The Fidelity of Betrayal _ I

Fidelity of BetrayalHeute habe ich mir mal etwas Zeit genommen um den ersten Teil des Buches »The Fidelity of Betrayal« von Peter Rollins zu lesen. Wie der Titel bereits andeutet, geht es in diesem Buch um die »Treue des Verrats«. Peter der bereits ein wunderbares Buch darüber geschrieben hat wie man (nicht) über Gott redet, plädiert in diesem Buch für eine dialogische, ja streitbare Beziehung des Menschen mit Gott.

In gewohnt dekonstruktivistischer und zugleich mysthischer Weise nähert sich Peter seinem Thema an. Er beginnt mit einem Gleichnis, von denen es an vielen weiteren Stellen des Buches welche geben wird, und eröffnet die anregende Auseinandersetzung mit Gott. Während ich so lese was vor mir steht kommt mir immer wieder eine Aussage in den Sinn, die ich in einem Kommentar zu Jeremia gelesen habe, von dem an dieser Stelle gesagt worden war, dass er mit Gott um Gott streitet. Und genau eine solche Auseinandersetzung mit Gott scheint mir Rollins in diesem Buch aufzeigen zu wollen.

Das Buch ist in drei sich ergänzende Teile eingeteilt, bereits im Vorwort wird deutlich, dass es nicht möglich ist diese drei Teile unabhängig voneinander zu stellen, zu verstehen oder gar diese drei Aspekte voneinander zu trennen, sondern dass die Einteilung nur der Verständlichkeit dient und es seiner Ansicht nach notwenig ist die Interaktion der einzelnen Teile zu betrachten und ihre enge Verbindung stehts im Hinterkopf zu haben. Im ersten Teil setzt sich Rollins mit dem „Wort Gottes“ (The Word of God) auseinander (was er, wie nicht anders zu erwarten war nicht mit der Bibel an sich gleichsetzt). Das „Sein Gottes“ (The Being of God) wird im zweiten Teil näher betrachtet und im dritten Teil geht Rollins dem „Ereignis Gottes“ (The Event of God) auf die Spur.

Diesen ersten Beitrag zu diesem Buch möchte ich mit einem Gleichnis beenden, das Peter am Ende des ersten Teils anführt. Dieses Gleichnis findet sich auch in folgendem Eintrag auf Peters Blog: »Give me a master I can dominate«. Das Gleichnis handelt von einem jungen Mann der auf der Suche nach einem jüdischen Rabbi ist um von ihm die Weisheit des hebräischen Denkens zu lernen.

Nach langer Suche findet der junge Mann einen jüdischen Rabbi den er darum bitten möchte ihn zu unterrichten. Als der Rabbi sieht wie jung der Mann ist lächelt er ihn an und sagt: „Du bist zu jung und hast zu wenig Lebenserfahrung für die Dinge die ich dir beibringen soll. Komm in zehn Jahren wieder zu mir.“

Aber der junge Mann hat ein Selbstvertrauen das an Arroganz grenz und erwidert: „Es mag sein dass ich jung bin, aber ich habe bereits aristotelisches und symbolisches Denken erlernt. Prüfe mich. Stell mir eine beliebige Frage und ich werde dir beweisen, dass ich bereit bin von dir zu lernen.“

Nachdem der Rabbi eine Weile nachgedacht hat stellt er ihm eine Frage: „Zwei Männer sind durch einen Kamin gestiegen. Als sie unten ankommen, ist das Gesicht des einen mit Ruß bedeckt. Sag mir, welcher wäscht sein Gesicht?“

Der junge Mann antwortet sofort darauf: „Was soll an dieser Frage schwer sein? Derjenige mit Ruß in seinem Gesicht natürlich.“

Der Rabbi wendet sich ab um zu gehen und sagt: „Natürlich nicht, wo denkst du hin? Der Mann ohne Ruß wascht sein Gesicht, er sieht den Teint seines Freundes und nimmt an, dass auch er dreckig geworden sein muss.“

„Bitte schick mich nicht weg,“ sagt der junge Mann. „Prüfe mich noch einmal, mit einer beliebigen Frage.“

Der Rabbi denkt einen Moment lang nach und sagt dann: „Ok, aber bitte hör dieses Mal genau zu. Zwei Männer sind durch einen Kamin gestiegen. Als sie unten ankommen, ist das Gesicht des einen mit Ruß bedeckt. Sag mir, welcher wäscht sein Gesicht?“

„Selbstverständlich der Mann ohne Ruß im Gesicht,“ antwortet der junge Mann.

Wieder schüttelt der Rabbi seinen Kopf. „Du hörst nicht richtig zu. Es liegt doch auf der Hand, dass der mit dem Ruß sein Gesicht wäscht. Er bemerkt die Reaktion seines Freundes als er unten ankommt, schmeckt den Ruß auf seinen Lippen und fühlt das Stechen in den Augen. Jetzt kannst du mich in Ruhe lassen.“

„Bitte prüfe mich noch ein letztes Mal, ich glaube jetzt hab ichs verstanden,“ sagt der junge Mann.

„Ok, noch ein letztes Mal,“ sagt der Rabbi. „Aber bitte, hör genau zu. Zwei Männer sind durch einen Kamin gestiegen. Als sie unten ankommen, ist das Gesicht des einen mit Ruß bedeckt. Sag mir, welcher wäscht sein Gesicht?“

„Meine erste Antwort ist richtig,“ ruft der junge Mann, „aber aus einem anderen Grund.“

„Nein, nein, nein,“ sagt der Rabbi während er geht. „Beide waschen ihr Gesicht. Wie könnte jemand durch ein Kamin steigen und annehmen sein Gesicht wäre danach nicht von Ruß bedeckt?“

Mit dieser Geschichte möchte Peter Rollins darauf hinweisen, dass der junge Mann bevor er in der tiefen Weisheit der Tradition unterwiesen werden kann, das Verlangen Wahrheit auf ein klar definiertes, statisches System zu reduzieren, lernen muss aufzugeben. Er muss lernen im Dialog zu sein, zu debattieren, Annahmen zu überdenken und zu unterscheiden. Erst dann ist er in der Lage sich auf die Reise zu einem religiösen Verständnis zu begeben das tiefer geht als rationale Einsicht – auf dieser Reise wird er eine Wahrheit entdecken die tiefer ist als intellektuelle Annahmen.

Diese Bereitschaft im Dialog zu sein, Annahmen zu überdenken und mit etwas zu ringen scheint zum Lesen des Buches notwenig. Eine solche Haltung wünscht sich Rollins auch im Umgang mit der Bibel – jedoch nicht als Selbstzweck, sondern um dabei der lebensverändernden Wahrheit zu begegnen, die zugleich in und jenseits der Worte wohnt.

4 Reaktionen

  1. dieses buch zur hand zu nehmen lohnt sich meiner ansicht nach auf jeden fall. mir scheint es, als ginge peter rollins hier noch etwas grundlegender vor als in »how (not) to speak about god«

    bin gespannt was kommt und freue mich wenn meine gedankensplitter aus der lektüre inspirieren.

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