Dinge geregelt kriegen II

Im zweiten Teil des Buches ›Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin‹ widmen sich Kathrin Passig und Sascha Lobo dem was wir Arbeit nennen, oder besser ausgedrückt dem was in unserer Gesellschaft weitestgehend unter Arbeit verstanden wird und welche Folgen das auf unser Arbeiten und Wohlbefinden hat.

Zu beginn des Kapitels ›Der innere Zwingli‹ führen die Autoren Beispiele aus unserer Geschichte und von anderen Orten unserer Welt an, und zeigen damit, dass das übliche Verständnis von Arbeit, Fleiß und Arbeitszeit nicht unausweichlich ist und nicht schon immer so war – und immer so bleiben muss. Sie fragen sich des weiteren wo die Arbeitshaltung herkommt, die bei uns üblich ist und stellen in Anlehnung an Max Weber (Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus) Verbindungen zur Reformation und dort mit Zwingli und Calvin her. Nach Weber setzte Zwingli dauernde und fortwährend freudlose Arbeit mit Gottesfurcht gleich, und harte Plackereien waren in seinen Augen Gebete. Calvin verfeinerte die Gedanken Zwinglis bezüglich der Arbeitsmoral noch und schaffte somit die Voraussetzung für den durchschlagenden Erfolg des Kapitalismus und der Doktrin des Mühegebens. Max Weber stellt den Zusammenhang zwischen protestantischer Religion und dem arbeitsamen Streben folgendermaßen dar:

«Erwerb von Geld und immer mehr Geld, unter strengster Vermeidung alles unbefangenen genießens, so gänzöich aller eudämonitischen oder gar hedonistischen Gesichtspunkte entkleidet, so rein als Selbstzweck gedacht, dasss es als etwas gegenüber dem ‹Glück› oder dem ‹Nutzen› des einzelnen Individuums jedenfalls gänzlich Transzendentes und schlechthin Irrationales erscheint.» (60f.)

Auch wenn in unserer westlichen Gesellschaft das protestantische Arbeitsethos nach und nach an Bedeutung verliert, sitzt die Einstellung Arbeit müsse mit der Selbstdisziplinierung beginnen, möglichst lange dauern und dürfe nicht allzu viel Freude bereiten tief. Weil das so ist, fahren Passig und Lobo mit ihrer zielgerichteten Bekämpfung des schlechten Gewissens fort.

Im folgenden Kapitel stimmen sie ein ›Lob der Disziplinlosigkeit‹ an und führen damit die aufkommenden Stimmen (oder sind diese bereits wieder verstummt?) ad absurdum. Mit Aussagen wie „Selbstdisziplin ist keine Tugend, sondern zunächst die Negation der eigenen Bedürfnisse.“ (67) graben sie den meisten Vertretern dieser Gedanken das Wasser ab.

Sie ermutigen viel mehr auf seinen Körper und auf die Seele zu hören. Sich zu fragen »Was sagt mir meine „inner Stimme“?« Ihrer Ansicht nach erkennt das Unterbewusstsein oftmals eher was zu mir passt und spricht dementsprechend zu mir. Ein hören auf diese Stimme erfordert dann auch den Mut Dinge zu beenden. „Wer weniger Aufgaben hat, die Selbstdisziplin erfordern, wird automatisch weniger prokrastinieren.“ (69)

Für eine Unterscheidung zwischen schöner Arbeit und Schmarbeit plädieren sie im nächsten Kapitel. Ihrer Ansicht nach basiert das Prädikat ›schöne Arbeit‹ auf dem was subjektiv gut gefunden wird und zum man sich freiwillig entscheidet:

„Eine Aufgabe zu finden, mit der man glücklich wird und Geld verdient, hat seinen Zweck bereits im eigenen Glück erfüllt. bei der Suche nach einer glücklichmachenden Arbeit dient die schädliche Selbstdisziplin als Indikator: Ihre Notwendigkeit ist ein klares Zeichen dafür, dass man die schöne Arbeit noch nicht entdeckt hat, sondern noch in den Brackwassern der Schmarbeit herumdümpelt.“ (73)

Geht man einer Arbeit nach, die in die das Prädikat schöne Arbeit verdient, kommt man automatisch in einen Flow-Zustand, vertieft sich dermaßen in die Aufgabe dass man Raum und Zeit vergisst und erfährt dabei die Ausschüttung von Glückshormonen ähnlich wie beim Verliebtsein oder beim Sex. Solche Arbeit kann im besten Sinne erfüllend sein.

