Die neuen Spießer

Gestern sind wir zu meinen Eltern gefahren um dort das Osterwochenende zu verbringen. Im Haus meiner Eltern habe ich die Angewohnheit den Stapel der Bücher anzuschauen, die von den Beiden gerade gelesen werden. Ganz oben auf dem Stapel lag ein Buch das den wunderbaren Titel »Die neuen Spießer: Von der fatalen Sehnsucht nach einer überholten Gesellschaft« trägt. Mein Vater hatte es sich bei einem Besuch einer Buchhandlung im letzten Urlaub gekauft und es dann als Urlaubslektüre sehr genossen. Solche Vorlieben und die geteilte Sicht der Gesellschaft machen mir immer wieder die gute Verbindung zu meinen Eltern bewusst. Und so nahm ich das Buch auf Empfehlung meines Vaters zur Hand und las einige Seiten darin. Der Vollständigkeit halber muss ich erwähnen, dass Johannes das Buch vor einiger Zeit auch gelesen hat und ich schon damals einiges daraus erzählt und das Buch als solches empfohlen bekam…

Gestern war nun also die Zeit gekommen das Buch zur Hand zu nehmen, und selbst ein paar Seiten darin zu lesen. Die einleitend erzählte Begebenheit eines Gespräches beim Käse-Fondue kam mir bekannt vor und amüsierte mich zugleich. Danach äußert sich Christian Rickens zu dem Begriff »neue Bürgerlichkeit«. Diese Ausführungen finde ich sehr interessant und möchte sie deshalb auch hier etwas wiedergeben. Zunächst soll jedoch noch DIGAS erwähnt werden, ein Programm das der Verlag benutzt in dem Rickens arbeitet. DIeses Programm bietet die Möglichkeit den gesamten Schatz von Artikeln aus der Presse nach Schlagworten zu durchsuchen – auf ein solches Programm müsste man Zugriff haben…

Bevor ich mich jedoch nun in unwichtigen Details verliere, nun ein paar Worte zur »neue Bürgerlichkeit«. Rickens stellt das erste Vorkommen des Wortes in einem Zeit-Artikel von 1998 zum Ende der Regierungszeit Helmut Kohls dar. In diesem Artikel wird der Begriff auf interessante Art und Weise gefüllt:

„Etwas Neues werde an die Stelle der Biedermeierlichkeit treten, die Deutschland unter Kohl geprägt habe. »Aber ob aus dem Neuen auch eine neue Bürgerlichkeit wird, die sich den Widersprüchen der Moderne offensiv stellt, das soziale Auseinanderklaffen nicht ignoriert, die Zukunft der Lebenswelt im Auge behält, Selbstbewusstsein auf internationalem Parkett nicht mit Großmäuligkeit verwechselt, das alles ist ja noch offen.«“

[Rickens, Die neuen Spießer, 23.]

Rickens empfiehlt die Lektüre des Artikels auch noch nach Jahren, da die Veränderung des geistigen Klimas in Deutschland daran sehr deutlich werde. Im Anschluss daran zeigt er auf wie sich der Begriff im Laufe von nur fünf Jahren komplett verändert hat und danach total anders gefüllt wurde, auch dazu noch ein Zitat:

„Binnen einer Legislaturperiode hat der Begriff neue Bürgerlichkeit in den Augen der Medien eine neue Bedeutung erhalten: von der Sehnsucht nach einer weltoffenen, ökologisch bewussten und sozial verantwortlichen Bürgergesellschaft (Die Zeit, 1998) hin zu einem »Vorwärts zurück in ein neues Biedermeier« (Der Spiegel, 2003).“

[Rickens, Die neuen Spießer, 24.]

Soweit zunächst mein kurzer Ausflug in dieses Buch. So wie es aussieht werde ich es mir in der nächsten Zeit auch zur Lektüre empfehlen lassen und vielleicht noch den ein oder anderen Gedanken daraus hier ausbreiten.

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