Reaktionärer Papst?

In diesen Tagen wird viel Dreck auf Papst Benedikt XVI. geworfen. Seine ausgestreckte Hand in Richtung der Pius Brüder rückt den als konservativ geltenden Mann in ein schlechtes Licht. Nicht dass ich in irgendeiner Weise mit den Pius Brüdern oder ihrer abstrusen Haltung gegenüber unseren jüdischen Glaubensgeschwistern oder dem Holocaust sympathisiere – nein, solche Haltungen und die gemachten Aussagen widern mich an! Dennoch scheint manches in Vergessenheit zu geraten, in Momenten wie diesen. Ein Aspekt der gerne vergessen wird ist folgender:

Weder der unsägliche Herr Williamson, der in Benedikt einen schlimmen Modernisierer sieht, noch die Pius-Bruderschaft sind Teil der katholischen Kirche geworden, die Bischöfe weiterhin suspendiert. Sie dürfen wieder beichten und an der Kommunion teilnehmen, haben aber keine Amtsgewalt. Die Aufhebung der Exkommunikation ist nichts Anderes als die ausgestreckte Hand, die nicht einigen wenigen, sondern einer Gruppierung von 600.000 Gläubigen und 500 Priestern gilt, die sich von Rom abgespalten hat. Es ist dieselbe Hand, die den chinesischen Partei-Bischöfen galt, deren Exkommunikation aufgehoben wurde. Und es ist dieselbe Hand, die auch einem Hans Küng galt, der als einer der Allerersten nach der Papstwahl von Benedikt empfangen wurde.

Dies schrieb Peter Seewald für Zeit-Online. Und er schreibt auch davon, dass Papst Benedikt XVI. sich in andere Richtungen als der konservativen geöffnet hat, dass diese Öffnung und sein Umgang mit Juden und dem interreligiösen Dialog jedoch leider nicht ins konservative oder gar reaktionäre Bild passt dass die breite Öffentlichkeit von ihm hat und daher wenn überhaupt am Rande notiert wird. Seewald vergisst nicht darauf hinzuweisen, dass die Art und Weise der Vorgänge eine Menge Fehler enthält. Die Frage jedoch, ob der Papst an dieser Stelle nicht wie Jesus handeln dürfe und auf die am Rand stehenden zugehen darf, die finde ich mehr als berechtigt. Sind wir es, die aussuchen wer am Rand steht, und die dann darüber urteilen?

Dieser Artikel auf Zeit-Online hat mir wieder einmal gezeigt, dass der Teufel im Detail steckt und dass blindes drauf losschlagen immer mehr kaputt als ganz macht. Und noch etwas, die Wirklichkeit ist komplexer als die schönen Schablonen die wir gerne an uns und unsere Umwelt anlegen.

_
Durch diesen Tweet von Thorsten wurde ich auf den Artikel aufmerksam. Vielen Dank dafür. Und zum Schluss noch mal ein Link auf den Artikel: Vatikan-Debakel.

20 Reaktionen

  1. Dass der Papst das darf, würde vermutlich ja niemand bestreiten. Die Frage ist, welche Signale er damit setzt, wo er gleichzeitig die Grenzen an anderer Stelle eher schärfer gezogen hat (etwa in der Ökumene).

    Die Reaktionen auf dieser breiten Front, gerade auch unter Katholiken, zeigen aber auch, dass sich da eine gewisse Enttäuschung und Unmut schon längst breit gemacht haben. Insofern hat der (schon etwas dickere) Tropfen hier eben ein Faß zum Überlaufen gebracht.

  2. […] so viel Aufmerksamkeit und Entgegenkommen von seiten ihres Hirten erhalten.  Es mag auch viel Dreck geben, das derzeit auf den Bischof der Weltkirche geworfen wird, aber wir wären eine stumpfsinnige Herde, wenn wir unseren Hirten nicht fragen dürften, […]

  3. danke sehr für eure kommentare und die damit verbundenen kritischen äusserungen. ich bin auf jeden fall auch kein freund von reaktionären tendenzen und ich wünsche mir eine offene darlegung der vorgänge, beweggründe weshalb gerade diese gruppe zugegangen wird – diese darlegung sollte in jedem fall mit einer entschuldigung an unsere jüdischen glaubensgeschwister verbunden sein und auch die frage nach dem 2. vatikanischen konzil kann nicht ausgeblendet werden. weshalb ich diesen artikel aufgegriffen habe, weil er meiner ansicht nach ein gegengewicht zu der (meiner ansicht nach) polemisch geführten debatte darstellt.

