Entprivatisierung bei Casanova

In meinem ersten Eintrag über Säkularisierung bei Casanova habe ich bereits darauf hingewiesen, dass Religion bisweilen zu einer Privatsache geworden ist. Meiner Ansicht nach ist dies jedoch eine Einschränkung die der Idee Gottes mit unserem Leben [soweit ich das verstehe] nicht entspricht. Casanova spricht in der Folge der Privatisierung der Religion von einer »de-privatization«, also einer Entprivatisierung. Diesem Gedanken möchte ich nun etwas nachgehen.

Zunächst ist es wichtig die Sphären der Gesellschaft zu betrachten, da eine Entprivatisierung der Religion nicht mit einer Aufhebung der Trennung von Kirche und Staat gleichzusetzen ist. Nach Casanova kann das Gemeinwesen in drei Sphären unterteilt werden:

der Staat
die politische Gesellschaft
die Zivilgesellschaft

Wenn von einer Entprivatisierung die Rede ist, so muss der Begriff der Zivilreligion so umformuliert werden dass er sich nicht mehr auf die ersten beiden Sphären bezieht, sondern nur noch auf die Zivilgesellschaft:

»Und nicht zuletzt sind auch „öffentliche“ Religionen denkbar, die zwar die Trennung vom Staat akzeptieren und sich auch aus der eigentlichen politischen Gesellschaft zurückgezogen haben, die aber dennoch das Recht für sich in Anspruch nehmen, in Wort und Tat in der Öffentlichkeit der Zivilgesellschaft einzugreifen. Aus einer derartigen Neuformulierung des Begriffs geht eine Konzeption von „öffentlicher Religion“ hervor, die mit den liberalen Freiheiten und der strukturellen und kulturellen Differenzierung moderner Gesellschaften durchaus vereinbar ist.«

[Casanova in Religion und Gesellschaft, 278f.]

Die Religionsfreiheit, verbunden mit der Gewissensfreiheit und dem Recht auf Privatsphäre, wie er im ersten Eintrag dargestellt wurde, bringt es mit sich, dass auch in dem Prozess der Entprivatisierung der Einzelne vor dem Übergriff der Religion geschützt sein muss. Der Aspekt der Zwangsreligion hat demnach ausgedient und sollte auch nicht implizit mitgedacht werden. An dieser Stelle ist zunächst auf die Furcht von der ebenfalls im ersten Eintrag die Rede war zu verweisen. Manche religiöse Vereinigungen erheben mit ihren Ansprüchen, auch wenn sie ab und an nur zwischen den Zeilen deutlich werden, einen Absolutheitsanspruch, der eine Einordnung in das Fundamentalisten-Lager möglich macht und den Aspekt der Freiwilligkeit unterminiert. Ebenfalls möchte ich an die Aussage des Papstes erinnern, in der er betonte, dass die Religion nichts aufzwingen kann, sondern nur frei existieren wolle. Dies ist meiner Ansicht nach eine wichtige Erkenntnis, da es Religion nicht möglich ist etwas in der Gesellschaft zu erzwingen. Dagegen ist es jedoch gerade die Aufgabe von Religion Fragen zu Stellen und Angebote zu machen. Die Reaktionen auf die Angebote der Religion bleiben jedoch der Gesellschaft, und somit dem Einzelnen überlassen. Casanova schreibt zu dem wie das Heraustreten aussehen könnte folgendes:

»Die Rede vom Heraustreten der Religion aus dem Privatbereich meint hier zweierlei: Zum einen bezieht sie sich auf die Einführung öffentlicher, d.h. intersubjektiver Normen in den Privatbereich und zum anderen auf das Eindringen der Moral in die öffentliche Sphäre des Staates und der Wirtschaft.«

[Casanova in Religion und Gesellschaft, 279.]

Hier wird zum einen der Angebotscharakter der religiösen Äusserung deutlich, andererseits jedoch auch die Chance, die damit einhergeht. Da Religion ihre Werte und Normen auf gewisse feste Größen aufbaut, kann sie der Zivilgesellschaft Vorschläge machen, die über das subjektive Empfinden hinausgehen. Bei diesen Angeboten betrachtet sie das persönliche Gewissen des Einzelnen und übt keinen unangemessenen Zwang aus, bietet gleichzeitig ein Mitwirken an der Konstitution bzw. Reflexion des intersubjektiven Normensystems an.

Casanova weist darauf hin, dass Moral die rein subjektiv gesehen wird, zu Willkür führt. Deswegen ist es seiner Meinung nach wichtig, dass sie sich auf ein intersubjektives Normensystem stützt. Und eben zur Reflexion dieser normativen Grundlage der Gesellschaft können die Religionen ihren Beitrag leisten.

Die bisher angeführten Punkte erscheinen bis hierher noch nicht sonderlich eindrücklich, da meiner Ansicht nach zumindest die beiden großen Kirchen in Deutschland diesen Auftrag erfüllen. Auch wenn ›Freikirchen‹ meiner Ansicht nach darin noch keine große Rolle spielen. Casanova führt darauf folgend aus, dass es seiner Ansicht nach wichtig ist, dass religiöse Vereinigungen sich weder als bloße Heilsreligion noch als reine Moralinstanz verstehen sollten. Es sei vielmehr wichtig, dass sowohl das innenweltliche Engagement als auch der Bezug zur Transzendenz vorhanden sei. Und an diesem Punkt wird es meiner Meinung nach interessant – erscheint manches wie bereits erwähnt in der Geschichte nur in einer alternativen Entscheidung möglich, so haben wir die Chance wieder neu beides zusammen zu denken und unser Leben dementsprechend zu gestalten.

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