Kinderarmut und Kirche

Am Sonntag Abend noch etwas auf dem Sofa gesessen und ferngesehen nachdem der Boi im Bett war. Der ZDF-Doku-Kanal widmet sich an diesem Abend dem Thema Kinderarmut und berichtet auch über das Kinderprojekt Arche in Berlin. Auch wenn mich die Situation in der die Kinder leben aus deren Leben hier berichtet wurde eher traurig stimmte, freute ich mich über die Leute von der Arche in Berlin. Und insgesamt machte mich die Berichterstattung nachdenklich.

Immer wieder gibt es Sendungen, in den mir zugänglichen Programmen, in denen nicht gerade positiv über Christen berichtet wird. Erst kürzlich soll es in der ARD eine solche Dokumentation gegeben haben. Der Bericht über die Arche war jedoch durchweg positiv. Das Engagement und die Auswirkungen wurde sehr positiv gewürdigt. Ich bin geneigt zu denken, dass dort wo Menschen jesusähnlich leben, profitiert die Umgebung davon und dies führt zu positiven Gedanken gegenüber ihnen. Wird jedoch eine Botschaft vom Leben getrennt und durch interessante Versammlungsweisen ergänzt scheint die positive Würdigung in kritische Begutachtung, oder negativeres umzuschlagen.

In diesem Zusammenhang musste ich dann wieder an das denken, was Jürgen Moltmann in ›Theologie der Hoffnung‹ über die „Kirche für die Welt“ schreibt:

„Kirche für die Welt“ heißt aber nicht ideenlose Solidarität und hoffnungslose Mitmenschlichkeit, sondern Dienst an der Welt und Wirken in der Welt dort und so, wo und wie Gott es will und erwartet. Wille und Erwartung Gottes werden in der Sendung Christi und im Apostolat laut. Der Übergriff der Gemeinde auf die ganze Menschheit vollzieht sich in der Mission.

Diese Sendung erfolgt nicht im Erwartungshorizont der sozialen Rollen, die die Gesellschaft der Gemeinde zubilligt, sondern geschieht in dem ihr eigenen eschatologischen Erwartungshorizont des kommenden Reiches Gottes, der kommenden Gerechtigkeit und des kommenden Friedens, der kommenden Freiheit und Würde des Menschen.

Die Christenheit hat der Menschheit nicht zu dienen, damit diese Welt bleibe, was sie ist, sondern damit sie sich wandle und werde, was ihr verheißen ist. Darum kann „Kirche für die Welt“ nichts anderes heißen, als „Kirche für das Reich Gottes“ und die Erneuerung der Welt.
[Jürgen Moltmann, Theologie der Hoffnung, 302.]

Diese Aussagen zur „Kirche für die Welt“, die Moltmann weiter damit ausführt, dass die Kirche ihre Umgebung in die Hoffnung auf Neuschöpfung aus der Kraft der Auferstehung hineinnimmt und ihr dadurch auch bei Recht, Leben, Humanität und Sozialität hilft, möchte ich nun noch mit Gedanken von Rob Bell zu Himmel und Hölle verbinden:

Was meint jemand damit, wenn er das Wort Hölle verwendet? Er meint einen Ort, ein Ereignis, eine Situation, die nichts von dem ist, wie Gott sich alles vorgestellt hat. Hungersnot, Schuld, Unterdrückung, Einsamkeit, Verzweiflung, Tod, Blutbad – all das ist die Hölle auf Erden.

Jesus erwartet von Menschen, die ihm folgen, dass sie so leben, dass sie den Himmel auf die Erde bringen.

Was mich irritiert, ist, wenn Menschen mehr über die Hölle nach diesem Leben reden als über die Hölle im Hier und Jetzt. Als Christ will ich tun, was in meinen Kräften steht, damit sich die Hölle auf Erden nicht ausbreitet. Armut, Ungerechtigkeit, Leid – alles Hölle auf Erden. Und als Christen bekämpfen wir sie mit ganzer Kraft. Jesus erwartet das von uns.
[Rob Bell, Jesus unplugged, 139.]

Vielleicht ist es gerade das, was zu Irritationen führt, wenn Christen sich mehr um die Hölle oder den Himmel nach diesem Leben kümmern. Als sich dafür stark zu machen dem Himmel hier und jetzt Raum zu machen, so dass unsere Welt erneuert wird und immer mehr dem entspricht wie Gott sie sich vorgestellt hat. Und für mich ist diese Jenseitigkeit ein Ergebnis der Trennung von Botschaft und Leben.

Vielen Dank an Menschen wie diejenigen der Arche, dass sie uns das immer wieder vor Augen führen und den Himmel auf die Erde bringen. Ich wünsche mir, dass mein Leben dem Himmel Raum schafft…

6 Reaktionen

  1. Stimme dir zu! Aber dennoch bleibt die andere Seite der Medaille: das Kreuz ist und bleibt Torheit und Ärgernis und warum sollten wir mit anderem rechnen? Verstanden zu werden von den Medien – ist das ein zu erwartendes Ziel für Christen? Wurde Jesus verstanden? Mir ist die Lobhudelei für tolles christliches Engagement auch suspekt: wir Christen sitzen vorm Fernseher und fühlen uns verstanden und akzeptiert. Das freut uns. Aber kann es sein, dass diese mediale Lobhudelei auf der einen und die Verdammung des christlichen Gemeindelebens evangelikaler oder charismatischer Prägung auf der anderen Seite, dass das alles damit zu tun hat, dass in unserer westlichen Welt utilitaristisch und pragmatisch beurteilt wird? Gut ist, was was bringt? Und so seltsam spirituelle Christen, die sich zu langen Predigten und Lobpreis treffen, na, was soll das schon bringen… ist so meine Vermutung

  2. Medien sind nicht gleich Medien. Der von dir erwähnte Bericht über die Arche wurde von einem Redakteur verantwortet, der Christ ist und für diesen Bericht auch den Goldenen Kompass der KEP erhielt (http://www.kep.de/index.php?id=29). Andere berichten eben aus nicht-christlichen Hintergrund heraus.

