Säkularisierung bei Casanova

In dem Buch das ich zur Zeit lese bin ich die Tage über José Casanova gestolpert, der an der ›New School For Social Research‹ in New York Soziologie lehrt. Er ist gebürtiger Spanier, der sowohl katholische Theologie, Philosophie als auch Soziologie studiert hat. Eines der Themen mit denen er sich gerade beschäftigt ist die Säkularisierung [rethinking secularization from a global comparative perspective] – aber dazu mehr:

»Ohne hier eine systematische Erörterung zu beabsichtigen, will ich einfach festhalten, daß das, was gewöhnlich als eine geschlossene Säkularisierungstheorie auftritt, in Wirklichkeit aus drei ganz verschiedenen, ungleichartigen und kein Ganzes bildenden Behauptungen besteht.

Unter Säkularisierung wird zum einen die Ablösung und die Emanzipation weltlicher Bereiche von religiösen Einrichtungen und Normen verstanden, zum anderen aber auch der Niedergang religiöser Überzeugungen und Verhaltensformen und drittens die Abdrängung der Religion in die Privatsphäre.

Da diese drei Säkularisierungsprozesse in Europa zufällig gemeinsam auftraten, gingen die tonangebenden soziologischen Theorien davon aus, daß sie nicht nur historisch, sondern auch strukturell und ihrem Wesen nach miteinander verbunden sind.«

[José Casanova in Religion und Gesellschaft, 272.]

Nach Ansicht von Casanova sollten diese drei Bereiche der Säkularisierung jedoch auseinander gehalten werden. Im Vergleich von Europa und Amerika lässt sich unterdessen feststellen, dass in Europa alle drei Bereiche nahezu gleich stark betroffen sind, während in Amerika die Religion nicht so stark in die Privatsphäre verbannt wurde. Aus diesen Beobachtungen schließt er, dass es evtl. besser wäre den europäischen Weg nicht als DEN Weg der Säkularisierung zu verstehen, und alle anderen Vorkommnisse als Ausnahme zu betrachten, sondern die einzelnen Wege gleichwertig nebeneinander zu stellen.

Ein zentraler Wert, der mit der Säkularisierung einhergeht ist die Religionsfreiheit. Durch die Trennung von Kirche und Staat kann es keine Zwangsreligion mehr geben, zu der die Bürger des jeweiligen Gebietes gehören müssen. Wie es z.B. in der Zeit nach der Reformation in unseren Breitengraden üblich war. Die Kirche entwickelt sich auf diese Weise zu einer freiwilligen religiösen Vereinigung, die sich mit dem Nebeneinander verschiedener religiöser Vereinigungen abfinden muss. Dies bedeutet für die Kirche die Herausforderung sich auf dem ›freien Glaubensmarkt‹ zu behaupten und in gewisser Weise präsent zu bleiben. Für den einzelnen Menschen ist die Religionsfreiheit eng verbunden mit der Gewissensfreiheit und somit mit dem ›Recht auf Privatphäre‹.

Diese beiden Bedeutungsgrade, zum einen die freiwilligen religiösen Vereinigungen die nicht mit der staatlichen Sphäre verbunden sind [im Sinne von Zwangsreligion] und andererseits die Religionsfreiheit des Einzelnen verbunden mit seinem ›Recht auf Privatsphäre‹ legen den Schluss nahe, dass Religion dadurch zur Privatsache werde muss. Casanova führt weiter aus, dass es eine Furcht vor einer Politisierung der Religion und einer Gefährdung der Gewissensfreiheit gibt, die vor allem von liberalen Denkern vertreten wird. Aus diesem Grund geht er weiter auf die verschiedenen Sphären der Gesellschaft, die seiner Meinung nach in diesem Zusammenhang von Bedeutung sind.

Bevor dieser Eintrag jedoch ausartet mache ich mal eine Pause und werde in den nächsten Tagen auf die verschiedenen Sphären der Gesellschaft und einen Ausblick Casanovas eingehen, demgemäß Religion nicht auf die Sphäre des Privaten beschränkt sein muss, auch wenn die Trennung von Kirche und Staat ernst genommen wird.

Schließen möchte ich mit einer Aussage von Papst Benedeikt XVI., die ich ihn gestern Abend in den Tagesthemen sagen hörte: »Die Kirche zwingt niemanden etwas auf, sie bittet einfach nur frei leben zu können.« [sinngemäß]

– – –
Ein Eintrag, den ich in der Folge des Arte-Themenabends zum christlichen Fundamentalismus geschrieben hatte, hängt meines Erachtens mit diesen Gedanken zusammen [vgl. den Gedanken der Furcht innerhalb liberaler Kreise mit dem was damals über die unterschiedlichen Gruppen gesagt wurde].

3 Reaktionen

  1. achso, tim, ich lese das buch im zusammenhang meiner master-thesis. ich arbeite an interaktionen zwischen theologie und soziologie. hast du es auch gelesen? warum fragst du?

  2. Hallo Daniel,

    Ich fand deinen Eintrag sehr interessant, denn auch ich habe dieses Buch, doch scheint es mir ein bisschen zu komplex die Zusammenhänge zwischen den drei Prozessen der Säkularisierung zu verstehen. Du erklärst dies hier recht deutlich und ich danke dir dafür

    Gruss Gregory

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