Dialogfähigkeit

In letzter Zeit stelle ich immer wieder erfreut fest, dass mit der Zeit eine gewisse Übung entsteht, die es uns als Gemeinschaft möglich macht in einen guten Dialog einzutreten. Diese Beobachtung stützt sich auf das was wir als Gemeinschaft zum einen in WortSport und zum anderen in den sonntäglichen Treffen erleben. Diese beiden Treffen sind von dem Gedanken durchdrungen gemeinsam an einem Lehrgespräch teilzunehmen, anstatt von einer Person einen Monolog dargeboten zu bekommen. Während ich so darüber nachdenke erinnere ich mich an eine kleine Geschichte die ich vor ungefähr zwei Jahren schrieb – heute ist ein guter Zeitpunkt sie hier zu veröffentlichen und uns allen damit eine Möglichkeit zu geben das hier und jetzt mit den Gedanken zum damals zu vergleichen…

Lehrer, lehren und lernen.
Auf der Suche nach Lernmöglichkeiten ohne schwere Augenlieder.
Sehen mit den Augen eines Lehrers, der selbst lernt.

Moby’s Ambient Platte legt einen Klangteppich unter unsere Gespräche. Es ist Montagabend und wir sitzen um einen großen Tisch, auf dem unsere kalten Getränke stehen und aufgeschlagene Bibeln liegen. Während jemand einen Abschnitt aus der Bibel liest, nehme ich einen erfrischenden Schluck aus meiner Bionade.

Bei einer Tasse Kaffee hatte ich mich am Nachmittag mit dem Thema für den heutigen Abend beschäftigt. Am Schreibtisch sitzend hatte ich den betreffenden Abschnitt gelesen und einen groben Fahrplan für den Abend entwickelt. Es wurden Blicke in Bücher geworfen, das Internet zu Rate gezogen und bei Blicken aus dem Fenster Gedanken nachgegangen. Ein grober Fahrplan, den man vielleicht besser strukturierte Stoffsammlung nennt, war entstanden, kein genauer Ablauf und auch kein ausformulierter Monolog.

Stimmen einer angeregten Unterhaltung. Die junge Frau in dem grünen T-Shirt sagt, mit ihrem Apfelschorle in der Hand: „Das verstehe ich nicht…“ Eine andere erzählt wie sie das angesprochene versteht und ein Dritter bringt sein Verständnis ins Spiel. Ich gebe durch einen Hinweis aus meiner Stoffsammlung eine Anregung zum Verstehen und wir betrachten eine Stelle in der Bibel, an der auch von dem angesprochenen die Rede ist. Mit einem Röhrchen im Mund denkt die junge Frau über das Gesagte nach. Sie nimmt einen großen Schluck und formuliert selbst, was sie jetzt verstanden hat. So entfaltet sich ein lebhaftes Gespräch, zu dem jeder etwas beiträgt. Wir umkreisen das Thema in unseren Gedanken, tauschen uns aus und lernen zusammen.

Hätte ich heute Nachmittag einen Monolog vorbereitet, wäre es mir möglich die Punkte, die mir wichtig sind der Reihe nach vorzutragen. An manchen Abenden würde ich vielleicht auch mit dem Gefühl nach Hause gehen, alles, was ich sagen wollte, wurde gesagt. Bei den anderen, die mit mir um den Tisch sitzen, könnte es jedoch passieren, dass nach einem langen Arbeitstag die Augenlieder immer schwerer werden und die Hauptaufmerksamkeit darauf verwendet wird, nicht einzuschlafen.

Die Unterhaltung ist in vollem Gang. Derjenige am anderen Ende des Tisches spricht davon, dass er mit den bisher eingebrachten Erkenntnissen und Argumenten nicht zufrieden ist: „Da Stimme ich nicht zu,“ sagt er. Ich warte einen Moment um zu sehen, wie diejenigen Reagieren, die ihren Teil beigesteuert haben und die jetzt in Frage gestellt werden. Ich frage mich, ob ich den Widerspruch so stehen lassen kann? Sollte ich etwas sagen? Wieder ergreift die junge Frau im grünen T-Shirt das Wort und geht auf den Widerspruch ein. Sie fragt nach den Gründen seiner Unzufriedenheit. Andere reihen sich ein und das Gespräch geht weiter. Gemeinsam erarbeiten wir das Thema. Hin und wieder stelle ich eine Frage, gebe etwas zu bedenken, oder schlage eine weitere Bibelstelle vor, meine Rolle ist eher mit einem Moderator zu vergleichen als mit einem Alleinunterhalter.

Das Engagement der jungen Frau im grünen T-Shirt fasziniert mich. Hatte sie zu Beginn des Abends selbst noch Fragen an den Text, so vertritt sie ihr Verständnis jetzt mit Argumenten und verbindet diese gleich mit Beispielen aus ihrem Leben, die für sie jetzt eng mit unserem Thema verbunden sind. Dabei geht sie behutsam vor. Sie wurde ernst genommen und hat etwas verstanden. Kann sie jetzt dazu beitragen, dass ein anderer aus der Runde nun ebenfalls etwas, was ihn schon eine Weile beschäftigt, besser versteht?

Unsere Notizblätter haben sich gefüllt, unsere kalten Getränke leerten sich mit jedem Schluck, bis auf die Afri–Cola des jungen Mannes am anderen Ende des Tisches, die sich langsam erwärmte und ihre Kohlensäure in die Freiheit entließ, da er im Verlauf des Gespräch ganz vergessen hatte zu trinken. Jeder konnte seinen Teil dessen einbringen, was er verstanden hat, und manchmal staunt der eine oder die andere über das was gesagt wird: „Das war mir ja vorhin noch gar nicht so klar, aber dadurch, dass ich das jetzt gesagt habe, verstehe ich es selbst besser!“

Wieder zurück an meinen Schreibtisch, gehe ich meine Notizen noch einmal durch und staune, was wir alles an diesem Abend geredet haben. Ich freue mich über die Dinge, die im Gespräch entstanden sind. Darunter sind Sachen, an die ich in der Vorbereitung nicht gedacht hatte, ohne die aber bei unserer Auseinandersetzung mit dem Thema entscheidendes gefehlt hätte.
[Juli 2005]

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