Bibel und Bedeutung

In einem Gespräch über denkbare Strukturen von Gemeinde kamen wir kürzlich auf die Frage zu sprechen ob die Texte des Neuen Testaments im Vergleich zu den vorausgehenden Schriften eine höhere Bedeutung haben – und in diesem Zusammenhang zu möglichen Begründungen. Da ich über dieses Gespräch noch öfters nachgedacht habe möchte ich heute etwas zu meinen Gedanken diesbezüglich schreiben.

Meiner Ansicht nach haben die Texte des Neuen Testaments keinen höheren Stellenwert als alle anderen Texte, die wir in der Bibel finden. Und wenn ich von Bibel rede, dann meine ich damit das, was manche als den katholischen Kanon bezeichnen würden (also inkl. den sogenannten Apokryphen). Das bedeutet für mich, dass die Texte von Anfang an Hinweise auf denkbare Strukturen liefern. So können wir in Texten zu den so genannten Vätergeschichten über die Richterzeit bis hin zu der Entscheidung des Volkes Israel für einen König Hinweise auf denkbare Strukturen und auch mögliche Vorstellungen von Leitung finden. Alle diese Schilderungen enthalten meiner Ansicht nach Hinweise auf Gottes Ideen von Gemeinschaftsstrukturen und der Organisation gemeinschaftlichen Lebens. Im so genannten Neuen Testament finden wir darüber hinaus auch diesbezügliche Hinweise. Diese Hinweise sind meiner Ansicht nach jedoch nicht wichtiger oder verbindlicher als alle anderen. Der kulturelle Hintergrund in dem wir uns nun befinden unterscheidet sich zu dem aller Überlieferungen in den Schriften.

Ein Unterschied, der trotz dieser Gedanken gerne angeführt wird, ist dass es sich bei den Gemeinschaften der Schriften des Neuen Testaments auch um Gemeinschaften von Christen handelt was wir letztlich heute auch sind. Dem würde ich den Gedanken entgegenhalten, dass meiner Ansicht nach Gedanken zur Organisation gemeinschaftlichen Lebens zu allen Zeiten interessant waren und auch in weiterer Zukunft interessant bleiben werden. Es geht daher meiner Ansicht nach nicht so sehr um Gottes Ideen von gelebter Gemeinschaft hinsichtlich Gemeinschaften von Christen, sondern viel mehr um die Idee oder besser gesagt Ideen gelebter Gemeinschaft an sich. Ich schreibe hier bewusst ›Ideen‹ da meiner Ansicht nach in der Bibel unterschiedliche Strukturen und Organisationsmöglichkeiten dargestellt werden, die so nicht im Sinne besser oder weniger gut zu unterscheiden sind. Welche Organisationsform letztlich gelebt wird, hängt wesentlich mehr mit dem Umfeld zusammen in dem sich die Gemeinschaft befindet als mit Entscheidung nach dem Prinzip ›das ist der einzig gangbare Weg‹.

Meiner Ansicht nach finden wir in der Bibel Hinweise auf die Idee Gottes, getreu dieser Hinweise befinden wir uns dann allerdings in einer Situation der Improvisation der Idee Gottes in unserem alltäglichen Leben. Aus dieser Ansicht gewinne ich auch eine skeptische Haltung zu Aussagen der fortschreitenden Offenbarung – gemäß der wir gegen Ende der Bibel präzisere Hinweise vorfinden müssten, als dies von Anfang an der Fall sein kann. Meiner Ansicht nach handelt es sich lediglich um unterschiedliche Kontext und daher andere Improvisationen und unterschiedlich verwendeter Bilder.

Ich ende an dieser Stelle mit den bewusst unvollständigen Ausführungen meiner Gedanken, da ich mir einen Dialog dazu wünsche. Die Darstellung meiner Gedanken hierzu soll an dieser Stelle enden und ich wünsche mir, dass sie als Beitrag zum Dialog verstanden wird und die lernende Haltung dabei – und vor allem im weiteren Dialog – deutlich wird. In diesem Sinne freue ich mich auf deine Gedanken dazu…

4 Reaktionen

  1. Wenn ich es richtig verstehe, geht es zugespitzt um die Frage: „Haben die Hinweise des NT für die Gestaltung von christlichen Gemeinschaften mehr Autorität als ATliche Texte der Bibel?“ Wenn es tatsächlich darum geht, wäre mein Votum ein emphatisches: Ja! Und nein. Denn nur im NT finden wir bspw. Abendmahl und Taufe, zwei Grundpfeiler christl. Gemeinschaft. Geht es allerdings um Leitungsstrukturen und liturgische Formen, dann wird es spannend: Finde, man müsste dann überlegen, inwiefern gewisse Formen doch so stark von ihrem Inhalt (Christus) geprägt sind, dass sie sich auch für uns empfehlen, mehr als ATliche Formen. Prinzip wäre dann also so etwas wie „Mitte der Schrift“ und ihre Manifestation in Gemeinschaftsformen…

  2. generell existiert der biblische glaube nicht als statische weltanschauung, sondern als geschichtliche größe. außerdem hat die „heilsgeschichte“ der bibel einen verlauf, ein ziel, bewegt sich also nicht (nur) in immer wiederkehrenden rhythmen, sondern „geht voran“. alles geschichtliche hat eine entwicklung. insofern wäre es falsch, wenn wir christen der bibel jede form von evolution absprechen. (nur dass hier nicht die stärkere spezies, sondern die gnädigere überlebt.)
    oder wer wollte bestreiten, dass johannes 8,1ff für uns ein höheres maß verbindlichkeit hat als die mosaische aufforderung, ehebrecher zu steinigen?

  3. @Depone: Du solltest „Slaves, Women and Homosexuals: Exploring the Hermeneutics of Cultural Analysis“ von William Webb lesen, was die Thematik AT&NT angeht.

    Ich denke dass das NT die Fortsetzung Gottes ‚Geschichte‘ mit den Menschen ist. So sehe ich die Bibel. The Old Testament promises – the new testament delivers. Die Bibel beinhaltet nicht nur eine Idee von Gott, sondern (wie Scot McKnight in seinem Buch The Blue Parakeet schriebt) sind es die Worte Gottes an eine zerbrochene Menschheit.

    Ich denke aus verschiedenen Gründen aber nicht dass die deuterokanonische Schriften zum Kanon des Alten Testaments gehören, obwohl sie sicherlich wertvolle Lektüre sind. Historisch gesehen ist es ziemlich klar, dass die Bücher 1546 offiziell als Antwort auf die protestamntische Reformation von der katholischen Kirche zum Kanon anerkannt wurden.

    Aber das sind zwei verschieden themen.

    Weiter so!

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