Erziehung

Gestern Abend las ich zur Überbrückung einer kurzen Zeitspanne, und dazu finde ich Magazine sehr passend, ein Interview mit Daniel Cohn-Bendit in der Nido. Darin spricht er über die 68er-Zeit im Allgemeinen, aber auch über Erziehung und eine denkbare Vaterrolle.

Zwei kurze Ausschnitte möchte ich aus dem Interview hier zitieren. Im ersten Zitat reagiert Cohn-Bendit auf Fragen zu den Ansätzen von Bernhard Bueb und Michael Winterhoff:

„Disziplin – das ist doch ein Unwort. Da denke ich an Drill und blinden Gehorsam. Wer will, dass sich Kinder bedingungslos unterordnen, der will eine Masse von verklemmten, neurotischen Kindern. Natürlich bin ich der Meinung, dass Kinder gewisse Regeln anerkennen sollen. Aber was Bernhard Bueb in seinem vor Plattitüden strotzenden Buch schreibt – da geht es nur um Etikette, Äußerlichkeiten. Es ärgert mich, wenn manche heute so tun, als wäre die antiautoritäre Bewegung der 68er-Zeit ein kompletter Irrweg, als wären die damals entstandenen Kinderläden völlig anarchische Einrichtungen gewesen…

Antiautoritär heißt nicht Laissez-faire. Es heißt weder: „Es gibt keine Regeln.“ Noch: „Du musst.“ Sondern es ist ein Weg, einem Kind die Möglichkeit zu geben, Widersprüche und Konflikte auszutragen, Gehör zu finden, seine Potentiale zu entwickeln. Es ist ein Weg, die Kinder zu selbstbewussten, selbstdenkenden Persönlichkeiten reifen zu lassen.“

Quelle: Nido, 1-2009, Seite 40.

Ich verstehe antiautoritäre Erziehung ebenso und fühle mich zum einen in dieser Weise erzogen worden zu sein, während ich heute versuche auch meine Kinder ernst zu nehmen und sie als wahre Gegenüber in ihrem Leben zu begleiten und sie in ihrer Entwicklung zu unterstützen.

Auf die Familienpolitik der derzeitigen Regierung angesprochen, spricht Cohn-Bendit zunächst davon dass er es für unerlässlich hält sich Zeit für die eigenen Kinder zu nehmen. Diesen Aspekt sieht er momentan etwas unterbelichtet, und kritisiert neben des positiven Aspekts dass Frauen leichter in den Beruf zurück kommen die wirtschaftlichen Motive dahinter. Seine Gedanken zur Vaterrolle und Karriere halte ich für äußerst bedenkenswert:

„Ich finde, wenn man Kinder hat, dann sollte man auch Zeit für sie haben. Wo bleibt die 4-Tage-Woche? Wo sind Männer, die sagen: Ich möchte arbeiten – aber mich auch an der Erziehung beteiligen?

Die Frage der Selbstbegrenzung der Karriere, die stellen sich die meisten Männer auch heute noch nicht.“

Quelle: Nido, 1-2009, Seite 43.

Alles in allem ein sehr lesenswertes Interview, wie ich finde.

6 Reaktionen

  1. Hier mal ein Beispiel von Onkel Bendits gelebten Erziehungsmethoden… naja, vielleicht ist er ja älter geworden. ;)

    Daniel Cohn Bendit, «Der grosse Basar» Ausschnitte aus dem Kapitel «Little Big Men», Seite 139 bis 147

    «Ich hatte schon lange Lust gehabt, in einem Kindergarten zu arbeiten. Die deutsche Studentenbewe- gung hat ihre eigenen antiautoritären Kindergärten hervorgebracht, die von den Stadtverwaltungen mehr oder weniger unterstützt wurden. Ich habe mich dann 1972 beim Kindergarten der Frankfurter Universität beworben, der in Selbstverwaltung der Eltern ist und vom Studentenwerk und der Stadt unterstützt wird. (…)

    Die Eltern haben mich als Bezugsperson akzeptiert. Ich habe in diesem Kindergarten zwei Jahrelang gearbeitet. Dort waren Kinder zwischen zwei und fünf Jahren – eine fantastische Erfahrung. Wenn wir ein bisschen offen sind, können uns die Kinder sehr helfen, unsere eigenen Reaktionen zu verstehen. Sie haben eine grosse Fähigkeit zu erfassen, was bei den Grossen vor sich geht. (…)

    Mein ständiger Flirt mit allen Kindern nahm bald erotische Züge an. Ich konnte richtig fühlen, wie die kleinen Mädchen von fünf Jahren schon gelernt hatten, mich anzumachen. Es ist kaum zu glauben. Meist war ich ziemlich entwaffnet. (…)

    Es ist mir mehrmals passiert, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln. Ich habe je nach den Umständen unterschiedlich reagiert, aber ihr Wunsch stellte mich vor Probleme. Ich habe sie gefragt: „Warum spielt ihr nicht untereinander, warum habt ihr mich ausgewählt und nicht andere Kinder?“ Aber wenn sie darauf bestanden, habe ich sie dennoch gestrei- chelt.»

  2. irgendwie frage ich mich die ganze zeit weshalb du diese stelle aus dem buch ausgewählt hast um hier zu kommentieren – es gäbe doch sicher auch andere die etwas zum thema beitragen würden…

  3. du meinst „prüfet alles und das Gute behaltet?“ … hm wir mußten uns mal damals im Pädagogik Studium mit ihm befassen und nach dieser Stelle und ein paaar Anderen fiel es schwer das Gute noch zu sehen. Also hab ich mir das Schlechte behalten :) Für mich sind generell viele der 68er nicht gerade Väter von denen ich Vorträge über Erziehung hören möchte… aber das ist ein Anderes Thema.

Reagiere darauf

*