Typologie sozialer Bewegungen

In meiner Beschäftigung mit Nachhaltigkeit und der „Umweltbewegung“ bin ich bei Manuel Castells auf eine Typologie sozialer Bewegungen gestossen die mich nachdenklich macht. Catsells orientiert sich in seinen Untersuchungen von Umweltbewegungen an einer Typologie von Alain Touraine, gemäß der eine soziale Bewegung anhand dreier Prinzipien kategorisiert wird: principe d’identité, principe d’opposition und das principe d’totalité. Der Einfachheit halber zitiere ich nun Castells Abschnitt dazu:

Ich halte es deshalb für nützlich, sie nach der klassischen Typologie von Alain Touraine zu kategorisieren, die soziale Bewegungen durch drei Prinzipien definiert: die Identität der Bewegung, den Gegner der Bewegung und die Zielvorstellung oder das soziale Modell der Bewegung, was ich gesellschaftliches Ziel nennen werde.

In meiner persönlichen Verwendung dieser Termini – die ich für konsistent mit der Theorie Touraines halte – bezeichnet Identität die Selbstdefinition der Bewegung, was sie ist, in wessen Namen sie spricht. Gegner bezeichnen den Hauptfeind der Bewegung, wie er von der Bewegung ausdrücklich kenntlich gemacht wird. Gesellschaftliches Ziel bezeichnet die Vision der Bewegung von der Art sozialer Ordnung oder sozialer Organisation, die sie im historischen Horizont ihres kollektiven Handelns erreichen möchte.

[Manuel Castells, Die Macht der Identität, 78.]

Demnach hätte eine jede soziale Bewegung eine Identität, Gegner und eine gesellschaftliche Zielvorstellung. Das Vorhandensein einer Identität und der gesellschaftlichen Zielvorstellung liegt auf der Hand, immer wieder kommt in Gesprächen zur emergenten Bewegung der Gedanke auf, dass sie nicht zu viel über ihre Gegner sprechen – bzw. im besten Falle absolut inklusiv handeln, denken und reden sollte. Hinsichtlich dieser Typologie wäre es jedoch naheliegend, dass jede soziale Bewegung aufgrund ihrer Identität und ihres gesellschaftlichen Zieles auch einen nahe liegenden Gegner hätte – denjenigen der das im Schilde führt das den Zielen entgegen steht.

Was denkt ihr zu dieser Typologie und der drei Prinzipien, im Allgemeinen und gerne auch im Speziellen – bezogen auf die emergente Bewegung oder eine andere der innerhalb der du dich bewegst. Freue mich auf eure Kommentare.

11 Reaktionen

  1. interessanter gedanke. ich denke, man muss zw. 2 gruppen unterscheiden, die im einzelfall identisch sein können, aber nicht müssen.

    zum einen gibt es „denjenigen der das im Schilde führt das den Zielen entgegen steht“, also leute, die sich selber als gegner einer bewegung betrachten bzw. so handeln. darauf hat man als bewegung erstmal nur wenig einfluss.

    zum anderen kann eine bewegung auch gezielt menschen als gegner auswählen und bekämpfen. in der o.g. definition scheint letzteres gemeint zu sein.

    ich denke als (emergenter – ich weiß nicht, ob ich mich als emergent bezeichnen kann/soll/will) christ muss klar sein, dass wir uns nach eph 6,12 keine menschlichen („fleisch und blut“) gegner suchen sollen, sondern gegen unsichtbare mächte zu kämpfen haben. Sind perverse gesellschaftliche systeme und gedankengebäude auch „unsichtbare mächte“? vielleicht sollte man diese als gegner definieren.

  2. Moin. Ganz schön schwerer Tobak um halb 10 ;)

    Jupp, ich finde die 3 Punkte einleuchtend, macht Sinn, das.

    Die Sache mit dem Gegner stösst bei mir auf unterschiedliche Gedanken. Zum einen denke ich, dass es sinnvoll ist, sich im Klaren darüber zu sein, wer der aktullen Bewegung gegenübersteht (wenn es denn einen Gegner gibt, die muss es ja nicht zwingend geben). Denn dann ist auch klar, welche Prinzipien und Verhaltenmuster -konstrukte und Theorien erneuert werden sollen durch die Bewegung. Und es ist schon von vorne herein klar, wen man „segnen“ soll.

    Interessant zu beobachten ist natürlich, ob ein Gegner denn so klar definiert sein kann und ob er sich dadurch innerhalb einer Gruppe zum „Fein“ entwickelt.

    Ein weiterer Gedanke der aufkommt ist, dass man es bei einer Gesprächskultur über den Gegner bestimmt auch schnell mit Polarisationen zu tun hat, welche ich .. naja, nicht unbedingt gut heissen würde, da man ja nicht alles dem Gegner entgegengesetzt tut sonder auch einfach „anders“.

