Gerechte Gesellschaft

Eine Reportage im letzten Zeit-Magazin hat mich nachdenklich gemacht. Wenn wir an fairen Handel denken, dann kommt schnell das Bild von Kaffee mit transfair-Logo auf – nicht dass ich was dagegen hätte – meiner Ansicht nach müssen wir bei unserem Einsatz für eine gerechte Welt weiter gehen. Mein Ansatz bei diesem Thema ist es, hinter dem Produkt das wir kaufen, die Menschen zu sehen, die an der Produktion beteiligt waren.

In dem Artikel, den ich Eingangs erwähnt habe, berichtet Günter Wallraff aus einer Brotfabrik, die Lidl mit Brötchen beliefert. Dieser Bericht geht unter die Haut und macht genau das, was ich eben angesprochen habe, er ermöglicht uns einen Blick auf die Menschen (und Tiere), die an der Produktion beteiligt sind. Den Bericht gibt es auch online: Unser täglich Brötchen.

Eben habe ich mir noch ein Interview durchgelesen, in dem Wallraff zu den Reaktionen auf die Reportage, und seinen Perspektiven für die Brötchenfabrik, befragt wird. Das Interview führte Carolin Ströbele und es findet sich hier: Endlich finden sie Gehör.

Den letzten Abschnitt des Interviews möchte ich hier gerne zitieren, auch wenn ich die Lektüre sowohl der Reportage als auch des Interviews in Gänze empfehle:

ZEIT online: Sie fordern die Verbraucher auf, nicht mehr bei Lidl einzukaufen. Eine harte Forderung, wenn man von einem Hartz-IV-Empfänger ausgeht.

Wallraff: Man sollte solche Läden meiden. Weil sonst irgendwann nur noch ganz wenige alles bestimmen. Laut einem EU-Bericht verkaufen schon jetzt sieben Großdiscounter 70 Prozent der Lebensmittel in Europa. Damit diktieren sie die Preise, verschlechtern die Arbeitsbedingungen ganz wesentlich und belasten die Umwelt. Hier entsteht eine Monopolisierung des Marktes. Das müssen wir verhindern und deshalb sollte man solche Ketten boykottieren. Auch im Interesse der eigenen Gesundheit sollte man lieber die qualitativ bessere Ware kaufen. Ein gutes Brot beim Bäcker ist oft gar nicht mal teurer als zehn Aufbackbrötchen.

10 Reaktionen

  1. Danke für den Link zum Artikel, er liest sich sehr gut und ich fand ihn interessant.

    Ich glaube, was darin steht, bin mir aber nicht sicher, ob man von Lidl auf die übrigen derartigen Ketten schließen darf.

    Auch ist die Behauptung aus dem Interview gewiss keinesfalls richtig, dass ein Brötchen beim Bäcker nicht mehr koste als die zum aufbacken.Sonst würd sie fast keiner mehr kaufen.

    Ich selbst mag Aufbackbrötchen eher nicht und kaufe höchstens mal die Bio-Variante, weil die wenigstens schmecken. Die kosten dann aber tatsächlich nicht weniger als die beim Bäcker.

    Ansonsten denke ich schon, dass man über das Kaufverhalten in irgendeiner Form Einflus nehmen sollte auf die Zustände in den Zulieferbetrieben. Schön fände ich aber, wenn man das nicht durch eine Art „elitäre Abkehr“ von Supermärkten etc. anstellen würde, sondern vielleicht durch kleine Schritte in der Masse – wie auch immer das aussehen mag – so dasss „auf kleine Kosten aller“ entsprechende Änderungen geschähen.

    Das wiederum lässt sich aber wahrscheinlich nur durch Eingriffe von oben regulieren, schätze ich (die ich letztlich aber zugegebenermaßen keine Ahnung habe): Durch Mindestbestimmungen, scharfe Kontrollen, Regulationen, transparente Systeme,….

  2. Das Ding ist ja einfach dass die Brötchen pro Stück ja billig sind, man aber immer gleich 10 Stück kaufen muss ,weil es kleinere Packungen nicht gibt.

    Benötigt man jetzt nur 2 oder 3 Brötchen, sind die vom Bäcker natürlich billiger.

  3. Hmm, schon klar, aber man kann auch nur nen Teil aufbacken und den Rest später oder sie teilen. Das ist doch auch realistisch. – Ich will hier nicht recht haben oder so, komm mir nur sehr schnell verarscht vor, wenn bei einer Argumentation „ein Teil der Gedanken“ fehlt, obwohl die doch so nahe liegen. Damit werden diejenigen für dumm verkauft, die aus eben diesen Gründen bspw. doch zu Lidl gehen. Und es kann nicht Sinn der Sache sein, dass Leute, die ohnehin grad so mal mit ihrem Geld klar kommen, darüberhinaus auch noch ein schlechtes Gewissen haben müssen, weil sie falsch kaufen.

