Die Chassidim und Inkarnation

Der Limitiertheit des Titels dieses Eintrages bin ich mir sehr bewusst, da es sich bei den Chassidim um eine jüdische Glaubensrichtung handelt und Inkarnation zutiefst mit dem Gedanken der Menschwerdung Gottes in Jesus verbunden ist. Dennoch erscheint mir in einigen Punkten eine Ähnlichkeit der »Weltsicht« und damit verbunden der Art den Glauben zu leben vorhanden zu sein.

Kirsch geht davon aus, dass Buber im Chassidismus eine Glaubenshaltung gefunden hat, die seiner Lebensauffassung entsprach, da sie den beständigen intimen Dialog zwischen Mensch und Gott und eine alltägliche Verbindung zwischen Natürlichem und Göttlichem betont. Genau in diesen beiden Punkten sehe ich auch eine Nähe zu manchen Gedanken die wir im Bezug auf eine inkarnatorische Spiritualität [dazu könnte man auch die beiden Kapitel zu inkarnatorischer Ekklesiologie und messianischer Spiritualität bei Frost und Hirsch lesen] betonen. Um die Nähe der Gedankenwelten etwas deutlicher zu machen und das Prinzip Bubers ernst zu nehmen, möchte ich ihn einfach durch ein paar Zitate reden lassen:

„Sie [die Lehre des Chassidismus] läßt sich in einem Satz zusammenfassen: Gott ist in jedem Ding zu schauen und durch jede reine Tat zu erreichen.

Diese Einsicht ist aber keineswegs , wie man vermeint hat, der pantheistischen Weltanschauung gleichzusetzen. Für die chassidische Lehre ist die ganze Welt nur ein Wort aus Gottes Mund; und dennoch ist das geringste Ding in der Welt würdig, daß Gott sich aus ihm dem Menschen, der ihn wahrhaft sucht, offenbare; denn kein Ding kann ohne einen göttlichen Funken bestehen, und diesen Funken kann jeder zu jeder Zeit und durch jede, auch die gewöhnlichste Handlung entdecken und erlösen, wenn er sie nur in Reinheit, ganz auf Gott gerichtet und gesammelt, vollbringt.

Darum gilt es nicht, in einzelnen Stunden nur und mit bestimmten Worten und Gebärden Gott zu dienen, sondern mit dem ganzen Leben, mit dem ganzen Alltag, mit der ganzen Weltlichkeit. Nicht darin besteht das Heil des Menschen, daß er sich vom weltlichen fernhalte, sondern daß er es heilige, es dem göttlichen Sinn weihe: seine Arbeit und seine Speise, seine Ruhe und seine Wanderschaft, den Aufbau der Familie und den Aufbau der Gesellschaft.“

[Buber, Mein Weg zum Chassidismus, in Werke III, 962 – zitiert nach Kirsch, 64]

„In der chassidischen Botschaft ist die Trennung von ‚Leben in Gott‘ und ‚Leben in der Welt‘, das Urübel aller ‚Religion‘ in echter, konkreter Einheit überwunden. […] Empfangend und handelnd weltverbunden steht der Mensch, vielmehr nicht ‚der‘, sondern diese bestimmte Mensch, du, ich, unmittelbar vor Gott […] Nur aus der Erlösung des Alltags wächst der All-Tag der Erlösung.“

[Buber, Die chassidische Botschaft, in Werke III, 748 und 754 – zitiert nach Kirsch, 64]

»Der Chassidismus ist nach Buber Ethos gewordene Kabbala. Er schwächt nicht jenen Kernsatz jüdischen Glaubens, die Hoffnung auf das Kommen des Messias, ab, sondern er erhellte den Blick seiner einfachen wie auch seiner intellektuellen Anhänger für die Freude über die Welt, so wie sie ist. Chassidismus weist auf die Widerspiegelung, den Funken des Göttlichen in allen Wesen und Dingen, hin und lehrt, darauf im Alltag zu achten.«

[Kirsch, 68]

Immer wieder ist darauf hinzuweisen, daß der Chassidismus nicht so sehr eine Lehre, sondern eine auf den Glauben bezogene und von ihm durchdrungene Lebensart ist.

[Kirsch, 68f]

4 Reaktionen

  1. he depone,
    ich lese seit dezember „die erzählungen der chassidim“ von buber. die für mich wichtigsten geschichten schreib ich dabei raus (mittlerweile 24 seiten). die datei werd ich dir nach vollendung einfach mal zuschicken…
    tilman

  2. Absolutely fabulous!!! Das ist genau richtig. Ich habe einige Geschichten von Buber (bei Parker Palmer) gelesen und fand auch die Zitate in Shaping of the Things to Come darüber am besten. Danke für die Gedanken und hervorragende Zusammenfassung.
    Marlin

  3. Tolle Gedanken. Wir bereiten gerade eine Reihe zum Thema „Heiliger Alltag“ vor – da passt das großartig rein. Nur etwas konkreter und anschaulicher müssen wir das dann noch hinkriegen, damit es richtig praktisch wird. Aber mit dem Funken ist das schon sehr schön ausgedrückt.

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