Transzendenz des Glamours

Auf Zeit-Online las ich eben einen Artikel von Thomas Assheuer in dem er sich über die Transzendenz des Glamours auslässt. Er fragt sich was der Starkult über uns aussagt. Bei seinen Ausführungen verschont weder Politiker, die in der Tradition der Könige eine transzendente Erscheinung als Star anstreben, noch Künstler die sich für Bekanntheit und Geld instrumentalisieren lassen.

Bevor ich den gesamten Artikel zu Lektüre empfehle, hier noch zwei interessante Zitate daraus:

Wenn weder die altlinke Utopie noch der amtierende Kapitalismus mythische Bilder der Zukunft liefern, entsteht eine symbolische Lücke, und das Lebensgefühl sagt: »Es kommt nichts mehr, das war es schon.« Doch wer füllt das Loch, das die verschwundene Zukunft hinterlassen hat?

Starkult und Eventindustrie sind die Antwort. Sie bilden ein ideales Zwillingspaar, um den Bilderbedarf der Gegenwart zu befriedigen, die unersättliche Sehnsucht nach Sinn, nach intensiven Bildern und Erlebnissen. Deshalb gibt es nicht wenige Intellektuelle, die beim Triumphzug der visuellen Industrie andächtig Spalier stehen. Sie tun es, weil sie glauben, die Hauptkrise der Gegenwart bestehe schon lange nicht mehr in sozialer Ungerechtigkeit, sondern im Verlust sinnstiftender Bilder, überhaupt im Intensitätsverlust des Lebens. Utopien seien mausetot, und mit siegreichem Kapitalismus müssten wir uns leider abfinden. Nicht abfinden hingegen müssten wir uns mit der Langeweile und dem geistigen Gift des Christentums, dem Warten auf bessere Zeiten.

[…]

Mit Religion hat das allerdings nichts zu tun, es handelt sich um mythische Bilder. Denn die Heilige Familie der Stars erzählt nicht von besseren Zeiten; sie feiert vielmehr die reine Gegenwart, die ungebrochene Präsenz des Augenblicks. Der Star erlöst vom Warten auf bessere Tage und erteilt den Verhältnissen die Absolution. »Alles ist, wie es ist.« Fürchte dich nicht, ich komme wieder, denn nach dem Ereignis ist vor dem Ereignis. Der Starkult ist zyklisch, und die Zukunft löst sich in Gegenwart auf. Je dichter die Kette der Sensationen geknüpft ist, desto mehr Gegenwärtigkeit entsteht. Wenn dann noch das göttliche Auge des Stars wohlwollend auf dem Einzelnen ruht, dann weiß er: Es gibt mich noch.

Um es auf eine Formel zu bringen: Wir sind Zeuge, wie eine säkulare Hochreligion entsteht, ein geschlossenes Weltbild aus Glamour und Celebrity, das sich wie ein Kranz über die alten, weiterlaufenden Funktionssysteme von Politik und Wirtschaft legt. Gewiss, die Realität ändert sich dadurch nicht. Aber wir sollen wieder Gefallen an ihr finden.

Quelle: Thomas Assheuer, Siehe, ich bin dein Star. [Zeit-Online]

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