Fundamentalismus

Immer wieder werden in Fernsehberichten und in manchen Gesprächen „Christen“ grundsätzlich als Fundamentalisten bezeichnet. Einige Aspekte, die zu Einschätzungen dieser Art führen teile ich zutiefst, dennoch entsteht bei der Gleichsetzung von Christsein und Fundamentalismus ein fahles Gefühl in meinem Magen. Dies liegt wohl vor allem daran, dass ich mich selbst in der Nachfolge sehe und somit eine Verbindung mit Tradition der Nachfolgenden besteht, und diese meiner Ansicht nach fundamentalistischen Tendenzen widerspricht. Aus diesem Grund spreche ich auch gerne darüber was Christ-Sein für mich bedeutet, und in diesem Eintrag möchte ich nun auch etwas zu Fundamentalismus schreiben.

Auf meiner Suche nach dem ersten Auftreten des Wortes und damit einer Suche nach den Ursprüngen des Fundamentalismus, stieß ich auf eine Zeitschrift die in den Jahren 1910 bis 1915 herausgegeben wurde. Die Zeitschrift trug den Titel »The Fundamentals. A Testimony of the Truth.« und wurde von protestantischen Christen in Amerika herausgegeben.

Die Herausgeber der Zeitschrift vertraten vier Grundwahrheiten (so genannte »fundamentals«), die den Inhalt der Zeitschrift ausmachten und an denen sie unverrückbar festhielten:

1) die buchstäbliche Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift und die unbeirrbare Gewissheit, dass die Heilige Schrift keinen Irrtum enthalten könne;

2) die Nichtigkeit aller modernen Theologie und Wissenschaft, soweit sie dem Bibelglauben widersprechen;

3) die Überzeugung, dass niemand, der vom fundamentalistischen Standpunkt abweicht, ein wahrer Christ sein könne, und

4) die Überzeugung, dass die moderne Trennung von Kirche und Staat immer dann zugunsten einer religiösen Bestimmung des Politischen aufgehoben werden muss, wenn politische Regelungen mit fundamentalen religiösen Überzeugungen kollidieren.

Diese vier „Grundwarheiten“ sprechen eine deutliche Sprache und werden bis heute mit der fundamentalistischen Bewegung unter Christen verbunden. Natürlich beschränkt sich der Fundamentalismus nicht auf Religion. Er findet sich darüber hinaus auch in allen anderen Lebensbereichen und zeichnet sich durch folgende Charakteristika aus

– kompromissloses Festhalten an Grundsätzen
– Dialog über Geltungsansprüche wird verweigert
– Erkenntnisansprüche sind allem Zweifel enthoben
– ein ausgeprägtes Freund / Feind Schema

In einer pluralen Gesellschaft, in der wir ja ohne Frage leben, wird jede Tendenz in Richtung fundamentalistischer Ansätze kritisch betrachtet. Dies führt in den oben erwähnten Fernsehberichten und auch auf allen anderen Kanälen unserer Kommunikation dazu, dass bereits bei ansatzweisem Vorkommen einzelner dieser Aspekte fundamentalistische Ausrichtung unterstellt, oder positiv ausgedrückt vermutet wird. Auf diese Weise werden manche Bewegungen und auch Einzelpersonen fälschlicher Weise verdächtigt. In einigen Fällen liegen Äusserungen, die fundamentalistische Verbindungen denkbar erscheinen lassen, ungenügende Reflexion dessen zu Grunde, was geäußert wird. Dies liegt sicher auch an einer gewissen Unbedarftheit im Umgang mit Worten.

Professor Hurrelmann sprach in einer älteren Shell-Jugendstudie davon, dass er eine Tendenz in der Jugend wahrnimmt, die darauf hindeutet, dass sich Jugendliche für religiöse Fragen interessieren und dass sie grundsätzlich annehmen es gebe eine höhere Macht. Auf jede Engführung sowohl in der Definition dieser Macht als auch auf jede Einschränkung in ihrer Lebensgestaltung reagieren sie jedoch abwehrend. Mir ist sowohl diese Offenheit als auch die Abwehrhaltung bekannt, und ich muss sagen, dass ich sie sehr gut verstehen kann.

Fundamentalismus hat immer etwas Vor-Aufklärerisches und ist darüber hinaus in seinen meisten Ausprägungen Zukunftsabgewandt. Die Verbindung von Fundamentalismus hat zum einen dazu geführt, dass Denken und Glauben in einen Gegensatz gedrängt wurden, der meiner Ansicht nach der Idee Gottes widerspricht.

Ich schreibe diesen Eintrag, da ich mir wünsche, dass wir Christen unsere Art zu kommunizieren reflektieren und uns auf einen Dialog mit der Gesellschaft einlassen um zu lernen, wie wir in unserer Gesellschaft nachfolgen können und wie wir Missverständnisse umgehen können, die auf einer unbedachten Kommunikation und auf falschen Gewichtungen beruhen.

Zur Erhebung der in diesem Eintrag formulierten Gedanken zum Fundamentalismus habe ich die Einträge zum Thema auf Wikipedia und Meyers-Lexikon-Online konsultiert.

