinen Aussagen interpretierbar bleibt von welcher Art Gemeinde er spricht]:

»…die wahre Gemeinde entsteht nicht dadurch, daß Leute Gefühle füreinander haben (wiewohl freilich auch nicht ohne das), sondern durch diese zwei Dinge: daß sie alle zu einer lebendigen Mitte in lebendig gegenseitiger Beziehung stehen und daß sie untereinander in lebendig gegenseitiger Beziehung stehen. Das zweite entspringt aus dem ersten, ist aber noch nicht mit ihm allein gegeben. Lebendig gegenseitige Beziehung schließt Gefühle ein, aber sie stammt nicht von ihnen. Die Gemeinde baut sich aus der lebendig gegenseitigen Beziehung auf, aber der Baumeister ist die lebendig wirkende Mitte.«

[Buber, 47f.]

Gemeinde wollen wir ja vor allem auf Beziehungen verstanden wissen. Deswegen kommen uns diese Grundlagen von Gemeinde, wie Buber sie formuliert, sehr gelegen. Die erste Beziehung, die [gemeinsam] gelebt wird, ist die Beziehung zu einer lebendigen Mitte [die ich an dieser Stelle einfach als Beziehung zu dem Ewigen, wie Buber ihn nennt, verstanden haben möchte – siehe dazu auch seine Aussage zu der Mitte als Baumeister]. Die zweite Beziehung, von der er redet, ist die Beziehung der „Gemeindeglieder“ zueinander. So sind es diese beiden Beziehungsebenen, die für Gemeinde grundlegend sind. »Nichts Neues, Daniel.« magst du sagen, und mir ist das auch klar, dennoch erscheint es mir hier zentral, das mal wieder zu erwähnen. Wahrscheinlich vor allem wegen dem was Buber weiter über die Personen schreibt, aus denen sich eine Gemeinde potentiell zusammensetzt.

Er beobachtet zwei unterschiedliche Grundaussrichtungen. Es gibt einerseits Menschen, die, wie wir sagen würden, eher sachbezogen leben, vielleicht auch projektorientiert. Ihnen bescheinigt Buber eine Ich-Es-Beziehung und nennt sie Eigenwesen. Sie charakterisieren sich seiner Meinung nach dadurch, dass sie sich gegen andere [allgemein verstanden] absetzen.
Auf der anderen Seite beobachtet er Menschen, die eher personenbezogen leben, anders ausgedrückt: beziehungsorientiert. Nach Buber zeichnen sich diese Menschen dadurch aus, dass sie zu anderen in Beziehung treten. Sie leben in Ich-Du-Beziehungen und werden von Buber Person genannt. In beobachtender Manier stellt Buber dann einige Situationen dar, die es uns ermöglichen die Personengruppen zu erleben:

»Die Person sagt: »Ich bin«,
das Eigenwesen: »So bin ich«.
»Erkenne dich selbst« bedeutet
der Person: »erkenne dich als Sein«,
dem Eigenwesen: »erkenne dein Sosein«.

Indem das Eigenwesen sich gegen andere absetzt, entfernt es sich vom Sein.«

[Buber, 66]

Durch diese Gedanken wurde in mir die Annahme bestärkt, dass ein kollektiver Ansatz eng mit Beziehungsorientierung zusammen hängt. Die Betonung liegt dadurch stark auf der gemeinsam gelebten Beziehung und dadurch auf der Gemeinschaft.

Was meint ihr dazu?

7 Reaktionen

  1. Ja, aber… (mein Lieblingsanfang) Ich denke, dass ein kollektiver Ansatz beziehungsorientiert sein muss, aber dass unsere Gesellschaft die Tendenz hat Beziehung zu individualisieren. Wir fragen bei Beziehung nicht mehr „Was bringt es dem anderen?“ sondern „Was bringt es mir?“. Von da aus entscheiden wir, mit wem wir in Beziehung treten wollen und mit wem nicht. Buber sieht das natürlich nicht so. Wenn ich das aus deinem Post richtig interpretire, dann definiert sich Beziehung von der Mitte her, von dem der sie stiftet. Deswegen dürfen wir meiner Meinung nach Nachfolgegemeinschaft nicht mit „Freundschaftsgemeinde“ verwechseln, was aber Beziehungsorientierung für manche (leider) heißt.

