Die Gemeinde und das Sexualleben #2

Sexualität ist Prima

Vor einiger Zeit hatte ich einen Eintrag veröffentlicht, in dem ich die Frage gestellt hatte, ob die Gemeinde eine Berechtigung habe sich zum Sexualleben derer auszudrücken, die sich als Teil von ihr verstehen. In dem Austausch in den Kommentaren hatte ich bereits damals angemerkt, dass ich noch etwas zu meiner Sicht schreiben werde, wenn sich die Zeit dafür findet – und wie das so ist, findet sich die Zeit meist eher nicht.

Heute aber möchte ich einige meiner Gedanken zu diesem Thema in Form von Gedankensplittern hier aufschreiben. Vor einiger Zeit (meinen vierten Blog-Geburtstag habe ich erst kürzlich vergessen), hatten wir mit dem Ideal begonnen, gerade unfertige Gedanken auf die Blogs zu schreiben, und diese dann im Austausch zu präzisieren. Ich schreibe bewusst Ideal, da es meiner Ansicht nach mehrere Gründe gibt, nicht allzu unfertige Gedanken, mittels eines Blogs, in die weiten des Netzes zu entlassen. Dennoch möchte ich heute einige meiner Gedankensplitter zu diesem Thema hier anreißen.

Zunächst möchte ich nun meine eigene Frage beantworten: Ja, ich denke Gemeinde hat etwas zum Sexualleben ihrer Mitglieder zu sagen.

Im Folgenden möchte ich einige Aspekte beleuchten, die meiner Ansicht nach zum rechten Verständnis meiner Antwort wichtig sind. Am Besten folge ich bei meinen Ausführungen dem Satzbau meiner Antwort.


Zunächst also ein paar Gedanken zu ›Gemeinde‹. Für mich ist Gemeinde vor allem eine Gemeinschaft von Menschen die sich gemeinsam in der „Nachfolge von Jesus“ befinden. Sie nehmen in ihrem Leben Anteil an dem was Gott hier und jetzt tut. Ihr Leben gestalten sie improvisierend gemäß der Idee Gottes. Das was Gemeinde zum Sexualleben der Einzelnen zu sagen hat, ist, meiner Ansicht nach, nicht die Meinung eines Einzelnen oder die Richtlinie der Leiter. Wie schon gesagt, verstehe ich Gemeinde viel mehr als Gemeinschaft der Nachfolger, die gemeinsam auf dem Weg sind, in diesem Sinne muss innerhalb der Gemeinschaft ein Austausch über das Sexualleben stattfinden. Dabei geht es auch nicht um Regeln und Normen (im Sinne von – das eine geht, das andere nicht, oder ähnliche Plattitüden, die wir zu Genüge kennen). Es werden gemeinsam Werte erarbeitet, die nach Ansicht der Gemeinschaft (Stichwort: Konsens) der Idee Gottes zu diesem Themenbereich entsprechen. Wenn ich nun also davon spreche, dass Gemeinde etwas zum Sexualleben der Mitglieder zu sagen hat, dann gehe ich zum einen davon aus, dass die Werte gemeinsam erarbeitet wurden, und dass diejenigen, die hier über private, intime oder delikate Themen reden zueinander in Beziehung stehen.

