dezentral

Gerade über das Apostelkonzil gelesen und dabei darüber nachgedacht, dass das ›Christentum‹ dezentral ist. Welche Instanz könnte heute ähnliche Fragen klären? Vielleicht sollten wir aufwachen und die Illusion eines zentralisierten Christentums [auch wenn wir das nur für uns vor Ort so empfinden] verabschieden. Und vielleicht braucht es dann auch keine Vergleiche mehr mit irgendwelchen Terrororganisationen…

3 Reaktionen

  1. Das ist ja eine der Tücken und Frustrationen der Ökumene und ihrer Organisationen (oder Organisationsversuche), dieser Tatsache gerecht zu werden. Nur dass es heute etwas komplexer ist, weil die Christenheit etwas größer geworden ist als damals – und als die dezentralen Terrorzellen ;-)

    Vielleicht liegt auch viel Kritik an der Ökumene daran, dass man mit der Vielstimmingkeit einer dezentralen/multizentrischen Kirche nicht klar kommt?

  2. Wow! Dein kurzer Gedankengang setzt eine Lawine von Eindrücken, Gedankensplittern und Gefühlen in Gang. Allerdings sind diese ganzen Eindrücke relativ ungeordnet. Zudem fühle ich mich zwar als Christ. Ich bin aber nur ein Laie. Dennoch versuche ich mal, meine Gedanken nieder zu schreiben.

    Ich fange beinahe unwillkürlich und unbewusst an, Deinen Gedanken von ‚Dezentralität‘ weiter zu spinnen. Dabei mischen sich sofort und beinahe unwillkürlich Deine Gedankenidee mit meinen Assoziationen. Ich denke an ‚Organisationsformen‘ und ich vergleiche religiöse Organisationsformen mit weltlichem Geschehen. Gerade hier in Deutschland, aber auch in Europa bilden sich Gemeinschaften dezentral. Ich nenne es ein wenig anders und bin schnell beim Begriff des Föderalismus. Es ist mir wichtig, dass man jetzt nicht sofort an irgendwelche PolitikerRunden denkt und Kungeleien in Brüssel oder Berlin. Vielmehr: Was ist es denn, was uns hier in Deutschland u.a. so stark macht? Es ist unsere Unterschiedlichkeit und es ist die Stärke, die uns daraus erwächst. Darüber hinaus streben wir einem gemeinsamen Wertekanon zu. Die Begründungen, die uns Für oder Wider bestimmte Ziele und Inhalte einnehmen, sind grundverschieden und doch gibt es daneben grosse Gemeinsamkeiten. Wenn man in die Geschichte der Kirche schaut, wenn man vor allem in die Kirchengeschichte der röm.kath. Kirche schaut, dann kann man aus heutiger Sicht kaum noch nachvollziehen, wieso es so wichtig war, Zentralität dermassen zu überbetonen. Man kann zwar sagen, dass zentrale Glaubensinhalte die eigentliche Glaubensgemeinschaft ausmachen. Darüber hinaus ging es der Kirche aber offensichtlich lange Zeit eher darum, Macht zu bewahren (siehe Kreuzzüge etc.)

    Wenn man seine Aufmerksamkeit von den Macht- und Einflussfragen ablenkt, dann stellt man sehr schnell fest, dass Glaube vor allem dort gut gedeiht, wo die Menschen nicht alleine im Glauben ruhen, sondern wo sie zusätzlich einer sozialen oder kulturellen Gemeinschaft angehören. Sie kommen aus Europa, sie kommen aus Polen, sie sprechen eine Sprache, sie leben in ähnlichen sozialen Verhältnissen, sie haben eine gemeinsam erlebte und manchmal auch erlittene Geschichte und und und. Zentrale Vorgaben über solche Gruppengrenzen hinweg verweigern sich der vorhandenen Unterschiedlichkeit von Menschen. Es braucht ‚dezentrale Elemente‘. Es braucht lokale (geistige) Führer, es braucht Entscheidungen, die dem jeweiligen Lebensumfeld eines Menschen oder einer Region Rechnung tragen. Erst auf Basis einer derart dezentralisierten Lebenswirklichkeit erkennen die Menschen höher gestellte Inhalte an. Sie erkennen dann gemeinsame Inhalte als im wahren Sinne des Wortes Verbindungsglieder an. Sie erkennen auch ein Grosse Ganzes, wenn sie andererseits erleben dürfen, dass man ihre Unterschiedlichkeit nicht nur tolleriert, sondern diese sogar aktiv anerkennt und fördert. So lebt der koptische Christ aus Agypten seinen Glauben anders als der postmoderne junge Deutsche oder der nicht minder westlich orientierte SüdKoreaner. Bei letzerem wirken aber trotz einer modern westlichen Orientierung sicher auch noch familiäre und kulurelle Werte in sein Leben und Denken, die aus vorschristlicher Zeit stammen und die sich an östlich-asiatischen Religionsformen orientieren. Fazit: Dezentralität steht für mich im direkten Zusammenhang mit lebendigem Handeln und Tun. Nur der Austausch zwischen höchst unterschiedlichen Lebenswegen bringt uns voran und macht uns reich.

    Ich sende Dir und Deinen Leuten alles Gute und einen sinnvollen Start in die neue Woche. Ciao, Markus

    p.s.: Ich sags ja, ich lasse meine Gedanken treiben und meine Gedanken wandern in eine Richtung, die Du evtl. ersteinmal gar nicht ‚auf dem Zettel‘ hattest ;-). Sorry dafür ;-). Ich musste einfach Schreiben, wollte hier vielleicht auch eher unbewusst die (dezentrale) Vielfalt des Denkens zeigen und vorleben, die nicht existieren dürfte, wenn uns ein zentraler ‚grosser Bruder‘ unser Denken, Fühlen und Glauben vorgeben würde.

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