    Aber ich gebe dir Recht: die „Frommen“ im Lande haben sich in den letzten 100 Jahren aus der Diakonie herausgemogelt. Evangelisation statt im Vordergrund, auch um damit sich deutlich von den ev.Landeskirchen mit ihrer (meist) einseitigen Ausrichtung auf Diakonie abzugrenzen. Ich will es mal so überzeichnen: der „Liebestaten ohne Glauben“ hat man nicht ein „Liebestaten in Glaube“ entgegen gesetzt, sondern ist in einem Abgrenzungswahn bei „Glaube ohne Liebestaten“ gelandet. Letztlich sind wir doch nur auf der anderen Seite vom Pferd gefallen. Was nun heute passiert, ist uns mühsam wieder in den Sattel zu hieven, wobei das wir das Reiten an sich auch erst wieder lernen müssen…

  3. @wegbegleiter: ich verstehe nicht wie du mir zustimmen kannst und dann zu einem allgemeinen schlag ausholst. hast du die doku gesehen? hast du die zitate im beitrag gelesen?

    ich frage mich allerdings wie du zu dem begriff ›lobhudelei‹ kommst? ich habe die doku nicht so verstanden als wurde blind gelobt. medien spiegeln meiner ansicht nach unsere gesellschaft wieder (wenn es so ist wie ebbelwain sagt, dann spiegelt der eine bericht, den ich erwähnte, die sicht eines christen wieder, die es in unserer gesellschaft gibt) – und dass es in unserer gesellschaft auch menschen gibt, die dem christentum kritisch gegenüberstehen ist kein geheimnis.
    deine aussage mit dem ›kreuz als ärgernis‹ trifft hier meines erachtens nicht zu. bei der kritik an die ich gedacht habe, geht es nicht um eine kritik an gottes handeln – vielmehr wird das unglaubwürdige leben seiner nachfolger kritisiert. und ich würde sagen, dass viel getan wird um alle vorurteile zu erfüllen, und das meiste davon ist meines erachtens nach nicht entsprechend der idee gottes…

    @käse: ja, definitiv – tobi macht was geiles da oben.

    @ebbelwain: das mit dem medienpreis ist interessant, wusste ich nicht – dadurch erklärt sich natürlich manches, das kommentarlos gesendet wurde.

    ich würde jedoch nicht sagen, dass es sich bei diakonischem handeln der ›evangelischen kirche‹ um „liebestaten ohne glauben“ handelt – dieser aussage liegt ein deutungsrahmen zugrunde, den ich so nicht teile – dazu empfehle ich die lektüre des jakobusbriefes im neuen testament. ich stimme dir allerdings zu, dass der weg, also die herausforderung in der wir (als weltweite christenheit) stehen gerade die verbindung von leben und glauben ist. allerdings würde ich mich nicht gerne in das evangelikale lager der „frommen“ zählen lassen.

  4. Wow, depone, da hast du mächtig falsch verstanden und genau so pauschal zurückgeschlagen, wie du es mir vorwirfst. Mir ging es um die interessante Differenz zwischen oft positiven Berichten über die guten Taten der Christen (siehe auch Michel Friedmann über die Arche letzten in der doofen Zeitschrift Vanity Fair), die ich überhaupt nicht klein reden will, jeder der aus Glauben heraus handelt und Reich Gottes baut, verdient meinen Respekt. Auf der anderen Seite gibt es (siehe vor einigen Tagen auf der ARD oder vor einigen Monaten auf Arte) immer wieder Berichte, in denen dann Gottesdienste der „Evangelikalen“ gezeigt werden und als exotische Äußerungen minderbemittelter Gehirnamputierter hingestellt werden (die tun Buße!, die glauben an Wunder!, die trauen der Bibel!). Diese Differenz gibt es in unseren Medien und ich denke eben, dass man den Leuten in den Gottesdiensten nicht allen nachsagen kann, sie würden nicht diakonisch handeln wollen und seien pauschal die Stillen im Lande! Hier wird in den Medien viel zu häufig schön genau aufgeteilt zwischen frommer Beschäftigung (Gottesdienst) und netter, gesellschaftdienender Diakonie, wobei eben beides nicht ohne das andere geht! Mehr wollte ich nicht sagen – Lobhudelei bezog sich nicht auf den konkreten Bericht, sondern auf die allgemeine, gerade beschriebene Tendenz und die finde ich in der Tat nicht zum Freuen, aber auch nicht verwunderlich. So, und jetzt bitte den Puls wieder runter, wollte mit einem normalen Beitrag nicht eine dermaßen geladene Reaktion hervorrufen.

  5. @depone:
    Ich wollte mit dieser Kategorisierung von Liebestaten / Glaube zur Verdeutlichung bewußt übertreiben. Ist natürlich alles viel komplexer.

    Mit fromm war allerdings nicht nur evangelikal gemeint. Bei den anders geprägten Freikirchen (ob verbandsgebunden oder unabhängig) sah/sieht die Situation doch auch nicht wesentlich anders aus… (Ausnahmen gab’s natürlich immer – aber sie waren m.E. bei allen in der Minderheit). Und dass sich (fast) alle bewußt oder reflexartig gegen die beiden großen Kirchen (ev./kath.) abgrenzten, empfinde ich schon so. Und es macht verständlich, warum sich viele mit einem neuen Ansatz in ihren Gemeinden so schwer tun.

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