Event und Gemeinschaft

In seinem Buch Flüchtige Moderne schreibt Zygmunt Bauman über explosive Gemeinschaften, die er auch Gemeinschaft der Herausgeputzten nennt.

Dabei handelt es sich um Gemeinschaften von Menschen die sich zu einem bestimmten Zweck versammeln. Am Beispiel eines Theaterbesuchs verdeutlicht er seine Sicht der ›Gemeinschaft der Herausgeputzten‹. Die Menschen die ein Theater besuchen ziehen sich zu Hause dem Anlass entsprechend an und orientieren sich dabei an einem Dresscode, der sich von ihrer alltäglichen Kleidung unterscheidet. Am Eingang geben sie ihre Mäntel und Jacken ab und verlieren sich in einer Menge Herausgeputzter. Für die Länge der Darbietung sind alle zusammen auf die Bühne ausgerichtet und durchleben die selben Emotionen. Am Ende der Veranstaltung gehen sie wieder zur Garderobe und verschwinden in der Menge, aus der sie kurz zuvor aufgetaucht waren.

»Die Gemeinschaften der Herausgeputzten brauchen ein Spektakel, das an schlummernden Bedürfnissen rührt, um ansonsten vollkommen disperate Individuen für eine kurze Zeit zusammenzuführen – alle anderen Bedürfnisse, die sie als Individuen haben, kochen derweil auf Sparflamme, werden ruhig oder hintangestellt. Das Spektakel, das diese Gemeinschaften zum Leben erweckt, verschmilzt die Interessen der Teilnehmer in keiner Weise zu einem »Gruppeninteresse«; durch Addition gewinnen die einzelnen Anliegen keineswegs eine neue Qualität, und die Illusion, etwas mit anderen zu teilen, hält nicht länger vor, als die Erregung, die durch die Darstellung auf der Bühne vermittelt wird.«

[Bauman, 234.]

Solche Gemeinschaften lassen sich an einer Vielzahl von Veranstaltungen feststellen, sei es wie in Baumans Beispiel im Theater, im Kino, im Fussballstadion, in einem Konzert oder bei einem Gottesdienstbesuch. Menschen kleiden sich entsprechend eines Dresscodes und versammeln sich zu einem Event an dem sie ihren Alltag vergessen oder zumindest in den Hintergrund treten lassen. Sind damit nicht weitere Beziehungen verbunden tauchen sie nach Ende der Veranstaltung wieder in der Masse ab und damit in ihren Alltag zurück. Tiefere Begegnung ereignet sich zwischen diesen Menschen in einem solchen Kontext eher selten, Baumann geht sogar noch weiter und spricht davon, dass solche Events dauerhafte Gemeinschaften verhindern:

»Diese herausgeputzten Karnevalsgemeinschaften haben ferner den Effekt, die Entstehung »wirklicher« (d.h. umfassender und dauerhafter) Gemeinschaften zu verhindern; sie imitieren solche Formen nur und versprechen (in grober Irreführung), sie können derartige wirkliche Gemeinschaften aus dem Nichts hervorzaubern. Statt die freischwebenden sozialen Impulse zu kondensieren, versprühen sie die soziale Energie wahllos und tragen damit zu jener allgegenwärtigen Einsamkeit bei, in der jeder verzweifelt und hoffnungslos an seltenen und dünn gesäten gemeinsamen Unternehmungen Halt sucht.«

[Zygmunt Bauman, Flüchtige Moderne, 235f.]

Diese Gedanken von Bauman haben mich wieder ins Nachdenken darüber gebracht, wie sich in unseren Gemeinden die Events [nenn‘ es Veranstaltungen wenn das besser passt] zu der realen Gemeinschaft verhalten…

2 Reaktionen

  1. Gut beobachtet von Baumann. Sloterdijk spricht von der Nation als einer medial erzeugten „Erregungsgemeinschaft“ – da hast Du das Muster im ganz großen Stil.

    Als Gemeinde kann man sich zumindest der Herausforderung stellen, mehr zu sein bzw. zu werden. Steve Taylor hat ja ein paar ganz gute Gedanken dazu. Leider freuen sich manche immer noch einfach daran, dass jemand kommt und ihnen zuhört. Verständlich aber doch irgendwie frustrierend, oder?

  2. für uns als gemeindebauer sind das tatsächlich brisante beobachtungen. wer weiss, vielleicht wurzeln einige unserer probleme tatsächlich in einer kultur wie dieser.

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