Derrida: Unentscheidbarkeit

Die letzten Tage habe ich viel in dem Buch Moderne und Ambivalenz von Zygmunt Bauman gelesen. Nach seinen sehr interessanten Ausführungen über Assimilation und damit Verbunden der Geschichte von Juden in Europa kommt er auf Derrida zu sprechen. Zunächst setzt er Derridas Philosophie der Unentscheidbarkeit in Beziehung zu einer ganzen Reihe einflussreicher Denker:

»Freuds Enthüllung der Ambivalenz (seine Neigung, Begriffe auf und zwischen den Grenzen zu verorten, so daß sie der Unterscheidung zwischen psychisch und somatisch, innen und außen, Sinn und Unsinn trotzen), Kafkas Einsicht in die letzte Grundlosigkeit der menschlichen Situation, Simmels Herabstufung der Gesellschaft auf das Spiel der Vergesellschaftung, Schestows Rehabilitierung der unterdrückten menschlichen Möglichkeit – vereinen sich in Jacques Derridas Philosophie der Unentscheidbarkeit

[Bauman, 299.]

Die Kernpunkte dieser Philosophie Derridas beschreibt er wie folgt:

»Derrida gibt dem Unbestimmten seinen rechtmäßigen Status als Grund allen Seins zurück; oder besser, er enthüllt den Betrug einer langen Reihe von Versuchen, es aus seiner Stellung zu verjagen oder seine Gegenwart zu leugnen. Jede Bemühung um Bestimmung endet in mehr Unbestimmtheit; jeder Versuch zu kodieren, zu überkodieren, zu fixieren, muß gleichzeitig die Gesamtsumme (wenn man hier von Summe sprechen kann) des Zufalls und der Unbestimmtheit vermehren. Jeder Deutungsschritt eröffnet neue Deutungsaufgaben. Deutung führt zu mehr Deutung. Deutung verwandelt sich in einen Teil dessen, was sie deutet, und vermehrt dadurch die Totalität, die gedeutet werden muß, sie ist in die Welt geschrieben, die sie schreibt. Sie muß sich selbst in das Buch eintragen, bei dessen Lektüre ihre Hilfe verlangt wird.

Was Derridas Werk auszeichnet, ist die aufrichtige Anerkennung der »methodologischen Notwendigkeit, sich selbst in die Streitfrage und das Problem einzubeziehen, die Verantwortung für seine eigene Reflexivität und den eigenen Irrtum zu übernehmen«; die Bereitwilligkeit, »die Tradition der Selbstgewissheit aufzugeben, sich von den in dieser Tradition definierten Sinnbedingungen zu distanzieren«. Für Derrida gibt es keinen letzten Außenstandpunkt, keine harte, nicht-textuelle Realität »da draußen«, auf die die Deutung des Textes sich in der Hoffnung beziehen könnte, an ihr ein letztes und endgültiges Urteil zu haben. Der Text entwickelt sich im Verlauf seiner interpretativen Durchdringung. Deutung bleibt zwangsläufig in dieser verwirrenden, gleichwohl kreativen Beziehung zu dem Text, der gleichzeitig ebenso metonymisch ist; Deutung verwandelt sich in eine Erweiterung des Textes, während sie versucht ihn zu ergänzen.«

[Zygmunt Bauman, Moderne und Ambivalenz, 299f.]

In der Verbindung der Deutung mit dem Text erkennt Susan A. Handelmann ein Aufleben rabbinsicher Hermeneutik. Im Gegensatz zur griechischen Hermeneutik, die sich vom Text löst und eigenständig wird, verbindet sich in der rabbinischen Hermeneutik die Deutung eng mit dem Text.

4 Reaktionen

  1. „Deutung bleibt zwangsläufig in dieser verwirrenden, gleichwohl kreativen Beziehung zu dem Text, der gleichzeitig ebenso metonymisch ist; Deutung verwandelt sich in eine Erweiterung des Textes, während sie versucht ihn zu ergänzen“

    Lustig…als ich das gelesen habe, dachte ich sofort „rabbinische Hermeneutik!“. Und im Absatz später…Hab‘ mal eine Arbeit darüber geschrieben und spiele schon länger mit dem Gedanken, diese in unserem Blog ein wenig auszuschlachten…

  2. […] Nachdem ich gestern einen lesenswerten Beitrag bei [depone] gelesen habe, und einen vielleicht etwas vorlauten Kommentar dazu abgegeben habe, will ich nun meinen Worten Taten folgen lassen, und beginne heute eine kleine Reihe zur rabbinischen Hermeneutik. Bevor es ans Eingemachte geht, möchte ich in einigen Posts erklären, wie ich überhaupt auf das Thema gestossen bin. […]

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  • .diskutabel » Rabbinische Hermeneutik

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