Das Sexualleben, zu dem ich die Frage gestellt hatte, ist ein Bereich unseres Lebens. Diese Einschränkung muss, meiner Ansicht nach, auch im Umgang mit diesem Aspekt unseres Lebens beachtet werden. Es handelt sich lediglich um einen Bereich unseres Lebens, dem wir nicht eine zu hohe Bedeutung – vor allem im Sinne von Ausschlusskriterien – zumessen sollten. Ausschlusskriterien sind ein ganz eigenes Thema, das ich hier nur sehr kurz streifen kann – dennoch möchte ich deutlich ausdrücken, dass auch wenn es solche geben sollte, ein gewisser Unterschied in der Gestaltung des Sexuallebens nicht dazu gehören sollte. Dies ergibt sich vielleicht schon aus den Ausführungen zu den gemeinsam erarbeiteten Werten, schien mir jedoch wichtig explizit ausgedrückt zu werden. Nun aber zurück zur Einschränkung des Sexuallebens als eines Aspektes unseres Lebens. Meiner Ansicht nach sollten wir als Gemeinschaften, uns in allen Bereichen unseres Lebens dabei unterstützen, gemäß der Idee Gottes zu leben – daher auch in diesem. Wir unterstützen uns jedoch wenig dabei gemäß Gottes Idee zu leben, wenn wir einfach Regeln und Verbote aufstellen, vielmehr hilft es uns doch über die konkrete Gestaltung des Lebens zu sprechen, aus der Geschichte Gottes mit der Menschheit zu lernen und vor allem die Raumschaffende Liebe Gottes im Auge zu behalten. Unser Austausch über diesen Aspekt unseres Lebens sollte meiner Ansicht nach von positiver Lebensbejahung, Liebe und Ermutigung geprägt sein. Im weiteren Kontext unseres Lebens und unserer Teilnahme an der Missio Dei, ordnet sich das Sexualleben in gewisser Weise positiv ein, und spielt eine Rolle unter anderen.

Regeln und Verbote die von gewissen Leuten – manchmal noch unter direktem Bezug zur Bibel bzw. einzelnen Versen aus derselben – artikuliert werden, sind meiner Ansicht nach bei diesem Thema Fehl am Platz. Es sollte uns vielmehr daran gelegen sein, einen offenen und ehrlichen Austausch darüber zu führen, und unser Leben mit Hilfe von gemeinsam erarbeiteten Werten gemäß der Idee Gottes zu gestalten.

Soweit meine Gedankensplitter zu diesem Thema für heute – ich freue mich, wie immer, über Kommentare dazu und einen Austausch darüber…

5 Reaktionen

  1. Sehr gut geschrieben, wertvoll für mich zu lesen, danke!

    Mir scheint, man landet doch bei so vielen Themen immer wieder bei dieser Forderung nach einer Art „konsequenten Gemeinschaft“, weil nur in einem solchen Rahmen Raum zum offenen Austausch ist, glaube ich . Ich wünsch mir das auch.

  2. Ich bin mir da unsicher, weil ich mich bspw. selbst persönlich eher auf Distanz halte, also möglichst wenig preis gebe, obwohl ich es mir anders wünsche und sogar glaube, dass es sehr wichtig ist, das anders zu halten.

    Ich bin aber davon überzeugt, dass man sich selbst mit allem, was einen ausmacht, mitbringen sollte, also auch mit der „nicht frommen Seite“, dem ganz normalen Alltag (das es die offenbar gibt, diese andere Seite bzw. jeder blickt, wovon ich rede, wenn ich von ihr spreche, ist, find ich, schon nicht ganz normal).

    Und mich stört grad, dass sich das so „haja, ist doch logisch und 1000 Mal gehört“-mäßig anhört, aber was ich sagen will ist trotzdem, dass ich mein Leben teilen möcht und teilhaben an dem von anderen, auch Korrektur erfahren, ohne Standardantwortkataloge, ohne Uniformitätsstreben.

    Ich hatte vor einer Weile Gelegenheit, mit Jemandem zu sprechen, der Gemeinde mit ein paar Leuten teilt und den „Erfolg“ des Konzeptes dabei nicht darin misst, wie viele mitziehen oder wie gut organisiert alles abläuft, sondern wie viel Herausforderungen die paar Leute, die dabei sind, erfahren haben und wie weit sie weg gekommen sind von dem, was sie immer gekannt hatten, wie sehr jeder einzelne involviert ist, gefragt, gefordert.

    Das hat mich beeindruckt, obwohl es mir Angst macht, weil neue und fremde Wege immer die Frage aufwerfen, ob man ihnen gewachsen sein wird.

    Aber da will ich hin.

  3. mir ist beim lesen ein- / aufgefallen, dass man häufig „gemeinde“ als ein gegenüber denkt, als eigenständiges wesen, oder eben „die anderen“, oder „die da oben“.

    wie du das skizzierst, könnte man auch sagen: „ich und wir haben uns etwas über unseren umgang mit unserer lebendigkeit, die sich u.a. in unserer sexualität ausdruck verschafft, zu sagen.“

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