Spuren des Heiligen

Auf Zeit-Online stieß ich eben auf einen interessanten Artikel [Alles so schön esoterisch] über eine Ausstellung, die den Besucher auf eine Suche nach den Spuren des Heiligen in der Kunst begleitet. Die Ausstellung Traces du Sacré [»Spuren des Heiligen«] wird gerade in Paris [Centre Pompidou] gezeigt, bevor sie demnächst ins Haus der Kunst nach München kommt. Anhand von rund 350 Arbeiten soll der Frage nachgegangen werden, wie Künstler der Moderne auf den Verlust von Glaubensgewissheiten reagiert haben.

Einige Aussagen des Artikels finde ich äußerst bedenkenswert, weshalb ich hier einige Gedankensplitter in Zitaten wiedergeben möchte:

In schlechten Zeiten, so lautet ein Gemeinplatz, werden die Menschen gläubig. Doch das ist höchstens die halbe Wahrheit. Denn die in den letzten Jahren oft proklamierte »Wiederkehr des Religiösen« ist auch ein Wohlstandsphänomen: Wer seine täglichen Lebensgrundlagen gesichert hat und sich saturiert fühlt, giert nach Bewusstseinserweiterung.

Gerade die Avantgarden verweigerten sich der Entzauberung der Welt durch Aufklärung und Industrialisierung. Sie nutzten das entstandene Vakuum, um eigene metaphysische Weltentwürfe zu lancieren.

Auf Spuren des Heiligen trifft man heute am offensivsten in der Vermarktung von Mineralwasser, bei Duftkerzen, Tees und in Tourismusprospekten. In den oft exotisch anmutenden Wellness-Anwendungen leben Archaismen und Paradiesvorstellungen fort; beschworen wird eine Ganzheit von Seele, Geist und Körper, und viele lassen sich auf magische Substanzen und ritualisierte Übungen ein.

Wolfgang Ullrich, seines Zeichens Professor für Kunstwissenschaften in Karlsruhe, legt hier einen kritischen Artikel vor, der gegen Ende einem Verriss der Ausstellungsidee gleichkommt. Meiner Ansicht nach zeigt dieser Artikel, neben den interessanten Aspekten von Spuren des Heiligen in der Kunst auch, welch enge Sicht in der Gesellschaft an manchen Orten zum Thema des Heiligen vorliegen. Es scheint als lege der Autor andere Maßstäbe an die Konzeption einer Ausstellung, als es die Kuratoren in diesem Fall taten. Dies mache ich zum einen an seiner Kritik der Diskontinuität in der Anordnung der Werke fest, und zum anderen erscheint mir seine Anmerkung im Sinne ›nicht alle zeitgenössischen Künstler sind Spirituelle‹ für reichlich übertrieben – der Besuch einer solchen Ausstellung wird den Besucher kaum in dem Glauben entlassen, dass nun Alles und Jeder über einen Kamm zu scheren seien…

Der gesamte Artikel: Zeit-Online – Alles so schön esoterisch.

2 Reaktionen

  1. Hallo, schöner Post und interessanter Blog.

    „..und sich saturiert fühlt, giert nach Bewusstseinserweiterung.“

    Das mag schon sein, aber gerade das materielle Sattsein kann auch ein Hindernis für dei Bewusstseinsentfaltung sein, indem der Suchende seine Aufmerksamkeit auf Nicht-Materielles nur schwer fokussieren kann.

    Beusstseinserweiterung ist kein Thema der Reichen, es ist ein Thema der Menschen und kann unabhängig von Äußerlichkeiten von jedem verfolgt werden.

  2. danke für deinen kommentar rainer.

    ich teile deinen hinweis, dass bewusstseinserweiterung nicht nur für menschen interessant ist, denen es materiell gut geht. die aussage des artikels fand ich vor allem deshalb interessant, da mancherorts ja gerade das gegenteil propagiert wird. durch die aussage, dass ›sehnsucht nach spirituellem‹ auch ein ›wohlstandssymptom‹ sein kann, macht meiner ansicht nach auf das aufmerksam, was du auch erwähnt hast – bewusstseinserweiterung ist ein thema der menschen und kann unabhängig von äußerlichkeiten von jedem verfolgt werden – es wird meiner ansicht nach auch von jedem zu einem gewissen grad angestrebt – manche realisieren dieses bedürfnis durch not, andere dann, wenn sie satt sind, und wieder andere empfinden das gänzlich unabhängig von jedwedem materiellen einfluss…

    grüße.

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