Dreieinige Gemeinschaft

Sitze gerade wieder über einem Buch von Leonardo Boff, den ich sehr schätze, und der mein theologisches Denken inspiriert. Aus diesem Grund poste ich nun ein etwas längeres Zitat daraus in dem er auf die Inspiration des ›Dreieinigkeitsmodells‹ auf unser menschliches Miteinander eingeht:

»Über ihre kritische Funktion hinaus ist die dreieinige Gemeinschaft Inspirationsquelle für die gesellschaftliche Praxis. Vor allem die Christen, die sich im Sinn der großen armen Mehrheit für strukturelle Änderung der Gesellschaft einsetzen, finden in der Dreieinigkeit ihre ewige Utopie.

Jeder der drei Unterschiedenen bejaht die Unterschiede der anderen; dieses Ja zum anderen und die völlige Hingabe an ihn macht jeden zum Unterschiedenen in Gemeinschaft. In der Dreifaltigkeit gibt es nicht die Herrschaft eines Pols, sondern die Konvergenz der Drei in Schenkung und Annahme. Sie sind unterschieden, doch keiner ist größer oder kleiner, früher oder später als der andere.

Deshalb darf eine Gesellschaft, die sich von der dreieinigen Gemeinschaft inspirieren läßt, nicht die Klassen dulden, nicht die Herrschaft von Seiten einer Macht (sei sie wirtschaftlich, geschlechtlich oder ideologisch bestimmt), welche die übrigen Unterschiedenen unterjocht und verrandet.

Die Gesellschaft, die dank der Inspiration durch das Dreieinigkeitsmodell entstehen kann, muß geschwisterlich und gleichberechtigt sein, reich an Ausdrucksräumen, die sie den Unterschieden der Menschen und Gruppen einräumt. Allein eine Gesellschaft von Brüdern und Schwestern, deren soziales Netz Teilhabe und Gemeinschaft aller an allem gewirkt ist, darf für sich in Anspruch nehmen, sie sei ein blasses Abbild und Gleichnis der Dreifaltigkeit, des Fundaments und der letzten Geborgenheit des Alls.

Treffend hat Jürgen Moltmann dazu geschrieben: »Den christlichen Gott verehrt eine christliche Gemeinde nur, wenn sie eins, einig und vereinend ist, ohne Herrschaft und Unterdrückung; und die Menschheit, wenn sie eins, einig und vereinend ist, ohne Klassenherrschaft, und ohne diktatorische Unterdrückung.

Das ist die Welt, in der die Menschen sich durch ihre Beziehungen auszeichnen und nicht durch ihre Macht oder durch das, was sie besitzen. Das ist die Welt, in der die Menschen alles gemeinsam haben und alles miteinander teilen, außer ihre persönlichen Kennzeichen.“«

Leonardo Boff, Der dreieinige Gott. (Düsseldorf: Patmos, 1987), 175f.

Diese Gedanken verdichten sich in meinem Kopf auf unterschiedlichen Ebenen. Da ich Freund einer klassenlosen Gesellschaft bin und mich für hierarchielose Strukturen in Gemeinde einsetze, interessieren mich die Begründungen von anderen zu diesem Thema immer. In den letzten Tagen habe ich neben diesem Buch auch in Exclusion & Embrace von Miroslav Volf gelesen [muss ich auf jeden Fall noch näher drauf eingehen – aber ich verspreche nichts] und bin dort über seinen Ansatz der ›sich verschenkenden Liebe‹ gestossen, die meiner Ansicht nach ähnliche Auswirkungen auf unser Miteinander hat, und von Volf auch in der Dreieinigkeit wahrgenommen wird.

Wenn ich diese Ansätze der gemeinschaftlichen Ausrichtung von Gemeinde und Gesellschaft mit der Dreieinigkeit begründet wahrnehme, wird mir, immer wieder aufs Neue, fraglich, wie manche Christen ausschließlich dem konservativen Denken von Eliten und Hierarchien anhängen, und jede andere Möglichkeit von Struktur, mit Argumenten des ›Willens Gottes‹ als unmöglich bezeichnen und tatkräftig dagegen angehen.

4 Reaktionen

  1. Hi Daniel,
    hast du auch schon über die Sakramentenlehre von Boff etwas erarbeitet? Würde mich sehr interessieren, denn damit habe ich mich neulich erst ein wenig beschäftigt, anlässlich des Gründonnerstags (Kleine Sakramentenlehre, Leonardo Boff). Ich habe da so meine Schwierigkeiten mit dem lutherischen und auch anders gearteten Verständnis von Sakramenten? Bzw. Schwierigkeiten mit dem Begriff überhaupt. Hast du da gutes Material oder Exzerpte zu dem Ansatz von Boff? Würde mich freuen.
    Grüße, Daniel

  2. hallo daniel,

    danke für deinen kommentar und die frage. allerdings habe ich noch nichts über boffs sakramentenlehre ausgearbeitet. ich kann mich zwar dunkel erinnern etwas darüber gelesen zu haben, aber da das gerade nicht im zentrum meiner aufmerksamkeit steht – weiß ich nicht mal mehr wo das war. sorry.

    hat jemand hier schon mal was von boff zu sakramenten gelesen?

  3. Ja, dieser Absatz ist auch für mich inspirierend, er macht mich nachdenklich. Ich erinnere mich an eine Aussage von Rob Bell zu diesem Thema, das mich damals schon angesprochen hat. Für mich ist dieses Verständnis eine Grundlage, die auch zeigt, wie sehr sich der Mensch nach Sicherheiten sehnt, welche er über Hierarchien teilweise zu suchen pflegt. Spannendes Thema !

  4. ich denke, dass es vorerst eher eine mehrheit geben wird, die zufrieden ist mit einer konventionellen art, gesellschaft (oder auch kirche) zu organisieren.

    leute, die sich anders organisieren wollen, werden zunächst wohl nur kleine grüppchen bilden können.

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