Kirche und Ökumene

Ein Papier mit ›Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche‹ das gestern von der Kongregation für die Glaubenslehre veröffentlich wurde scheint in manchen Kreisen mehr Fragen als Antworten aufzuwerfen. Und dazu möchte nun auch ich etwas schreiben.

Das eben erwähnte Papier entstand aus der Herausforderung einige Auslegungsungenauigkeiten der Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Kirche (römisch-katholische Kirche) und ihr Verhältnis zu anderen kirchenähnlichen Gemeinschaften (wie z.B. die so genannten Ostkirchen oder die Reformierten) zu klären. Die Formulierung um die es geht findet sich in der Verlautbarung Lumen Gentium 8,12.

Dort heißt es: »Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft verfaßt und geordnet, ist verwirklicht in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird« [Lumen Gentium 8,12]

Was in diesem Zitat mit »verwirklicht« wiedergegeben wurde liest sich im lateinischen Original als »subsistit« und stellte nach Meinung einer ganzer Reihe von Gelehrten damals einen großen Fortschritt dar, da dieses Wort das vorher gebäuchliche »est« ersetzte, was zu verstehen war als »Die Kirche Jesu Christi ist („est“) die katholische Kirche.« Damit sollte ausgedrückt werden, dass auch außerhalb der katholischen Kirche Elemente der Heiligung und der Wahrheit zu finden sind.

Diese Öffnung verbunden mit einigen anderen Äußerungen in den Verlautbarungen des Zweiten Vatikanischen Konzils ließen eine Reihe von Ökumenikern aufhorchen und gab ihnen Hoffnung auf eine lebbare Ökumene. Dass jedoch ein Papier wie das gestern Veröffentlichte notwendig wurde zeugt von einer ungenauen Auslegung auf Seiten derer, die im Zweiten Vatikanischen Konzil einen Meilenstein für die Ökumene sahen – und scheint, wie es in Verlautbarungen der EKD spekuliert wird, auch manchen katholischen Ökumeniker zurück zu rufen [Vgl. was von Friedrich Weber hier zu lesen ist.]

In einem Kommentar der Welt werden die aufgebrachten Reaktionen von Seiten der EKD und auch andere Äußerungen zu dem Papier dahingehend in Frage gestellt, dass das Papier nur dann recht verstanden sei, wenn es als Papier zu Klärung interner Lehrauseinandersetzungen angenommen werde. Was dabei meiner Ansicht nach jedoch zu wenig Beachtung findet ist die öffentliche Wirkung eines Papiers das bewusst veröffentlicht wurde. Es geht meiner Ansicht nach auch nicht nur um eine innerkatholische Klärung, sondern vielmehr eine Darlegung der katholischen Lehre über die Kirche – im Wortlaut des Papiers:

Unter Voraussetzung der gesamten katholischen Lehre über die Kirche möchte die Kongregation darauf antworten, indem sie die authentische Bedeutung einiger ekklesiologischer Ausdrücke des Lehramts klärt, die in der theologischen Diskussion in Gefahr sind, missverstanden zu werden.

Die Zeit kommentiert im Gegensatz dazu, dass Rom lediglich an einer „Rückkehr-Ökumene“, also einer Unterwerfung der reformatorischen Kirchen unter Rom interessiert sei. Diesem Eindruck kann ich aus meiner Sicht beipflichten, da die Gewichtung des katholischen Kirchenverständnisses im Zusammenhang mit Amt und apostolischer Sukzession für einen Menschen der im Umfeld so genannter Reformierter aufwuchs stark nach einer Stärkung der eigenen, also auch und vor allem der päpstlichen Autorität, riecht. Hierzu ein kurzes Zitat aus dem Statement der Deutschen Bischofskonferenz:

Mit Recht sagt das Zweite Vatikanische Konzil: „Aber gerade die Spaltungen der Christen sind für die Kirche ein Hindernis, dass sie die ihr eigene Fülle der Katholizität in jenen Söhnen (und Töchtern) wirksam werden lässt, die ihr zwar durch die Taufe zugehören, aber von ihrer völligen Gemeinschaft getrennt sind. Ja, es wird dadurch auch für die Kirche selber schwieriger, die Fülle der Katholizität unter jedem Aspekt in der Wirklichkeit des Lebens auszuprägen.“ (Dekret über den Ökumenismus, Art. 4)
[Statement der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann]

Abschließend soll aus demselben Statement noch der abschließende Abschnitt zitiert werden:

In diesem Sinne will der Text gelesen und verstanden werden: Es ist ein Dokument der Klarheit des eigenen Bekenntnisses und zugleich der Würdigung, ja auch einer – zwar begrenzten, aber wesentlichen – Anerkennung des ekklesialen Charakters der anderen christlichen Glaubensgemeinschaften. Das ökumenische Gespräch lebt von beidem.

In Anlehnung an Klaus Bergers ›Glaubensspaltung ist Gottesverrat‹ könnte dieser Schritt jedoch auch als ein positiver Schritt hinsichtlich der Ökumene verstanden werden. Wenn ich das recht in Erinnerung habe, dann plädiert Berger ja gerade dazu die Unterschiede zu artikulieren und dennoch, oder gerade deswegen, nach gemeinsamen Wegen zu suchen.

Mir stellt sich darüber hinaus die Frage inwiefern Ökumene auch im Sinne der Institutionen anzustreben ist, oder vielleicht wie es Bewegungen wie ›Miteinander wie sonst‹ machen, bei den Gemeinschaften, also den Menschen ansetzen sollte.

– – –
interessant sind dazu auch die Beiträge von Fono und Haso.