    (Interessant fände ich in diesem Kontext übrigens, zu erfahren, wo die Arbeiter der Brötchenfabrik mehrheitlich sonst ihre Lebensmittel einkaufen.)

    Das Problem ist doch vielmehr, dass sie dort kaufen müssen.

  4. Erst gestern sah ich im Fernsehen einen Bericht über das Thema Ernährung und Landwirtschaft(en) in Indien und (Bio)Landwirtschaften hierzulande. Da wurde gezeigt, wie hier und dort Landwirtschaft betrieben wird. Es wurde Gutes hier und dort gezeigt und die Bauern auf beiden Seiten befragt. Ich fand erstaunlich, dass sogar das Arbeiten auf einem (für unsere Augen vorbildlichen) Demeterhof nicht auf uneingeschränkte Zustimmung der Bauern aus Indien gestossen ist. Und schon war man mitten drin im Thema »Produktion von Lebensmittel« und »Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit«. Ich werde beim Ansehen von solchen Berichten meistens relativ schnell sehr ruhig und auch ein wenig ratlos. Es dauert gemeinhin nicht lange, bis jemand anfängt, auf die grossen Discounter zu schimpfen, die ihre Marktmacht missbrauchen. Bitte, ich möchte nicht falsch verstanden werden, denn unstrittig nutzen die ihre Marktmacht. Die Frage, die sich mir stellt ist die nach der Berechtigung von höheren Endpreisen für den Kunden. Ich denke dann immer schnell an manche Freunde, die schon heute jeden Cent mehrfach umdrehen müssen, bevor sie ihn ausgeben. Ich denke an das Märchen, dass »Bio« nicht teurer ist und auch »fair« gehandelte Lebensmittel. Die Absichten gerade hinter diesen beiden Stichworten sind sicher richtig und ehrenwert.. und doch würden sie für manchen meiner Freunde bedeuten, dass sie sich nur noch sehr einseitig ernähren könnten, wenn sie denn diese Produkte kaufen würden. Sie würden auch auf Vielfalt verzichten und damit Lebensqualität. Und spätestens an dieser Stelle fühle ich mich sehr schlecht: soll ich Menschen, die ohnehin ein schweres Leben haben und an etlichen Stellen keine Wahl, sollen ich denen jetzt noch moralisch kommen und verlangen, sie sollen sich um eine bessere Welt bemühen, während sich niemand darum kümmert, das sie selber auch eine Chance bekommen, in einer besseren Welt leben zu dürfen?

    Wo ist der Anfang? Wo der Weg?

    Wie bekomme ich solche sehr unterschiedlichen Dinge zusammen? Es gelingt mir nicht, sondern macht mich — wie schon oben gesagt — sehr schnell stumm. Keine Frage: eine gerechte Gesellschaft ist unbedingt ein erstebenswertes Ziel! Und wenn mam mich fragen würde, wie man ein solches Pojekt anfangen würde, dann würde ich dafür sein, dass man zunächst mal dafür sorgt, dass wieder alle Menschen, die mit mir in diesem Land leben, überhaupt wieder eine Wahl haben, wenn sie im Laden stehen oder das sie eine Wahl haben, wo und wie sie leben wollen. Das wäre mein Anfang ..

    Auf ein Wort: Günter Wallraff

    Günter Wallraff ist ein verdienter Journalist und Mensch. Dennoch krampft sich bei mir etwas zusammen, wenn ich ihn in Diskussionen erlebe. Er hat offenbar soviel gesehen und erlebt, dass er in seinen Vorderungen und Ansichten so krass geworden ist, dass ich für mich sage, dass ich damit nicht klarkomme, denn: jede Handlung und jede Veränderung muss auch bezahlt werden. Und schliesslich haben wir in unserer Gesellschaft — wie oben angesprochen — viele Probleme. Wem sollte man also Geld wegnehmen und wem geben? Klar, ich würde einseitige Subventionen an die ohnehin reiche Industrie streichen und würde allgemein vollkommen neu nachdenken, für was der Staat Geld ausgeben soll und für was nicht. Dennoch, auch am Ende einer vollkommen neuen Ausrichtung der Finanzen wäre es nicht möglich, sofort alles anzufangen. Im Übrigen wäre das auch gar nicht gut. Alles auf einmal ändern bewirkt oft mehr Schlechtes als Gutes. Man müsste Schritt für Schritt vorgehen und vor allem müsste man bei allen Änderungen nach einer gewissen Zeit schauen, ob denn die voregnommenen Veränderungen auch überhaupt bewirken, was sie bewirken sollen.

