Gottesdienstverständnis

In dem Buch ›Glaubensspaltung ist Gottesverrat‹ überrascht mich Klaus Berger immer wieder aufs Neue. Zunächst begeisterte mich seine Sehnsucht nach EINER Kirche, Einheit. Dann wunderte ich mich über seine persönlichen Positionen, die ich mir nach dem was ich von ihm kannte, anders konstruiert hatte. Und die dritte Sache die mich begeistert sind sie Unterschiede zwischen protestantischen und katholischen Sichtweisen, die er (nicht immer ohne tendenziös zu Schreiben) darstellt. Diese Unterschiede stellt er bewusst dar, da es seiner Ansicht nach der Einheit mehr schadet als nützt davon auszugehen, dass alle Christen ›gleich‹ wären. Den Darstellungen der Unterschiede liegt jedoch keine Resignation zu Grunde sondern der Wille zu übersetzen und dadurch zu einer Einheit zu kommen.

Bei den Unterschieden spricht er auch über die Frage der Frauenordination, und in diesem Zusammenhang kommt er auf die Unterschiede im Gottesdienstverständnis zu sprechen. Diese Darstellung fand ich gerade so interessant, dass ich sie hier mit euch teilen möchte:

»Die protestantische Auffassung von Gottesdienst ist die folgende: Die Gemeinde versammelt sich. Sie bestellt Prediger zur Verkündigung des Wortes und zur Spendung der Sakramente. Sie überträgt damit eigene Vollmacht an die »Diensttuenden«. Denn wenn alle predigen wollten, so bemerkt schon Martin Luther, gäbe es ein unheilvolles Durcheinander. Die Basis dieser Auffassung ist das »allgemeine Priestertum« aller Gläubigen. Luther bemerkt dazu: Alle sind Königskinder. Aber nicht alle können regieren. Wenn alle gleichermaßen bei gleicher Würde tätig würden, käme man sich ständig gegenseitig in die Quere. Vor allem aus praktischen Gründen delegiert daher die Gemeinde Vollmacht an Einzelne. Aber die Gemeinde ist (im Namen Gottes natürlich) der Souverän. Es ist unschwer zu erkennen, wie sich hier Theorien des so genannten Konziliarismus des Mittelalters (14. und 15. Jh.) und Vorstufen der neuzeitlichen Theorie von der Volkssouveränität niedergeschlagen haben. Im Neuen Testament kann man sich auf »ekklesia« als (Volks-)Versammlung berufen. Denn nichts anderes bedeutet dieses Wort.

Die katholische und orthodoxe Auffassung von Gottesdienst ist eine andere. Sie besagt erstens: Jeder eucharistische Gottesdienst ist eine Neu-Inszenierung, eine reale Vergegenwärtigung des letzten Mahles Jesu mit seinen Jüngern. Das Gegenüber von Jesus und Jüngern wird vergegenwärtigt im Gegenüber von Priester und Kirchengemeinde. Im Unterschied zur protestantischen Auffassung ist der Gottesdienst damit nicht primär Gemeindeversammlung, sondern primär Vergegenwärtigung des Mysteriums des Heils. Während bei Protestanten konsequenterweise das Abendmahl auch fehlen kann (so wie es zumeist praktiziert wird), ist nach katholischem Verständnis die reale Gegenwart des Heilsgeheimnisses zentral.

Sie besagt zweitens: Für katholisches und orthodoxes Verständnis ist jede Eucharistiefeier ein Stück Himmel auf Erden, für protestantisches Verständnis ist jeder Gottesdienst primär Gemeindeversammlung. Dieser Unterschied kommt wie gesagt in der Präfation zum Ausdruck, in der immer auch die »himmlischen Mächte« der Engel, Erzengel, Throne, Seraphim gewissermaßen als Teilnehmer einer himmlisch-irdischen Liturgie benannt werden.«

[Klaus Berger, Glaubensspaltung ist Gottesverrat, 212f.]

Auf Grund dieser Gottesdienstverständnisse wird deutlich weshalb es für Protestanten möglich ist Frauen Aufgaben zu übertragen – während es für Katholiken undenkbar bleibt eine Frau in der Rolle Jesu/Gottes zu sehen. Dies hängt auch mit der Auffassung von Bildern und Metaphern zusammen. Gemäß der Darstellungen von Berger scheint die katholische Auffassung von Bildern sehr streng zu sein – Bilder würden demnach eins zu eins in die heutige Zeit übertragen. Meiner Ansicht nach hinkt dieser Vergleich, da – wie nicht anders zu erwarten war – die Auswahl der Bilder in gewisser Weise eingeschränkt geschieht. Bisher bin ich in dem Buch noch auf keine Sache gestossen die sowohl von protestantischer als auch von katholischer Seite mit den selben Bildern aus der Bibel verbunden wurde.

Und zum Schluss möchte ich die Darstellung der Gottesdienstverständnisse noch dazu nutzen, dich lieber Leser zu ermutigen über dein Gottesdienstverständnis nachzudenken. Evtl. kannst du dabei auch gleich reflektieren wie deine lokale Gemeinde Gottesdienst versteht und wie ihr das lebt.

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[Statements dazu freuen mich natürlich wie immer, entweder als Kommentar oder als Trackback]

3 Reaktionen

  1. ja, er hat ja recht, der berger. wir sollten unsere schätze (das was für uns „typisch“ ist) nicht verstecken, sondern zum glänzen bringen, damit die anderen auch etwas davon haben, wir haben alle unsere besonderheiten und sind nicht alle gleich etc. etc. aber ich finde immer noch, dass es diese eindeutigkeiten nicht mehr gibt. unsere „frömmigkeiten“ als individuen sind vielschichtiger als unsere konfessionelle zugehörigkeit. – meine kurzen gedanken zum gottesdienstverständnis: http://ecclesiola.blogger.de/stories/694464/

  2. Hey,
    ich glaube der Berger ist mir auch sympathisch.
    Zu der Sache mit der Einheit: ich stimme 100%ig zu: nichts ist naiver als Leugnen von Unterschieden; nichts ist arroganter, als zu sagen man ist einfach Christ, wie damals die Urchristen es waren- weil das impliziert, dass die anderen Traditionen völlig falsch sind. Irgendwie haben wir doch alle die Tendenz, zu denken, wir hätten DIE Metaperspektive, die alles durchschaut, durch nichts beeinflußt ist und den Weg nach vorne kennt.
    Zum Gottesdienstverständnis: vielleicht ist doch zumindest das Sakramentverständnis, das wir von Zwingli geerbt haben, irgendwie zu nüchtern; sieht man schon darin, dass viele Freikirchen das Abendmahl durch CCM praise&worship ersetzt haben- nicht unbedingt immer eine Weiterentwicklung, wie ich finde.

  3. […] Zwei interessante Einträge dazu noch in diesem Blog: Gottesdienstverständnis beschrieben von Klaus Berger »Die eine Taufe« – ein Eintrag zur gegenseitigen Anerkennung der Taufe […]

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