Zwei interessante Einträge dazu noch in diesem Blog:
Gottesdienstverständnis beschrieben von Klaus Berger
»Die eine Taufe« – ein Eintrag zur gegenseitigen Anerkennung der Taufe

10 Reaktionen

  1. Guter Beitrag, Daniel. Ich habe nicht genau in Erinnerung, wie sich Berger eine auf beiden Seiten profilierte Ökumene vorstellt, obwohl ich das Buch vor einem Jahr gelesen habe.

    Ich würde allerdings sagen, dass es in jedem Fall gut ist, wenn alle beteiligten Partner eines Gesprächs ein möglichst genaues Bild über die eigene Identität haben. Eine Wischiwaschi-Ökumene nach dem Motto „wir sind doch alle gleich“ oder noch besser interreligiös „wir haben doch alle denselben Gott“ ist nicht nur unwahr, sondern nimmt auch den Gesprächspartner in seinen Überzeugungen gerade nicht ernst. Weil der andere anders ist, darum treten wir ja erst in einen Dialog.

    Für das ökumenische Gespräch finde ich nun aber folgende Fragestellung wichtig: In Anbetracht der Tatsache, dass wir unterschiedlich sind, was muss passieren, damit wir Kirchengemeinschaft haben können? Das ist die eigentlich entscheidende Frage in Hinblick auf gegenseitige Anerkennung und auch das Feiern des gemeinsamen Abendmahls. Und in dieser Hinsicht wird hier aus meiner Sicht von katholischer Seite das Tischtuch zerschnitten, wenn von vorneherein gesagt wird, dass der Gesprächspartner nicht als Kirche anerkannt wird. Damit ist das negative Ergebnis eines Dialoges vorweggenommen, der gar nicht stattgefunden hat. Und das geht dann über eine positiv verstandene Profilierung gegenüber dem Protestantismus, den ich für angebracht halten würde, hinaus.

  2. auf deine letzte frage will ich nicht „objektiv“ antworten (ob institutionelle ökumene überhaupt sinnvoll ist), sondern „subjektiv“ (wofür ich mich engagiere).

    ich würde bewegungen wie die von dir genannte favorisieren, die bei gemeinschaften oder menschen – also „unten“ – ansetzen. was mir dabei genau so wichtig ist: bewegungen wie „miteinander, wie sonst“ sind ausdrucksformen einer missionalen ökumene. (mit diesem begriff haben wir ja uns gerade bei dosi beschäftigt.)

    nach johannes 17,23 („damit sie vollkommen eins seien und die welt erkenne, dass du mich gesandt hast“) ist die einheit der christen weltzugewandt gemeint. gelebte ökumene soll dahin führen, dass die missio dei in der gesellschaft nicht anonym bleibt, sondern den namen jesus bekommt. insofern ruht auf „missionaler ökumene“ meines erachtens die größere verheißung.

  3. @Simon
    >Und in dieser Hinsicht wird hier aus meiner Sicht von katholischer Seite das Tischtuch zerschnitten

    Könnte man so sehen, allerdings wendet die RKK für ihre Definition von Kirche die Richtlinien an, die seit der Urkirche gelten. Diese Richtlinien können und vor allem wollen die Protestanten nicht erfüllen. Warum sollte man also den seit Urzeiten gültigen Maßstab ändern, nur damit die Protestanten sich auch Kirche nennen können?

  4. Merci vielmals für die kenntnisreiche Zusammenfassung und Kommentierung der aktuellen Verlautbarungen der RKK.
    In der heutigen Printausgabe der F.A.Z. schreibt Jürgen Kaube pointiert zu der aktuellen (und doch so alten) Diskussion. Ein paar Gedanken von und zu diesem Artikel in meinem Blog…

  5. welche von den urkirchen jetzt, frank? die antiochenische? die jerusalemer? (ja, die wohl nicht, denke ich.) die alexandrinische? im gegensatz zu diesen alten kirchen ist die römische recht jung.

  6. @Frank: In der Frage gibt es glaube ich tatsächlich Diskussionsbedarf und das wäre dann ja Inhalt des Dialogs, nicht aber Zugangsvoraussetzung.

  7. @beisasse
    >welche von den urkirchen jetzt

    Ist eigentlich egal, weil sie alle Teilkirchen der einen Kirche Christi waren. Die alte Kirche war bestimmt nicht katholisch im Sinne der heutigen Konfession (da sind die Orthodoxen womöglich noch näher am Wesen der Urkirche als die RKK) doch wie neben der Überlieferung auch einige frühchristliche Texte zeigen, waren die Regeln für das was wahre Kirche ist waren immer gleich.

  8. finde deine zusammenfassung sehr cool! ich finde dieses dokument aus dem vatikan schon deswegen gut, da es herausfordert über die wirklichkeit von „kirche“ nachzudenken. theologisch gesehen ist das eigentlich sehr präzise. schade ist tasächlich, dass die aufgelöste gleichsetzung von leib jesu = kath. kirche, die ja vom 2. vat. Konzil ausging nicht stärker herausgestellt wurde.

    allerdings macht es das für uns protestanten nicht einfacher. die situation, dass die katholische kirche nach dem verständniss vieler evangel. christen nicht zu 100% und ausschließlich gottes wirklichkeit von kirche abbildet, hilft nicht über das dilemma hinweg, das wir evangel. sehr oft eine völlig unzureichende theologie und einen noch mangelhaftere praxis vorzuweisen haben.
    ich habe das gefühl, wir verweisen auf den splitter im katholischem auge und sehen unser eigenes balkengebilde nicht.

  9. […] Eine Darstellung der Hintergründe der Erklärung und eine Bewertung ihres Inhalts kann man bei [depone] […]

Mentions

  • Hasos Tafel » Responsa ad Quaestiones

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