  4. Meine Meinung hatte ich bereits in dem Tweet zum Ausdruck gebracht:

    Ich begrüße die Gedanken von Peter Seewald, der übrigens auch früher schon mit Herrn (seinerzeit noch Kardinal) Ratzinger gemeinsam an einigen Veröffentlichungen („Salz der Erde“, „Gott und die Welt“)gearbeitet hat, ein Papstkenner sozusagen. Und jemand, dessen Glaubensleben durch die tiefen Gedanken und die herzliche Art des Herrn Ratzinger erfrischt wurde.

    Ich bin begeistert davon, dass einer der größten lebenden Intellektuellen, der auf einer Augenhöhe mit z.B. Habermas diskutieren kann, das Oberhaupt der kath. Kirche geworden ist. Ich genieße die Lektüre seiner Bücher, bewundere sein Augenmaß und seinen Mut in der Amtsführung. Ein Populist ist dieser Papst gewiss nicht, und das wurde ihm nun in Deutschland zum Verhängnis:

    Auch ich kotze, wenn ich diesen Piusbrüderquatsch höre, der in Deutschland übrigens strafrechtlich verfolgt würde.

    Man kann auch darüber streiten, wie gut der Vatikan mit den Medien jonglieren können müsste.

    Was aber seit rund 2 Wochen in Deutschlands Medien tobt, ist zu 98 % keine argumentative Auseinandersetzung mit streitbaren Meinungen, nicht einmal eine seriöse Kritik an irgendwelchen punktuellen Fehlentscheidungen des Kirchenoberhauptes, sondern eine mediale Hinichtung:

    Was bleibt denn bei „Otto Normalverbraucher“ hängen? Dass dieser Papst im schlimmeren Fall ein „Rechtsradikaler“, Holocaustleugner, Antisemit und Ewiggestriger sein soll, im milderen Fall ein Dummkopf. Bei Illner behaupten Journalisten, das Pontifikat wäre schwer angeschlagen, der SPIEGEL titelt: „Der Entrückte – Ein deutscher Papst blamiert die katholische Kirche“.

    Ich habe das Ideal von einer Presse, die sich kritisch mit Sachthemen auseinandersetzt und nicht die Personen mit Schlagwörtern demontiert, die sie gerade noch hochgejubelt hat („Wir sind Papst“).

    Dieser Papst blamiert die katholische Kirche? Haben die Autoren seine Bücher nicht gelesen, seine Reisen nicht beobachtet, seine theologischen Gewichtungen nicht zur Kenntnis genommen? Hat ihn überhaupt jemand – gefragt? Ist das nicht ein Grundrecht, das Recht auf Gehör?

    Mir geht es also gar nicht so sehr um die Sachthemen und die „politischen“ Fehler, die der Vatikan (weniger Benedikt selbst) verbockt hat, sondern um diese mediale Hetzkampagne, dieses große Hallali auf den Weißkittel. Meine Solidarität hat er.

    Und alle Populisten seien gefragt: Auf wen und warum schlagen sie da ein? Die Personen, die in Deutschland dazu am häufigsten befragt wurden und Antworten gegeben haben, die sie bei kritischer Würdigung selbst nicht glauben dürften, haben dafür gewiss „gute“ Argumente…

  5. Prinzipiell finde ich mehr Tief in dieser Diskussion wirklich wunderbar und vermisse diese auch bei sehr vielen Kommentaren. Aber ob die „neue Offenheit“ wirklich richtig ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Was ich trotzdem einfach nicht verstehe und auch eigentlich nicht akzeptieren will: Was haben chinesische Partei-Bischöfe und Holocaust-Leugner in einer Kirche zu suchen??

  6. […] fangen wir Protestanten schon an, den Papst zu […]

  7. @ruben: Ich verstehe, was du meinst. Aber wer entscheidet darüber, wer nichts in „der Kirche“ zu suchen hat? Alle Geizigen, Neidischen, Betrüger, Lügner, Zeitverplemperer raus aus der Kirche? Und ich habe noch gar nicht die evangelikalen Reizthemen genannt.

    Das heisst nicht, dass man Mist nicht offen ansprechen und rügen muss. Das wird meiner Erfahrung nach viel zu selten und oft zu spät getan. Aber ne geistliche Securitas?

