Jesus und die Fünftausend

Jesus zog sich mit einem Boot an einen abgelegenen Ort zurück. Die Menschen wichen nicht von seiner Seite und folgten ihm auch dorthin. Langsam wurde es nun Abend und diejenigen, die von weither angereist waren, wurden hungrig.

Als Jesus das bemerkte, schickte er seine Jünger los, um Essen zu besorgen, sie konnten jedoch nur fünf Brote und zwei Fische auftreiben. Er bat sie daraufhin auch den Proviant einzusammeln, den die Menschen für ihre weite Reise dabei hatten. Nachdem all das Essen zusammengetragen war, türmte sich ein riesiger Berg von Broten und Fischen vor Jesus auf. Er musterte den Berg und wies die Menschen an, sich auf dem Gras niederzulassen.

Jesus stand vor dem Essen, schaute zum Himmel, dankte Gott dafür und brach das Brot. Danach gab er seinen zwölf Jüngern davon. Wie Könige speisten Jesus und seine Freunde vor den Augen der hungernden Menschen. Wirklich erstaunlich, geradezu wundersam war an diesem Mahl jedoch die Tatsache, dass nach dem opulenten Bankett nicht einmal mehr genügend Brotkrümel übrig waren um die Hand eines Hungernden zu füllen.

[Freie Übersetzung aus Peter Rollins, The Orthodox Heretic: And other impossible Tales, 10f.]
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Anmassend. Unmöglich. Die Wendung in dieser Erzählung kommt unerwartet und erscheint auf den ersten und erst recht auf den zweiten Blick unmöglich. War es nicht gerade Jesus Christus, der für seine liebevolle Hinwendung, tiefgreifende Anteilnahme und sein Engagement für Befreiung und Versorgung bekannt war und weit über seine Lebenszeit hinaus bekannt wurde?

Betrachten wir die Erzählung jedoch mit den Augen derer die sich bewusst darüber sind, dass dieser Jesus Christus heute nicht mehr selbst leibhaftig auf der Erde ist, und ziehen wir in diese Betrachtung den Aspekt des so genannten „Leibes Christi“ mit ein, dann erscheint die Wendung mit einem Mal nicht mehr unmöglich. Die weltweite Christenheit wird ja in unterschiedlichen Zusammenhängen mit der Metapher des Leibes Christi bezeichnet. Sie ist es also, die heute Christus leibhaftig erscheinen lässt. Der Körper Christi und all die unterschiedlichen Körperteile sind wir Christen. Viele Menschen erfahren das Handeln Christi durch unser Handeln. Sie sehen Christus handeln, wenn sie uns bei unserem Leben zusehen.

Diese westliche Lesart der bekannten Erzählung von der Speisung der Fünftausend erscheint mit einem Mal nicht mehr fragwürdig, sonder trifft schockierend zutiefst hinterfragend auf mein und unser alltägliches Leben. In diesem Sinne empfehle ich diese Erzählung zur gelegentlichen Meditation.

3 Reaktionen

  1. Habe seit dem ich diesen Text vor Tagen bei Dir gelesen habe immer wieder darüber nachgedacht und heute noch einmal genauer nachgelesen. Ich kann dazu leider nicht allzu sinnvolles sagen ausser danke, dass Du diese Gedanken mit uns teilst und immer wieder Anregungen gibst, über solche Sachen nachzudenken.

  2. […] Weitere Infos gibt’s in diesem Eintrag in Peters Blog. Ein Gleichnis aus Peters Buch ‘The Orthodox Heretic’ habe ich hier mal in deutsch aufgeschrieben: Jesus und die Fünftausend […]

  3. […] und freie Übersetzung v. Daniel Ehniss aus Peter Rollins, The Orthodox Heretic: And other impossible Tales, […]

Mentions

  • Buchtipp: The Orthodox Heretic v. Peter Rollins « Berlinprojekt Kreuzberg
  • DEPONE | Daniel Ehniss » Gleichnis via Twitter

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