Adjektiv vs. Nomen

Im letzten Beitrag über die kleinen Vereine kam ich in Andeutungen auf die Sache mit der „christlichen Subkultur“ zu sprechen. Darüber hinaus hatte ich in den Kommentaren angedeutet, dass ich der Verwendung des Begriffs ›Christ‹ – wenn damit auf Personen verwiesen wird – wesentlich aufgeschlossener gegenüber stehe. Rob Bell spricht in seinem Buch ›Velvet Elvis‹ über das Etikett ›christlich‹ und seine Verbindungen damit. In einigen Zitaten daraus möchte ich ihn hierzu zu Wort kommen lassen.

Die folgenden Aussagen könnte man vielleicht unter dem Motto »Christ ist ein tolles Nomen, christlich ein kümmerliches Adjektiv!« zusammenfassen:

»Es ist gefährlich, irgendetwas als „christlich“ zu etikettieren. Zuerst tauchte das Wort als Nomen in der Bibel auf. Die ersten Anhänger Jesu wurden als Christen bezeichnet, weil sie sich selbst dem lebendigen Weg des Messias verschrieben hatten, für den sie Jesus hielten.

Nomen. „Christ“. Eine Person. Eine Person, die Jesus folgt. Eine Person, die in Einklang lebt mit der letztgültigen Wirklichkeit, mit Gott. Eine Lebensweise die sich nach einer lebendigen Person ausrichtet.

Das Problem dabei, ein Nomen in ein Adjektiv zu verwandeln und es anderen Wörtern anzuheften, liegt darin, dass dadurch Begriffsklassen geschaffen werden können, die die Wahrheit eingrenzen. Damit meine ich: Irgendetwas kann das Etikett „christlich“ bekommen, auch wenn es nicht wahr oder gut ist.«
[Rob Bell, Jesus unplugged, 79f.]

Er geht weiter darauf ein, dass ein Christ keinen ›weltlichen Job‹ haben kann. Zunächst sagt er dazu, dass ein Christ alles was er tut mit Leidenschaft und Hingabe tun soll, da alles was er tut heilig ist. Dies hängt für ihn eng damit zusammen, dass ein Christ sein komplettes Leben aus der Beziehung mit Gott gestaltet. Dazu ein kurzer Abschnitt aus dem Brief an die Kolosser:

»Ihr seid von Gott erwählt, der euch liebt und zu seinem heiligen Volk gemacht hat. Darum zieht nun wie eine neue Bekleidung alles an, was den neuen Menschen ausmacht: herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Bescheidenheit, Milde, Geduld. Ertragt einander! Seid nicht nachtragend, wenn euch jemand Unrecht getan hat, sondern vergebt einander, so wie der Herr euch vergeben hat. Und über das alles zieht die Liebe an, die alles andere in sich umfasst. Sie ist das Band, das euch zu vollkommener Einheit zusammenschließt. Der Frieden, den Christus schenkt, muss euer ganzes Denken und Tun bestimmen. In diesen Frieden hat Gott euch alle miteinander gerufen; ihr seid ja durch Christus ein Leib. Werdet dankbar! Gebt dem Wort Raum, in dem Christus bei euch gegenwärtig ist. Lasst es seinen ganzen Reichtum unter euch entfalten. Unterweist und ermahnt einander mit aller Weisheit. Singt Gott von ganzem Herzen Psalmen, Hymnen, Loblieder, wie seine Gnade sie schenkt und sein Geist sie euch eingibt. Alles, was ihr tut und was ihr sagt, soll zu erkennen geben, dass ihr Jesus, dem Herrn, gehört. Euer ganzes Leben soll ein einziger Dank sein, den ihr Gott, dem Vater, durch Jesus Christus darbringt.«
[Kolosser 3,12-17]

Mir gefallen darüber hinaus auch seine Gedanken zum Engagement von Christen. Auf die Frage weshalb sie in der Gemeinde zu der Rob gehört Künstler nicht fördern, was am Fehlen von Theaterstücken in Gottesdiensten fest gemacht wird, antwortet er folgendes:

»Ich glaube nicht, dass etwas in einem Gottesdienst stattfinden muss, um „für Gott“ zu sein. Als wenn man „für Gott“ nur im Gottesdienst auftreten könnte . Eine Gemeinde besteht aus Menschen die lernen, wie man zu einer bestimmten Art von Menschen wird, egal, wo sie sich befinden. Was immer sie auch tun, sie tun es „im Namen des Herrn Jesus“. Das Ziel ist nicht, die Arbeit jedes einzelnen in die Kirche zu holen; Ziel ist, dass die Kirche aus diesen einzigartigen Menschen besteht, die dort etwas verwandeln, wo sie leben und arbeiten und spielen, weil sie wissen, dass die ganze Welt voll ist von der Herrlichkeit Gottes. Gott ist nicht nur in einem Gebäude.«
[Rob Bell, Jesus unplugged, 82.]

