In der Mitte

Eben habe ich das Buch ›Auf den Spuren der Engel‹ von Peter L. Berger fertig gelesen. Bevor ich irgendwann mal ein paar reflektierte Gedanken daraus hier posten werden, möchte ich noch einen Gedanken mit euch teilen, der mich persönlich sehr angesprochen hat…

Im sechsten Kapitel, welches 10 Jahre nach erscheinen der ersten Ausgabe hinzugefügt wurde, schreibt er über die Veränderungen seiner Positionen. Während er davon spricht, dass sich seine theologische Position etwas mehr nach links, seine politische jedoch etwas weiter nach rechts verschoben hat, schreibt er darüber, wie es ist in der Mitte zwischen der religiösen Linken – die die Inhalte der Religion säkularisieren möchte – und der religiösen Rechten – der es darum geht alte Gewißheiten wiederherzustellen – zu stehen:

»Das Schlimmste daran, in der Mitte zu stehen, ist nicht, daß man von beiden Seiten angeschossen wird. In diesem Fall ist dies schon deshalb nicht besonders schlimm, da viele andere sich in derselben Situation befinden.

Beunruhigender ist der Gedanke, daß eine via media überall, aber besonders in der Religion, dem Verdacht der Lauheit ausgesetzt ist. […]

Schlimm genug – aber ich glaube nicht, daß es sich dabei um eine notwendige Eigenschaft handelt. Jede nuancierte, reflektierte Position läuft Gefahr, als lau zu erscheinen im Vergleich zu den selbstsicheren Haltungen derjenigen, die Gewißheit einfordern. Es ist wichtig den illusionären Charakter jener selbstsicheren Haltungen zu durchschauen, zu sehen, von welchem Punkt an Milde im Urteil ihre eigene Form von Gewißheit verschafft, eine, die vielleicht ruhiger ist als diejenige der Barthianer oder der – sagen wir – christlichen Revolutionäre, jedoch auch von dauerhafterem Bestand.«

[Peter L. Berger, Auf den Spuren der Engel: Die moderne Gesellschaft und die Wiederentdeckung der Transzendenz, 153.]

Da ich sowohl theologisch als auch im Bezug auf meine Persönlichkeit dazu neige in der Mitte zu stehen, stärkt diese Aussage meine Plausibilitätsstruktur, auch wenn ich mich häufig hin- und hergerissen fühle.

9 Reaktionen

  1. warum lauheit? die via media kann doch auch als „weise“ wahrgenommen werden. dass der gang „auf der grenze“ wenig nachdrücklich oder wenig polemisch ausagiert wird, liegt wohl an der sache. aber wäre schön, wenn es menschen gibt, die eine sprache dafür finden.

  2. ich kann mich gut mit der position des hin- und hergerissen seins identifizieren und frage mich oft ob ich es bin dem es an klarheit in meiner kommunikation mangelt. dann jedoch berger’s aussage zu lesen wirkt geradezu wie ein ermutigender klopfer auf die schulter.
    PS: bin über vronis blog auf deinen gestossen.

  3. Kennt ihr auch die Aussage: „Jesus war nicht ausgewogen!“? Weil: Irgendwie bin ich voll für Ausgewogenheit, aber der Satz macht mich dann schon immer etwas nachdenklich… Sind es nicht oft extreme Personen, die extrem Gutes bewirken? Aber vielleicht ist das eine andere Art von „extrem sein“…?

  4. Schon, aber: Sind es nicht auch oft extreme Personen, die extrem Schlechtes bewirken? Vielleicht ist für das Extreme einfach ein spezieller, individueller Auftrag nötig, damit extrem Gutes dabei herauskommen kann? Und: Reicht das als Ausrede meinerseits, um nicht extrem sein zu müssen und meine Ausgewogenheit zu pflegen? Vermutlich liegt das Problem wirklich in der Art von „extrem sein“: Extrem in der Position, oder extrem in der Konsequenz der Umsetzung einer ansonsten ausgewogenen Position.

  5. nett, ein kleines ›coming out‹ für menschen in der mitte.

    zu der frage was extreme leute erreichen möchte ich anmerken, dass es vielleicht auch daran liegt, dass man erreichtes mit ihnen selbst in verbindung bringt, auch wenn andere menschen involviert waren – auf der anderen seite kommt es ja vor, dass einiges von gemeinschaften/teams erreicht wird in denen es keinen ›the man‹ gibt… oder?

  6. hallo dani,
    normalerweise sind mir deine einträge zu lang aber diesmal ist auch mal wieder was für mich dabei! ich hatte das buch auch in der hand während meiner diplomarbeit und ich finde gerade den auszuge sehr interessant. ja, auch ich fühle mich dabei nicht mehr so allein mit meiner haltung und meinen gedanken zur „mitte“. ja und auch mir zeigt es, dass es nichts mit lauheit zu tun hat, viel zu reflektieren und auch nachzuhaken. die eigene position zu finden ist eine spannende sache und mehr ein langer weg als ein einziges erlebnis. es ist eigentlich eher eine lebensaufgabe. grüssles, nicilottavictualia…

  7. […] Wahrscheinlich liegt es an meiner Persönlichkeit, dass ich Ausgewogenheit sehr schätze [Vgl. dazu den Eintrag In der Mitte]. Dennoch fasziniert es mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich auf etwas stosse, das eine interessante Ausgewogenheit ermöglichen kann. In der Soziologie liebe ich deswegen das Zusammenspiel von qualitativer und quantitativer Forschung und in meinem theologischen Arbeiten begeistert mich gerade die Idee des Zusammenspiels von Theologie als solcher und Religionssoziologie. […]

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