Greifswald Tag 2

Das erste Referat des Morgens hielt Linda Woodhead, eine Soziologin aus Lancaster. Sie sprach über das Ende des Christendoms [der Verbindung von Christentum und „Kingdom“ – Kirche und Staat] im Westen. Zunächst referierte sie über Säkularisation und dabei über ihr eigenes Verständnis derselben als »Subjektivisation«: Religiosität die Gott im eigenen Inneren sucht – was ich sehr einleuchtend finde. Darüber hinaus hat es mir sehr gut gefallen wie sie im Anschluss an „The Medium is the Message“ darüber gesprochen hatte wie wichtig die Form/Struktur der Gemeinde sei, da sie eher „gehört“ wird als das was Gemeinde äußert. In diesem Zusammenhang sprach sie auch über Hierarchielosigkeit von Gemeinde, die mir persönlich sehr gut gefällt und die ich auch für sehr redlich halte.

Der anglikanische Bischoff John Finney reagierte kurz auf den Vortrag von Linda Woodhead und betonte in diesem Zusammenhang die Bedeutung kleiner Gemeinschaften die Leben und Spiritualität teilen. Seiner Ansicht nach bieten kleine Gemeinschaften die Möglichkeit für Menschen zum Glauben zu gehören bevor sie sich „entscheiden“ und erst während dieses Dazugehörens verändert sich eventuell das Leben und erst in diesem Zusammenhang wird dann „gelehrt“ – erklärt.

Karl Gabriel [Münster] sprach unter dem Titel „Im Spannungsfeld von Entkirchlichung, individualisierter Religiosität und neuer Sichtbarkeit der Religion. Der gesellschaftliche Ort der Kirche in der Gegenwartsgesellschaft.“ Seinen Vortrag beendete er mit einer Darstellung von drei Bereichen an denen sich Kirche orientieren sollte wenn sie intermediäre Gesellschaft, Akteur der Zivilgesellschaft ist:
Orientierung an der Religiosität der Menschen um individuelle Religiosität der Menschen zu wecken, zu fördern und zu begleiten
Orientierung an der Gesellschaft um den persönlichen Glaubens in die Deutungsgemeinschaft der Kirche zu vermitteln.
Orientierung am Ursprung um den Glauben zu entprivatisieren.

Mit dem Titel »Being connected – Sozialität und Individualität in der christlichen Gemeinde« sprach Johannes Zimmermann [Greifswald] über das Spannungsfeld zwischen Sozialität und Individualität. Dabei fand ich seine Auslegung neutestamentlicher Texte die gerne zur Begründung des Individualismus verwendet werden hinsichtlich deren gemeinschaftlicher Aspekt interessant. Auch wenn diese Präsentation sehr viele gute Anregungen zur Reflektion der angesprochenen Spannung bot, war sie dennoch durch eine gewisse Engführung des Denkens auf institutionelle Kirche gekennzeichnet. Diese Engführung wird meiner Ansicht nach an dem Beispiel eines imposanten Kirchengebäudes als Ausdruck der Sichtbarkeit der Kirche auf dem Machtplatz der Gesellschaft deutlich.

Ralph Kunz (Zürich) hielt eine leidenschaftliche Präsentation zum Thema »Keine Kirchenreform ohne Taufreform. Chancen und Fallstricke des tauforientierten Gemeindebaus.« Dabei kam er auf Moltmann zu sprechen an den er den Titel angelehnt hatte. Bei seinem Vortrag beeindruckte mich vor allem die Leidenschaft und den Mut vor einer Ansammlung evangelischer Theologen, von denen einer am Vortag ein Plädoyer für die Säuglingstaufe abgelegt hatte, herausfordernde Fragen zu stellen. Seiner Ansicht nach ist es theologisch nicht redlich die Säuglingstaufe zu legitimieren, daher fordert er ein neues Nachdenken über Taufe. Gleichzeitig stellt er jedoch auch klar, dass „Glaubenstaufe“ alternativ ebenso wenig die Lösung darstellt. In diesem Zusammenhang scheinen besonders die Fragen nach einem Automatismus und Zwang im Bezug auf Taufe zu bereden.

Den langen Tag der Präsentationen beendete Matthias Clausen (Greifswald) mit dem Thema »Evangelistisch predigen unter nachmodernen Bedingungen.« Seine einführenden Gedanken zur Kontextualisierung, dem sich einlassen auf die Menschen mit denen man reden möchte gefiel mir sehr gut. Er sprach davon dass dieses Einlassen Zeit und Kraft bedarf und dazu führt andere Wort zu verwenden je nachdem mit wem geredet wird, auch wenn über das selbe Thema zu reden ist. Seiner Ansicht nach ist die Grundaussage der Evangelisation eine Bitte – im Sinne von „Wir bitten an Christi statt, lasst euch versöhnen mit Gott.“ Evangelistische Predigt wäre demnach ein Angebot welches die Entscheidung des Gegenübers frei lässt und in keiner Weise manipuliert. Darüber hinaus hatte er natürlich diverse philosophische Verweise und tiefgründige Gedanken die sich sicherlich bei DoSi finden.

Auch wenn ich mich bisher fast ausschließlich auf die Präsentationen beschränkt habe, soll doch nicht verschwiegen werden dass gerade in den Gespräche hier untereinander einige sehr interessante Kontakte entstehen und Fragen bewegt werden.

2 Reaktionen

  1. […] Daniel Ehniss: • Kirche in der Postmoderne • Erste Impressionen • Greifswald-Fotos bei flickr • Redaktionsbüro • Greifswald Tag 2 […]

  2. Hi Daniel,

    hab grade erst gemerkt, dass du einen Post von mir kommentiert hattest. Bin noch nicht so der versierteste Blogger. Ich lese deinen Blog immer wieder und finde ihn sehr bereichernd.

    Danke für deine Zusammenfassungen des Symposiums. In Bezug auf den Vortrag Zimmermanns: Die Engführung auf die institutionelle Kirche ist tief verwurzelt in der katholischen und evangelischen Kirche. Wenn von Ökumene geredet wird, sind v.a. die Beziehungen zwischen Ev. und Kath. Kirche und der interreligiöse Dialog gemeint. Freikirchen werden meistens ausgeblendet aus dem ökumenischen Dialog (mit Ausnahme der Magdeburger Tauferklärung diesen Sommer).
    „Extra ecclesiam nulla salus est“ kann auch die evangelische Kirche bedenkenlos sagen, und das ärgert mich maßlos.

    Die Stimmen von Woodhead oder von Hirsch/Frost, die das Ende der Christendom-Ära einläuten, werden in der verfassten Kirche nicht gerne gehört.
    Ebenso die Kritik an der Tauflehre. Da fand ich das Thema von Ralph Kunz sehr treffend. Immer mehr fällt mir auf, dass Kritik am Dogma der Säuglingstaufe nicht gerne gehört wird. Es wird vielmehr überhört. Die Begründungen sind dabei oft sehr paradox, aber das wird übergangen.
    Ich werde als Vikar z.B. angehalten nicht nachzufragen weshalb eine Familie ein Kind taufen lassen möchte. das „Taufbegehren“ allein legitimiert die Taufe des Kindes. Wenn Eltern ihr Kind bei mir taufen lassen wollen, will ich aber von ihnen wissen, weshalb sie das wollen. Ich will, dass sie darüber nachdenken. Ich finde diese Praxis höchst bedenklich und kritikwürdig.
    Ich könnte noch vielmehr zu diesem Thema schreiben. Aber das führt hier zu weit.

    Grüße aus Berlin,

    Daniel

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