In dieser Aussage kommt meiner Ansicht nach etwas zum Vorschein, dass manche als Reich-Gottes-Perspektive bezeichnen würden. Unsere Sendung als Christen ist es demnach nicht in erster Linie „Gemeinde zu bauen“, sondern am Handeln Gottes zu partizipieren. Diese Partizipation kann sicher in Gemeinde stattfinden, ist jedoch viel weiter und passiert in unserem ganz normalen Alltag:

»Die Etiketten versagen also, ganz gleich, wie sinnvoll sie von Zeit zu Zeit sind, denn so ist das Leben, das Jesus bietet: ein Leben das von Menschen gelebt wird, die ihr ganzes Leben danach ausrichten, dem, was Jesus sagte, möglichst nahe zu kommen.«
[Rob Bell, Jesus unplugged, 82.]

Hinsichtlich der Tendenz eine eigene „christliche Subkultur“ zu brauchen um sich von der „bösen/gefallenen Welt“ zu schützen artikuliert Rob ebenfalls einige klare Gedanken. Ich erinnere mich an die Frage von Eltern, die gerne ein „christliches“ Pendant zur Lieblingsband ihrer Sprösslinge genannt haben wollten. Dadurch sahen sie einen positiven Einfluss gewährleistet. Dies kann bisweilen auch so sein, was ich sehr hoffe [vgl. das Zitat aus dem Brief an die Kolosser], befreit uns jedoch nicht davor zu prüfen…

»Wenn wir Dinge mit dem Etikett „christlich“ versehen, besteht die Gefahr, dass wir blind etwas konsumieren, das uns als sicher und akzeptabel angeboten wurde. Wenn wir die Antennen der eigenen Urteilskraft einfahren, können gefährliche Dinge passieren. Wir müssen alles prüfen. Ich freue mich über die vielen Christen, die kreativ sind und schreiben, Filme machen oder singen. Jeder der – wo auch immer – alles daran setzt, Menschen auf die tiefere Wirklichkeit Gottes hinzuweisen, tut etwas Schönes. Doch diese Schriftsteller und Künstler, Denker und Sänger würden Ihnen alle raten, ausgiebig und tief über das nachzudenken, was sie da sagen und tun und schaffen. Testen sie es. Stellen sie alles auf den Prüfstand.«
[Rob Bell, Jesus unplugged, 82.]

– – –
Ich mag das Buch sehr und geniesse es zur Zeit mit einigen aus der Kubik-Gemeinschaft gemeinsam zu lesen. Im Gespräch über Robs Gedanken prüfen wir auch seine Gedanken und behalten hoffentlich das Gute und werden inspiriert.

Jesus unplugged
„Jesus unplugged“ (Rob Bell)

Velvet Elvis
„Velvet Elvis: Repainting the Christian Faith“ (Rob Bell)

Was mich nachdenklich macht ist, weshalb ein Buch das im Original wunderschön ist durch die Übersetzung und Herausgabe in Deutschland die komplette Schönheit verliert.

2 Reaktionen

  1. ich wundere mich, dass man es seit der reformation (oder auch schon vorher) nicht geschafft hat, die menschen in ihrem glauben zu alphabetisieren. immer noch sind viele darauf angewiesen, dass es jemanden gibt, der ihnen definitiv sagt: das ist christlich und okay, und das ist es nicht.

    das wird sich wahrscheinlich auch nicht ändern, wenn schon 500 jahre protestantismus keine ergebnisse zeitigte. und in den jahrhunderten davor hätte man ja auch schon mal darauf kommen können, so eine geistliche alphabetisierung in angriff zu nehmen.

  2. […] unplugged“ – absolut lesenswert. Wer ein paar überzeugende Zitate braucht, kann mal bei Daniel vorbeischauen – ich dachte eigentlich, ich hätte darüber auch mal was geschrieben, kanns aber […]

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