13 Reaktionen

  1. […] Veröffentlicht 19. September 2008 Uncategorized Daniel Ehniss schreibt hier etwas über die Wurzeln des Fundamentalismus. Gut, wenn man erfährt, wie Gedanken einmal […]

  2. zu deinem einstieg ins thema: ich fühle mich überhaupt nicht getroffen, bei der „schnellen“ oder voreiligen diagnose „fundamentalismus“ und „christen“. aber das liegt wohl daran, dass ich zu einer „normalen“ kirche gehöre, deren grösster teil aus kulturchristen bestehen dürfte.

    ich kann mir nicht vorstellen, dass in naher zukunft eine übertrieben sensibel und voreilige wahrnehmung von „fundamentalismus“ und was dafür gehalten wird, abgebaut wird. wir wollen so etwas einfach nicht haben. – differenzieren ist zudem auch keine stärke der medienöffentlichkeit.

    dein plädoyer für dialog mit der gesellschaft und reflektierter kommunikation: ja, ist sehr nötig, klar. die gefahr kann sein, dass man lernt, seine fundamentalismen zu verschleiern. wenn etwas fundamentalistisch gemeint ist, dann bitte auch so sagen und nicht ausstaffieren.

    gerade was sich bei „emergent“ tummelt oder deren stil annimmt, frage ich mich: sind die jetzt wirklich zur gesellschaft „bekehrt“ oder haben die nur gelernt das chic und hipp und cool auszudrücken, dass ich in der hölle schmoren werde, weil ich nicht zu ihnen gehöre? und konkret bei einem bekannten frage ich mich: warum hat er mir früher verbal auf den kopf gehauen und plappert jetzt von postmoderne?

    vielleicht sollte man bei „emergent“ auch das moment der umkehr beachten und das deutlich aritkulieren. „früher haben wir nicht-christen partout für verloren erachtet, heute aber …“

  3. gestern abend musste ich leider einen kommentar löschen, da er nichts zum dialog beitrug sondern meiner ansicht nach in einem anprangernden ton besserwisserisch daherkam. sorry.

    auf welchen satz beziehst du dich ralf?

    yotin, ich gebe dir in deinen beobachtungen recht, denke aber wie walter, dass wir uns nach bestem wissen und gewissen vor fundamentalistischen tendenzen schützen sollten – wenn wir diese in unserer theologie oder haltung entdecken, dann ist es meiner ansicht nach angebracht ihnen nachzugehen und sie anhand der idee gottes zu überarbeiten – was meiner ansicht nach gleichbedeutend ist, mit aufgeben.

  4. Ich bezog mich auf den letzten Satz des vorherigen Kommentars: “früher haben wir nicht-christen partout für verloren erachtet, heute aber …”

  5. hmm…wenn ich das wüsste, hätte ich ihn direkt fortgesetzt. Darum würde mich ja gerade interessieren, wie andere (besonders Leute aus dem emergenten Dialog) das fortführen würden.
    Viele dieser Impulse haben mein Denken in der letzten Zeit beeinflusst und verändert, mit anderen Impulsen tue ich mich schwer.
    Da ich ursprünglich aus einem sehr konservativen Hintergrund komme (nach dem Motto: „Fundamentalist – und stolz darauf“), spielte beispielsweise das Thema der sozialen Gerechtigkeit kaum eine Rolle für mich. Das hat sich für mich gerade im Zusammenhang mit Impulsen aus dem ermerging church Umfeld sehr geändert – gerade auch weil ich die biblische Dimension ganz neu verstanden habe.
    Mit dem Gedanken einer Allversöhnung als einem zentralem Thema emergenter Theologie tue ich mich deutlich schwerer. Nicht dass ich es nicht allen gönnen würde – von wem war das noch: „Wer Allversöhnung predigt ist ein Irrlehrer, wer nicht an sie glaubt ist ein Schwein.“

  6. … also ein emergenter könnte den satz weiterführen mit – aber eigentlich wünschte ich, ein echter echter emergenter würde den satz beenden – „… heute aber habe ich den prozess-charakter des heils im blick. ausserdem habe ich aus einer erneuten exodus-lektüre gelernt, heil nicht mehr nur verengt auf das individuum bezogen zu verstehen, sondern als rettung eines ganzen volkes.“

    (fussnote: aus dem jüdisch-christlichen dialog kann man sehr gut diesen gemeinschaftscharakter des heils lernen. auch hat das zweite vatikanische konzil in „lumen gentium“ 1964 die vokabel „volk gottes“ für die kirche zur bestimmenden metapher gemacht. in der catholischen tradition kennen wir noch diesen gedanken von „ich gehör ja zur kirche, irgendwie werd ich da schon ‚mitgeschleppt‘, auch wenn ich nicht alles verstehe.“ dort wird heil auch als gemeinschaftliches gut verstanden.)

