Splitter im Auge

Letzte Woche las ich in meiner Bibel diesen Abschnitt über Splitter und Balken und dachte dann dass es echt mal wieder wichtig ist, nicht alles kritisch zu sehen – vor allem nicht bei den Menschen die mich umgeben. Soweit ein schöner Gedanke. Vielleicht hat es im ersten Moment auch recht gut geklappt, kann ich leider nicht mehr sagen, da ich nicht besonders bewusst darauf geachtet habe.

Gestern war ich in der Stadt und habe mich mit Josia auf dem Marktplatz aufgehalten. Als erstes wollten mir nette junge Männer, mit weißen Hemden und schwarzen Namensschildern, eine Frage stellen. Ich wollte jedoch nicht auf ihre Frage eingehen und ging einfach weiter. Während ich so darüber nachdachte wie wenig ich es mag auf der Straße angesprochen zu werden, fiel mir auf, dass die beiden [und ich denke das trifft auf die Meisten zu] sehr gut deutsch sprechen, auch wenn sie aus den USA kommen. Das hat mir gefallen, weil es meiner Ansicht nach Respekt gegenüber den Menschen vermittelt, mit denen sie sprechen wollen.

Um nicht noch einmal angesprochen zu werden ging ich eine Ecke weiter um auf eine tiefe, laute Stimme aufmerksam zu werden. Vor mir standen zwei weitere Männer, dieses Mal mit gestrickten Pullovern, die mit ihrer Bibel in der Hand ›das Wort Gottes‹ predigten. Eine Reihe von Gedanken ging mir durch den Kopf und ich drehte meine Runden um die Blocks, da ich mich in meiner Freiheit auf dem Marktplatz zu sein eingeschränkt fühlte.

Als ich später am Abend mit Julia darüber redete, meinte sie dass es nicht cool sei, sich darüber aufzuregen und lustig zu machen. Während ich nach Ausreden suchte, fiel mir auf einmal wieder ein, was ich letzte Woche gelesen hatte:

»Verurteilt nicht andere, damit Gott nicht euch verurteilt! Denn euer Urteil wird auf euch zurückfallen, und ihr werdet mit demselben Maß gemessen werden, das ihr bei anderen anlegt. Warum kümmerst du dich um den Splitter im Auge deines Bruders oder deiner Schwesterd und bemerkst nicht den Balken in deinem eigenen? Wie kannst du zu deinem Bruder oder deiner Schwester sagen: ‘Komm her, ich will dir den Splitter aus dem Auge ziehen’, wenn du selbst einen ganzen Balken im Auge hast? Scheinheilig bist du! Zieh doch erst den Balken aus deinem eigenen Auge, dann kannst du dich um den Splitter in einem anderen Auge kümmern!«

[Evangelium nach Matthäus, Kapitel 7, Verse 1-5]

6 Reaktionen

  1. Ich sehe das etwas differenzierter. Mir ist relativ egal, was Leute glauben und wie sie es leben. Aber bei solchen Leuten, seien es nun Röhrenbacher, Mormonen oder sonstige werden andere in Mitleidenschaft gezogen. Seien es zerstörte Gemeinden oder Freunde, die einen als Christ nicht mehr ernst nehmen, weil sie Christsein mit den Marktpredigern verbinden. Soetwas macht mich massiv aggressiv. Ich kann ihnen entweder auf die Fresse geben oder die Aggression durch Witze abbauen. Zu mehr bin ich noch nicht in der Lage.

  2. So eine Begegnung hatte ich Anfang des Jahres auch (siehe http://goetz.buerkle.org/bloggen/2006/02/01/286_Ein_Mormone_und_ich), seit dem hat mich aber keiner von denen mehr angesprochen, was mir auch ganz Recht ist eigentlich.

    Wenn sie meinen, sie müßten so offensiv für ihre Ansichten „werben“ sollen sie das eben tun. „Straßeneinsätze“, „Evangelisationseinsätze“ oder wie auch immer sich solche Aktionen in charismatischen Gemeinden nennen sind an sich genau das selbe, nur viel seltener und nicht nahezu omnipräsent, wie es die Mormonen zur Zeit sind.
    Trotzdem ist es nicht unbedingt meine Art, wie ich „Licht in der Welt“ sein will (obwohl ich bestimmt auch schon dem einen oder anderen ein Gespräch reingedrückt habe, aber sowas entsteht bei mir dann spontan aus der Situation heraus).