    Hoffe, diese Gedanken bringen einwenig weiter ;)

  3. danke sehr für eure kommentare.

    ich würde momentan noch nicht im „geistlichen bereich“ nach antworten suchen und ich würde auch nicht davon sprechen, dass sich eine bewegung ihre feinde selbst aussucht. meiner ansicht nach geht es eher darum dass eine soziale bewegung eine konkret umrissene identität und ein eindeutiges ziel hat – die frage des gegners ergibt sich meiner ansicht nach aus dem ziel und der identität. je klarer eine bewegung ein gewisses ziel verfolgt um so eindeutiger sind „die gegner“ zu sehen, diejenigen die dem ziel entgegen arbeiten. den gegner sehe ich hier nicht personal, sondern eher im sinn einer entgegengesetzten sozialen bewegung…

  4. Diese Facetten von Bewegung machen für mich total Sinn. Es sind ja im Grunde die 3 Dimensionen: Vergangenheit (zu wem ich (wir) geworden bin – Identität); Zukunft (wo ich (wir) hinwill – Ziel/ Vision); und Gegenwart (wer oder was sich mir in den Weg stellt – Gegner).
    Der Aspekt ‚Gegner‘ kann meiner Meinung nach sehr verschiedenes bedeuten: 1) bewusstes ‚dagegen‘ sein (genau eine andere Richtung verfolgen), 2) oder auch nur ‚Stillstand, Pause‘ (was sich für jemand der in Bewegung ist wahrscheinlich ähnlich anfühlt u. unterschiedliche Motive haben kann, z.B. Überforderung, Ansgt,..).
    Praktisch erlebe ich diese Phänomene bei Bewegung immer wieder. Auch bei mir selbst.

  5. Ich habe den Eindruck, dass die Bewegung in den USA als Aufbruch einer jüngeren Generation begonnen hat, die aus evangelikalem Hintergrund stammt, sich aber in ihren Gemeinden und Theologien aus unterschiedlichen Motiven unwohl fühlt. Somit wären die Gegner dort zu suchen.
    Wir hier in Deutschland haben eine ganz andere Situation (viel geringere gesellschaftliche Lautstärke des Christentums), aber im frommen Bereich theologisch manche Ähnlichkeiten. Bloß ist dieser Sektor, gesamtgesellschaftlich gesehen, so unbedeutend, dass es sich eigentlich kaum lohnt, dafür ein Feindbild aufzubauen (andersrum allerdings schon, da wird die emerging Bewegung zur neuesten Version der großen Verführung). Es geht, glaube ich, bisher eher um eine Selbstverständigung oder Selbstbefreiung. Langfristig kann das allerdings massive Folgen haben.

  6. Naja mir kommt es schon so vor, dass die Emerging Conversation ganz selbstverständlich in Abgrenzung gegen etwas ausgerichtet ist. Die Bücher von Pete Rollins zB sind natürlich GEGEN etwas geschrieben. Und ganz ehrlich: ich frage mich, ob tatsächlich die EC nicht in irgendeiner verschrobenen Weise die negative Presse von Idea und co braucht. Zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Was ich immer doof fand: das die Absetzung gegen einen bestimmten Evangelikalen Bereich viel stärker und heftiger formuliert wurde als die Absetzung gegen den charismatischen Bereich.

  7. Hallo, ich mußte mich erstmal etwas über „emergente Bewegung“ informieren, damit ich eine Vorstellung habe, worum es bei einigen Aspekten gehen mag.

    Grundsätzlich nehme ich an, dass sich die Frage nach einem Gegner einer Bewegung recht gut instrumentalisieren läßt. Mit ihr lassen sich fehlende Identität oder mangelnde Zieldefinitionen kaschieren, Rückschläge oder auch Unfreiheiten begründen.

    Ob es wirklich nicht ohne geht? Wenn ich bei der „Umweltbewegung“ konkret an die Entstehung der Grünen denke, mag die Ablehnung der Atomkraft besonders wichtig gewesen sein. Allerdings kann diese Forderung m.E. einfach als Ziel betrachtet werden, ohne dauernd die Atomlobby als Gegner vor Augen zu haben, dazu gab es mit der Friedensbewegung nach dem Nato-Doppelbeschluss sowieso eine breitere Basis. Oder attac, da geht es vielleicht nicht einfach pauschal gegen einen sog. Neoliberalismus, sondern um die Einführung der Tobin-Steuer, also das Ziel bestimmte Regularien der Globaliserung zu etablieren.

  8. hallo pernox,

    wenn ich dich richtig verstehe, dann verstehe ich „das prinzip gegner“ so wie du es in deinem letzten abschnitt beschrieben hast. wenn ein gegner instrumentalisiert wird oder für mangelnde identität oder fehlende ziele herangezogen wird ist das eher schwach…

  9. Stosse gerade auf Eure ‚Gegner-Debatte‘ und würde gerne die Eph-Stelle von oben aufgreifen. Ich denke als Jesusachfolger haben wir kein Mandat Menschen als Gegner zu identifizieren. Andererseits wenn eine Bewegung nicht klar sagt, wofür Sie steht, (und damit auch nicht) wird sie nicht schaden, aber auch nicht nützen.

    In der Vineyard denken wir ebenfalls viel über Bewegung nach und wir haben ‚major challenges‘ identifiziert, denen wir mit einem persönlichen sowie gemeinschaftlich vollzogenen jesusmäßigne Lebensstil begegnen.

    1. Konsumterror
    2. Orientierungslosigkeit
    3. Isolation und Anonymität
    4. Ausgrenzung
    5. Gesellschaftsverdrossenheit

    Diese Phönomene werden natürlich von bestimmten Systemen und damit auch Menschen getragen oder verkörpert. Ad 1. Mario Barth – das ist mein Laden! Zielpunkt der Debatte und der Aktionen ist jedoch der Challenge. Was denkt ist dazu?

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