  7. Erstmal vielen Dank für die Fortführung!
    An den Prozess-Charakter des Heils glaube ich auch (auch wenn ich nicht sicher bin, ob wir das gleiche darunter verstehen).
    Mit dem Heil als „gemeinschaftliches Gut“ tue ich mich etwas schwerer. Neutestamentlich sehe ich eher (gerade bei Paulus) einen Begriff der Rettung, der individuell verstanden wird. Alttestamentlich hat Heil die Voraussetzung, dass das Volk sich „bekehrt“ also Gottes Geboten gehorsam ist, wobei diese Forderung nach Gehorsam eine starke Betonung auf der sozialen Gerechtigkeit hat, wie viele Propheten zeigen.
    Mit der Vokabel der Kirche als „Volk Gottes“ kann ich mich in der dargestellten Form („irgendwie werde ich schon ‚mitgeschleppt‘, auch wenn ich nicht alles verstehe“ durchaus anfreunden.

  8. freue mich sehr hier von euch zu lesen. leider komme ich gerade nicht immer dazu zeitnah zu schreiben und so meinen teil zum dialog beizutragen.

    ich hatte eine zeit in meinem leben, in der ich dazu neigte in diesen kategorien zu denken – christ vs. nicht-christ – im alltag stellte sich jedoch sehr schnell heraus, dass diese kategorien nicht hielten was sie versprachen. sollten dadurch klare grenzen gezogen werden, so stellte sich sehr schnell die frage danach wer ein christ ist und wer nicht. diese frage ist meiner ansicht nach sehr schwer zu beantworten – und sollte meiner meinung nach von niemandem hier auf der erde beantwortet werden. die massstäbe die wir anlegen um andere in eine solche kategorie einzusortieren sind meist von unserem umfeld und verständnis gefärbt, dass das was dabei heraus kommt in den seltensten fällen hilfreich ist, sondern meist eher verletztend wirkt. mein erstes plädoyer in dieser frage wäre demnach: lasst uns diese kategorien nicht mehr benutzen.

    aus eigenen stücken kann meiner ansicht nach jeder über sich selbst sprechen ob er versucht in harmonie mit gott zu leben. ein anderer sollte das wenn überhaupt nur im direkten austausch mit der betreffenden person – und dann so denke ich – lediglich ermutigend tun. jemandem seine beziehung, sein verständnis des lebens, gottes usw. abzusprechen erachte ich als äusserst fragwürdig.

    darüber hinaus würde ich mich fragen, was „verloren“ bedeutet. und eine solche kategorie jemandem ausser mir selbst zuzuordnen halte ich ebenfalls für unmöglich. sicher sollte in diesem kontext auch darüber gesprochen werden, wie gott verstanden wird, was unter sünde und auch heil verstanden wird, was die ganze sache mit dem kreuz bedeuten könnte usw. ich denke erst in einer breiteren auseinandersetzung mit fragen dieser art könnte man zu einem wirklichen dialog darüber kommen, was mit den von yotin angeregten gedanken verbunden wird.

    der dialog ist, wie in einem vorigen eintrag hier ausgedrückt, meiner ansicht nach die angemessene gesprächsform unsererseits. wenn wir uns alle als lernende verstehen (und damit meine ich alle), dann können wir über unsere annahmen und positionen reden, können voneinander lernen – müssen andere jedoch nicht von unserer meinung überzeugen oder gar bekehren, sondern leben in dem wissen der stückweisen erkenntnis und würdigen den wahrheitsgehalt jeder aussage.

    allerdings möchte ich auch darauf hinweisen, dass es keine einheitliche theologie der emerging church oder der emergenten bewegung gibt. alle die ich kenne, die sich an diesem weiten dialog beteiligen haben ihre eigene geschichte mit theologie und sind nicht bestrebt eine einheitliche theologie oder glaubensaussage herauszugeben. daher ist es wohl am besten, wenn viele unterschiedliche beteiligte an diesem dialog ihre sichtweise mitteilen. denke gerade darüber nach ob man einem solchen geschehen einen gewissen rahmen geben könnte…

  9. Mir geht es in keiner Weise darum, irgend jemandem irgendeinen Status (Christ/Nichtchrist, verloren/gerettet) zuzuschreiben. Das maße ich mir nicht an!
    Mir stellt sich eher die Frage, wie wir die Bibel heute verstehen und in unser Leben übersetzen. Und da finde ich, dass die emerging church-Bewegung einige wichtige Impulse gegeben hat – vor allem in der Betonung der sozialen Verantwortung. In anderen Bereichen vermisse ich aber auch Standpunkte – beispielsweise in der Frage, wie wir heute den Missionsbefehl(der meiner Meinung nach mit sozialer Verantwortung zu tun hat, sich aber kaum darin erschöpft) verstehen und in unserer Lebenswelt umsetzen.
    Manchmal erinnern mich Aussagen aus der emergenten Bewegung in dieser Hinsicht eher an eine Art theistischen Agnostizusmus als an hoffnungsvolles Christentum.
    Dass ein Schwarz-Weiss-Konzept der Komplexität der Welt und auch des eigenen Lebens nicht gerecht wird, ist keine Frage – ob es der einzige Ausweg ist, jegliche Kategorien zu vermeiden hingegen schon.

Mentions

  • Christlicher Widerstand gegen Fundamentalismus « Tiefebene

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