    Naja, das fiel mir grad ein, als ich Deinen Text gelesen habe.

  3. Um es noch mal zu abstrahieren: Der Splitter in meinem Auge tut erstmal nur mir weh. Aber wenn jemand mit dem Balken in seinem Augen herumläuft und damit auf andere einprügelt, ist das ein Problem für mich.

  4. In dieser Abstraktion gebe ich dir recht, Johannes. Das sehe ich genauso, allerdings erreiche ich durch verurteilen, mich lustig machen, aggressiv werden keine Besserung für die Menschen, denen durch einen solchen Balken unrecht geschieht. Vielmehr wird mein Splitter dadurch zu einem Balken, der wiederum andere verletzt.

    Mein Post war kein Plädoyer gegen kritisches Denken, oder auch gegen Äußerungen in Bezug auf Dinge die eventuell nicht richtig laufen – vielmehr geht es mir dabei um die Art und Weise. Und diese Weise sollte meiner Ansicht nach von Respekt geprägt sein und von dem Wissen, dass manches was ich heute denke, nicht schon immer so war – und dass in meinem Leben Potential steckt andere zu verletzen.

  5. Wenn ich das nicht falsch verstehe, dann haben wir doch eine so genannte ‚gute Nachricht‘, die wir nicht für uns behalten sollen. Ich sehe also keinen Grund, warum ich damit nicht auch auf die Straße gehen sollte, um sie jedem, der mir über den Weg läuft mitzuteilen. Ich habe auch öfters schon derlei Begegnungen gehabt und durch die Bank nette Bekanntschaften mit liebevollen Menschen gemacht – wie man die hassen kann oder verprügeln will, ist mir eher ein Rätsel…

    Es ist sicher nicht mein Weg – aber es ist immerhin ein Weg! Mit was verbinden Menschen das Christsein, wenn sie dich oder mich sehen? Ist das wirklich besser? Immerhin zeigen die Einsatz, Leidenschaft, Hingabe, Mut, etc. Da brauchts schon etwas mehr als Aggression, um mitzuhalten – find ich.

    Und das mit dem Splitter – wenn du deinen eigenen Text liest (@Johannes), merkst du, dass du da einen klassischen Trugschluss gemacht hast :-), sozusagen Boomerang-Kritik. Indem du denkst, dass die anderen den Balken haben, hast du ja schon bewiesen, wer ihn in Wirklichkeit im Auge hat…

  6. hat Jesus nicht auch an allen möglichen und unmöglichen Orten gepredigt? Er hat!
    Aber es gab auch immer Leute die sich von ihm belästigt fühlten…

    Mit Mormonen rede ich relativ gerne – weil die mich beeindrucken bzw. neugierig machen: Was bringt einen 19-jähriger Ami dazu, Deutsch zu lernen, seinen Missions-Trip selbst zu finanzieren (zumindest teilweise), sich dann in diesem seltsamen Outfit in einem fremden Land von Tür zu Tür zu schieben und dann doch immer noch relativ entspannte Gespräche zu führen? Ich hab´s bisher nicht rausgefunden – aber es wird wieder Gelegenheiten geben…

    Der andere Grund ist: Mit wem kommt man schon so leicht in ein Gespräch über Glaubensfragen? Ich meine, ich dreh den Spieß nach einer Weile einfach um. Zum Schluß lese ich ihnen dann meine Bibelstellen vor – und erzähle von mir und meinen Erlebnissen mit Gott … und sie hören zu – mit großer Ausdauer! Denn: schließlich wollen Sie mich ja unbedingt noch einladen und meine Adresse aufschreiben. ;-)

    Auch hier drehe ich das Ding einfach um: Ich lass mir einfach ihre Adressen geben… Wenn ich sie nett fand – sind wir eh schon beim Du. Also schreib ich mir ihre Vornamen auf – und wer weiß, vielleicht besuch ich sie mal oder man sieht sich in der Stadt wieder. Vielleicht brauch ich auch mal einen netten Menschen in Salt Lake City ;-) – wer weiß…
    Ich seh da nicht die Sektenanhänger sondern ich seh einfach den Mensch dahinter… und bisher waren es immer sehr angenehme Gespräche. Inzwischen hab ich mir auch das Buch geben lassen… damit ich sie noch bisher widerlegen kann ;-)

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