Kirche und Welt

In dem wunderbaren Buch ›Transforming Mission‹, das ich gerade wieder zur Hand genommen habe, schreibt David J. Bosch über Veränderungen für die Mission. Da er Mission nicht als eine Aufgabe der Gemeinde versteht, die von ein paar wenigen Freiwilligen oder Abenteuerlustigen übernommen wird, sondern Gemeinde selbst als an der Mission Gottes teilnehmend versteht, kommt er darauf zu sprechen wie sich die Sicht von Gemeinde verändert hat. Um diese neue Sicht von Gemeinde zu verstehen führt er sechs Punkte an, die ich hier kurz wiedergeben möchte:

[1] Provisorium.
Kirche kann weder als Grund noch als Ziel von Mission gesehen werden. Die Kirche sollte sich vielmehr mit ihrem Dasein als Provisorium abfinden. Das letzte Wort der Kirche ist nicht „Kirche“ sondern die Ehre Gottes des Vaters und des Sohnes im Geist der Freiheit.

[2] Vorschau.
Die Kirche ist nicht das Reich Gottes auf Erden. Sie ist vielmehr eine Vorschau, der Samen und der Anfang des Reiches Gottes. In ihr werden Zeichen des Reiches Gottes, einem Reich der Versöhnung, des Friedens und des neuen Lebens, sichtbar. Wenn dies geschieht, dann kann sie ein Sakrament der Rettung für die Welt sein. Dies sollte natürlich in und durch die Kirche geschehen, es kommt jedoch auch überall sonst in der Gesellschaft vor, da Christus auch der Herr der Welt ist.

[3] Wartezimmer.
Es ist nicht die Aufgabe der Kirche Menschen in ein Wartezimmer zu holen in dem sie auf das Ende der Welt warten. Alle Menschen stehen in sozialen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen, aus diesem Grund müssen die Befreiung von Einzelnen und Völkern in der Geschichte und die Verkündigung des kommenden Gottesreiches zusammen kommen. Kirche kann daher als Volk Gottes im normalen Weltgeschehen verstanden werden.

[4] Der erste Schritt.
Die Kirche sollte pneumatologisch als Bewegung des Geistes auf die Welt hin verstanden werden. Wenn wir die Kirche als ›Gemeinschaft des Heiligen Geistes‹ verstehen, dann sprechen wir von einer missionarischen Kirche, da der Geist den ersten Schritt Gottes in Richtung von uns Menschen darstellt.

[5] Gerechtigkeit.
Kirchen sollten so organisiert sein, dass sie der Gesellschaft dienen und den Gläubigen nicht aus dem Weltgeschehen heraustrennen. Ihr Leben und Wirken ist eng mit Gottes Heilsplan für die gesamte Welt verbunden. Aus diesem Grund plädiert Snyder für ›Reich-Gottes-Leute‹ im Gegensatz zu ›Gemeindeleuten‹:

»Reich-Gottes-Leute kümmern sich zuerst um das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, während Gemeindeleute dazu tendieren Gemeindeangelegenheiten über Belange der Gerechtigkeit, Gnade und Wahrheit zu stellen. Gemeindeleute machen sich darüber Gedanken wie sie Leute in die Gemeinde bringen können, Reich-Gottes-Leute denken darüber nach wie sie die Gemeinde in die Welt bekommen. Gemeindeleute machen sich sorgen dass die Welt die Gemeinde verändern könnte, während Reich-Gottes-Leute daran arbeiten zu sehen wie Gemeinde die Welt verändert.«

[Howard Snyder, Liberating the church. Frei übersetzt nach David J. Bosch, Transforming Mission, 378.]

[6] Gute Nachrichten.
Wegen ihrer grundlegenden Verbindung mit der Welt kann die Kirche nie wie ein ängstlicher Grenzwächter agieren, sondern immer gute Nachrichten weitergeben. Es ist ein Privileg ein solches missionarisches Leben zu leben.

Ich verstehe diese sechs Punkte von Bosch als ein Plädoyer für ein demütiges Gemeindeverständnis. Gemeinde die auf vielerlei Weisen mit ihrer Umgebung interagiert und dabei bewusst an Gottes Heilshandeln partizipiert. Keine ängstliche Abgrenzung sondern eine bewusste Öffnung im Einsatz für Gerechtigkeit. Also nicht Gemeinde um der Gemeinde Willen, sondern wie schon Bach so schön schrieb: SDG! soli deo gloria.

6 Reaktionen

  1. […] David J. Bosch bei Daniel Wunderbar fasst Daniel den großen David J. Bosch zusammen und bringt es auf 6 Punkte. Sehr lesenswert! Wenn Du immer noch denkst, dass Gemeinde um ihrer selbst willen besteht, dann lass Dich eines besseren belehren… […]

  2. Hey!

    I like that part alot:

    „Gemeindeleute machen sich darüber Gedanken wie sie Leute in die Gemeinde bringen können, Reich-Gottes-Leute denken darüber nach wie sie die Gemeinde in die Welt bekommen. Gemeindeleute machen sich sorgen dass die Welt die Gemeinde verändern könnte, während Reich-Gottes-Leute daran arbeiten zu sehen wie Gemeinde die Welt verändert.“

  3. witzig, das mit dem wartezimmer. übrigens stehen „wartezimmer“ und „provisorium“ einander gegenüber. einerseits sagt man oft: „kirche ist noch nicht das letzte“ und dann aber sagt die wartezimmer-warnung: tu so als sei alles schon da! (und nichts mehr provisorisch)

  4. hi beisasse,
    sehe die wartezimmer-sache ein bisschen anders. vielleicht kam das in dem eintrag nicht so deutlich raus, deswegen versuch ichs ein bisschen deutlicher zu bekommen: wartezimmer habe ich deswegen als begriff gewählt, weil er einen ort verkörpert in dem wir einfach nur sitzen und nichts tun können – wir warten einfach ab bis wir aufgerufen werden. für mich sagt das bild daher eher: lebe in dem provisorium und setz dich nicht einfach hin und warte bis das „letzte“ da ist.
    grüße

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