Qualität des Fernsehprogramms

Auf dem Sofa sitzend schaltete ich gestern Abend den Fernseher ein um mir im Zweiten das heute-journal anzuschauen. Die noch laufende Sendung wurde von Thomas Gottschalk moderiert, daher nahm ich zunächst an, dass dieser mal wieder überziehen würde und widmete mich dem was auf meinem Rechner passierte. Nach einer Weile schien mir die Überziehung etwas zu lang weshalb ich auf der Seite des ZDF nach dem Programm schauen wollte. In diesem Moment erhielt „Deutschland sucht den Superstar“ den deutschen Fernsehpreis für die beste Fernsehshow. Durch die Aussage eines Mitglieds des DSDS-Teams wurde die Verleihung ad absurdum geführt, er sagte sinngemäß „Ätsch wir sind geil, auch wenn ihr Intellektuellen das nicht versteht!“ und drohte jahrelange Fortsetzung der grauenhaften Sendung an.

Bei meinem Besuch der ZDF-Seite erhaschte ich einen Blick auf ein Bild von Marcel Reich-Ranicki das von einer Überschrift begleitet wurde in der das Wort ›Eklat‹ stand – diese Kombination weckte mein Interesse, um so besser, dass er kurz darauf bereits am Rednerpult stand. Bevor er begann entschuldigte er sich für das was er nun sagen würde und beteuerte, dass er niemanden verletzen wolle. Aha – jetzt kommt etwas interessantes, dachte ich. Reich-Ranicki lehnte die Annahme des Ehrenpreises ab. Er sei hier fehl am Platz. In die Reihe derer die hier geehrt würde wolle er sich nicht einreihen und wer wolle ihn hier ehren und für was? Es gab Preise in seinem Leben die er gerne angenommen habe – aber einen Preis in einer grauenhaften Show wie dieser konnte er unmöglich annehmen. Vier Minuten nach Zehn schrieb ich einen Tweet, der ein Zitat von Reich-Ranicki enthielt: „der blödsinn den wir hier zu sehen bekamen“ – er klagte über die schlechte Qualität des Fernsehprogrammes und dass es eine Zumutung sei ihn hier dazu zu zwingen einen Abend zu verschwenden. Gottschalk riss das Ruder dann schlagfertig, wie er etwas herum – er bot Reich-Ranicki eine Sondersendung an, in der er mit den Intendanten der Sender die die Verleihung veranstalteten über die Lage des Fernsehens unterhalten sollte.

Aus meiner Sicht ließ sich Reich-Ranicki durch dieses Manöver besänftigen, gab eine Anekdote zum Besten und bot Gottschalk das ›Du‹ an. Noch mehr erschreckt jedoch hat mich die Fortsetzung der Sendung, die nichts mehr vom Schock hatte, der in einer solchen Situation hätte eintreten können.

Auf faz.net habe ich eben zwei interessante Artikel gelesen, ok es waren ein Kommentar und ein kurzes Interview, die ich hiermit sehr empfehlen möchte:

a) Marcel Reich-Ranicki im Interview – „Ich konnte es nicht mehr aushalten“

b) Elke Heidenreich – Reich-Ranickis gerechter Zorn

3 Reaktionen

  1. 100 % Zustimmung. Wie hab ich mich gefreut, den Reich-Ranicki zu sehen und als er dann losgepoltert hat wars eine Sekunde so, wie das Fernsehen eigentlich sein müsste : Authentisch, echt und direkt. Finde auch schade, dass er sich hat besänftigen lassen, glaube aber, dass er das schon wieder bereut.. Naja. Grüße von J-West nach K-East ;)

  2. Ich bin wirklich froh über diesen „Eklat“! Endlich hat mal einer etwas gesagt, endlich mal wahre Worte in dieser surealen Medienlandschaft, es ist aber eine Schande, dass von diesem Auftritt Ranickis nicht viel übrig bleiben wird. Schon nächste Woche wird der „Eklat“ vergessen sein und die Chefs von ARD, ZDF, RTL, PRO7 und wie sie alle heißen, werden weiter dass senden, was eigentlich auch ein Großteil der Menschen wollen. Leichte, seichte und anspruchslose Unterhaltung. Wer Tiefe will muss auch weiterhin zu Spartensendern wie ARTE und ähnlichem greifen, oder mal ein Buch lesen. Wie sagte Ranicki? Er wolle jetzt nicht mit Goethe oder Bertold Brecht kommen, aber warum eigentlich nicht? Manchmal würde ich die gerade genannten so manchem Fernsehabend vorziehen.

  3. Also, ich bin ja kein Kulturpessimist und daher schließe ich mich der allgemeinen Fernsehschelte von Reich-Ranicki auch nicht voll an. Ich wollte damals nach der verweigerten Annahme des Ehrenpreises kurz darauf verweisen, finde es amüsant, dass Elke Heidenreich durch den hier verlinkten Beitrag in der FAZ wohl ihre Sendung im ZDF verlieren wird und gehe nicht davon aus, dass ich vom gleichen Fernsehen träume wie Reich-Ranicki oder auch Thomas Gottschalk das tun. Interessant fand ich in diesem Zusammenhang auch die Anspielungen von Schmidt & Pocher vergangen Donnerstag auf Reich-Ranickis Fernsehkritik, und darüber hinaus gefällt mir auch Günter Grass’ Aussage von der Trivialisierung der Literatur durch Reich-Ranicki im Fernsehen. Es gäbe vieles dazu zu sagen…

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