Gottesbild

Wie bereits geschrieben setze ich mich gerade mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden des Judentums und des Christentums auseinander. Dazu lese ich gerade ein Buch von Martin Buber, durch das er mich hin und wieder sehr herausfordert [dazu schreibe ich wohl auch noch mal mehr]. Auf der anderen Seite finde ich auch eine Menge Gedanken, die uns in dem Prozess helfen unseren Glauben „neu zu denken“.

Einen Gedanken zu diesem Prozess im Bezug auf manche sehr/zu enge Bilder von Gott findet sich in folgender Aussage:

»Gewiß, dieser israelitische Mensch erkennt seinen Gott in allen Mächten und Geheimnissen wieder, aber nicht als Gegenstand unter Gegenständen, sondern als das ausschließliche Du des Gebets und der Devotion.

Auch wenn Israel bekennt (Dt 6,4), JHWH sei sein Gott, JHWH der Eine, meint es damit nicht, daß es nicht mehr als einen Gott gibt, das braucht man ja gar nicht zu bekennen, sondern daß »sein« Gott der Eine ist, zu dem es sich in so ausschließlich-unmittelbarer Emuna, solcher Liebe des ganzen Herzens, des ganzen Lebensgeistes und der ganzen Wesensmacht (V. 5) verhält, wie man sich eben nur zum Bildlosen, das heißt auf keine Erscheinungsform Eingeschränkten, verhalten kann. In der Schrift wird dies »ganz mit Gott sein« genannt.

Diese Glaubens- und Lebenswirklichkeit ist es, der der Christ – nicht bekenntnismäßig, aber faktisch – entgegentritt, indem er in seiner eigenen Glaubens- und Lebenswirklichkeit Gott ein bestimmtes Gesicht, jenes Menschengesicht, wohl nicht verleiht, aber zuteilt als das Gesicht des »großen Gottheilands« (Tit 2,13), des »anderen Gottes« (Justin), des leidenden Gottes (Tatian), des Gottes, der seine Gemeinde »durch sein eigenes Blut sich erworben hat« (Ag 20,28).

Zugleich bildlos und bildhaft ist der Gott des Christen, jedoch bildlos mehr in der religiösen Idee, bildhaft mehr in der gelebten Gegenwart. Das Bild versteckt den Bildlosen.«

[Martin Buber, Zwei Glaubensweisen [Zürich: Manesse, 1950], 134f.]

Ist es für Dich vorstellbar, dass manche zu enge Gottesbilder aus dieser, von Buber beschriebenen, Festlegung Gottes auf ein Bild stammen könnten?

4 Reaktionen

  1. Nein, glaub ich nicht, zumindest nicht im Allgemeinen. Vielmehr denke ich, dass zu enge Gottesbilder – wie Du sie nennst – aus unbestimmten Ängsten und schwer zu greifbaren menschlichen (Ur-) Bedürfnissen heraus entstehen.
    Die Inkarnation Jesu zeigt mir im Sinne Bubers vor allem eines: Gott hat sich komplett und in aller Konsequenz auf unsere Seite begeben um uns damit klarzustellen, dass er sich völlig identifizieren kann mit unserem begrenzten Menschsein, ohne dabei seine Göttlichkeit aufzugeben. Gott hat sich – meiner Meinung nach – schon immer die Freiheit gelassen, anders zu sein und zu handeln, als wir ihn das lassen wollten (siehe Jesus und die Schriftgelehrten). Wenn Jesus also sagt, dass er der Weg, die Wahrheit und das Leben ist so impliziert das ja, dass das ganze etwas dynamisches sein muss, das also erst wahr wird, wenn es in Bewegung kommt. Wird es statisch (und somit greifbar), verliert es somit wieder an Wahrheit. Deswegen macht es ja auch so wenig Sinn (und da hat Buber glaub ich einfach die Christen nicht ganz verstanden), Jesus mit einem Bild gleichzusetzen (egal ob man jetzt die religiöse Idee oder die gelebte Gegenwart meint). Insofern ist auch Jesus für uns (Christen) erst dann das lebendige, alles in Einem Gegenüber, wenn wir Ihm in selbstvergessener Devotion gegenübertreten – Ihn also das sein lassen, was er ist und uns daran erfreuen :-)

  2. Hmm. Ich stimm‘ dem allen zu, was oben geschrieben ist.
    Ich kann mir das allerdings dann doch irgendwie vorstellen, das mit dem „zu engen“ Gottesbild, weil wir uns als Christen haeufig ja auf Jesus konzentrieren, also Gott als Jesus.

    Das ist absolut verstaendlich und auch nicht schlecht oder so, denn dass wir frei sind, mit Gott leben koennen und so, dass haengt alles am Dreh- und Angelpunkt Jesus.

    Also, keine Ahnung, ob Buber sich darauf bezogen hat, aber ich denk‘ da beispielsweise an die Tatsache, dass manche Christen die Bibel mehr oder weniger auf „Geschichten des AT“ und „Tatsachen des NT“ zu reduzieren scheinen.

    Oder dass der Heilige Geist nicht als gleichwertiger Teil Gottes akzeptiert wird.

    Dass wir Gott immer wieder beschneiden auf unsere moralischen Vorstellungen eines Christen etc., somit auf Tradition bauen und nicht auf das, was Gott sagt, dass er ist.

    „Weg, Wahrheit und Leben“. Da ging mir grad‘ ploetzlich was rein, das ist voll heftig im Augenblick.

    Das was oben stand, von wegen nicht statisch etc.

    Ich denk‘ ja immer, mein Leben ist nicht da, wo Gott ist. Aber das ist Schwachsinn, weil Leben und einen Weg gehen nicht auf einen Ort begrenzt sind und dennoch das Absolute, die Wahrheit dazukommt.

    Mensch, Leute, mir war nie klar, wie krass diese Aussage eigentlich ist:

    Dass ich auf diesem Weg bin, dass ich leben darf, dass in alledem eine absolute Wahrheit (und das beton‘ ich, wie fanatisch das mancher auch einstufen mag) existiert, die mich haelt.

    Banal? Ich hab’s grad erkannt irgendwo im Herz und es kommen mir die Traenen, so krass ist das: Sonne im Herz.

  3. Cool, danke für die Kommentare.

    Sehe das mit der Verengung auf Gottesbilder ebenso wie Du Stephan eng verbunden mit einer Angst. Vielleicht einer Angst gerade gegen dieses Unfassbare, welches in einem nicht statischen Gott steckt.

  4. […] In dem Eintrag zum Gottesbild hatte ich darauf hingewiesen, dass es bei Buber viele inspirierende Gedanken gibt, die ab und an jedoch auch einen herausfordernden Charakter haben. Einer dieser herausfordernden Punkte ist seine Ausführung zu den Unterschieden des Glaubens der Juden und der Christen. Im Folgende schreibt er zunächst über den Glauben, von dem Jesus geredet hat um dann die Veränderung aufzuzeigen, die Glaube bei Paulus und Johannes erfahren hat: »Der Glaube, den er gepredigt habe, sei der des jüdischen Emuna, des unbedingten Vertrauens zur Gnade, gewesen. […]

Mentions

  • [depone] » Blog Archive » Glauben an wen oder was?

Reagiere darauf

*