  8. @Wessnet: Ich habe nicht die richtigen Worte verwendet. Also Kirchenpolitisch zeichnet die Aufhebung der Exkommunikation von Menschen mit einer solchen Gesinnung doch ein sehr merkwürdiges Bild. Während doch viele Gemeinden und Bünde versuchen, gegen solches Gedankengut vorzugehen, betreibt der Papst scheinbar einfach die Aufhebung der Exkommunikation. Dies wirkt doch so, als ob er sich nicht mit der wirklichen Problematik auseinander gesetzt hätte.
    Und jetzt meine eigene Meinung: Ich akzeptiere und verstehen weder rechtes Gedankengut noch die praktizierte Vereinbarkeit von Glauben und Regimetreue (egal ob China oder im Nationalsozialismus oder der DDR), weder Menschenrechtsverletzungen noch Unterdrückung einzelner Bevölkerungsgruppen. Und jetzt der springende Punkt: natürlich kann ich anders handeln als es eine Kirche mit politischen Interessen sich leisten kann.
    Letztlich muss jeder seine Taten vor sich selbst verantworten und vor Gott, wenn er denn daran glaubt, aber trotzdem sollte man auch in einer Glaubensgemeinschaft oder Kirche, doch deutlich gegen falsches Handeln vorgehen, ob es nun rechts Gedankengut, Holocaust-Leugnung oder Lügen sind.

  9. Was kirchenrechtlich passiert ist, wird, anders als in der deutschen Presse, sehr gut in einer Stellungnahme deutlich, die Markus (Lägel) jüngst in einem neuen Post auf seinem Blog (s.o., Knaben der Revolution) veröffentlicht hat. Aufhebung der Exkommunikation ist nicht Rehabilitierung oder Sympathiekundgebung.

    Recht gebe ich dir, dass man das so verstehen kann, wenn einem die kirchenrechtlichen Hintergründe nicht erklärt werden. Recht gebe ich dir, dass die PR-Abteilung des Vatikan mal auf ne Fortbildung sollte.

    Ich verstehe nur nicht, warum die deutsche Presse den Papst anspringt, als sei er persönlich Antisemit, Holocaustleugner oder ein Dummkopf.

    Verantwortung der Kirche ist aber, nun deutlich zu machen, was sie wirklich denkt.
    Nett fände ich, wenn auch die deutsche Presse mal selbstkritisch mit sich ins Gericht geht, denn auch die Presse hat eine moralische Verantwortung, umso mehr, wenn sie sie von anderen einfordert, ohne sich mit den behandelten Themen erst nach vertiefter Recherche auseinanderzusetzen.

    Mal ne blöde Frage: Wem vertrauen wir in Deutschland eigentlich instinktiv mehr: Der Presse oder dem Vatikan?

  10. Ich denke, mit der Presse muss man leben, d.h. man sollte sich wirklich damit auseinander setzten, wie die Presse heute tickt. Und da haben gerade christliche Kirchen und Verbände eine ganze Menge Nachholbedarf. Daraus folgt auch, dass die Reaktion der deutschen Presse auf die Aufhebung der Exkommunikation eines Holocausleugners zwar nicht fair und tief sind, aber die Pressearbeit des Vatikans hat einfach total versagt. Wir kommen einfach nicht drumherum, uns gerade in Bezug auf die Presse mal richtig Gedanken zu machen.
    Und das die Aufhebung der Exkommunikation zwar keine Sympathiebekenntnis ist, kommt nicht klar rüber. Denn wenn Exkommunikation der Ausschluss ist, dieser dann Aufgehoben wird, dann kommt das einem Sympathiebekenntnis gleich.

  11. Stimmt.

    Ich bin übrigens sehr skeptisch in Sachen Presseberichterstattung geworden, seitdem ich mitbekomme, wie die Presse über Gerichtsverfahren berichtet (ich bin Rechtsanwalt und bekomme die Verfahren aus erster Hand mit). Da wird gerne mal eine Zeugenaussage oder der Kommentar eines Verfahrensbeteiligten mit der Wahrheit verwechselt. Menschen irren aber, lügen oder haben eben nicht Alles mitbekommen.

    Außerdem verstehen die meisten Reporter (natürlich) die juristischen Grundlagen nicht. So liest sich für den Insider eine Gerichtsreportage oft so, als ob jemand, der die Fußballregeln nicht kennt und Fußball vielleicht auch noch blöd findet, eine Abseitssituation kommentiert. Oder als ob eine Wurstfachverkäuferin live von einer Herzoperation berichtet und kritisiert, was der Herr Professor gerade falsch macht.

    So ähnlich fühlt sich vielleicht gerade der Vatikan. Ich gebe dir aber recht, Feinfühligkeit im Umgang mit den Medien sollte heute eine Selbstverständlichkeit für Unternehmen ;-) sein. Man sollte aber auch nicht dem Irrtum unterliegen, dass die Presse durchweg seriös agiert. Sorge macht mir, wie einfach heute manipuliert werden kann, wenn man versteht, auf der Klaviatur der Medien zu spielen – oder mir gar die medien gehören…

    Deswegen liebe ich gerade die ZEIT so sehr.

Mentions

  • Wer hat ein Interesse den Papst zu beschmutzen? at Knaben der Revolution
  • widerspruch aus loyalität « ein neues kellion

Reagiere darauf

*