  2. Sehr, sehr spannendes Thema! Wichtige Anmerkung von Daggi. In gewissem Sinne scheinen sich unsere Beziehungen tatsächlich verdinglicht zu haben. Man lebt nicht in oder aus Beziehungen heraus, sondern ‚investiert‘ in sie. Es lohnt sich immer auf die Metaphern zu schauen, in denen wir über Dinge reden.
    Aus dem Dilemma unseren heutigen übermächtigen Individualismus im Denken und Handeln zu überwinden, kann glaube ich kein ‚Rückfall‘ in den Kollektivismus helfen. Eine mögliche Alternative könnte m.E. die intersubjektive Denkweise liefern. Was könnte dies für das Zusammenleben bedeuten? Ich glaube zuallererst müssen wir lernen uns nicht zuerst als Individuen zu sehen, die dann im nachhinein Beziehungen eingehen, sondern der Tatsache gerecht werden, dass wir schon immer in Beziehungen leben, dass wir aus ihnen hervorgehen, in ihnen aufwachsen und somit niemals beziehungslos sind oder sein können. Dies bedeutet dann auch unsere gegenseitige Abhängigkeit, Verletztlichkeit und gegenseitige Verantwortung einzusehen. Vielleicht könnte so eine Gemeinschaft entstehen, die sich nicht dadurch auszeichnet, dass wir mit anderen etwas gemeinsam haben (und somit in der Gruppe Konformitätsdruck erzeugt und den Rest, die out-group ausschließt), sondern dadurch, dass wir uns gegenseitig etwas schuldig sind. Und das wir diese ‚etwas‘ nicht definieren können. Ich schulde meinen Eltern etwas, aber ich kann nicht sagen was. Ich kann nicht sagen, so jetzt habe ich euch genug zurückgegeben, jetzt haben wir nichts mehr miteinander zu tun.
    Oh, das ist jetzt aber lang geworden. Und doch viel zu kurz zu diesem komplexen Thema. Muss dringend mal dazu was posten.

  3. Danke sehr für eure Kommentare. Finde eure beiden Anmerkungen sehr wichtig und habe das Gefühl, dass ihr Dinge ansprecht, die ich implizit auch sagen wollte – aber wie so oft nicht in Worte gefasst habe. An Tagen wie diesem, an denen hier einiges passiert und Synergien entstehen liebe ich das Bloggen besonders.

    Es geht mir mit einem kollektiven Ansatz auch nicht um ein Ersetzen des einen -ismus mit einem anderen, sondern eher, wie ihr es geschrieben habt um eine Öffnung in Richtung der Beziehungen (Ich-Du) weg von einer Individualisierung.

    Würde mich sehr freuen, wenn ihr Zeit findet über dieses Thema zu bloggen…

  4. Hab‘ das jetzt alles gelesen, weil ich bei kollektiver ansatz II gepostet hatte, ohne hier zu lesen – und ich wollt’s doch wissen.

    Das ist ungemein interessant, was ihr alle schreibt und ich find’s voll gut! Danke, das gibt mir sehr viel!

    @depone: Das mit den „zwei Typen“, schreibt der Monsieur Buber da noch mehr drueber? Da fand‘ ich ein paar Sachen komisch, zum Beispiel, warum er nur einen beziehungsorientierten Menschen als „Person“ bezeichnet und so weiter. Und da wuesste ich gern mehr.

    Oder ist es so viel, dass ich’s besser selbst lese?

    Ich hab‘ oben von Synergie geredet. Letztlich definiert sie sich aber doch aus einzelnen Energien, die zusammenkommen. Also aus dem bewussten Buendeln individueller Energie. Oder?

    Hmm, ich such‘ mal nach ’ner Definition.

  5. Zugegebenermassen mein derzeitiger Lieblingsbegriff, fasziniert mich:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Synergie

    (Ach, und zum Thema Firmenfusionen, siehe Definition, fand‘ ich ganz interessant und hab’s nochmal genau nachgeschlagen :
    Untersuchung von 700 Fusionen zwischen ’96 und ’98:nur 17 % brachten Mehrwert ein, in 53 % der Faelle wuerde ein Verlust eingefahren, 30 % der Fusionen hatten keine Wertaenderung zur Folge)

    Warum ich das einfuege? – Wie erreicht man den sogenannten „X-Faktor“, dieses Plus an Energie?

    Und warum rechnen 82 % der Experten/Direktoren im Voraus fest mit einem Gewinn? (ok, nur ein Bild, ich weiss)

    Und klar, ich moechte gerne mit Gott rechnen als dem X-Faktor bzw. dem Koordinator etc. ….

    Ist das jetzt nachvollziehbar oder voellig verquer von mir?

  6. […] beschäftigt um die “Stimme verschwebenden Schweigens” zu hören, wie Martin Buber (1|2|3|4)1.Könige 19,12 übersetzte. Ich ziehe daraus zwei Konsequenzen: es ist nötig stiller zu werden […]

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  • die Schönheit des Simplexen » Blog Archive » Träume - Hiob 4,12-16

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