Säkularisierung bei Luckmann

Wenn ich Thomas Luckmann richtig verstehe, dann beginnt er seinen Artikel mit dem Gedanken, dass unsere westliche Gesellschaft, oberflächlich betrachtet, im Vergleich zu antiken Gesellschaften als enorm „weltlich“ erscheint. Während des Artikels führt er diesen Gedanken weiter aus und belegt ihn durch eine Reihe von Beobachtungen.

Unsere moderne Gesellschaft basiere demnach auf einer rationalistischen Grundlage, die sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützt und nur noch im privaten Bereich Raum für Mystisches hat. Diese strikte Trennung und die rationalistische Grundhaltung sieht er durch folgendes Verständnis von Säkularisierung unterstützt:

»Das neue Verständnis von Säkularisation impliziert, wie Lübbe schreibt, daß „moderne Kultur einerseits und ihre christliche Herkunft und Vergangenheit andererseits als gegenwärtig sich ausschließende, miteinander kämpfende Gegensätze erfahren werden“ (Lübbe, …)«

[Thomas Luckmann, in Religion und Gesellschaft, 136.]

Dieses Verständnis verbindet Wertungen und Fiktionen untrennbar miteinander. Und so kam es dazu, dass auf der einen Seite die Gegenwart bejaht wurde, während sich auf der anderen Seite eine Sehnsucht nach einem Goldenen Zeitalter etablierte. Säkularisierung wurde dadurch zur Bezeichnung eines einschneidenden geschichtlichen Wandels. Luckmann versteht den Begriff des sozialen Wandels im Bezug auf die Säkularisierung als sehr begrenzt, da in diesem Zusammenhang nur über den schwindenden Einfluss der Kirchen gesprochen wird, die zuvor ein Monopol zu besitzen schienen.

In manchen Büchern aus dem Emerging-Church-Umfeld findet sich die Idee des einschneidenden geschichtlichen Wandels. Hier wird bisweilen vom Schwinden des Einflusses der Kirchen gesprochen [Stichwort: Post-Christendom] während auf der anderen Seite eine spirituelle Offenheit postuliert wird. Diese beiden sich scheinbar widersprechenden Phänomene diskutiert Luckmann anhand seines Religionsbegriffs:

»Ich gehe davon aus, daß – so sehr sich die Lebensweise der Menschen in modernen Gesellschaften von jenen anderen Kulturen unterscheiden mag – die religiöse Verfassung menschlichen Daseins im Grund erhalten geblieben ist.
[…]
Aber wie immer wird der Einzelne in eine ihn transzendierende Wirklichkeit gestellt und führt sein Leben in ihr. Schon dies kann man als einen grundlegend religiösen Vorgang bezeichnen.«
[Luckmann, 137.]

Im abschließenden Abschnitt seines Artikels charakterisiert er die Religion in unserer Zeit, was meiner Einsicht nach eine gute Darstellung von Säkularisierung ist. Dieser Charakterisierung liegen drei Merkmale zugrunde.

Das erste Merkmal von dem er spricht ist die Ausgliederung institutioneller Bereiche. Von der Aufteilung des Lebens in verschiedene Bereiche kommt Luckmann hier zu den verschiedenen Institutionen, die jeweils auf ihren Bereich spezialisiert sind:

»Während in der archaischen Gesellschaft ökonomische, religiöse und verwandtschaftliche Funktionen als Aspekte mehr oder minder einheitlicher Handlungsabläufe auftreten, verdichten sich in der modernen Gesellschaft wirtschaftliche und herrschafts-, religions- und familienbezogene Handlungen zu jeweils eigenen Bereichen zusammengehöriger Institutionen. Wirtschaft, Herrschaft, Familie und Religion sind institutionelle spezialisiert.« [Luckmann, 144.]

Natürlich können die einzelnen Bereiche nicht vollständig getrennt sein, folgen aber jeweils eigenen Normen, die nicht ohne weiteres auf einen anderen Bereich übertragen werden können. Diese Beobachtung kann meiner Einsicht nach in nahezu jedem Bereich unserer Gesellschaft gemacht werden, vor allem im Bereich der Wissenschaften, aber auch in unserem Schulsystem ist das ein offenliegendes Phänomen [vgl. die Diskussion um den Anfang der Dinge // Evolution vs. Schöpfung].

Von der Ausgliederung institutioneller Bereiche kommt Luckmann zum zweiten Merkmal: der Privatisierung des Lebens. Das Verhältnis des Individuums zu den einzelnen Institutionen hat sich durch die Ausgliederung maßgeblich verändert. Während einzelne Bereiche des Handelns durch spezialisierte Institutionen in relativ enge Grenzen gebracht wurde existiert daneben ein Bereich der Privatsphäre in dem das Individuum weitgehend selbst über das eigene Handeln entscheiden muss. Daraus ergibt sich ein Handeln entsprechend verschiedener Rollen, das nicht an bestimmte Individuen als Personen gebunden ist. Es handelt sich dabei um anonyme Rollen, die dem jeweiligen Handlungsbereich angepasst werden. Die Privatisierung des Lebens sei für eine moderne industrielle Gesellschaft bis zu einem gewissen Grad unumgänglich, führe jedoch dazu, dass die Identität des Individuums durch die Gesellschaft weder eindeutig geformt noch gestützt werde. Die Privatisierung der Religion ist seiner Ansicht nach das Kernstück dieses Merkmals.

Aus den beiden angeführten Beobachtungen resultiert das dritte Merkmal: Es kann kein allgemeines, verbindliches, gesellschaftlich konstituiertes Modell einer „anderen“ Wirklichkeit geben. Einfach könnte das vielleicht so ausgedrückt werden, dass es keine feste Definition der Transzendenz, also keine allgemein gültige Religion oder Weltanschauung geben kann. Die Kirche, die einmal eine Art Monopolstellung in diesen Fragen inne hatte, ist heute eine Institution unter vielen. Dennoch sind diese traditionellen Orientierungen nicht verschwunden, sie haben lediglich eine kleinere Basis, und die Kirche steht nicht mehr für die vorherrschende Sozialform der Religion. Diese weithin privatisierten Sinnwelten kennzeichnen seiner Meinung nach den modernen Pluralismus. Auch wenn sie gewisse gemeinsame Nenner haben [Bsp.: Toleranz und Freiheit], so besteht dennoch kein Bedeutungszusammenhang zwischen ihnen.

Nach Luckmann vermittelt die Sozialstruktur nicht mehr zwischen der individuellen Transzendenzerfahrung und den kommunikativen Rekonstruktionen dieser Erfahrungen, aus diesem Grund ist die vorherrschende Sozialform der Religion durch das zu charakterisieren was sie nicht ist:

»Sie zeichnet sich durch das Fehlen allgemein glaubwürdiger und verbindlicher gesellschaftlicher Modelle für dauerhafte, allgemein menschliche Erfahrungen der Transzendenz aus.« [Luckmann, 148.]

Wenn das als Definition für Säkularisierung angenommen wird, dann »bezeichnet das Wort aber nicht das Ende der religiösen Grundfunktion, sondern deren Privatisierung« [148].

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