Was ist Orthodoxie?

Aus einem Vortrag, den Tony Jones [Emergent Village USA] bei einer Tagung im Wheaton College über Hermeneutik und Orthodoxie gehalten hat, gefällt mir besonders das Ende. In diesen Ausführungen wird meiner Ansicht nach sehr gut deutlich was es bedeuten kann mit der Weltsicht, mit der auch ich mir die Welt zu erklären versuche, Orthodoxie verständlich zu machen. Das eben angesprochene Ende habe ich mal übersetzt, danach gibt es auch noch ein paar Links dazu:

»Euch wurde gesagt, dass die Emergent Church Orthopraxie höher achtet als Orthodoxie, ich aber sage euch, wenn Orthodoxie ein Ereignis ist, dann wurde ein weiterer Vorhang zerrissen. Dann gibt es keine Unterschiede mehr zwischen den beiden. Bei „Orthoparadoxie“ wie mein Freund Dwight Friesen es nennt, handelt es sich um die dialektische Spannung in der die beiden Pole stehen. Lasst es mich noch deutlicher sagen: es gibt keine Orthodoxie ohne Orthopraxie. Das gibt es einfach nicht. Es kann schon sein, dass Menschen darüber reden, aber Menschen reden auch über Einhörner.

Es gibt kein Lied bevor es gesungen wird – davor sind es nur Worte und Noten auf einem Blatt Papier. Ein Strike ist erst ein Strike, wenn der Schiedsrichter „Strike!“ gerufen hat – „Es ist nichts bevor ich es ausgerufen habe.“ So gibt es auch keine Orthodoxie bevor sie nicht gelebt wird. Sie ist ein Ereignis, das sich ereignet wenn wir uns versammeln um anzubeten, wenn wir eine Windel wechseln, ein Buch lesen oder einen Vortrag halten.

Euch wurde gesagt, dass die Emergent Church Erfahrung auf Kosten des rationalen Wissens betont, ich aber sage euch, bei alle menschlichen Unternehmungen, Theologie eingeschlossen, werden Erfahrungen gemacht. Wenn jemand etwas von Phänomenologie versteht ist ihm ersichtlich, dass Menschen Erfahrungen machen und diese interpretieren. Ein Labyrinth zu laufen ist genauso eine Erfahrung wie das Lesen eines theologischen Buches. Beten ist genauso eine Erfahrung wie das Hören einer Predigt. Es gibt keine menschliche Unternehmung bei der wir keine Erfahrung machen, wir sind erfahrungsorientierte Wesen. Daher sind auch unsere Glaubenspraktiken mit Erfahrungen verbunden, egal ob es sich um intellektuelle, bewegungsorientierte, informationsgebundene oder erzählerische Praktiken handelt.

Euch wurde gesagt, die Emergent Church ist voll von Relativisten, ich aber sage euch, wir sind alle Relativisten. Wir gehen in einen Buchladen und wählen eine Bibel aus. Eine Bibel die von einer bestimmten Gruppe von Menschen übersetzt wurde, die bestimmte theologische Ansichten teilen. Du wählst diese Bibel relativ zu allen anderen Bibeln aus, die dir hier angeboten werden. Du triffst eine ähnlich relative Entscheidung bezüglich der Gemeinde zu der du gehören möchtest, der Uni an der du zu studieren planst, und dem Partner den zu heiraten gedenkst. Manche Ausrufe sind leicht, wie „Ball!“ oder „Strike!“, die vom Schiedsrichter Sekundenbruchteile nach dem Auftreffen des Balls im Handschuh des Catchers gerufen werden: sie befinden sich direkt auf dem Tablett der Bibel. Andere sind schwerer zu treffen, wie die Markierungen am Rand des Spielfeldes. Wir versuchen so gut wie möglich zu entscheiden, und leben mit den Konsequenzen.

Euch wurde gesagt, dass die Emergent Church die persönliche Rettung durch gemeinschalftliches Leben ersetzt, ich aber sage euch, unsere Gemeinschaften des Glaubens bestehen aus einzelnen, denkende Akteuren die sich dazu entschieden haben sich Gemeinschaften der Orthoparadoxie anzuschließen. Gemeinschaften in denen wir gemeinsam darum ringen wo genau der „Strike-Bereich“ ist.

Euch wurde gesagt, dass Emergent Churches biblische Modelle pastoraler Leiterschaft gering schätzen und gleichberechtigte Gemeinschaften bevorzugen, ich aber sage euch, Leiterschaft hat viele verschiedene Formen. Manche werfen uns vor, dass wir Tor und Tür für Irrlehre öffnen indem wir es vielen, auch denen die am Rand stehen, erlauben ihre Gedanken zur Bibel oder gar der Predigt zu äußern, da wir damit die klare biblischen Lehre verraten. Die Geschichte ist im Gegensatz zu diesem Vorwurf eindeutig, die Gefahr von Irrlehre oder sektiererischen Kulten ist viel größer wenn die Interpretation der Bibel allein bei einem Leiter oder einer Oligarchie liegt. Jim Jones und David Koresh gaben Niemandem die Möglichkeit während ihrer Predigten darüber zu sprechen wo sie zustimmten oder nicht einverstanden waren.

Euch ist auch gesagt, die Emergent Church stehe nicht in der Auslegungstradition der Kirchengeschichte, ich aber sage euch, dass wir die Kirchenväter sehr ernst nehmen indem sie Teil unserer Unterhaltung sind. Richtig, sie herrschen nicht über uns, aber sie nehmen an unserem Ereignis der Orthodoxie mit einer autoritativen Stimme teil. Hast du dir die 95 Thesen Luthers angeschaut? Darin geht es nicht um systematische Theologie, sie behandeln vielmehr die spezifischen Probleme ihrer Zeit. Hast du Augustins Abhandlungen gelesen? Sie setzen sich mit dem Pelagianismus seiner Zeit auseinander. Was ist mit Aquinas? Er setzte sich mit dem islamischen Aristotelismus auseinander. Orthodoxie ist eine sich ereignende Unterhaltung über die Fragen: Wer ist Gott? Wer sind wir? Und was ist die Beziehung zwischen uns?

Orthodoxie ereignet sich. Und ich kann nur darum beten, dass sie sich auch hier und jetzt ereignet.«

Den gesamten Vortag kannst du dir als PDF hier herunterladen.
Die dazugehörige PowerPoint bekommst du dort.
Und einen Eintrag auf Tonys Blog findest du hier.

5 Reaktionen

  1. Finde den Ansatz gut. Besonders, wenn er andeutet, dass dieser Unterscheidung „Theorie und Praxis“ an sich schon schwierig ist.
    Ich frage mich, ob man nicht sobald man sich überhaupt anhand der Bibel, der Tradition etc. den Fragen der Zeit stellt (aka Theologie betreibt), ob man nicht automatisch „Häretiker“ produziert.
    Also wenn wir auf den Vorwruf: „Ihr Christen seid alles Weltflüchtige!“ antworten mit „nein nein, es geht darum, dass das Reich Gottes auf Erden wie im Himmel kommt“, dann grenzen wir ja automatisch dualistischen Glauben aus. Also wäre die Alternative zum Produzieren von „Häresien“ und „Orthodoxien“ nur zu schweigen und keine Antowrten zu geben.

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