Im letzten Kapitel das ich heute lese beschäftigen sie sich damit richtig zu prokrastinieren. Das Später- Prinzip fragt demnach nicht danach wie man Prokrastination vermeidet, sondern wie man richtig prokrastiniert.

Paul Graham unterscheidet in seinem seinem Essay ›Good and Bad Procrastination‹, wie der Titel bereits sagt, zwischen guter und schlechter Prokrastination.

«Je nachdem, was man tut, anstatt an einer bestimmten Aufgabe zu arbeiten, gibt es drei Varianten der Prokrastination: Man kann a) nicht tun, b) etwas weniger Wichtiges tun oder c) etwas Wichtigeres tun.» (80)

Die Wichtigkeit der Aufgabe ist meist erst nach einer gewissen Zeit nach ihrer Erledigung zu erheben. Es ist hier jedoch ein weiteres Mal wichtig zu betonen, dass Prokrastination nichts mit Faulheit zu tun hat, sondern dass es eher darum geht, anstatt der eigentlich zu erledigenden Aufgabe anderen Aufgaben anzupacken.

„Auch ganz alltägliche Tätigkeiten, die sich in ihrer Erfreulichkeit nicht spürbar unterscheiden, lassen sich mit etwas Glück und Übung zu einem Prokrastinationszirkel zusammenschließen. Man erledigt dann jede Aufgabe, um sich einer anderen nicht widmen zu müssen, bis man am Ende versehentlich die ursprünglich vermiedene Tätigkeit hinter sich gebracht hat.“ (82)

Nach Sascha Lobo und Kathrin Passig ist es wichtig zu lernen wie man richtig prokrastiniert, aus diesem Grund zitieren sie auch den Philosophieprofessor John Perry (structuredprocrastination.com), der „rät dazu sich Aufgaben vorzunehmen, die ungemein dringend und wichtig erscheinen, ohne es tatsächlich zu sein. Während man ihnen ausweicht erledigen sich andere, wichtigere Aufgaben wie von allein.“ (79)

2 Reaktionen

  1. hallo daniel!
    das buch hört sich wirklich spannend an..genau mein thema:-).
    allerdings finde ich, was die arbeit angeht die im besten fall freude machen soll: das ist in unserer gesellschaft doch irgendwie ein luxusproblem, oder? klar gibt`s da innere einstellungen die mich unter druck setzen, aber es sind halt meistens doch äußere umstände warum viele leute einfach einen job erledigen müssen der übel ist.
    bin dankbar, daß mir meine arbeit freude macht(meistens jedenfals:-)). das ist ein luxus den eben viele bei uns, und die meisten auf der welt, nicht haben.

  2. danke für deinen kommentar christina.

    wahrscheinlich ist das so, dass eine freie entscheidung welche arbeit man wählt – und wie man sein leben allgemein gestaltet – nur einen gewissen teil der bevölkerung betrifft. für mich ist das das naheliegendste, weil ich so mein leben gestalte.

    aus soziologischer sicht befinden wir uns ja auch in einer zeit in der jeder selbst für die gestaltung seines lebens/seiner identität verantwortlich ist und es kein vorgegebenes lebensmuster mehr gibt. wenn das bei allen so wäre, dann hätte jeder etwas zur gestaltung seines lebens beigetragen und hätte sich dann auch für seine arbeit und die lebensgesaltung entschieden. dabei stellt sich mir allerdings die frage wie weit wir mit diesen entscheidungen gehen – es steht ja ausser frage, dass eine ganze reihe unserer mitmenschen solche fragen nicht stellen können und dass es ihnen unmöglich erscheint aus diesem system auszubrechen.

    ich denke, dass die autoren beim schreiben des buches leute wie uns vor augen hatten, die sich frei entscheiden, kann dafür natürlich meine hand nicht ins feuer legen. und fände einen austausch über solche fragen sehr interessant.

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