    Fazit

    Ich glaube fest an die Utopie einer gerechteren Gesellschaft. Ich glaube aber auch, dass der Weg dorthin lang ist und steinig.

  5. Das hab ich gern gelesen. Allerdings glaube ich, dass man oft trennen muss – also hier das Kosten- und Armutsproblem (mit dem ich ja selbst oben argumentiert habe) von der Qualität und Definition von bio etc. und der generellen Verfügbarkeit für die Massen – , um Schritt für Schritt überhaupt erst vorgehen zu können. Andererseits lassen sich ja Überschneidungen kaum vermeiden.

    Herrn Wallraff habe ich nie erlebt, also nie im TV gesehen oder so, kann also sein Auftreten nicht beurteilen, aber ich glaube im Allgemeinen, dass es fast immer derart radikaler „Einseitler“ bedarf, um Dinge auf einem bestimmten Gebiet voranzutreiben.

    Ich mein, wenn es bspw. die Grünen nicht gäbe/gegeben hätte, stünde Deutschland (u.letztlich die gesamte EU) in Bezug auf die Umweltpolitik heute wo ganz anders. Das schätze ich, obwohl ich persönlich mich eher nicht mit vielen Vertretern dieser Spezies identifizieren kann (salopp formuliert).

  6. Es gibt einige gute Argumente, qualitativ hochwertige, fair gehandelte und damit eventuell auch etwas teurere Lebensmittel (insbesondere also Bio-Produkte) zu kaufen, die Wallraff zum Teil auch schon aufgeführt hat:

    – meine Gesundheit
    – die Förderung nachhaltiger Landwirtschaft
    – Tierschutz
    – soziale Gerechtigkeit
    – Umweltschutz
    – und nicht zuletzt: Genuss, Geschmack

    Und der Preis? Um wie viel teurer wäre es denn, etwas teurere Lebensmittel zu kaufen? Ich schätze mal: 20,- – 50,- Euro im Monat pro Haushalt. Wer anderer Meinung ist, möge mir das mal vorrechnen.

    Was sind 50,- Euro? Drei CDs, eine Tankfüllung, ein Konzertbesuch, 2 – 3 Bücher.

    Umgekehrt kenne ich zig Leute, die sich den Kühlschrank mit Discounterfood vollknallen und die Hälfte davon verschimmelt oder als Reste auf dem Teller wegwerfen, während minütlich Kinder sterben, Tiere KZ-artig gehalten werden und ganze Landstriche abgerodet werden, letzteres, damit wir täglich Fleisch essen können – was nun wirklich nicht sein muss.

    Geht es denn noch?

  7. danke für eure interessanten kommentare.

    vielleicht provoziert der eintrag hier ja gerade dadurch, dass er eine negative abgrenzung enthält. dies ist sicher nicht der beste weg gründe für ein ›leben in harmonie‹ anzuführen, provozieren kann man damit und vielleicht hilft eine solche provokation ja auch auf positive gründe zu stossen, wie sie z.b. von thorsten angesprochen wurden.

    mein vorgehen ist auch meist positiv, mir geht es auch nicht darum zu stänkern, oder negative linien zu ziehen, wallraff wird eben auf lidl angesproche, da es in der untersuchung um einen zuliefererbetrieb von lidl geht – und dass manche ketten, ich wage sogar zu sagen: große teile des auf „optimierung“ angelegten wirtschaftens, und damit unsere konsum-kultur, mensch und natur ausbeuten, respektlos behandeln und beschädigen, ist kein geheimnis. so wird es sich, für diejenigen, die darüber nachdenken konsequent ›in harmonie zu leben‹, nicht vermeiden lassen, gedanken darüber anzustellen, wo und wie eingekauft wird.

    wie viel teurer es ist nachhaltig und fair einzukaufen, kann ich nicht beantworten. ich kenne das argument, dass manche es sich schlicht nicht leisten können, dazu finde ich es schwer etwas zu sagen, da dies allgemein schlecht anzusprechen ist. was ich jedoch mit sicherheit weiß, ist, dass sich das konsumverhalten als ganzes ändern muss. so werden wir wohl teurere lebensmittel kaufen, jedoch wahrscheinlich weniger von dem ein oder anderen… dass sich durch einschränkung in diesem bereich die lebensqualität verschlechtert habe ich nicht bemerkt. vielleicht trägt bewusste einschränkung, und z.b. der genuss von saisonalen und regionalen lebensmittel zu einer steigerung der lebensqualität bei.

  8. 1 Monat Bio…

    In der Schweiz machen gerade zwei Personen ein Experiment – um der Frage nachzugehen wie viel konsequent nachhaltiges Konsumverhalten kostet und welche Auswirkungen das auf die Lebensqualität haben kann, haben sie einen Bio-Monat ausgerufen. D…

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  • [depone] | Daniel Ehniss

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